Die Chipkarte wird 50 Alles auf eine Karte

Ohne dieses Stück Plastik geht im Alltag wenig, Chipkarten durchdringen unser Leben wie kaum eine andere technische Neuerung. Und wer hat's erfunden? Zwei deutsche Tüftler, anno 1968.

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Jürgen Dethloff hatte eine Vision: Er sah voraus, dass die Menschen statt eines papierenen Personalausweises bald ein fälschungssicheres maschinenlesbares Dokument vorzeigen müssten. Deshalb ersann der gelernte Radiomechaniker zusammen mit seinem Geschäftspartner Helmut Gröttrup, Experte für Raketensteuerung, einen elektronisch auslesbaren Datenspeicher, der in eine Plastikkarte eingebaut werden kann. "Identifikand mit integrierter Schaltung" nannten die beiden Tüftler ihre Erfindung und meldeten sie am 13. September 1968 zum Patent an.

Die Urmutter der Chipkarte war geboren. Es dauerte indes noch fast 14 Jahre, bis das sorgfältig prüfende Deutsche Patentamt den Identifikationsschalter am 1. April 1982 als Patent DE1945777C3 anerkannte.

Die Identifikationsdaten, quasi der Schlüssel oder Ausweis, waren so gespeichert, dass die Informationen "aufgrund der ebenfalls geprüften Abmessungen nicht durch diskrete Bauelemente nachahmbar" waren, wie es in der Patentschrift hieß - eine geniale praktische Anwendung der neuen Halbleitertechnologie. Ein Entwurf sah tatsächlich wie ein Schlüssel aus, mit elektrischen Kontakten an einem Schlüsselbart mit langem dünnen Hals.

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Erfindung der Chipkarte, 1968: Ein Chip wird kommen

Bald setzten das Erfinderduo den Chip auf ein praktischeres Trägermedium: Plastikkarten im schon damals üblichen Kreditkartenformat. Als Zahlungsmittel wurden Kreditkarten noch rein mechanisch gehandhabt: Auf der Vorderseite waren der Name des Kartenbesitzers und die Kartennummer eingeprägt. Legte der Verkäufer die Karte auf einen sogenannten Imprinter, hinterließ sie - ritschratsch - einen Abdruck auf einem Papierbeleg, der dann per Post beim Kreditkarteninstitut zur Abrechnung eingereicht werden musste.

Winzig wie ein Konfettischnipsel

Ein kleiner Fortschritt war der Magnetstreifen aus einer dunkelbraunen Eisenoxidschicht, die auf der Rückseite von Bank- und Kreditkarten aufgebracht wurde. Aber Magnetstreifen können nur wenige Informationen speichern, sie nicht weiterverarbeiten und sind von Betrügern leicht zu manipulieren.

Der in die Plastikkarte eingesetzte Chip hat ein deutlich größeres Speichervolumen und lässt sich besser gegen Eingriffe schützen. Zudem ermöglicht ein Chip mit Mikroprozessor den Informationsaustausch zwischen Nutzern eines verzweigten Netzwerks. Alles passt auf 25 Quadratmillimeter Silizium - so klein und flach wie ein Konfettischnipsel.

Inzwischen durchdringt die Chipkarte unseren Alltag wie keine andere Erfindung der Neuzeit: als Bank- oder Kreditkarte zum Bezahlen oder Geldabheben, als SIM-Karte im Mobiltelefon, als elektronischer Ausweis für den Zugang zum Arbeitsplatz oder das Log-in am PC. Im Autoschlüssel, zur Abrechnung von Mautgebühren, als Ticket für den Skilift, als Schlüssel für Datensignaturen ("digitale Unterschrift") und Kryptografie. Als Gesundheitskarte, als Schlüssel für Abo-Fernsehen, als Transponder unter der Haut von Haustieren. Und der Chip wurde immer kleiner: Die Nano-SIM in einem iPhone misst nur noch wenige Quadratmillimeter.

Die Chipkarte gilt heute als eine der 50 wichtigsten deutschen Erfindungen. Zu ihren Vätern zählen auch Roland Moreno aus Frankreich und der Japaner Kunitaka Arimura. In einem Interview sagte Dethloff über seine Idee und die praktische Nutzanwendung: "Ein erfolgreicher Erfinder ist eigentlich ein Unternehmer, der sich überlegen muss, was der Markt morgen braucht. Denn was heute gebraucht wird, das machen ja in der Regel schon viele." Diese "Sicht in die Zukunft" nenne er Marketing, das aber "in den meisten Firmen eher zu einer Art Vertriebsplanung degeneriert" sei: "Das wirkliche Marketing ist das Vorausahnen und Entwickeln neuer Dienstleistungen oder Produkte."

