Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Inselkünstler César Manrique Der Vulkan von Lanzarote

César Manrique auf Lanzarote: Unsere Insel soll schöner werden Fotos
Fundacion Cesar Manrique

Wo andere Ödnis sahen, entdeckte er ein Juwel: César Manrique machte die karge Insel Lanzarote schöner. Den Rest seines Lebens kämpfte er gegen Massentourismus und Monsterhotels - bis ihm nur noch Dynamit einfiel. Von

Nur ein Blick in den Lavatunnel, schon hatte César Manrique das ganze Unheil vor Augen. Im Norden der Kanareninsel Lanzarote war das Höhlensystem, mit sieben Kilometern Länge eine der größten Vulkanblasenketten der Welt, zur Müllhalde verkommen. Schutt und Unrat stapelten sich inmitten des blauschwarzen Lavagesteins. Eine ökologische Katastrophe.

Doch Lanzarotes bekanntester Künstler hatte einen Plan. Auf der wackligen Holztreppe drehte Manrique sich zu seinem Begleiter um und deutete auf den Höhleneingang: "Wenn du mir hilfst, mache ich daraus einen der schönsten Plätze der Welt", sagte er zu seinem Jugendfreund Pepin Ramírez, seit Kurzem Präsident der Inselverwaltung.

So beschreiben die Autoren Manfred Sack und Walter Fogel in ihrer Manrique-Biografie, wie es 1966 zur Eröffnung der Jameos del Agua kam, fortan eine Touristenattraktion: Von zwei Seiten offen, beinhaltet der hundert Meter lange Höhlenabschnitt einen kleinen See, in dem sich weiße Krebse tummeln. Im dunklen Wasser glauben Besucher, glitzernde Sterne zu sehen. Am Höhlenausgang erwartet sie ein Swimmingpool, dahinter ein Gewölbe, in dem Konzerte stattfinden.

Die Lavahöhle Jameos del Agua mit ihrem unterirdischen See, in dem kleine weiße Albinokrebse leben, zählt zu den wichtigsten Touristenattraktionen auf Lanzarote. Der Maler und Bildhauer César Manrique kannte die Tunnelanlage seit seiner Kindheit. Er ließ den verschmutzten Tunnel säubern und erschließen.

Am Ausgang des Tunnels erwartet die Besucher ein Swimmingpool aus Kalkstein, der in die Lavalandschaft gesetzt wurde. Als die Jameos del Agua 1966 eröffnet wurde, durften die Touristen das Schwimmbecken nutzen. Heute ist der Ansturm so groß, dass die Verwaltung es geschlossen hat.

Der Konzertsaal: Ein Gewölbe innerhalb der Lavagrotte ließ Manrique in ein Auditorium umwandeln. Bis zu 600 Besucher finden hier Platz. Mehrmals im Monat treten Musiker auf, darunter international erfolgreiche Orchester.

Hereinspaziert: Diese Krebs-Skulptur lädt ein zum Besuch der Jameos del Agua, im Norden von Lanzarote nahe am Meer gelegen. Der Eingang wäre sonst gar nicht so leicht zu finden.

Den See, das Gewölbe, den Tunnel - all das hat César Manrique vorgefunden. Sein Verdienst war es, das Potenzial darin zu erkennen und es mit ein paar architektonischen Anpassungen für alle sichtbar zu machen. Manrique zeigte seine Insel so, wie er sie immer wahrgenommen hatte: als ein Juwel, ideal für Landschafts- und Kulturfreunde.

Rasanter Aufstieg als Künstler

Dabei galt die östlichste der sieben kanarischen Hauptinseln vor der Küste Afrikas lange als unattraktiv. Lanzarote hat keine weißen Sandstrände wie Fuerteventura, auch nicht die beeindruckende Vegetation von Gran Canaria oder La Palma. Ein Großteil der Insel besteht aus schwarzem Lavagestein, karg und schwer zu beackern. Vor allem aus Spanien, zu dem die Islas Canarias gehören, schaute man immer hinab auf Lanzarote und die Bewohner.

Das erlebte auch César Manrique, 1919 in der Inselhauptstadt Arrecife geboren. Als 18-jähriger Freiwilliger kämpfte er in der Armee des rechten Putschisten General Franco. Als er mit 26 nach Madrid zog, um an der Kunstakademie zu studieren, galt er als Hinterwäldler aus der kanarischen Provinz, wusste sich aber zu behaupten.

