Trompeten-Legende Chet Baker Der James Dean des Jazz

Cool war seine Musik. Und ruinös sein Lebensstil mit Drogen, Affären, Knast. Chet Baker starb vor 30 Jahren bei einem mysteriösen Fenstersturz. Er ist unvergessen, weil er die Entwicklung des Jazz mitprägte.

Archivio Cameraphoto Epoche/ Getty Images

Es war ein Freitag, der 13., im Mai 1988. Mitten in der Nacht fiel der berühmte Musiker gegen drei Uhr morgens aus dem Fenster und war sofort tot. Nach dem Sturz aus seinem Zimmer im 3. Stock des Amsterdamer Hotels Prins Hendrik rätselten Ermittler und Freunde: Hatte Chet Baker einen Unfall im Drogenrausch? Wollte er sein Leben beenden - oder hatte ihn jemand gestoßen?

Ausgeschlossen schien das keineswegs. Denn der süchtige, ständig verschuldete Musiker war immer wieder in gewaltsame Auseinandersetzungen mit Dealern verwickelt. 1966 hatte er dabei sogar seine Vorderzähne eingebüßt. Für einen Trompeter gibt es nichts Schlimmeres. Es war eine Energieleistung, dass Baker jahrelang übte und sich mit einem neuen Gebiss das Spielen wieder beibrachte. Bläser brauchen ihre Lippen und Zähne wie die Luft zum Atmen.

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Chet Baker: Cool Jazz - der einsame Trompeter

Bakers Leben wäre anders verlaufen, hätte er diese Energie auch aufgebracht, um sich von Drogen fernzuhalten. Seine Virtuosität paarte sich mit einem Hang zur Selbstzerstörung. Schon als Junge hatte er gekifft, später spritzte er Heroin. Obwohl er einige Entziehungskuren antrat und mehrfach wegen Drogenbesitzes im Gefängnis landete, kam er nie von seiner Sucht los. Der junge Mann mit dem Filmgesicht - schon als Fünfzigjähriger sah er wie ein Greis aus.

"Uraltes Kind auf einem Stuhl"

"Ehe ich Töne höre, sehe ich das Bild", schrieb der Kritiker Werner Burkhardt über Baker-Auftritte in den Siebzigerjahren. "In sich versunken und weit weg auch von dem Häuflein, das ihn begleitet, hockt ein uraltes Kind auf einem Stuhl. Es hält sich an seiner Trompete fest, ihm ist nichts geblieben als seine Musik."

Chesney "Chet" Baker, geboren am 23. Dezember 1929, wuchs als Sohn eines Gitarristen in Oklahoma auf und brillierte früh mit der Trompete. Er spielte in Schulorchestern und Army-Bands, ehe er professioneller Jazzmusiker wurde. Neben seinem außerordentlichen musikalischen Talent verhalf ihm sein Aussehen zu einem märchenhaften Aufstieg. Der verträumt wirkende Typ mit Haartolle und romantischen Gesichtszügen lockte Menschen in Klubs, die keine Jazzfans waren.

Sein Foto erschien in den großen Illustrierten. Hollywood plante einen Film mit dem "James Dean des Jazz". Von einer seiner frühen Gagen kaufte sich der Jungjazzer einen (gebrauchten) Jaguar-Sportwagen. Als er 1954 im berühmten New Yorker "Birdland" gastierte, stürmte Bakers Frau Charlaine in den Jazzklub und bedrohte ihn und seine neue Freundin mit einem Revolver.

Natürlich machte Baker auch als Musiker Schlagzeilen. Charlie "Bird" Parker holte ihn in sein Quintett - ein Ritterschlag für den Zugereisten aus Oklahoma. Die Leser des Magazins "Downbeat" kürten den Neuen 1953 zum besten Trompeter, weit vor Miles Davis und Dizzy Gillespie, der Baker später nach dem Verlust der Zähne beim Comeback half.

