Chemiker Fritz Haber Forscher an vorderster Front

Er sah sich als Diener der Menschheit: 1913 gelang dem deutschen Chemiker Fritz Haber die synthetische Herstellung von Ammoniak. Seine Erfindung sicherte die deutsche Munitionsproduktion im Ersten Weltkrieg - und ernährt bis heute Milliarden Menschen.

Getty Images

Von Susanne Wedlich


Als die deutschen Truppen am frühen Abend des 22. April 1915 nahe der belgischen Kleinstadt Ypern mehr als 160 Tonnen Chlorgas freisetzten, stand der Wind aus Sicht der Heeresleitung günstig: Die mehrere Kilometer lange Giftgaswolke trieb direkt auf die französischen Truppen zu, bis hinein in die feindlichen Schützengräben. Mindestens 1200 alliierte Soldaten erstickten, 3000 weiteren Männern verätzte das Gas die Atemwege und Augen.

Es war der weltweit erste erfolgreiche Einsatz von Chemiewaffen und das Resultat einer neuen engen Kooperation von Wissenschaft, Militär und Industrie, in dessen Zentrum der deutsche Wissenschaftler Fritz Haber stand. Der Chemieprofessor hatte das Chlorgas waffentauglich gemacht und dessen Einsatz bei Ypern persönlich und an vorderster Front überwacht, wofür er - unter "Tränen des Glücks" - zum Hauptmann befördert wurde.

Eine Woche nach dem Giftgasangriff von Ypern nahm sich seine Frau mit seiner Dienstwaffe das Leben. Clara Haber, selbst promovierte Chemikerin, hatte an der Ehe gelitten und daran, ihren Beruf nicht mehr auszuüben. Vor allem aber war sie eine vehemente Pazifistin. Und auch wenn sich die Zusammenhänge nicht zweifelsfrei klären ließen, könnte der Ypern-Einsatz ihres Mannes letzter Auslöser der Verzweiflungstat gewesen sein.

Mit Giftgas Leben retten

Der 1868 in Breslau geborene "Vater der Giftgaswaffen" war ein glühender Patriot. Getreu seiner Devise "Der Wissenschaftler dient im Frieden der Menschheit, im Kriege dem Vaterland" reiste er schon einen Tag nach Claras Suizid nach Galizien - zum nächsten Gaseinsatz. Bis zum Kriegsende trieb Haber in einem letztlich erfolglosen Wettrüsten mit den Alliierten das deutsche Gaswaffenprogramm voran. Skrupel kannte er nicht. Tot sei schließlich tot, meinte er, egal ob ein Soldat nun am Gas erstickte oder langsam an einer schweren Verletzung verblutete. Mehrfach hatte er gar die Hoffnung geäußert, mit Hilfe von Gaswaffen den Krieg verkürzen und so Tausende von Menschenleben retten zu können.

Der Geist seiner Zeit hatte Habers Forscherleben bestimmt: Die schon 1914 schwächelnde Munitions- und Sprengstoffindustrie Deutschlands war auf einen lange dauernden Krieg nicht vorbereitet. Habers größte wissenschaftliche Errungenschaft rettete sie vor dem Zusammenbruch.

Dabei war die Synthese von Ammoniak aus atmosphärischem Stickstoff und Wasserstoff ursprünglich für eine friedliche Nutzung gedacht: Angesichts einer weltweit drohenden Hungersnot sollte sie in nahezu unbegrenztem Umfang Kunstdünger liefern, um ausgelaugte Böden fruchtbar zu machen und die Getreideproduktion massiv zu steigern. "Brot aus Luft", so war Habers Geniestreich griffig umschrieben worden, der half, die drohende Krise abzuwenden und bis heute die Versorgung von Milliarden Menschen sichert.

Den Stickstoff, den Pflanzen fürs Wachstum benötigten, aber nicht in ausreichenden Mengen in den Ackerböden fanden, lieferte zunächst ein Naturdünger, vor allem der Guano südamerikanischer Vögel. Doch die natürliche Ressource ist begrenzt. Haber gelang es, eine praktisch unerschöpfliche Stickstoffquelle anzuzapfen: Die Atmosphäre, die zu gut drei Vierteln aus elementarem Stickstoff besteht, der aber zu reaktionsträge ist, um von den Pflanzen direkt genutzt zu werden.

Haber konnte den Stickstoff erstmals bei hohen Temperaturen und unter immens hohem Druck mit Wasserstoff in die stabile Verbindung Ammoniak zwingen. Noch aber gab es keine Technik, die diesen Belastungen in großem Maßstab gewachsen war. Zusammen mit Haber führten Carl Bosch und Alwin Mittasch das Verfahren zur Industriereife, wofür unter anderem neue Stahlarten und eigene Konstruktionen entwickelt werden mussten.

