Chaos-Tage Ordnung ist böse

Chaos auf Ansage: Ein wilder Haufen bunthaariger Gestalten versetzte 1982 eine ganze Stadt in Aufruhr. Die Chaos-Tage in Hannover waren geboren. Mit-Initiator Karl Nagel berichtet, wie es dazu kam - und wo er in Zukunft Unruhe stiften will.

dpa

Chaos-Tage - ein Begriff, der sofort knallbunte Bilder vors innere Auge zeichnet. Und das, was der Vogelgrippe bislang verwehrt blieb, haben die Chaos-Tage auch schon geschafft: Im Sprung über die Artengrenze werden so nicht mehr nur Treffen von Punks & Konsorten bezeichnet, sondern gleich jedes Tohuwabohu mit ordentlicher Sprengkraft. "Chaos-Tage" gibt es schon längst nicht mehr nur in Hannover, sondern regelmäßig an der Börse, beim FC Bayern und auch gerne mal im Schützenverein von Buxtehude.

Als am 18. Dezember 1982 die ersten Chaos-Tage in Hannover stattfanden, war diese inflationäre Entwicklung noch nicht einmal in Ansätzen zu erahnen. Es ging einfach darum, was der Begriff besagt: Chaos zu verbreiten. Und zwar nicht im Sinne von Klein-Fritzchens "Anarchie & Chaos"-Gewaltphantasien, sondern in den Köpfen.

Einige Monate zuvor hatte der taz-Journalist Jürgen Voges die sogenannte "Punker-Kartei" aufgedeckt. In ihr sammelte die Hannoveraner Polizei fleißig Daten aller Art über die lokale Punk-Szene, weil sie in ihr wohl ein erhebliches Gefährdungspotential für Recht und Ordnung sah.

Vorbild Wuppertal

Ich gestehe, meine Empörung hielt sich in Grenzen. Eher empfand ich so etwas wie... STOLZ! Hey, die durchgeknallten Bullen hielten uns also für GEFÄHRLICH! Punkerherz, was willst Du mehr?

Ich war in diesen Monaten im Rahmen meines Zivildienstes gerade erst nach Hannover gekommen - und brachte wertvolle Erfahrungen von den Punk-Treffen meiner Heimatstadt Wuppertal mit. Gestartet waren wir mit dem durchaus eher naiven Gedanken, den guten Bürgern einmal mitten in ihrer schönen Einkaufszone die verkommene Jugend vorzuführen. Das Ganze endete in Hysterie, Straßenschlachten und der bangen Frage, was denn die Punkszene womöglich mit der RAF zu tun habe.

Punk war das ideale Werkzeug, um die paranoide Phantasie insbesondere von Medien, Polizei und Politik auf Hochtouren laufen zu lassen. Das musste sich doch irgendwie auch bei dieser idiotischen Punker-Kartei hinkriegen lassen.

Gut geplantes Chaos

An einem Sonntagnachmittag traf ich mich also mit einer Handvoll Punks bei Holy und Heike in Hannover Linden, und wir brüteten darüber, wie sich Hannover in ein Tollhaus verwandeln ließe. Wuppertal hatte eigentlich schon den richtigen Weg gezeigt: Du musst nur genügend Punks in einer Fußgängerzone versammeln. Mit ziemlicher Sicherheit entwickelt sich daraus eine interessante kritische Masse, die zum Selbstläufer wird. Das Chaos ist vorprogrammiert.

Zudem konnten wir mit einer klasse Argumentation aufwarten: Wir riefen einfach alle Punks nach Hannover und machten ihnen das einmalige Angebot, ebenfalls in die Punker-Kartei aufgenommen zu werden. Zusätzlich regten wir alle Gegner derartiger Erfassungsmethoden - also Hippies, Polit-Freaks und Chaoten jeglicher Art - an, sich für einen Tag als Punks zu verkleiden, um so die Qualität der Kartei ins Bodenlose zu senken. Das würde die Polizei-Bürokraten aber ärgern!

Fehlte nur noch ein knackiger Name für diese lustige Veranstaltung. Das dauerte am längsten. Holy bereitete der Namensfindung schließlich ein Ende: "Ihr quatscht immer vom Chaos, das wir verbreiten wollen. Nennen wir es Chaos-Tag! Basta!" Ein sehr erfolgreiches Beispiel von Basta-Politik, wie sich im Nachhinein erwiesen hat!

Der Untergang Hannovers

Flyer und Plakate waren schnell zusammengeklebt - sie sprachen vom drohenden "Untergang Hannovers", der dann in immer neuen Flyern countdown-artig heruntergezählt wurde. Angesagt waren Comic-Superlative, kein Polit-Blabla. Schließlich wollten wir, dass der Scheiß gelesen wurde und ordentlich die Gerüchteküche auf den Siedepunkt brachte.

Wie praktisch, dass gerade die US-Punkband Dead Kennedys auf Europa-Tour war! Die waren schon damals Legende und spielten zehn Tage vor unserem geplanten Chaos-Tag in der Rotation am Steintor. Es war nicht ganz einfach, die Band in die Finger zu bekommen, aber am Ende holten sie Wolle auf die Bühne, für den das eine klasse Gelegenheit war, vor 1500 Leuten den Untergang Hannovers herbeizufiebern. Sänger Jello Biafra textete gleich noch einen Song in "Chaos Day, Chaos Day - Come on!" und lud Wolle anschließend ein, die Band auf ihren restlichen Deutschland-Gigs zu begleiten.

