Chelsea Hotel Sex, Drogenromane, Rock'n'Roll

Übernachten sie noch oder feiern sie schon? Seit 1905 ist das Chelsea Hotel in Manhattan Magnet für Künstler und Kaputte. In den Zimmern des Backsteinbaus wurden große Kunstwerke geschaffen, der Exzess zelebriert - und ein brutaler Mord begangen.

AP

Um 11 Uhr vormittags klingelte das Telefon an der Rezeption des Chelsea Hotels. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine ruhige Männerstimme. Der Anrufer verriet seinen Namen nicht. Alles, was er sagte, war: "Es gibt Ärger in Zimmer 100." Dann legte der Unbekannte auf. Die Angestellten im Empfangsbereich des Hotels waren beunruhigt, sie schickten einen Pagen. Er sollte nachsehen, ob alles in Ordnung ist.

Der junge Mann war kaum am Fahrstuhl angelangt, da klingelte das Telefon erneut. Diesmal kam der Anruf aus dem Haus, aus Zimmer 100. Und diesmal war es keine ruhige Stimme. "Jemand ist krank!", brüllte der Anrufer, und: "Brauche Hilfe." Als der Page kurz darauf die Tür zu Zimmer 100 öffnete, war allerdings sofort klar, dass jede Hilfe zu spät kam.

Es war der 12. Oktober 1978, ein Donnerstag, und das, was die Hotelbediensteten an diesem Vormittag in Zimmer 100 sahen, war der blanke Horror: Im Bad auf den kalten Kacheln unter dem Waschbecken fanden sie eine junge, blonde Frau. Sie trug nichts außer einem schwarzen BH und einen Slip. Ihr Körper war blutüberströmt, das ganze Bad blutverschmiert, ebenso das Bett im Nebenzimmer. Kurz darauf waren Rettungssanitäter vor Ort. Sie konnten nur noch den Tod der jungen Frau feststellen.

Die 20-jährige Nancy Spungen starb durch die 12,5 Zentimeter lange Klinge eines Jagdmessers, die ihr in den Bauch gerammt wurde. Wenig später wurde ihr Freund auf den Fluren des Hotels aufgegriffen - schreiend, weinend, fluchend, flehend und offensichtlich auf Drogen: Sid Vicious, Punk-Superstar und ehemaliger Bassist der englischen Band Sex Pistols. Es dauerte nicht lange, da trafen die ersten Reporter in der Lobby ein, kamen die Fernsehleute und Fotografen. Das Chelsea Hotel stand an diesem schrecklichen Oktobertag im Fokus der Weltöffentlichkeit. Wieder einmal.

"Atmosphäre unkontrollierbaren Verfalls"

Auf der ganzen Welt gibt es wohl kein anderes Hotel, das so häufig auf den Titelblättern internationaler Medien zu finden war wie der zwölfstöckige Backsteinkoloss im New Yorker Stadtteil Chelsea. Und es gibt kein zweites Hotel, das so berüchtigt für seine Gäste und ihre Exzesse ist. Das "Chelsea" - das 1883 als größtes Apartmenthaus der Stadt gebaut und erst 1905 in ein Hotel umgewandelt wurde -, ist seit Jahrzehnten ein Magnet für Künstler, Kreative und Kaputte.

Dass es dazu wurde, ist wohl vor allem Stanley Bards Verdienst. Bards Vater hatte gemeinsam mit zwei Geschäftspartnern das "Chelsea" Anfang der vierziger Jahre gekauft, damals war das Hotel ein mehr oder minder heruntergekommener Bau, der seine besten Zeiten bereits hinter sich zu haben schien. Daran änderte sich auch unter den neuen Besitzern erst mal nichts. Aus der Absteige für Seeleute, Immigranten und verlorene Seelen wurde kein Luxushotel. Bar oder Restaurant suchte man im "Chelsea" vergebens, die Lifte waren oft kaputt und regelmäßig fiel im Winter die Heizung aus. Das Haus verströme eine "Atmosphäre des unkontrollierbaren Verfalls", formulierte es der amerikanische Dramatiker Arthur Miller, der Ende der fünfziger Jahre nach seiner Trennung von Marilyn Monroe für einige Jahre in einer der Suiten des Hotels wohnte.

Doch Stanley Bard, der seit den fünfziger Jahren eine feste Größe im "Chelsea" war und später Manager wurde, hauchte dem Ort auf andere Weise neues Leben ein: Er machte das Hotel, in dem einst Mark Twain residierte, wieder zum Anziehungspunkt für Künstler und Kreative. Wie er das schaffte? Nicht mit großen Investitionen, einem Ausbau der Lobby oder einer Renovierung der Zimmer, sondern als mitfühlender Herbergsvater und freiheitsliebender Kunstförderer.

