Cheyenne Mountain Das stille Ende des Superbunkers

Cheyenne Mountain gilt als sicherster Ort der Welt. Tief unter der Erde von Colorado hätte der US-Präsident dort sogar den nuklearen Winter nach einem Atomkrieg überlebt. 2006 wurde das Symbol des Kalten Kriegs eingemottet - nachdem selbst die Russen dort schon Wodka getrunken haben.

AP

Im Sonnenlicht leuchten sanfte Hügel, sie sind mit Grün bewachsen. Im Hintergrund erhebt sich ein rötlichgrauer Berg. In der Mitte des Fotos laufen mehrere Menschen auf einem befestigten Weg. Urlauber bei einer Wanderung, so scheint es auf den ersten Blick. Doch die Menschen sind keine Touristen, der Berg ist kein Ausflugsziel. Die Aufnahme stammt vom Cheyenne Mountain - der einst streng geheimen Militäreinrichtung im Herzen der USA. Dem sichersten Ort der Welt. Bisher jedenfalls. Denn dem Relikt des Kalten Krieges steht das Ende bevor.

Jahrzehntelang war tief unter der Erde die Luftverteidigungszentrale North American Aerospace Defense Command (Norad) untergebracht, ein Gemeinschaftsprojekt der USA mit Kanada. Die Entstehung der ausgeklügelten militärischen Anlage geht in die Zeit des atomaren Wettrüstens mit der Sowjetunion zurück. In den fünfziger Jahren gaben die Nordamerikaner Hunderte Millionen Dollar für ein Frühwarnsystem aus, das einen etwaigen sowjetischen Angriff rechtzeitig erkennen sollte. Alle Informationen wurden in einem zweistöckigen Blockhaus auf einer Air Force Base in Colorado Springs gesammelt. Ein leichtes Ziel, das der Feind "mit einer Panzerfaust hätte ausschalten können", sagt US-Historiker Thomas Fuller. Es musste also ein sicheres Versteck her - so sicher, dass es selbst einem Atomschlag standhalten könnte.

Zahnarztpraxis, Sauna, Friseur und Kapelle im Berg

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort wurden die Planer am Rande von Colorado Springs fündig. Die Gegend ist wenig erdbebengefährdet, und in der Nähe befanden sich schon damals mehrere militärische Anlagen. Das ehemalige Ranchgelände am Cheyenne Mountain bot sich wegen der sicheren Lage genau in der Mitte des Kontinents an: Die Strategen gingen davon aus, dass man im Falle eines Angriffs von dort aus am meisten Zeit für eine Warnmeldung hätte.

1961 begannen Arbeiter, den Fels von innen zu sprengen und den Berg Stück für Stück auszuhöhlen. 700.000 Tonnen Granitgestein schafften sie aus der Tiefe. Mehr als 700 Meter unter der Erde entstand in fünf Jahren Bauzeit eine Kleinstadt mit eigenem Kraftwerk, Wasserversorgung und Vorratslagern.

Den Eingang verschließen zwei 25 Tonnen schwere Stahltüren. Im Inneren des Berges befinden sich 15 tunnelartige Gebäude mit bis zu drei Etagen. Es gibt ein Restaurant, eine kleine Krankenstation mit Zahnarztpraxis, Fitnessräume, eine Sauna, einen Friseur und eine Kapelle. Hunderte Menschen arbeiteten zeitweise dort unter Tage. Die Schutzvorrichtungen sind so konstruiert, dass die Anlage von außen nicht beschädigt werden kann, weder durch Atombomben noch durch Feuer oder Erdbeben. Schächte für Wasser- und Nahrungsversorgung, Kraftstoffe und Abwasser sind mit Sensoren ausgestattet, die Explosionen wahrnehmen - die Schächte schließen sich dann automatisch.

Mit den Russen Wodka getrunken

Doch die Bedrohungsszenarien haben sich geändert, und so verkündete ein Militärsprecher kürzlich, die Luftverteidigungszentrale Norad werde ihr Tagesgeschäft in ein gewöhnliches Gebäude auf dem Luftwaffenstützpunkt Peterson in Colorado Springs verlegen. Damit hoffe man, auf Krisen schneller und flexibler zu reagieren. Die Aufgaben haben sich in Richtung Luftraumkontrolle und Terrorabwehr entwickelt.

Seit vielen Jahren hat das Personal in der Anlage ohnehin nicht mehr hauptsächlich in Richtung Moskau geschaut. Der alte Feind ist heute wenig bedrohlich, im Gegenteil: Eine Delegation der russischen Luftwaffe war im vorigen Jahr schon zu Besuch in dem lange sagenumwobenen Kontrollraum. "Es war okay", sagte Norad-Chef Timothy Keating danach. Man habe zusammen Wodka getrunken.

In den sechziger Jahren wären solche Szenen unvorstellbar gewesen. "Cheyenne steht für die Vorstellung, dass es nur noch dieses eine Kontrollzentrum gibt, wo Mensch und Maschine zusammen gegen die Apokalypse kämpfen", sagte der Geschichtsprofessor W. Patrick McCray von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara der "New York Times". Die Anlage zeige, wie dominant vor allem die Furcht vor dem Weltuntergang durch Atomwaffen in der amerikanischen Gesellschaft war. "Der Berg steht für die Entschlossenheit, einen Atomkrieg zu führen und zu gewinnen."

Der Superbunker wäre eine Attraktion für Touristenmassen - doch daraus wird vorerst wohl nichts. Auch wenn mitunter angemeldete Besuchergruppen zu bestimmten Bereichen Zutritt bekommen, bleibt der unterirdische Bunker auf Standby. "Für den Fall, dass wir doch noch mal einen Rückzugsort brauchen", sagte ein Militärsprecher der "New York Times".

Zuletzt war es am 11. September 2001 soweit. Nach den Terroranschlägen wollte der Secret Service den Präsidenten aus Sicherheitsgründen unbedingt dorthin schaffen. Für solche Fälle bleibt bis auf Weiteres eine Minimalbesetzung im Berg, um ihn einsatzbereit zu halten - sicher ist sicher.

Friederike Freiburg

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 20.10.2006



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