"Challenger"-Katastrophe "Offensichtlich eine schwere Fehlfunktion"

Der historische Start endete nach 73 Sekunden im Inferno. Am 28. Januar 1986 Jahren explodierte die US-Raumfähre "Challenger" in 16 Kilometer Höhe und versetzte eine technikgläubige Nation in Schockstarre. Entsetzt erlebten die Amerikaner das Unglück live vor den Bildschirmen mit - dabei war der Absturz eine Katastrophe mit Ansage.

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Millionen Amerikaner fiebern dem TV-Spektakel entgegen, doch Roger Boisjoly wagt nicht einmal, den Fernseher anzuschalten. "Ich wusste, was passieren würde", erzählte er später einem Journalisten des "Guardian". Es ist der 28. Januar 1986, in wenigen Minuten soll die US-Raumfähre "Challenger" endlich abheben, nachdem der Start bereits mehrfach verschoben worden war. Ganz Amerika ist live dabei und Roger Boisjoly hat einfach nur Angst.

Dabei ist er kein notorischer Schwarzseher, sondern ein nüchterner Mann der Technik. Seit Jahren arbeitet er als Ingenieur für die US-Firma Morton Thiokol. Die stellt Feststoffraketen für die Raumfähren der Nasa her - und Boisjoly kennt die Schwachstellen. Mehrmals hat er das Management seiner Firma alarmiert, zuletzt einen Tag vor dem geplanten Start der "Challenger": Wegen der ungewöhnlich frostigen Temperaturen am Weltraumbahnhof Cape Canaveral könnten Dichtungsringe an den Feststoffraketen porös werden, warnt er. Seine Vorgesetzten ignorieren ihn. Morton Thiokol und auch die Nasa wollen die "Challenger" endlich ins All schicken.

Jetzt, Minuten vor dem Start, zerrt ein Arbeitskollege Boisjoly regelrecht vor den Fernseher. Er soll den historischen Start nicht verpassen: Es ist der 25. Flug eines Space Shuttle und der erste mit einer Zivilistin an Bord, der Lehrerin Christa McAuliffe. Per Losverfahren war sie unter 11.146 Lehrern ausgewählt worden, um die Amerikaner aus dem All zu unterrichten. Die bemannte Raumfahrt, so die simple Botschaft des PR-Gags, ist zur risikoarmen Routine geworden. Und die "Challenger" soll nur der Auftakt sein: Die Nasa will 1986 zum "wichtigsten Jahr seit Beginn des Raumfahrtzeitalters" machen.

"Offensichtlich eine schwere Fehlfunktion"

Gebannt lauscht nun auch Roger Boisjoly dem Countdown. Um 11.38 Uhr Ortszeit steigt die Raumfähre in den blauen Himmel. Vor den Fernsehgeräten bricht Jubel aus. Alles läuft problemlos. In der Schule von Christa McAuliffe kreischen die Kinder entzückt, sie schwenken Partyhütchen und wirbeln bunte Ballons durch die Luft. Ihre Lehrerin, eine Heldin auf dem Weg ins All! Auch Boisjoly beruhigt sich langsam. Vielleicht hat er sich zu viele Sorgen gemacht.

Kaum jemand bemerkt die Flammen, die 59 Sekunden nach dem Start außen an der Raumfähre züngeln. Umso unmittelbarer erleben die Amerikaner nach 73 Sekunden den Schock, als die "Challenger" sich plötzlich in einen Feuerball verwandelt. Riesige, weiße Rauchschwaden quellen auf. Die Feststoffraketen der Raumfähre lösen sich vom Heck und rasen wie Feuerwerkskörper davon, lange Rauchspuren nach sich ziehend. Kurz danach fallen die ersten Überreste vom Himmel - Beginn eines Trümmerregens, der fast eine Stunde dauern wird.

Es ist ein amerikanisches Desaster, live auf allen Kanälen, peinliche Kommunikationspannen inklusive: Als die ersten Laien vor den Fernsehgeräten schon entsetzt aufschreien, leiert der Sprecher im Nasa-Kontrollraum noch monoton technische Daten herunter, so sehr ist er auf den Flugplan fokussiert. Er gibt die Geschwindigkeit und Flughöhe von einer Raumfähre durch, die da schon explodiert ist. Dann stockt er und stellt mit emotionsloser Stimme fest: "Obviously a major malfunction." Offensichtlich eine schwere Fehlfunktion.