Einchecken mit einem Zwerg, einem Bären und vier Ladys im Schlepptau

"Über die Jahre haben die Menschen hier einige wirkliche schöne, bedeutende Dinge erschaffen", erinnerte sich Bard 2007 in einem Interview mit dem "New York Observer", "alles, was sie brauchten, war ein bisschen Hilfe." Der Hotelmanager half, wo er konnte: Künstler, die die Miete nicht aufbringen konnten, bezahlten mit Gemälden, die Bard dann in die Lobby hängte. Stammgäste in Geldnöten bekamen ein paar Dollar für ein Mittagessen zugesteckt.

So wurde das Hotel ein Biotop für die Bohème, ein Rückzugsort für Frei- und Feingeister. Die Beatniks trafen sich hier. William S. Burroughs schrieb auf seinem Zimmer den Drogenroman "Naked Lunch". Jimi Hendrix ließ nächtelang seine Gitarre kreischen. Arthur C. Clarke verfasste in seiner Suite das Skript für Stanley Kubricks "Odyssee 2001". Bob Dylan lebte für vier Jahre in Zimmer 211 ein und schrieb dort unter anderem seinen Song "Sad-Eyed Lady of the Lowlands". Als Punk-Legende Patti Smith und Fotograf Robert Mapplethorpe noch unbekannt und ein junges Liebespaar waren, mieteten sie sich in den kleinsten Raum des Hauses ein. Zimmer 428, ist gerade einmal acht Quadratmeter groß, besitzt einen hoffnungslos veralteten Heizkörper, keine Klimaanlage und keine Toilette. Als Sicherheit reichten die Zeichenmappen der beiden jungen Künstler.

Der Sänger Leonard Cohen sagte einmal, das "Chelsea" gehöre zu jener Sorte Hotels, in die man "um 4 Uhr morgens mit einem Zwerg, einem Bären und vier Ladys im Schlepptau einchecken kann, ohne dass es jemanden stört". Der Sänger und Songschreiber hatte auf einem der Zimmer kurzen aber offenbar denkwürdigen Sex mit Rockerin Janis Joplin. Als Joplin sich danach wieder anzog, sagte sie nur lakonisch "Was soll's, wir sind hässlich, aber wir haben die Musik". Cohen zitierte ihren Ausspruch in seiner berühmten Ballade "Chelsea Hotel No. 2".

Schmerzhaftes, rauschhaftes, todesnahes Leben

Es ist nicht die einzige künstlerische Verbeugung vor dem Hotel. Andy Warhol dreht 1966 in dem Backsteinbau seinem Film "The Chelsea Girls". In zwölf etwa halbstündigen Episoden zeigt er eine dunkle Seite des "Chelsea", ein schmerzhaftes, rauschhaftes, todesnahes Leben, das von Drogenexzessen und von Gewaltausbrüchen gezeichnet ist.

Die grausamste Szene, die sich in den Räumen abspielte, bleibt trotz aller Exzesse der Mord an Nancy Spungen. Nur vier Monate, nachdem die Leiche im Bad von Zimmer 100 gefunden wird, findet dort eine traurige Liebesgeschichte ihr endgültiges Ende: Am 9. Februar 1979 wird Sid Vicious im Chelsea Hotel tot aufgefunden. Der wegen Spungens Tod unter Mordverdacht stehende Punkmusiker, der kurzzeitig im Gefängnis war, dann aber gegen eine Kaution von 50.000 Dollar freigelassen wurde, hatte sich in dem Zimmer, in dem seine Freundin starb, den Goldenen Schuss gesetzt.

Das "Chelsea" aber trotze auch diesem Skandal - bergab ging es mit der legendären Unterkunft erst Anfang des neuen Jahrtausends, lange nachdem Sex, Drugs und Rock'n'Roll die Mauern erzittern ließen. Im Juni 2007 endete im "Chelsea" eine Ära. An diesem Tag wurde Stanley Bard von der neuen Geschäftsführung entlassen. "Es ist Zeit, dass ein neuer Besitzer mit neuen Ideen das 'Chelsea' revitalisiert", sagte der langjährige Miteigentümer Paul Brounstein über die Entscheidung. Und um dann sogleich allen Sorgen entgegenzutreten. "Egal, wer es besitzt, das 'Chelsea' bleibt immer das 'Chelsea'."

Das sahen die Freaks und Künstler, die Frei- und Feingeister, die das Hotel, wenn auch dezent vergreist, noch immer bewohnen, anders. Sie demonstrierten gegen den Rauswurf von Stanley Bard. Doch das Hotel war kein Raum mehr, in dem ihre Wünsche zählten - viele Langzeitbewohner wurden in den vergangenen Jahren aus ihren Zimmern geworfen. Während die Zimmer nach und nach renoviert werden, verfällt nun die Seele des Hauses.



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