Tischtennis-Diplomatie Ping! Pong! Und Feinde sind Freunde

Ein US-Hippie und ein chinesischer Kommunist freunden sich bei der Tischtennis-WM 1971 an - und schreiben Weltgeschichte: Die USA und China beenden ihre Eiszeit. Bricht Trump mit dem Erbe der Ping-Pong-Diplomatie?

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Als dieser "chronische Lügner", wie Tim Boggan Donald Trump nennt, die Wahl gewann, da war er wütend, schockiert - und musste sofort an China denken.

Falls Trump China provoziere und dessen Erzfeind Taiwan umgarne, "wird es Dramen ohne Ende geben", sagt er. Boggan, 86, schulterlanges, graues Haar, war ein talentierter Tischtennisspieler und Sportfunktionär, längst aufgenommen in die Hall of Fame des US-Tischtennisverbandes. Für ihn gehört das alles zusammen: Sport. Politik. China.

Denn fast ein halbes Jahrhundert vor Trumps Wahl schrieb Boggan selbst Weltgeschichte, als das US-Tischtennisteam sich mit der chinesischen Mannschaft anfreundete. Da sprengten ein paar Sportler politische Mauern: China und die USA beendeten eine Eiszeit, wurden Partner.

Die Welt bejubelte damals diese Ping-Pong-Diplomatie, die Boggan als Historiker seines Verbandes miterlebte und beschrieb. Trump aber könnte dieses Erbe beerdigen, fürchtet Boggan. Und erinnert an eine fast märchenhafte Begegnung vor 46 Jahren.

März 1971: Nagoya, Japan

Da stehen sie sich plötzlich gegenüber, die ideologischen Todfeinde, die sie sein müssten. Der Kommunist aus China, akkurat frisiert, strenger Anzug. Und der langhaarige kalifornische Hippie mit dem zu kleinen Schlapphut, geboren im Mutterland des Kapitalismus: oft verpeilt, naiv, nicht selten unter Drogen - und jetzt im falschen Bus.

Im Bus der Chinesen.

Zhuang Zedong, dreifacher Tischtennis-Weltmeister, und US-Juniorenmeister Glenn Cowan starren einander an. Das ganze chinesische Team starrt Cowan an. Was ist passiert?

Glenn Cowan und Zhuang Zedong sind im März 1971 zur Tischtennis-WM in Japan. Nach einem Training verpasst der Amerikaner die Abfahrt seiner Landsleute ins Quartier. Egal, da steht ja noch ein Bus. Doch der ist von den Chinesen, die seit Jahren ihre Sportler abschirmen und die USA wüst beschimpfen. Jemand winkt Cowan zu. Also rein!

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Tischtennis-Diplomatie: Und dann hat es Pong gemacht

Schweigen. Der Amerikaner fragt verlegen nach einem Übersetzer. Dann redet er los:

Ich weiß, all das hier, mein Hut, meine Haare, meine Kleidung, sehen für euch lustig aus. Aber es gibt sehr, sehr viele Menschen, die genauso aussehen und denken wie ich. Wir kennen auch Unterdrückung in unserem Land, und wir kämpfen dagegen an. Wartet nur ab. Bald haben wir die Kontrolle.

So zumindest erzählt es Cowan später Tim Boggan. Und sagt, er habe sich wie ein Revolutionär gefühlt.

Nach China? "Natürlich!"

Auch Zhuang Zedong traut sich etwas, nach minutenlangem Zögern. Er durchsucht seine Tasche nach einem Geschenk. Ein Mao-Anhänger? Ein Fächer? Schließlich übergibt er Cowan eine Seidenmalerei mit einem berühmten Gebirge in Südchina. Der Amerikaner durchwühlt hektisch seine Tasche und murmelt:

Jesus, ich würde dir so gern was geben, aber ich habe nichts!

