Chemiewaffenübungen der US-Armee Überleben auf dem schmutzigen Schlachtfeld

Schon ein Tropfen bringt den Tod: In den achtziger Jahren diente Tim Wright als ABC-Abwehroffizier in der US-Armee, um Soldaten auf den gegnerischen Einsatz von chemischen Kampfstoffen vorzubereiten. Bei Übungen wurde nur Tränengas verwendet - doch schon das machte die Gefahren deutlich.

Tim Wright/Brad Call

"5000 Tote mit einem Schuss." Der Oberst ließ seinen Blick durch den Saal streifen, um sicherzugehen, dass wir ihn auch wirklich verstanden hatten. "Das ist verdammt gut für Blausäure." Die Zahl schien ihn ziemlich beeindruckt zu haben.

Es war der 4. Dezember 1984, der Morgen nach der Chemiekatastrophe in der indischen Stadt Bhopal und der erste Tag einer Konferenz in Garmisch-Partenkirchen über atomare, chemische und biologische Kriegsführung. Dass so ein Unglück am Tag zuvor passierte, war reiner Zufall. Der Oberst war der verantwortliche "Chemie-Offizier" der 7. US-Armee. Seinen Namen habe ich inzwischen vergessen - nicht aber seine Worte.

Warnendes Beispiel Bhopal

Über das Unglück in Bhopal berichtete auch das Armed Forces Network, der Rundfunk der US-Streitkräfte in Europa. Bei einer schweren Panne in einer Anlage des Chemiekonzerns Union Carbide war eine riesige Wolke Methylisocyanat freigesetzt worden. Das Gas strömte in die Stadt und tötete innerhalb weniger Stunden Tausende Menschen.

Der Oberst betonte, dass man das Potential von Chemiewaffen niemals unterschätzen dürfe. Die Zusammensetzung von Methylisocyanat ähnelte der von Blausäure, und die Zahlen bewiesen, dass Giftgas ohne weiteres Tausende Menschen töten kann.

Auf chemische Kriegsführung spezialisierte Offiziere von verschiedenen Stützpunkten der US-Streitkräfte in Europa trafen sich auf der Konferenz, um über die Risiken möglicher Chemieangriffe der Sowjetunion zu diskutieren. Ich war damals ABC-Abwehroffizier und Oberleutnant in der S-3 Abteilung in der 4/16 Mechanized Infantry, einem Panzergrenadierbataillon.

Wir Amerikaner wussten, dass die Sowjets Chemiewaffen horteten. Wir hatten Berichte über sowjetische Giftgasangriffe in Afghanistan gehört, doch für uns waren das nur abstrakte, trockene Geheimdienstinformationen. Die Überschriften im Magazin "Stars & Stripes" und Fotos von der Bhopal-Katastrophe im SPIEGEL ließen aber ein klareres Bild entstehen.

Vietkong ohne Chemiewaffen

1972 war eigentlich die Chemie-Abwehreinheit der US-Armee aufgelöst worden. Doch die Lage hatte sich nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan verändert. Durch Geheimdienstkanäle drangen Berichte über den Einsatz sowjetischer Chemiewaffen an die Öffentlichkeit. Sie besaßen nicht nur reichlich Chemiewaffen, sondern waren auch entschlossen, diese einzusetzen.

In einem Krieg in Europa, der nun möglich erschien, waren die Sowjets zu sehr im Vorteil. Die US-Armee entschied deshalb, Soldaten darin auszubilden, auf einem "schmutzigen" Schlachtfeld zu überleben.

Schon ein Tröpfchen ist tödlich

Manche der Kampfmittel sind so giftig, dass bereits ein Tröpfchen von der Größe eines Stecknadelkopfes, das mit der Haut in Kontakt kommt, in einer Viertelstunde tödlich wirkt. Ohne rasche erste Hilfe mit Atropin-Spritzen und weiteren Behandlungen hätte man keine Chance.

Als ABC-Abwehroffizier meines Bataillons stand ich vor der Herausforderung, 19- bis 22-jährigen Panzergrenadieren beizubringen, wie man die Gefahr todbringender Chemiewaffen erkennt. Unsere Gasmasken und Schutzkleidung konnten uns wirksam schützen. Auch Chemie-Detektoren und Alarmsysteme funktionierten gut - allerdings nur, wenn sie korrekt verwendet wurden.

Meine schwierigste Aufgabe bestand also darin, diese Soldaten und ihre Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass etwas, das sie weder sehen noch riechen konnten, innerhalb weniger Minuten tödlich wäre. Ich erklärte ihnen, welche Chemiewaffen der Feind hatte und wie er sie einsetzen würde. Während der Übungen verwendeten wir Tränengas, um den Soldaten eine Vorstellung von einer solchen Gefechtssituation zu vermitteln.