Gerade erst hatte er seinen Architekturberuf an den Nagel gehängt - gegen den Willen seines Vaters. Schon im ersten Studium auf der Nachbarinsel Teneriffa hatte Manrique mit dem Malen angefangen. Seine erste große Ausstellung in Arrecife begeisterte den leitenden Generalkapitän der Kanaren so sehr, dass er Manrique ein Stipendium verschaffte.

In Madrid malte Manrique als einer der ersten spanischen Künstler abstrakte Bilder, inspiriert von seiner Heimat. Zweimal wurde er auf die Biennale eingeladen, bevor er 1963 nach New York zog. Bereits nach wenigen Wochen hingen seine Bilder in der angesagten Galerie von Catherine Viviano, neben Werken von Joan Miró oder Max Beckmann.

Das "Paradies der Wenigen"

Und doch zog es ihn zurück. Er spürte: Lanzarote brauchte ihn - und er brauchte die Insel. "Ich bin in diesem Land der Vulkane selbst ein Vulkan", zitieren ihn seine Biografen Sack und Fogel. Bei einem Besuch entwickelte Manrique das Konzept für die Höhlenattraktion Jameos del Agua. Und ging zwei Jahre nach der Eröffnung endgültig zurück nach Lanzarote.

1968 fuhr er monatelang gemeinsam mit Jugendfreund Pepin Ramírez über die Insel, um die Landschaft und die Architektur zu dokumentieren. Ihm schwebte eine besondere Form des Fremdenverkehrs vor: "Ich hoffte nicht auf reiche, sondern auf neugierige, gebildete, empfindsame, kurzum auf kultivierte Touristen."

Manrique träumte von einem "Paradies der Wenigen" und entwickelte Kunstbauten, die sich perfekt in die Landschaft integrierten. Etwa das Mirador del Río: Der verglaste Erker mit Blick auf die kleine Nachbarinsel La Graciosa ist wegen seiner erdfarbenen Fassade von außen fast nicht zu erkennen. Oder das El Diablo mitten im Vulkanreservat Timanfaya: Dieses Restaurant ließ Manrique an die heißeste Stelle bauen. Ein brunnentiefes Erdloch dient bis heute als Ofen, über dem Fleischgerichte gebraten werden.

Die Landschaft entdecken, ohne sie zu zerstören - das war Manriques Vision. In der Realität kam es anders: Ab Anfang der Siebzigerjahre galten die Kanaren als neues Reiseziel für gestresste Europäer. Hoteliers kauften die ersten Fischerdörfer auf Lanzarote auf.

Die Geister, die er rief...

Manrique sah auch Vorteile: Die Touristen brachten seinen Landsleuten einen unbekannten Wohlstand. Dennoch wollte der Künstler den Tourismus begrenzen und die Schönheit der Insel bewahren. 1974 lobte er in seinem Buch "Lanzarote: unveröffentlichte Architektur" die einheimische Bauart: weiße, würfelförmige Häuser, keines höher als zwei Stockwerke.

Seine Missionsarbeit begann. Manrique kaufte abrissreife Kirchen und Höfe, um sie zu restaurieren und weiß zu tünchen. Sie sollten als Restaurants oder Kulturzentren dienen. Bauern, die ihre Häuser umbauen wollten, erinnerte er an die traditionelle Architektur.

Für Aufsehen sorgte auch seine eigene Residenz. Der Legende nach entdeckte Manrique bei einer Inselrundfahrt einen Feigenbaum mitten im erkalteten Lavafluss vor dem Dorf Tahiche. Aus der Nähe sah er, dass der Baum aus einer Lavablase emporwuchs, stieg ins Innere und fand vier weitere Hohlräume. Der Künstler kaufte das Stück Land und ließ ein teils unterirdisches Haus errichten. Jede der fünf Lavablasen wurde aufgebrochen, Licht konnte hineinströmen. Ein Tunnelsystem verbindet sie heute.

Manriques Residenz in Tahiche ist auf zwei Stockwerken gebaut. Die unterirdische Ebene enthält auch einen kleinen Garten mit weißem Schwimmbecken. Der Künstler verwendete gerne Kalksteinfarbe, weil sie inseltypisch war. Auf Lanzarote gibt es Kalksteingrotten in der Nähe der ehemaligen Hauptstadt Teguise, deshalb wurden die traditionellen Häuser in dieser Farbe gestrichen.

Blick aus dem Fenster: Manriques Haus wurde mitten in einen erkalteten Lavastrom gebaut. Da das Land als unwirtlich galt, erhielt der Künstler es für einen Spottpreis.

Grottige Räume: Jede der fünf Lavablasen gestaltete Manrique individuell. Im roten Zimmer steht ein künstlicher Baum, dessen Krone durch ein Loch in der Decke hinausragt. Der Legende nach soll Manrique durch einen Feigenbaum auf die Lavablasen aufmerksam geworden sein.