1913 lief das Haber-Bosch-Verfahren in einem Werk der BASF bei Ludwigshafen-Oppau erstmals in industriellem Maßstab an. Vielen gilt Habers Methode als wichtigster industrieller Prozess des vergangenen Jahrhunderts. Noch heute werden jedes Jahr mehr als 100 Millionen Tonnen Stickstoff der Luft entnommen und in Ammoniak umgewandelt. Nach Schätzungen hat jedes zweite Stickstoff-Atom in unseren Körpern das Haber-Bosch-Verfahren durchlaufen. Ohne diesen Prozess müssten zwei Milliarden Menschen, wenn nicht die Hälfte der Menschheit verhungern.

Grundstein für Massenmord

Die dunkle Seite des Verfahrens zeigte sich schon kurz nach seiner Einführung: Ammoniak liefert neben Kunstdünger auch Sprengstoff, der bis vor einem Jahrhundert auf der Basis von Chile-Salpeter produziert wurde. Erst der Habersche Prozess machte das Deutsche Reich unabhängig von ausländischen Lieferungen und hielt die Kriegsmaschinerie mindestens ein zusätzliches Jahr am Laufen.

Nach dem Krieg befand sich Haber, der ab 1911 das Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie leitete, in einer paradoxen Situation: Von den Alliierten wurde er als Kriegsverbrecher gesucht und floh für kurze Zeit in die Schweiz - während er wegen der Ammoniaksynthese als Anwärter für den Nobelpreis galt. Als ihm 1919 die Auszeichnung rückwirkend für das Jahr 1918 tatsächlich zugesprochen wurde, kam es international wegen der Giftgaseinsätze zu Protesten. Einige geladene Gäste blieben der Zeremonie fern.

Sein Patenonkel Fritz Haber, so erklärte der Historiker Fritz Stern später in einem Interview, sei nach dem Krieg in seinem Urteil über das Kaiserreich sehr viel kritischer geworden und habe "eine Art Bekehrung" erfahren. Treu war Haber seinem Vaterland aber trotz aller Zweifel geblieben: Von einem "schwimmenden Labor" aus wollte er Gold aus Meerwasser filtern, um die hohen deutschen Reparationen zu begleichen, ein letztlich unrentables Unterfangen.

Umso tragischer seine persönliche Biografie: Geboren in eine jüdischen Familie, war Haber als 24-Jähriger zum Protestantismus konvertiert. Als schließlich die Nazis an die Macht kamen und an den Kaiser-Wilhelm-Instituten den Arierparagrafen durchsetzten, emigrierte er nach Cambridge in England. Auch wenn er nicht direkt davon betroffen war und sich in den Ruhestand hatte versetzen lassen: Die Entlassung seiner jüdischer Mitarbeiter konnte er nicht verhindern. "Ich habe zu lange gelebt", soll er gesagt haben, bevor er am 29. Januar 1934 auf der Durchreise in Basel als verbitterter Mann starb.

Als Chemiker hatte Haber mit seiner Arbeit an Schädlingsbekämpfungsmitteln auf der Basis von Blausäure den Grundstein für die Entwicklung von Zyklon B gelegt. Er selbst sollte indes nicht mehr erfahren, dass dieses Gas im "Dritten Reich" zur Vernichtung von mehr als einer Million Menschen eingesetzt wurde - darunter auch Angehörige seiner Familie.

insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Olga Ternow, 30.12.2013
1.
Warum das Schicksal von Clara Immerwahr aus FH's Biographie vollkommen ausblendet wird, erschliesst sich wohl nur der Autorin dieses Artikels: http://de.wikipedia.org/wiki/Clara_Immerwahr
Matthias Wolf, 30.12.2013
2.
Man könnte hier noch erwähnen, dass Fritz Haber, als er in Basel starb, gerade auf dem Weg nach Palästina (heute Israel) war. Dort hatte ihm Chaim Weizmann, der spätere Staatsgründer und erste Präsident von Israel, eine Stelle am Sieff Institut offeriert. Weizmann selbst war übrigens im 1. Weltkrieg Direktor des britischen Munitionslabors, also direkter Widersacher von Haber. Mit seiner Forschung auf dem Gebiet der Aceton-Synthese hat er im Übrigen die Versorgung der Briten mit Schießpulver sichergestellt, was im ähnlichem Maße den Krieg verlängert haben dürfte wie die Ammoniaksynthese. Dies liest man in Weizmann Biographien allerdings eher selten....
Christian Schmidt, 30.12.2013
3.
>Warum das Schicksal von Clara Immerwahr aus FH's Biographie vollkommen ausblendet wird, erschliesst sich >wohl nur der Autorin dieses Artikels: >http://de.wikipedia.org/wiki/Clara_Immerwahr Steht doch im Text drin, allerdings wird sie Clara Haber genannt (dürfte ja damals noch nicht üblich gewesen sein, dass die Ehefrau ihren Nachnamen nach der Heirat behält).
Peter Grolig, 30.12.2013
4.
Jetzt presse ich mir mal pflichtbewusst eine Träne ab, damit den Umständen genüge getan ist. Erstens: Die Grundlage für Zyklon B ist nicht das Haber-Bosch-Verfahren sondern Blausäure (HCN). Blausäure wurde damals zur Vernichtung von Ungeziefer verwendet und auch in der Metallverarbeitung eingesetzt. Zyklon B ist nichts anderes als Kieselgur versetzt mit Blausäure. Diese Kombination erleichterte die Handhabung beim Entlausen, wofür es hauptsächlich genutzt wurde. Auch die Mär, dass mit Zyklon B 6 Millionen Juden vergast wurden, kann ich so recht nicht glauben. Warum sollte man Zyklon B nehmen, wenn es viel einfacher gewesen wäre Blausäure direkt in die Gaskammern zu leiten? Ja, Deutschland hat viele Menschen (Juden, Zigeuner, Politiker, Schwule, Krüppel, Missgebildete, usw.) ermordet. Aber dass dies ausgerechnet mit Zyklon B erfolgt sein soll ist für mich nicht logisch. Weiter frage ich mich immer, warum genau diese Leute, die mit ihren Erfindungen großes Leid über die Menschheit gebracht haben so tun als ob sie nur das Beste für die Menschheit bringen wollten. Haber war in meinen Augen ein verblendeter Mensch, der keine Rücksicht auf seine Ehefrau Clara genommen hat. Seine Rücksichtslosigkeit zeigt sich in seinem Verhalten nach ihrem Freitod. Ähnliche Erklärungsmuster finden wir bei Werner von Braun (Raketenentwickler der Nazis und der Amis), Albert Einstein und Rudolf Oppermann (Grundlagenforscher der Atombombe), auch Lise Meitner soll nicht vergessen werden, die zusammen mit Hahn auch die Kernspaltung erfunden hat. Alle geben vor nur für die Wissenschaft bzw. für die Menschheit geforscht zu haben. Bei der Kernspaltung war doch von vornherein ersichtlich, wofür diese zuerst genutzt werden soll. Nachher so zu tun als ob man dafür nichts könne ist feige und schäbig.
Mathias Völlinger, 31.12.2013
5.
>Jetzt presse ich mir mal pflichtbewusst eine Träne ab, damit den Umständen genüge getan ist. >Erstens: Die Grundlage für Zyklon B ist nicht das Haber-Bosch-Verfahren sondern Blausäure (HCN). Blausäure wurde damals zur Vernichtung von Ungeziefer verwendet und auch in der Metallverarbeitung eingesetzt. Zyklon B ist nichts anderes als Kieselgur versetzt mit Blausäure. Diese Kombination erleichterte die Handhabung beim Entlausen, wofür es hauptsächlich genutzt wurde. >Auch die Mär, dass mit Zyklon B 6 Millionen Juden vergast wurden, kann ich so recht nicht glauben. Warum sollte man Zyklon B nehmen, wenn es viel einfacher gewesen wäre Blausäure direkt in die Gaskammern zu leiten? Ja, Deutschland hat viele Menschen (Juden, Zigeuner, Politiker, Schwule, Krüppel, Missgebildete, usw.) ermordet. Aber dass dies ausgerechnet mit Zyklon B erfolgt sein soll ist für mich nicht logisch. >Weiter frage ich mich immer, warum genau diese Leute, die mit ihren Erfindungen großes Leid über die Menschheit gebracht haben so tun als ob sie nur das Beste für die Menschheit bringen wollten. Haber war in meinen Augen ein verblendeter Mensch, der keine Rücksicht auf seine Ehefrau Clara genommen hat. Seine Rücksichtslosigkeit zeigt sich in seinem Verhalten nach ihrem Freitod. >Ähnliche Erklärungsmuster finden wir bei Werner von Braun (Raketenentwickler der Nazis und der Amis), Albert Einstein und Rudolf Oppermann (Grundlagenforscher der Atombombe), auch Lise Meitner soll nicht vergessen werden, die zusammen mit Hahn auch die Kernspaltung erfunden hat. >Alle geben vor nur für die Wissenschaft bzw. für die Menschheit geforscht zu haben. Bei der Kernspaltung war doch von vornherein ersichtlich, wofür diese zuerst genutzt werden soll. Nachher so zu tun als ob man dafür nichts könne ist feige und schäbig. Also mit "Zyklon B" kenne ich mich nicht aus. Aber was Sie hier über die Zusammenhänge von Einstein, "Rudolf Oppermann" (wer war das? Oppenheimer?), Hahn und Meitner mit der "Erfindung" der Kernspaltung von sich geben, lässt ahnen, dass Sie von den anderen von Ihnen angesprochenen Themen ebenso wenig Ahnung haben wie von Kernphysik und der Geschichte derselben. mfg
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.