Tränengas tötet zwar nicht, hat aber sehr unangenehme Folgen: starkes Brennen in Augen, Nase und Kehle sowie Husten und Niesen. Wie ein hartnäckiger Nervenkampfstoff kann sich auch CS-Tränengas tage- oder sogar wochenlang in einem Gebiet halten. Bereits in einer niedrigen Konzentration zeigt es seine Wirkung.

Training in Tränengaskammer

Der ABC-Feldwebel des Artillerie-Bataillons unserer Brigade verteilte CS-Reizgaspulver auf dem Boden, um zu simulieren, dass das Gebiet vergiftet war. Als die Geschütze in Stellung gebracht wurden, setzten sie Tränengas frei. Damit sollten alle daran erinnert werden, dass das Gelände verseucht war.

Auf unserem örtlichen Übungsplatz wurde ein Munitionsbunker in eine Gaskammer umgewandelt, um die Soldaten im Umgang mit dem Tränengas zu schulen. Wir hatten aus Kaffeedosen einen behelfsmäßigen Spirituskocher gebastelt, um das CS-Tränengaspulver verdampfen zu lassen und in den Bunker zu leiten. Bei der Übung kamen Soldaten, die alle Masken trugen, in diese Gaskammer. Natürlich konnten sie nichts riechen oder schmecken.

Einer nach dem anderen musste dann seine Maske absetzen und Namen, Dienstgrad sowie Dienstnummer nennen. In dieser kurzen Zeit spürten sie schon die Wirkung des Tränengases und verließen den Raum. Da dieses Gas rasch quälende Beschwerden verursacht, wurde den meisten Soldaten klar, dass sie durch ihre Masken geschützt waren. Oft sah ich, wie Panzergrenadiere miteinander wetteiferten, wer es am längsten in der Tränengaskammer aushielt.

Im Frühjahr 1985 wurde meinem Bataillon während einer Übung von Sondereinsatzkräften nahe Biberach an der Riß die Rolle des Aggressors übertragen. Das Szenario sah so aus, dass sowjetische Truppen in das Gebiet eingefallen waren und es besetzt hielten. Die Mission der Sondertruppen bestand darin, das Gelände zu infiltrieren. Dabei sollten Infrastrukturanlagen wie Transformatorenstationen und Funktürme beschädigt oder zerstört werden.

Es gab zu viele Ziele, die wir im Auge behalten mussten. In der ersten Woche "verloren" wir bereits einen Abschnitt der Stromleitung an die Spezialeinheit. An anderen Zielen kam es beinahe zu Kollisionen mit dem Feind. Wir fühlten uns frustriert, weil die Sondertruppen unbesiegbar schienen. Für die Panzergrenadiere meines Bataillons war es so, als müssten sie Geister und Schatten bekämpfen.

Einer der Kompaniechefs war ein ehemaliger Soldat der Special Forces. Als wir über deren Taktik diskutierten, erwähnte er, dass diese Elitetruppen ihre Gasmasken und Schutzkleider normalerweise in der Kaserne ließen, weil sie diese Ausrüstung für unwichtig hielten. Die Soldaten meines Bataillons waren dagegen an Übungen mit Gasmasken und Schutzkleidung gewöhnt. Manchmal trugen sie die Masken sogar beim Schlafen.

Taktieren wie die Sowjets

Mit Erlaubnis meines Chefs wendete ich sowjetische Taktiken an. Ich informierte den Übungsstab, dass wir an diesen unbemannten Infrastrukturzielen zu Trainingszwecken Chemieminen gelegt und zur Detonation gebracht hatten, um das Gelände zu verseuchen.

Die von uns bewachten Anlagen befanden sich in einsamen Gegenden, wo kein Betriebspersonal benötigt wurde. Verdichtetes Soman, einer der der bevorzugten Kampfstoffe der Sowjets, konnte Stromtransformatoren und andere Maschinen nicht beschädigen. Für Menschen war die Substanz aber auch noch nach einer Woche tödlich.