Mit Gesang zum Popstar

"Es sah aus, als ob's ihm peinlich wäre", schrieb Davis in seiner Autobiografie über die erste Begegnung der beiden Musiker, "ich glaube, er wusste, dass Dizzy und mehrere andere Trompeter das eher verdient gehabt hätten. Persönlich hab ich's ihm nicht übelgenommen. Aber ich war sauer auf die Leute, die ihn gewählt haben."

Musiker wie Miles Davis waren wütend, weil weiße Kollegen die von Afroamerikanern geschaffenen Jazz-Spielarten übernahmen und mit weicheren Versionen mehr Geld verdienten als die schwarzen Künstler. Tatsächlich gehörte Baker zu jenen, die nach dem unruhigen, anspruchsvollen Bebop-Stil den gefälligeren Cool Jazz entwickelten, klar und klangschön. "Einen Bewahrer der Kultur der Melodie" nannte der Pianist Michael Naura den weltweit bewunderten Trompeter.

Popstarhaft bekannt wurde Chet Baker, weil er sich auch als Sänger profilierte. Er hatte eine eher flache, zerbrechliche Stimme, konnte sie aber ebenso sicher einsetzen wie sein Instrument. In den Fünfzigerjahren hatte der Produzent Dick Bock den "rising star" zum Singen animiert und versprach sich davon maximalen Sexappeal beim weiblichen Publikum. Später ermöglichte die Singerei Baker Konzerte und Tourneen, als er die Trompete wegen seiner Zahnprobleme nur begrenzt spielen konnte.

Eine Art Erkennungsmelodie war für Chet Baker "My Funny Valentine". Er spielte den Evergreen auf dem Höhepunkt seiner Karriere im klavierlosen Quartett mit dem Baritonsaxofonisten Gerry Mulligan und mit den Größen des US-Jazz.

Ein Wrack, ein Strolch, ein Held

In späteren Jahren brachte er die Ballade bei Gigs mit kaum bekannten Begleitmusikern in Kellerklubs in den Niederlanden, Italien und Deutschland. Die Zeit der großen Gagen war vorbei. Beim Auftritt im Hamburger "Onkel Pö" 1979 nächtigte der Musiker im "Motel Hamburg" in der Hoheluftchaussee; seine Pasta mampfte er beim Italiener nebenan.

Seine Verstrickung ins Drogenmilieu trug Baker mehrere Verhaftungen ein, in den USA wie auch in Italien und Deutschland. Und sie ruinierte ihn nach und nach, kostete ihn seine Zähne und raubte Kraft, trieb ihm tiefe Furchen ins lederne Gesicht. "Körperlich ein Wrack, moralisch ein Strolch, künstlerisch aber ein Held", so beschrieb ihn der SPIEGEL.

Wegen seiner Unzuverlässigkeit und seines Gesundheitszustands gab es kaum noch große Konzerte und Platteneinspielungen mit dem amerikanischen Junkie, der in Europa umherirrte. Denkbar riskant waren auch die Voraussetzungen für Termine Ende April 1988 in Hannover: Zur Probe mit der NDR-Bigband und dem Rundfunkorchester Hannover war Baker nicht erschienen. Aber zum Konzert tauchte er plötzlich auf - und spielte die Solo-Parts wie in seinen besten Tagen. Über "My Funny Valentine" improvisierte Baker mit seiner Trompete und seiner Stimme 19 Minuten lang. Es war der Abgesang eines tragischen Helden.

Zwei Wochen später folgte der Fenstersturz von Amsterdam. Was genau in dieser Mainacht 1988 geschah, konnte nie geklärt werden. Heute erinnert eine Tafel am Hotel Prins Hendrik in Bahnhofsnähe an den Trompeter, der im Alter von 58 Jahren starb. Der Chet-Baker-Room kann gebucht werden. Er kostet in der Woche 150 Euro, an Wochenenden 190 Euro.

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Andreas Kahl, 28.06.2018
1. tja ... leider die Stimme ...
als Musiker an sich einer der größten, aber leider nicht als Sänger ... m. Meinung nach jedenfalls. Ich kann seinem Singen nichts abgewinnen, eher im Gegenteil
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