Rückschlag im Kalten Krieg

Es war, wie ein TV-Kommentator bitter anmerkte, "die Untertreibung des Jahres". Der Absturz der "Challenger" war die schwerste Katastrophe in der bemannten Raumfahrt. Sie tötete nicht nur sieben Astronauten und vernichtete eines von vier Shuttles im Wert von Milliarden US-Dollar. Das Unglück versetzte gleichzeitig eine technikverliebte und fortschrittsgläubige Nation in Schockstarre. Das Desaster, im Fernsehen in Zeitlupe immer wieder und wieder gezeigt, erschütterte die Amerikaner wie wohl nur der Mord an John F. Kennedy Jahrzehnte zuvor. Mit der Raumfähre zerbarst ein Stück amerikanisches Selbstbewusstsein.

Das musste besonders Ronald Reagan, den leidenschaftlichen "Krieg der Sterne"-Visionär, hart treffen. Der US-Präsident wollte die Dominanz der USA im All forcieren und träumte von einem satellitengesteuerten Schutzschirm vor sowjetischen Raketen. Sofort nach der Katastrophe versuchte er daher, jeglichen aufkommenden Pessimismus mit Pathos zu ersticken - und sagte Sätze wie: "Nichts sollte Amerika daran hindern, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen." Oder, fast trotzig: "Es wird neue Shuttle-Crews geben und, jawohl, auch mehr Freiwillige, mehr Zivilisten, mehr Lehrer im Weltraum."

Doch zunächst musste auch er sich mit der Gegenwart beschäftigen, und das war die mühsame Suche nach den Opfern. Mit 12 Schiffen, darunter einem atombetriebenen U-Boot, ließ Reagan nach seinen verstorbenen Astronauten fahnden, die er schon bald zu amerikanischen Helden erklärte. Die Suche erwies sich jedoch als äußerst schwierig, da sich sich die Trümmerteile auf eine Fläche von rund 26.000 Quadratkilometern im Atlantik verteilten. Erst nach sechs Wochen wurden die sterblichen Überreste der Astronauten in 33 Metern Tiefe geborgen.

Letzte Worte

Derweil spekulierte die US-Öffentlichkeit heftig über die letzten Momente der Raumfahrer. Hatten sie die Explosion in 16 Kilometer Höhe überlebt? Mussten sie gar den minutenlangen Absturz der Raumkapsel bei vollem Bewusstsein erleben? Bis heute gibt es darauf keine eindeutige Antwort: Dafür spricht, dass drei der gefundenen Sauerstoffmasken noch benutzt worden waren. Dagegen spricht, dass das Unglück die Crew völlig überraschend traf. Alles schien reibungslos zu laufen, dann riss die Bordkommunikation urplötzlich ab. Die letzten aufgezeichneten Worte sind ein erstauntes "Uh-Oh" des Astronauten Michael J. Smith. Für die Sensationszeitschrift "Weekly World News" nicht spektakulär genug: Sie erfand später das Protokoll eines angeblich geheim gehaltenen Tonbandes und lässt die Astronauten darin fluchen, schreien, Händchen halten und aus der Bibel zitieren.

Neben der Frage nach den menschlichen Dramen fahndeten die Amerikaner mit Hochdruck nach den Ursachen des Unglücks – und die Ergebnisse versetzten der Nation den zweiten Schock: Denn eine von Reagan einberufene Untersuchungskommission stellte nach monatelanger Arbeit fest, dass der Absturz der "Challenger" ein Desaster mit Ansage war. Nach Meinung der Experten war die Hauptursache des Unglücks poröse Dichtungsringe an der rechten Feststoffrakete, durch die leicht entzündliche Gase entweichen konnten. Dadurch explodierte der noch mit rund 1,5 Millionen Litern flüssigem Wasser- und Sauerstoff gefüllte Außentank des Shuttle - die Sprengkraft einer kleinen Atombombe.

Ausgerechnet vor den Mängeln dieser Dichtungsringe hatte Boisjoly bereits ein halbes Jahr vor dem Unglück erstmals gewarnt. In einem Memorandum an die Chefetage von Morton Thiokol schrieb er am 31. Juli 1985, dass durch das Problem mit den Dichtungsringen im schlimmsten Fall eine "Katastrophe höchsten Grades - also der Verlust von Menschenleben" eintreten könne. Energisch forderte er "sofortige Anstrengungen" sowie ein Expertenteam, um die Schwierigkeiten zu beheben.

Verhasst und gemieden

Langsam dämmerte vielen Amerikanern, dass die USA in mehr als zwei Jahrzehnten bemannter Raumfahrt nicht nur sensationelle technische Erfolge feiern durften, sondern bisher auch einfach unfassbar viel Glück gehabt hatten. "Ein Vierteljahrhundert haben wir diesen Tag vermeiden können", sagte etwa US-Senator John Glenn, der 1962 als erster Amerikaner die Erde umkreist hatte, nach dem Unglück. "Wir haben darüber geredet und spekuliert, und nun ist es geschehen."