Als Wolle kurz vor Beginn unseres Chaos-Tages nach Hannover zurückkehrte, wusste er von Haschischplatten "groß wie Schokoladentafeln" zu berichten - und davon, dass massig Punks nach Hannover kommen würden.

Mob in Bewegung

Am nächsten Tag war es dann soweit: 800 Punks in der City, eine nervöse Polizei, die sich zunächst abwartend verhielt, und gaffende Bürger, die in dem saufenden, bunthaarigen Mob wohl die Vorboten der Apokalypse sahen. Gut so!

Eigentlich war es eine sehr gemütliche Veranstaltung - bis jemand auf die Idee kam, einen kleinen Umzug zu starten.

Und los ging's. Irgendwelche Polit-Typen hatten auch ein Transparent dabei. Sofort quäkte es aus dem Polizeilautsprecher: "Sofort auflösen!" Aber niemand interessierte sich dafür. Der Mob setzte sich in Bewegung. Massig Behelmte mit Schildern und Knüppeln stürmten vor. Klar, die grünen Roboter sollten den Untergang Hannovers verhindern. Es kam zum Knüppeleinsatz. Die ersten Klamotten flogen. Polizisten trieben Hunderte fliehende Punks durch die Fußgängerzone. Überall flogen Gegenstände. An einer Baustelle am Steintor ging es dann richtig zur Sache. Die Steine mussten nur eingesammelt werden - die grün-weißen Verfolger bekamen einiges ab, ebenso diverse Schaufenster. Dann war alles vorbei. Eigentlich kurzer Prozess.

Knackige Schlagzeilen zum Ausschneiden

Aber es reichte für knackige Schlagzeilen a la "So wüteten die Punks in der Innenstadt" (BILD) oder "Punker wüteten mit Steinen und Flaschen" (Hannoversche Allgemeine), die man ordentlich ausschnitt, um damit die Punk-Wohnungen zu dekorieren.

Und bald war klar: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel - im kommenden Sommer musste es eine Wiederholung geben, bei gutem Wetter und noch mehr Leuten! Aber das ist eine andere Geschichte.

Für lange Jahre wurde Hannover während der Chaos-Tage zum beliebten Urlaubsziel der europäischen Punk-Szene. Mit Unterbrechungen, aber nicht totzukriegen.

Chaos-Theorie

Immer aber war das, was die Punks wollten, etwas ganz anderes als das, was viele nur zu gerne glaubten: Lustige Parolen wie "Hannover in Schutt und Asche legen" stammten gar nicht aus Punk-Kreisen, wie der SPIEGEL damals herausfand, sondern von einer nervösen Omi, wurde aber dennoch gerne von allen Seiten aufgegriffen, um die Suppe am Kochen zu halten.

Erst im Jahr 2000 kamen ein paar schlaue Köpfe auf den Dreh, wie den Chaos-Tagen das Chaos zu nehmen wäre: Man behauptete einfach, dass alles seinen ordentlichen Gang gehe, oder - noch besser, dass gar keine Punks kommen würden, weil die Chaos-Tage abgesagt seien.

Klasse! Das fand damals wirklich meine Anerkennung! Endlich mal jemand, der die Chaos-Theorie gründlich studiert hatte...

Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, im Jahr 2022 die nächsten Chaos-Tage in Hannover auf die Beine zu stellen. Dann bin ich 61, und eine Bande alter Säcke wird noch mal zeigen, wie das mit dem Chaos RICHTIG funktioniert. Kein Witz, ihr Luschen!

JAHR 2022 - DIE ÜBERLEBEN WOLLEN!



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Oliver Buch, 26.12.2007
1.
Wieso gibt man so einer traurigen Figur überhaupt ein Plattform so etwas langweiliges und spiessiges zu schreiben. Interessant ist, dass sich Karl N. über Ordnung und Gesetz hinwegsetzt, in so einer arroganten und von kleinbürgerlicher Denkweise geprägt, wie die "Spiesser" und von ihm so berabscheuten "braven Bürger"...Herr Nagel, wenn Sie es mit 61 noch mal wissen wollen, kenne ich einpaar "Gassenküchen" für Hilfsbedürftige wo Sie sich sinnvoll einbringen können, oder ein paar Projekt in der Karibik, wenn Sie dazu den Mut haben. Ich muss Ihnen ja nicht sagen, was Menschen mit solch jämmerlichen und doch gefährlichen Projekten, wie sie behaupten angefangen zu haben, in anderen Ländern (in einigen ich davon gelebt habe) bevorstehen würde. Aber im warmen Deutschland ist es so vermeintlich abenteuerlich ein Möchte-Gern-Revoluzzer zu sein...
Signore Ricardo, 09.03.2008
2.
---Zitat--- Wieso gibt man so einer traurigen Figur überhaupt ein Plattform so etwas langweiliges und spiessiges zu schreiben. ---Zitatende--- Ohne den Artikel verteidigen oder beschönigen zu wollen muss ich diesen Satz kritisieren. Erstens ist das Ihr persönliches Empfinden und Geschmäcker sind nunmal verschieden und zweitens gibt es in unserem Land noch so etwas wie eine Meinugsfreiheit.
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