Prototyp zehn Jahre nach Kartenerfindung

So wurden Jürgen Dethloff und Helmut Gröttrup Wegbereiter der Informationsgesellschaft. Dethloff, 1924 in Stettin geboren, hatte gegen Kriegsende ein Fernstudium in Elektrotechnik absolviert und später die Prüfung zum Radiomechanikermeister abgelegt. Seine 1950 gegründete Firma Dethloff Elektronik stellte Sprech- und Kommandoanlagen für Schiffe her und stattete auch die Privatjacht des steinreichen griechischen Reeders Aristoteles Onassis mit Funk- und Wechselsprechtechnik aus.

Nach dem Verkauf des Unternehmens schloss sich Dethloff 1967 mit Helmut Gröttrup, Jahrgang 1916, zu einer Erfindergemeinschaft zusammen. Gröttrup war nach einem Ingenieurstudium 1940 an die Heeresversuchsanstalt Peenemünde gekommen. Als Assistent Wernher von Brauns entwickelte er das Lenk- und Steuersystem der "V2"-Rakete, mit der das Naziregime den Krieg noch gewinnen wollte. Nach Kriegsende arbeitete Gröttrup zunächst in Bleicherode am Südharz für die sowjetischen Besatzer an V2-Nachbauten; 1946 wurde er in die Sowjetunion verschleppt und wirkte dort bis 1953 am sowjetischen Raketenprogramm mit.

Nach Stalins Tod durfte Gröttrup nach Deutschland zurückkehren. Er wurde bei der Firma Standard Elektrik Lorenz Mitarbeiter des Kybernetikers Karl Steinbuch, mit dem er den Begriff "Informatik" prägte. 1966 meldete Gröttrup einen "Identifikationsschalter" zum Patent an. Damit konnten sich Tankstellenkunden ausweisen und die Zapfsäule zum Betanken freigeben - ein Vorläufer der Chipkarte.

Ab 1970 verlegte sich Gröttrup bei einer Münchner Banknotendruckerei unter anderem auf die Entwicklung von Geldausgabeautomaten und Maschinen zur Echtheitsprüfung von Geldscheinen. Derweil bastelte Dethloff daran, die Fähigkeiten der Chipkarte zu erweitern. 1976 ließ er sich eine "Einrichtung zur Durchführung von Bearbeitungsvorgängen mit wenigstens einem Identifikanden und einer Vorrichtung" patentieren - der sperrige Titel umschrieb eine Chipkarte mit integriertem Prozessor.

Die Gesellschaft für Organisation mit ihrem Geschäftsführer Gröttrup produzierte 1978 in einer Garagenwerkstatt in München-Sendling das erste Funktionsmuster einer Chipkarte. Deren Siegeszug erlebte Gröttrup jedoch nicht mehr; er starb 1981.

Eine Kleinigkeit zu alt für "Jugend forscht"

Der maschinenlesbare Personalausweis, Dethloffs Ursprungsidee, wurde erst 1987 in der Bundesrepublik eingeführt, fast 20 Jahre nach Erfindung der Chipkarte. Datenschutz wurde damals noch hochgehalten. 1983 war eine geplante Volkszählung am breiten Widerstand der Bevölkerung und am Urteil des Bundesverfassungsgerichts gescheitert, das ein "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" einräumte.

Nach langer, heftiger Diskussion setzten sich Polizei und Sicherheitspolitiker mit ihrer Forderung durch, Namen und Geburtsdaten kontrollierter Personen schnell maschinell mit Fahndungslisten abgleichen zu können. Die neue Plastikkennkarte verfügte zunächst jedoch nicht über einen Chip, sondern nur über eine zweizeilige Zone mit einer Buchstaben- und Zahlenkombination, die Automaten lesen konnten.

Auch Dethloff erkannte den Konflikt zwischen der Chipkarte "als Schild des Bürgers zur Bewahrung, ja möglichen Herstellung seiner Anonymität" oder "als einem Instrument der Herrschenden". Deshalb setzte er darauf, Zugriffe auf Karteninhalte technisch missbrauchssicher zu gestalten.