Jetzt erinnerte sich Amerika plötzlich wieder an die Beinahe-Katastrophen und Unglücke der Nasa. An den Schock von 1967, als drei US-Astronauten bei einem Test auf der Startrampe in einer "Apollo"-Kapsel verbrannten. An die Explosion eines Sauerstofftanks 1970 in der "Apollo 13" und der spektakulären Notlandung im Pazifik. An ein Leck in der Treibstoffzufuhr der "Challenger", das 1983 erst kurz vor dem Start entdeckt worden war. An den dramatischen Startabbruch der "Discovery" im Jahr 1984 - zwei Triebwerke waren schon gezündet, als der Computer den Ausfall eines Treibstoffventils meldete.

Und Roger Boisjoly, der Mann, der die Katastrophe von 1986 womöglich verhindert hätte, wenn seine Firma auf ihn gehört hätte? Er geriet, anders als die gestorbenen US-Helden der "Challenger", schnell in Vergessenheit. Gehasst von seinen Chefs und gemieden von vielen Kollegen, weil er Interna an die Öffentlichkeit weitergab, verließ er schon bald Morton Thiokol. Vergeblich warnte er in den Jahren danach, dass auch die Nasa kaum etwas aus der Katastrophe gelernt habe; ihre Reformen seien nur "kosmetisch". Der Absturz der Raumfähre "Columbia" im Jahr 2003 schien ihm erneut Recht zu geben.

Jetzt, zum 25. Jahrestag des Unglücks, möchte er keine Interviews zur "Challenger" geben. Wenn am 28. Januar 2011 über Amerikas Bildschirme erneut die alten Bilder einer vermeidbaren Katastrophe flimmern, kann man sich vorstellen, dass Roger Boisjoly den Fernseher nicht einschalten wird.

In einer früheren Version des Textes hieß es, die "Columbia" sei 1993 abgestürzt. Es hieß auch, die Trümmerteile der "Challenger" seien in den Pazifik gestürzt. Beide Fehler haben wir korrigiert. Danke für die Hinweise; die Redaktion einestages.

Hier finden Sie wichtige Dokumente, Texte, Bilder und Links zu dem "Challenger"-Unglück, zusammengefasst auf der Nasa-Seite.



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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Rainer Temme, 29.01.2011
1.
Seit Sophokles Warnung, nicht den Boten zu töten, hat die Menschheit diesbezüglich nichts dazugelernt. Der "Warner" ist, so recht er auch hatte, für die eigentlichen Versager unerträglich, und wird hinweggemobbt.
Hannes Birnbacher, 29.01.2011
2.
Die Explosion der "Challenger" ist ein Musterbeispiel für das Studium der Entscheidungswege in Unternehmen und Projekten. Wenn Argumente und Sachvorträge keine Chance mehr haben, sondern nur die Stellung, muss früher oder später etwas passieren. Tatsachen lassen sich eben nicht durch Emotionen und Prestige beeinflussen. Das kann man in Großunternehmen sehr schön studieren, besonders als Insider. Autisten einer leichten Form ("Asperger-Syndrom", = "Autismus light") nehmen übrigens manchmal in Anspruch, ein Regulans gegenüber dem Rest der Menschheit ("NT's", Neuraltypische) zu sein. Sie sind zur Kommunikation und besonders Teamarbeit eher nicht fähig, verstehen nicht einmal die Emotionen eines Gegenübers und verfechten das einmal als richtig Erkannte ungerührt von allen Diskussionen und Einwänden - sozusagen Super-NERDs.
Hannes Birnbacher, 29.01.2011
3.
Der Artikel bringt den Vergleich: "Wild gewordene Feuerwerksrakete". Führt man sich die Treibstoffmengen vor Augen, die die Shuttles beim Start mit sich führen, kommt man auf eine Menge an explosiven Stoffen, die einer taktischen Atombombe mit ungefähr der Sprengkraft von einem Zehntel der Hiroshima-Bombe entspricht.
Tanja Grumler, 30.01.2011
4.
gegenwärtig wartet eine Raumfähre nach monatelanger Reparatur auf den Start. Da trifft es sich gut, dass dem Spiegel diese Rückschau einfach so einfällt. Zufall? Man wartet doch hoffentlich nicht auf ein Jubiläumsdesaster in den Redaktionsstuben? Das gäbe wieder Stoff für das mehr und mehr sensationsgierige Blatte. Ein Prolog ganz im Sinne der Alleskönner und Allesbesserwisser
Andreas Janzen, 30.01.2011
5.
Hmm Herr Birnbacher, netter Text, die Infos stehen allerdings schon im Artikel.
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