Ebenso wie sowjetische Truppen besaßen unsere Soldaten die richtige Ausrüstung und ausreichend Erfahrung mit Gasmasken und Schutzkleidung, als sie in der Nähe der "kontaminierten" Ziele patrouillierten. Die Sondertruppen, die ihren Schutz in der Kaserne gelassen hatten, konnten sich dagegen den vergifteten Stellen nicht nähern. Wir hatten ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wären die Chemiewaffen echt gewesen, hätten sich die Dämpfe durch den Wind verbreitet und dabei Menschen und Tiere getötet. Die Übung endete also mit einer harten Lektion für die Sondereinsatzkräfte. Es hatte sich gezeigt, dass all ihre Bemühungen und Kenntnisse wirkungslos gegen Nervenkampfstoffe wären, wenn die Soldaten keine Gasmasken und Schutzkleidung tragen würden. In einem Krieg hätten Elitetruppen der US-Armee somit von gewöhnlicher Infanterie und einigen Chemieminen geschlagen werden können.

Mit seiner Lektion zum Thema Giftgas hatte der Oberst schließlich Recht behalten.


Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Textes suggerierte, das US-Militär habe mit dem Vietnam-Krieg die Produktion jeglicher chemischer Kampfstoffe eingestellt. Dies ist nicht korrekt. Wir haben die entsprechenden Passagen korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Eine Stellungnahme des Autors Tim Wright finden Sie in der Debatte zu dem Artikel.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Martin Siegel, 12.01.2014
1.
Soso, die Amerikaner haben also im kalten Krieg sämtliche eigenen C-Waffen vernichtet? Komisch, wo doch Reagan noch Mitte der 80er die Entwicklung neuer C-Waffen beauftragte und die USA selbst heute noch damit beschäftigt sind ihre alten C-Waffen aus dieser Zeit zu entsorgen. Und die Behauptung die USA hätte im Vietnam Krieg lediglich Tränengas eingesetzt ist ja wohl angesichts des Einsatzes von Agent Orange auch zumindest grenzwertig.
Claus Nagel, 12.01.2014
2.
ähhh....ich glaub ich k*tze....ist das jetzt hier die Propagandaabteilung der US-Streitkräfte? Mal abgesehen davon, daß es den Menschen wohl egal ist, durch was sie elendiglich umkommen - Vietnam? Gabs da nicht Napalm? Agent Orange? Kamen da nicht Millionen Zivilisten um? Und heute? Uranmunition? Man kann natürlich auch sagen, Entlaubungsmittel dienen nur der Entlaubung und die Toten und dadurch sind ja nur Nebeneffekt - aber wie bescheuert und zynisch ist das denn?
Günter Vrauer, 12.01.2014
3.
Sehr guter Artikel auch ich habe u.a. in der ABC Abwehr der BW gedient und wurden auch sonst im Umgang mit ABC Schutzmassnahmen gedrillt. Die "Gaskammer" war was zum Erschrecken von Rekruten. Was ich aber bemägeln will ist ihre Aussage zu Vietnam. Sicher haben die Amerikaner keine wirklichen C-Waffen in Vietnam eingesetzt. Wohl aber das Entlaubungsmittel Agent Orange. Und ich denke heute noch gibt es Stimmen in Vietnam und auch von vielen ihrer amerikanischen Kameraden die sehr lange unter den Folgen dieser Chemikalie gelitten haben oder noch leiden. Chemie macht halt keine Unterscheidung zwischen Freund oder Feind.
Rolf Radicke, 12.01.2014
4.
Die alte Leier: Hier die Guten, dort die Boesen, ganz wie es die Propaganda fuer den Kalten Krieg brauchte. Doch der ist ja bekanntlich vorbei. Daher stellt sich mir die Frage, wieso die US-Army heute Chemiewaffen besitzt, wo die doch angeblich alle zerstoert worden sind. Agent Orange war natuerlich nur ein Entlaubungsmittel.
Steffen Rau, 12.01.2014
5.
Was ist denn das für ein propagandistischer Schwachsinnsartikel? Böse Russen und gute Amis? Und in Vietnam wurde "nur" Tränengas eingesetzt? Der Redakteur, der diesen Artikel hat durchgehen lassen, hat definitiv seinen Job verfehlt. Selbstverständlich wurden in Vietnam Chemiewaffen in grossem Stil eingesetzt (Agent Orange, Napalm). Zu erklären, harmloses Tränengas wäre alles gewesen, verhöhnt all jene Vietnamesen, die noch jetzt unter den Spätfolgen der Chemiewaffen zu leiden haben. Ebenso ist es nicht glaubhaft, wenn der "Autor" behauptet, die USA wären seit den 60er Jahren Chemiewaffenfrei. Das ist eine Lüge, die Kapazitäten waren unverändert vorhanden und Forschungen liefen auch weiter. Wie sonst hätte man Saddam Hussein mit Chemiewaffen für seine Angriffe gegen den Iran und die Kurden ausstatten können?
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