Cowan präsentiert Zedongs Geschenk
China Pictorial Supplement / ITTF

Cowan präsentiert Zedongs Geschenk

Schnell spricht sich die Irrfahrt herum. Manche vermuten später gar, alles sei von den Chinesen inszeniert gewesen. Jedenfalls kommt es bald zu einem denkwürdigen Interview: Cowan hat ein Gegengeschenk gekauft und übergibt Zedong lächelnd ein T-Shirt mit Friedensfahne und der Aufschrift "Let It Be". Ein Reporter fragt, ob er nach China reisen würde. Cowan zögert, dann sagt er: "Natürlich!"

Natürlich ist zu dieser Zeit nichts an einer Reise nach China natürlich. Wie nervös der erst 18-jährige Cowan ist, gesteht er nach dem Interview Boggan, dem mit 40 Jahren Teamältesten: "Weißt du, wenn die Dinge zu kompliziert werden, projiziere ich mich gern in einen anderen Körper." In diesem Fall in Boggans Körper.

Boggan findet, dass der Satz viel verrät über Cowans Charakter. Über seine Esoterik, Naivität und sein Unvermögen, mit jener Aufmerksamkeit umzugehen, von der er träumt:

Cowan war ein Hippie-Opportunist, der nur so lange der angesagten Drogenszene angehören wollte, wie sie auch ein wenig das Flair von Big Business verströmte. Er hoffte, auf das Cover der "Life" zu kommen. Und er hoffte naiverweise, sich die Rechte zu sichern, um chinesische Tischtennis-Ausrüstung in den USA oder weltweit zu verkaufen.

Durchgebrannt

Es ist gerade Cowans Unbefangenheit, die alles in Bewegung bringt: Gleich nach der WM wird das US-Team tatsächlich nach China eingeladen - und Cowan mit seinen bunten Hemden, den violetten, engen Schlaghosen und seinem Sonnenhut, er ist der Magnet der Medien. Bald benimmt er sich wie ein Superstar, so Boggan:

In der Nacht, bevor wir nach China fuhren, verschwand er plötzlich und machte unseren Team-Kapitän verrückt vor Sorge. Er war bei irgendeinem Mädchen und bat es, ihn in drei Stunden zu wecken, weil er dann nach China müsse.

Cowan genießt den Ruhm und winkt Reportern fröhlich zu, während die anderen 14 Mitglieder des US-Teams am 10. April 1971 eher unsicher die Grenze passieren. Eine Spielerin ist religiös und fürchtet sich vor Maos Atheisten. Eine andere weigert sich, Reiskekse zu essen - aus Angst, vergiftet zu werden.

Cowan an der Grenze
AP

Cowan an der Grenze

Im Zug rollen die Amerikaner durch China, vorbei an riesigen Plakaten, die ihren Präsidenten Nixon zeigen - mit einem Messer im Rücken. Bei einem Bootausflug erzählt ein Chinese, er habe schon mal Amerikaner gesehen: auf dem Schlachtfeld des Koreakrieges. Boggan erinnert sich an ein mulmiges Grundgefühl:

Wir Berühmtheiten waren hier unsichtbar. Wer würde wissen, wo wir sind? Ich beobachtete unseren jungen Spieler John Tannehill mit seinem Buch. Er hielt es vor sich, als ob er lesen würde, aber blätterte nie eine Seite um, schloss nie die Augen.

Mit der Zeit lässt die Anspannung nach. Die Amerikaner besuchen eine Bauernfamilie in Shanghai, spazieren über die chinesische Mauer. Selbst beim Tischtennis zeigen sich die Chinesen friedfertig, so Boggan:

Sie waren uns klar überlegen. Aber damit wir unser Gesicht wahren konnten, waren sie bereit, ganze Spiele abzuschenken. Erst die Freundschaft, dann der Wettkampf, das war ihr Mantra.

Und so kommt es zum großen Auftritt von Glenn Cowan in der Großen Halle des Volkes. Beim Treffen mit Premier Zhou Enlai tragen alle dunkle Anzüge, selbst Cowan ist einigermaßen seriös gekleidet. Und doch aufmüpfig. Er fragt Chinas Staatschef: "Was denken Sie über die Hippie-Bewegung?"

Der 73-Jährige ringt um Worte. "Vielleicht ist die Jugend unzufrieden mit ihrer Situation", das sei aber sicher nur eine "Übergangsphase". Cowan setzt nach und sagt, es sei besser, Menschen nach ihren Ideen als nach dem Aussehen zu beurteilen. Wieder windet sich der Premier etwas ratlos. Boggan schreibt später in der "New York Times":

Er übte keine Kritik, wir konnten jedoch feststellen, dass er lange Haare seiner Jugend nicht empfehlen würde.

Triumphales Nachspiel

Cowans Worten folgt kein Ärger. Sondern der Durchbruch. Nach den Sportlern besuchen Politiker China: Erst sondiert Sicherheitsberater Henry Kissinger im Juni 1971 die Lage, dann besucht Nixon, als erster US-Präsident überhaupt, im Februar 1972 die Volksrepublik. Er spaziert über die chinesische Mauer, plaudert mit Mao und stößt mit Enlai auf die neue Freundschaft an. Danach sagt er:

Das war die Woche, die die Welt verändert hat. (...) In den kommenden Jahren werden wir eine Brücke bauen über die 16.000 Meilen Entfernung und 22 Jahre der Feindschaft, die uns in der Vergangenheit entzweit haben.

1972 besucht die chinesische Nationalmannschaft die USA und trifft Nixon.

Die historische Aussöhnung aber geht auf Kosten Taiwans. Die Inselrepublik, von China als abtrünnige Provinz angesehen, hatte zuvor unter dem Schutz der USA gestanden; 1949 war die von den Kommunisten gestürzte Regierung von China nach Taiwan geflohen. Fortan vertraten sowohl die Kommunisten auf dem Festland als auch die Nationalisten auf Taiwan den Anspruch, ganz China zu vertreten.

Nixons Besuch ändert die Machtverhältnisse dramatisch. Noch im Oktober 1971 verliert Taiwan seine Uno-Mitgliedschaft, die stattdessen Maos Volksrepublik erhält. Dutzende Staaten nehmen diplomatische Beziehungen mit Peking auf. Selbst beim Tischtennis ist nichts wie früher: An internationalen Turnieren kann Taiwan erst gar nicht, später nur unter dem zäh verhandelten Namen "Chinese Taipei" teilnehmen.

Trauriges Nachspiel

Die Ping-Pong-Diplomatie war so erfolgreich, dass die USA und China noch Jahrzehnte später pompös daran erinnern und Hollywood ihr in "Forrest Gump" gar ein filmisches Denkmal setzt. Glenn Cowans Ruhm indes verblasste schnell. Er stürzte sich in Drogen und starb 2004 im Alter von 53 Jahren. Auch sein Freund Zhuang Zedong, später Sportminister Chinas, ist längst verstorben.

So ist Tim Boggan einer der letzten Zeitzeugen dieser Ära. Er befürchtet Schlimmes: Im Wahlkampf hatte Trump wüst gegen China gewettert, nach seinem Sieg mit Taiwans Präsidentin telefoniert - eine gezielte Provokation Pekings. Erst danach schlug er versöhnlichere Töne an.

Am Donnerstag und Freitag besucht Chinas Präsident Xi Jinping Donald Trump. Boggan bleibt pessimistisch: "Wenn Trump jemals stark genug ist, das Erbe der Ping-Pong-Diplomatie zu beenden - was mag er in der Welt danach noch alles beenden?"