Die weiße Blase diente Manrique als Ruheraum. Alle fünf Lavablasen erhalten Tageslicht, durch kleine Tunnelröhren sind sie miteinander verbunden. In der Residenz in Tahiche wurde 1982 auch Manriques Stiftung gegründet.

Manriques Einsatz trug Früchte: Die Inselverwaltung unterschrieb ein Gesetz, das den Bau von Hochhäusern verhindern sollte. Heute erzählt man Touristen, keines der Gebäude dürfe höher als eine Palme sein. Außerdem wurde die Vulkanregion Timanfaya zum Naturreservat.

"Dynamit, in die Luft sprengen"

Trotz allem veränderte sich Lanzarote mit den Jahren - zum Missfallen Manriques. Gegen seine vehementen Proteste entstanden Schnellstraßen, Ampelanlagen, erste Hotelkomplexe. 1986 sah sich Manrique zu einem Manifest genötigt, Titel: "Lanzarote liegt im Sterben". Und er wandte sich in Interviews an die Weltgemeinschaft.

Wegziehen, wie er mehrfach gedroht hatte, das konnte Manrique nicht. Stattdessen versuchte er, Hotelmonster durch Skulpturen und Mobiles zu verschönern, und wurde zusehends verzweifelter. "Wenn es nach mir geht: Dynamit, in die Luft sprengen", lautete 1988 seine Antwort auf die SPIEGEL-Frage, was mit all den barbarischen Bauten und Siedlungen geschehen sollte, die der Tourismus bereits geschaffen hatte. "Wir hatten es fast geschafft, und jetzt kommen diese Geier, diese Spekulanten ohne jede Moral. Sie wollen uns alles stehlen."

Seinen größten Erfolg konnte er nicht mehr erleben. 1993 ernannte die Unesco Lanzarote zum Biosphärenreservat - als erste Insel der Welt. Nur ein Jahr zuvor war Manrique bei einem selbstverschuldeten Autounfall ums Leben gekommen. Am Unfallkreisel steht heute ein überlebensgroßes Windspiel. Zur Erinnerung an den wichtigsten Künstler der Insel.

Zum Autor
  • einestages-Autor Simon Broll (Jahrgang 1986) hat sich der Kultur verschrieben, nach dem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und einem Volontariat bei der Deutschen Welle. Wenn er nicht als TV-Redakteur über Festivals und Künstler aus Europa berichtet, ist er im nächstgelegenen Programmkino anzutreffen.

Artikel bewerten
4.4 (137 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Reinhard Schulte, 08.02.2016
Lanzarote ist immer noch besser dran als andere Kanareninseln. Hässlich ist vor allem Costa Teguise, wo sich die meisten Briten aufhalten.
2.
Helga Wandel, 08.02.2016
Die Residenz von Cesar Manrique kann man - das ist im Artikel nicht ausdrücklich erwähnt - gegen Eintritt besichtigen. Neben dem Timanfaya-Nationalpark war das für mich das Highlight des Lanzarote-Urlaubs.
3.
Hans-Dieter Letschert, 08.02.2016
Ich gehöre zu den wenigen Deutschen, die bereits 1971 auf Lanzarote Urlaub gemacht hatten und noch das "alte" Lanzarote kennen gelernt haben. Nachdem ich auch andere Inseln der Kanaren besucht habe bin ich immer wieder nach Lanzarote zurück gekommen und kann nur bestätigen, dass Manrique wirklich ein Glücksfall für diese Insel war!
4. Lanzarote ist doch mittlerweile verbaut
Rudi Thielmann, 08.02.2016
# Reinhard Schulte Die anderen Kanaren scheinen Sie ja nicht zu kennen, denn die Bausünden auf La Palma, Gomera und Hierro gibt es nicht und auch Tenerife sieht im Ganzen auch besser aus. Nebenbei: Der Kommentar zu den Engländer ist überflüssig, die sind erheblich beliebter auf den Inseln als die Deutschen.
5. Eine Trauminsel!
Wolf - Dieter Böhrendt, 08.02.2016
Im Vergleich zu anderen kanarischen Inseln ist Lanzarote immer noch touristisch "dünn besiedelt" - ich hoffe, das bleibt so. Seit meinem ersten Besuch Anfang der 70er Jahre fliege ich immer wieder gerne dort hin. Speziell der schwarze Sandstrand und die Lavaströme haben einen ganz eigenen Reiz. Unser Dank gebührt Manrique!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH