Charlie Chaplin und die Frauen "Geiler Köter"

Lita Grey war 15, als sie von Charlie Chaplin schwanger wurde. Ehe, Schlammschlacht, Scheidung. So lief das Drama auch mit Mildred Harris, nur dass diese 16 war. Die Menschen ergötzten sich an den vielen Affären des Hollywood-Stars. Auch das FBI schlachtete sie aus.

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Charlie Chaplin hatte seinen Engel gefunden. Ein Himmelsgeschöpf mit spitzbübischem Lächeln, wirrem Haarschopf und großen tiefen Augen, das auf den Namen Lillita MacMurray hörte. In Chaplins Film "The Kid" von 1921 spielte das zwölfjährige Mädchen den "Engel der Versuchung". Der Filmstar und Lillita verstanden sich anscheinend ganz hervorragend. Ein Foto vom Filmset zeigt die beiden als himmlisches Paar: Chaplin, mit Flügeln auf dem Rücken, und das junge Mädchen, das bald unter dem Namen Lita Grey bekannt werden sollte, mit kokett ausgebreiteten Armen in einem Engelskostüm.

Der Versuchung, die die engelsgleiche Lita Grey auf Chaplin ausübte, konnte der Schauspieler offenbar nicht lange widerstehen. Für seinen Film "Goldrausch" engagierte er sie für die Hauptrolle. Während der Dreharbeiten kam es dann zum Eklat: Die inzwischen 15-Jährige wurde schwanger. Passiert sein soll es in der Sauna von Chaplins Anwesen. "Es war Charlie", schrieb Grey Jahre später in ihren Memoiren. "Er legte sich neben mich und bedeckte meinen Hals mit schnellen Küssen."

Schon bald darauf verlor Chaplin allerdings das Interesse an Lita. Nur die Schwangerschaft war es, die eine schnelle Trennung verhinderte. Im November 1924 heiratete der 35-Jährige das Mädchen - aus Angst, wegen der Verführung einer Minderjährigen belangt zu werden. Anders als das Engelsfoto vom Filmset vermuten ließ, müssen in der Ehe eher höllische Zustände geherrscht haben. Das lässt die Scheidungsklage vermuten, die Lita Grey Anfang 1927 einreichte und die für ein paar lumpige Cent in Kopie kurz darauf im Großraum Los Angeles und bald auch im ganzen Land zu erwerben war.

Die damals so populäre und heute fast vergessene Scheidungsklage von Lita Grey erlaubt einen Blick hinter die Fassade des vor 125 Jahren geborenen lustigen kleinen Mannes - in dessen Privatleben es bisweilen alles andere als komisch zugegangen sein muss.

"Grausam und unmenschlich"

Was die Menschen über Lita Greys Eheleben zu lesen bekamen, hatte es tatsächlich in sich: "Die Klägerin gibt an, dass der Beklagte sie seit ihrer Eheschließung grausam und unmenschlich behandelt habe und ihr ungerechtfertigt schwere geistige und seelische Leiden zugefügt habe", heißt es in der Schrift. Als "unschuldiges und unerfahrenes Mädchen" habe sich die Klägerin "unter Zusage der Ehe" von Chaplin verführen lassen. Anschließend habe Chaplin sie hingehalten. Nachdem er von der Schwangerschaft erfahren hatte, habe er sie zur Abtreibung gedrängt.

Grey habe Chaplins Wutanfälle, Beschimpfungen und Affären zu erleiden gehabt, heißt es in der Scheidungsklage weiter. Der Ehemann habe sogar zum geladenen Revolver gegriffen und gedroht: "Ich kann einmal plötzlich verrückt werden und dich töten!" Die Klatschpresse erfreute sich vor allem an den Details aus dem Schlafzimmer der Chaplins: Sexuelle "Handlungen, Wünsche und Kundgebungen" seitens Chaplins seien allesamt "unnatürlich, pervers, entartet und schamlos" gewesen, klagte Lita Grey.

Mit einer Zahlung von rund 600.000 Dollar brachte Chaplin schließlich seine gerade 18-jährige Ex-Frau zum Schweigen.

Vom Gossenjungen zum Star

Von derartigen Summen konnte Charles Spencer Chaplin in seiner Jugend nur träumen. 1889 wahrscheinlich in London geboren, schlug er sich zusammen mit seinem Halbbruder Sydney auf den Straßen durch, bis er am Theater und schließlich beim Film Karriere machte. Sobald Chaplin in seine übergroße Hose schlüpfte, sich in die enge Jacke zwängte und mit der Melone auf dem Kopf und dem Bambusstock in der Hand mit seinen viel zu großen Schuhen über die Leinwand stakste, hatte er das Publikum für sich eingenommen.

Chaplin war der Vagabund, Chaplin war der "Große Diktator". Mit seinem "Chaplinbärtchen" war er ein Filmstar - und als solcher leistete er sich Skandale, die ihm über die eigentliche Filmarbeit hinaus Publicity einbrachten. In seinem Fall war es die Vorliebe für junge, sehr junge Frauen: Denn die Affäre um Lita Grey war keineswegs ein Einzelfall. 1918 hatte Chaplin bereits die 16-jährige Mildred Harris geehelicht - aus dem gleichen Grund wie später Lita Grey. Angeblich war Harris schwanger. Und schon diese Ehe endete in einer Schlammschlacht. Verächtlich meinte Chaplin über seine erste junge Ehefrau, sie wäre "kein geistiges Schwergewicht".

Ein "geiler Köter"

Chaplin wurde nicht müde, die Klatschpresse zu bedienen. Am 23. Dezember 1942 stand Joan Barry in Chaplins Haus - auch sie eine junge Verflossene. Mitgebracht hatte sie eine Menge Wut und eine Schusswaffe, mit der sie sich theatralisch zu töten drohte. Sechs Monate später sollte Charlie Chaplin erneut von seiner Ex-Geliebten hören. Über den Diener ließ Barry telefonisch ausrichten, dass sie schwanger sei - und er, Chaplin, der Vater.

Chaplin hingegen meinte zu dieser Zeit, sein Glück gefunden zu haben. Mit 54 Jahren heiratete er 1943 die immerhin 18-jährige Oona O'Neill. Die Presse freute sich bereits auf den nächsten Skandal - doch Chaplins vierte Ehe hielt. Überschattet wurde sie allerdings von der Joan-Barry-Affäre.

Carol Ann hieß das Kind, um das sich der am 13. Dezember 1944 eröffnete Vaterschaftsprozess drehte. Die Auseinandersetzung verlief für Chaplin alles andere als angenehm. Der gegnerische Anwalt bezeichnete ihn als "geilen Köter" und forderte die Geschworenen in seinem Schlussplädoyer auf, "Chaplin in seinem lüsternen Benehmen Einhalt zu gebieten. Ehefrauen und Mütter im ganzen Land erwarten, dass Sie ihm ein für alle Mal das Handwerk legen."

Der Prozess endete mit dem Urteil: schuldig. Das kleine Mädchen trug fortan den Namen Chaplin - und das, obwohl ein Bluttest ergeben hatte, dass Chaplin nicht der Vater war. Zu Chaplins Pech war der Befund vor Gericht jedoch nicht zugelassen. Für die Presse hingegen war der Vaterschaftsprozess ein gefundenes Fressen.

Zur Ruhe kommen sollte der Schauspieler auch nach diesem persönlichen Desaster keineswegs. Seine Affären holten ihn erneut ein, als er nach Ende des Zweiten Weltkriegs in das Visier der amerikanischen Kommunistenjäger um den Republikaner Joseph McCarthy geriet.

Ein "Salonbolschewik"

Zu diesem Zeitpunkt führte das FBI bereits seit mehr als dreißig Jahren eine Akte über den britischen Staatsbürger Chaplin. Dieser war unter anderem mit Sätzen wie "Kommunisten sind nicht anders als andere Menschen" aufgefallen. Nun war man offenbar fest entschlossen, den Mann, der in den Augen McCarthys einer von "von Hollywoods Salonbolschewiken" war, aus dem Land zu jagen.

Sein Privatleben schien dafür willkommener Anlass: "Ich verlange hier und heute, dass Justizminister Tom Clark ein Verfahren zur Ausweisung Charlie Chaplins einleitet", wetterte ein Abgeordneter und Mitglied des Komitees für unamerikanische Umtriebe 1947 im Kongress. "Das Leben, das er in Hollywood führt, schadet dem moralischen Gefüge Amerikas." Chaplin sei eine Gefahr für die amerikanische Jugend.

FBI-Agenten wühlten sich nun noch einmal durch den ganzen alten Schmutz von Chaplins Affären - Lita Grey, Mildred Harris, Joan Barry und die vielen anderen. Um mehr Dreck ans Tageslicht zu zerren, nahmen sie die Hausangestellten ins Kreuzverhör. Die Ermittler standen unter Druck - ihr Vorgesetzter J. Edgar Hoover persönlich hatte sich die Ausweisung des britischen Staatsbürgers Chaplin zum Ziel gesetzt. Auf Hunderte Seiten wuchs Chaplins Akte an. Als der Schauspieler 1952 die USA für eine Filmpremiere Richtung Europa verließ, war der FBI-Chef am Ziel - die Wiedereinreise wurde ihm untersagt. Chaplin lebte fortan in der Schweiz. Ganz ohne spektakuläre Scheidungen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Abby Thur, 15.04.2014
1. optional
Ein Lebemann :-)
Ruediger Mischuretz, 15.04.2014
2. Der Vollständigkeit halber
sei erwähnt, dass Chaplin in seiner letzten Ehe mit Oona über 30 Jahre glücklich gelebt hatte und mit seiner Frau viele Kinder bekam. Auch sollte erwähnt werden, dass Chaplin später in Hollywood einen Ehrenoskar erhielt, weil die Filmschaffenden um die Situation in der Mc Carhy Zeit wussten. Die FBI - Methoden waren die, die wir heute auch noch kennen: Diffamieren, Spionieren, Aufhetzten und Behaupten. Chaplin war ein großartiger Mensch, ein Humanist und erstklassiger Künstler, der gemeinsam mit anderen Künstler die United Artists gegründet hat, ohne die wahrscheinlich alle späteren Filmprojekte von den Inhabern der Kinosäle bestimmt worden wären. Sein Schaffen ist heute noch beispielgebend.
Rico Schmidt, 15.04.2014
3. @Rüdiger
Naja, wenn ich so seine Vorlieben für junge Mädchen sehe, fällt mir nur das Wort "pädophil ein. Talent hin oder her!
Paul Müller, 15.04.2014
4.
Es ist nicht fair heutige Massstäbe auf früher anzuwenden. Wenn Chaplins sexuelle Orientierung damals nicht anstössig war geht das in Ordnung. Heute lass Eltern keine "gute Partie" ihrer minderjährigen Töchter mehr zu. Damals war das anders.
Hans Georg Trebbien, 15.04.2014
5. Wieso
In seiner Autobiographie: "Die Geschichte meines Lebens" nennt Charles Chaplin Ort und Datum bis auf die Uhrzeit genau: "Ich wurde am 16. April 1889 um acht Uhr abends in der East Lane in Walworth geboren." Walworth ist ein Stadtteil von London.
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