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Rainer Liffers, 05.04.2017
1. Kein Grund zum Pessimismus
Ganz im Gegenteil, wage ich jetzt einmal kühn zu behaupten: Trump wird Xi Jinping jede Menge Zugeständnisse machen - vielleicht sogar im südechinesischen Meer -, denn er braucht ihn vorzugsweise als Partner, um das nordkoreanische Regime gewaltsam zu beseitigen. Zumindest aber möchte Trump erreichen, daß die Chinesen sich aus dem kommenden Konflikt heraushalten. Ich glaube, Trump würde sich sehr gerne das eigentliche Ende des Koreakrieges und die Wiedervereinigung Koreas auf die Fahne schreiben - was in der Tat eine beachtliche Leistung wäre.
Helmut Dietrich, 05.04.2017
2. Nixons Besuch
gab sogar den Stoff für eine Oper ab : https://de.wikipedia.org/wiki/Nixon_in_China
Peter Boots, 05.04.2017
3. Eine schoene Geschichte -- und ein schoenes Maerchen.
Im Archiv des US State Department's Archiv gibt es ein Memo von Nixon das er am Tag nach seiner Amtseinfuehrung am 20. Januar 1969 schrieb: man kann 800 Millionen Chinesen nicht ausgrenzen. Nur drei Wochen danach schrieb Kissinger an State, Verteidungsministerium, und CIA, eine Studie zur Annaeherung an China zu erarbeiten. Als Nixon im August 1969 Pakistan besuchte bat er den Praesidenten ueber den Pakistanischen Botschafter heimlich China auszusondieren. Danach gab es Kontakte ueber Botschafter in polen und Pakistan, und zum Anfang von 1970, um China guten Willen zu zeigen, wurden einige oekonomische Restriktionen der US gegen China augehoben. Im Fruehjahr bot China inoffizielle geheime Kontakte zwischen den beiden Staaten an, die aber von den US abgelehnt wurden. In Paris wurde zu Polen und Pakistan ein weiterer geheimer geheimer und inoffizieller indirekter Kontakt aufge nommen. Im Dezember des gleichen Jahres sprach Nixon ueber die Kontakte mit China, ueber die da schon in der Presse berichtet wurde. Der Amerikanische Journalist Edgar Snow interviewte Mao in Beijing am Ende des Jahres 1970, und berichtete in den US dass Mao 'Nixon als Touristen nach China eingeladen habe.' Zeitgleich mit der Einladung des Tischtennis Team's wurde ein Photo von Snow mit Mao von der Parteizeitung People's Daily veroeffentlicht, und dadurch wurde die Chinesische Bevoelkerung zum ersten Mal ueber die Kontakte informiert. Anfang Maerz 1971 sagte Nixon dass er gerne die Beziehungen zu China 'normalisieren moechte.' Waehrend das US Tischtennis Team noch in China war verkuendete Nixon dass Handelsbeziehungen zwischen den US weiter gelockert wurden, und dass Chinesen jezt auch Visas fuer die Einreise nach den US erhalten koennten. Es war also ein gluecklicher Zufall der half die besseren Beziehungen zwischen den US und China zu publizieren. Aber nach den ueber zwei Jahren geheimen Kontakten waere Kissinger sowieso nach Beijing geganngen frueher oder spaeter. Sources: State Department Historian; Nicholas Griffin, 'Ping-pong Diplomacy -- The Secret History Behind the Game That Changed the World.'
Peter Boots, 05.04.2017
4. Dass Trump sich schon nach nicht einmal drei Monaten...
... mit dem schlauen Fuchs Xi Jinping trifft zeigt wie naive und unerfahren er ist, und wie sehr er sich und seine Verhandlungstakticken ueberschetzt. Jetzt muss mann nur abwarten wie weit er von Xi ueber den Tisch gezogen wird.
Thomas Krach, 06.04.2017
5.
Ich glaube nicht, dass Xi Jinping und Donald Trump viel verhandeln werden. Herr Trump kommt an mit "ich will" und "make America great again" und Herr Xi zuckt die Achseln und fragt sich "was willst du dann von mir, i'm not amercia". Trump möchte, dass die Dinge genau so laufen wie er sie haben will. Schon bei seiner Gesundheitsreform und dem partiellen Einreiseverbot ist klar zu erkennen, dass sobald die Themen nicht nach seinen Vorstellungen umgesetzt werden, werden die Projekte im Sande verlaufen. Trump wird nicht mit Xi verhandeln, dass Nordkorea keine Atombombe bekommen darf, sondern er wird dies fordern. Xi wird bluffen und sagen, dass es ihm egal ist ob Kim Jung Un die Bombe hat oder nicht, er würde sie ja nicht Richtung Peking abfeuern. Verhandlungen null, Fortschritt null, Trump null. Und Xi eigentlich auch null, aber dies ist ihm egal, er kann mit dem Status quo besser leben als Trump.
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