Mehr als 25 Jahre vergingen nach der ersten Patentanmeldung, bis die Chipkarte "die Marktreife erreichte", wie die Fachzeitschrift "À la card" schrieb. 1994 erhielt Dethloff den SmartCard-Preis der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung in Darmstadt. GMD-Laudator Bruno Struif sagte in einer launigen Rede, er könne ihm "leider keinen 'Jugend forscht'-Preis verleihen", weil Dethloff "das zulässige Alter gerade überschritten" habe - da stand der Erfinder kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahres.

An der Hamburger Elbchaussee unterhielt Dethloff lange ein nobles Büro und empfing dort 1994 den SPIEGEL zum Interview für eine Titelgeschichte ("Der Chip-Bürger"). Dethloff sah sich bestätigt: "Die Chipkarte kann zu einem Teil unserer selbst werden." Er starb am Silvestertag 2002 in Hamburg.

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Thomas Hagmann, 13.09.2018
1. Und wer hat's erfunden..?
Nein, nicht die Schweizer, sondern deutsche Ingenieure und visionäre Tüftler. Allerdings im letzten Jahrhundert. 14 Jahre bis zum erteilten Patent...25 Jahre bis zur Marktreife. Selbst für Ideen, die ihrer Zeit deutlich voraus waren, ein Beweis für die Trägheit der deutschen Industrie. Ach so, die mussten ja alle Kräfte auf die stetige Verbesserung des Verbrennungsmotors konzentrieren, während Bill und Steve schon längst auf und davon waren.
Hajo Mück, 14.09.2018
2. Der Erfinder der Chipkarte
Ein interessanter Artikel. Leider weist er drei gravierende Fehler auf. Zum einen war der 50. Jahrestag der Chipkarte bereits am 06.02.2017, also zu Beginn des vorigen Jahres. Der Erfinder der Chipkarte heißt auch nicht Jürgen Dethloff sondern Helmut Gröttrup! Und Helmut Gröttrup war der Mann mit den Visionen, und das nicht nur in Sachen „Chipkarte“. Die erste Patentanmeldung, in der die Chipkarte erstmals beschrieben ist, wurde am 06.02.1967 (gut 18 Monate vor der DE 19 45 777, deren Priorität ist der 13.09.1968) unter der Anmeldenummer DE 1 574 074 beim Deutschen Patentamt eingereicht. Anmelder war die Firma Intelectron Patentverwaltung GmbH, alleiniger Erfinder: Helmut Gröttrup! Diese Anmeldung wurde vom Anmelder aber später aus finanziellen Gründen fallengelassen. Es wurde deshalb darauf auch kein Patent erteilt. Weiterverfolgt wurde dagegen die DE 19 45 777C3 (deutscher Anmeldetag 10.09.1969, Österreichische Priorität 13.09.1968, Erfinder Helmut Gröttrup und Jürgen Dethloff). Diese Anmeldung enthält alle Details der DE 1 574 074 sowie weitere in Beispielen beschriebene Ausführungsformen. An diesen weiteren Ausführungsformen war wohl Jürgen Dethloff beteiligt. Deshalb ist er in dieser späteren Anmeldung wohl auch als Miterfinder benannt. Diese weiteren Ausführungsformen haben aber bis heute in der Praxis noch keine Rolle gespielt. Trotzdem ließ sich Jürgen Dethloff weltweit als Erfinder der Chipkarte feiern. Helmut Gröttrup war zu bescheiden um sich dagegen zu wehren. Stattdessen realisierte er seine Erfindung. Bereits 1979 wurden unter seiner Leitung in der GAO, Gesellschaft für Automation und Organisation mbH, eine Tochter der Firma Giesecke und Devrient GmbH, weltweit die ersten normgerechten Karten mit implantiertem Mikrochip in Serie hergestellt. Damit begann der wirkliche Siegeszug der Chipkarte! Es ist bedauerlich, dass, nachdem sich Jürgen Dethloff über Jahre überall als großen Erfinder der Chipkarte in den Vordergrund schob, selbst das Deutsche Patentamt, das es wohl besser wissen sollte, auch Jürgen Dethloff als „Erfinder“ der Chipkarte der Öffentlichkeit präsentiert. Helmut Gröttrup wird in diesem Zusammenhang nur als „Miterfinder“ genannt. Doch, “ Aus einem Irrtum wird keine Wahrheit, auch wenn man ihn noch so weit verbreitet, und aus einer Wahrheit wird kein Irrtum, selbst wenn kein Mensch sie sieht.“ (Mahadma Gandi). Aber vielleicht lässt sich dieser „Irrtum“, anhand der Fakten, nach dem 50. Jahrestag der Erfindung der Chipkarte nun doch noch korrigieren?
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