Fotograf Stefan Moses Chronist der Bundesrepublik

Kanzler, Trinker, Rollmopspackerinnen - Stefan Moses hat auf seinen Bildern die vielfältigen Gesichter der deutschen Nachkriegsgesellschaft festgehalten. Eine Ausstellung in Berlin würdigt den Ausnahmefotografen.

Stefan Moses/ Elsa Bechteler-Moses

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Zur Person
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    Stefan Moses kam 1928 in Liegnitz/Schlesien zur Welt. 1944 wurde der im Nazi-Jargon als "Halbjude" titulierte Teenager im Zwangsarbeiterlager Ostlinde interniert. Moses gelang die Flucht, 1950 zog er nach München. Mit seinen Bildreportagen und Porträts fing er das Leben in der deutschen Nachkriegszeit ein. "Meine Aufgabe ist eben, die Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen", sagte der Fotograf. Moses starb 2018.

Die letzte Wiesn-Maß hat ihn umgehauen. Sternhagelvoll liegt ein Mann auf dem Rasen, alle Viere von sich gestreckt. Eine Frau im Tellerrock beugt sich neugierig über ihn, vorsichtshalber aus sicherem Abstand.

Im Hintergrund stehen Gruppen mit Oktoberfestbesuchern. Schaulustige, die ihre Handtaschen wie Schutzschilde vor dem Körper tragen und "Igitt" zu denken scheinen. Wie gut es sich doch anfühlt, alles unter Kontrolle zu haben. Stefan Moses, einer der bekanntesten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit, hat der Gesellschaft schonungslos und voller Ironie den Spiegel vorgehalten.

Fotostrecke

31  Bilder
Stefan Moses: "Die Leute tanzen mir auf dem Kopf herum"

Seit den Fünfzigerjahren war er mit seiner Kamera unterwegs, durch Deutschland, Europa und andere Kontinente. Fremdes wirkt bei ihm vertraut, vermeintlich Bekanntes skurril. So wie die drei Frauen, die irgendwo in der jungen Bundesrepublik nebeneinander beim Friseur sitzen.

Jede für sich blättern sie in einem Magazin, um die Wartezeit zu überbrücken. Sie schauen sich nicht an und reden nicht miteinander. Das liegt vermutlich auch an den sperrigen Trockenhauben, die aus einer anderen Galaxie zu stammen scheinen. Die Menschen darunter mutieren zu wunderlichen Wesen aus dem Weltraum.

Ebenfalls in den Sechzigerjahren entstand das Foto eines jungen Mannes, der sich auf einem Campingplatz vor seinem Zelt auf der Luftmatratze aalt. Wo ist er wohl in seinen Gedanken, vielleicht an einem fernen Strand?

Nebenan auf der Leine hängt fein säuberlich Wäsche zum Trocknen, wie im Garten hinter einem x-beliebigen Reihenhaus in einer spießigen Vorstadtsiedlung. Dahinter parken Autos. In einem dieser Kleinwagen, Statussymbole in einem aufstrebenden Wirtschaftswunderland, wird er von dieser Auszeit bald in den Alltag zurückkehren.

"Meine Fotografien sollen stören"

"Für mich ist Deutschland genau so exotisch wie Afghanistan oder Paraguay, überall unerforschte Gebiete", sagte Moses einmal. Bilder, in denen man es sich bequem machen könne wie in einem weichen Sessel, wollte er nicht zeigen. "Meine Fotografien sollen stören."

Ungewöhnlich sehen etwa die reiferen Damen in London aus, die in Schlafsäcken am Straßenrand unter einem Baum ausharren. Sie feiern beileibe keine Pyjama-Party unter freiem Himmel, wie es vielleicht ihre Enkel tun würden. Stattdessen warten sie mit Fotoapparaten bewaffnet darauf, dass die britische Queen auf ihrem Pferd vorbeireitet.

Moses, der im Februar 2018 in München starb, hat sich selbst gern als "Menschenfotograf" charakterisiert. Spielende Kinder in Jerusalem oder ein junger Schuhputzer in New York interessierten ihnen genauso wie Willy Brandt oder Wagner-Verehrerinnen in Bayreuth.

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Auf seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen hat er Prominente wie Normalbürger eindrucksvoll porträtiert. "Farbe ersäuft einen ja!", sagte er 2015 der "Mittelbayerischen Zeitung". Moses: "Die Gefahr ist groß, eines Tages werden all diese bunten Bilder uns überschwemmen. Farbe vergeht! Schwarz-Weiß besteht!"

"Deutschland ist das interessanteste Land"

Wie in Stein gemeißelt erscheint das unverkennbare Profil des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der mit gefalteten Händen eine Fronleichnamsprozession in Bonn beobachtet. Der Schauspieler Curt Bois steht mit absichtlich verrutschter Brille vor einem Baum, während der Bildhauer Bernhard Bleeker neben den Kunstwerken in seinem Atelier selbst wie eine Statue erscheint.

Drei Frauen aus dem Nordseeort Büsum, die in einer Fischfabrik arbeiten, grinsen in die Kamera. Zwei von ihnen halten Heringe in der Hand, die dritte umklammert einen Behälter mit Gewürzgurken. Wie viele andere namenlose Individuen hat Moses sie direkt von der Arbeit weggeholt und vor einem grauen Filzvorhang abgelichtet.

Frischer Fisch: Büsumer Rollmopspackerinnen (1962/1964)
Stefan Moses/ Elsa Bechteler-Moses/ DHM

Frischer Fisch: Büsumer Rollmopspackerinnen (1962/1964)

"Meine Aufgabe ist eben, die Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen", bekannte er. Sein großes Projekt, die Gesellschaft der Bundesrepublik quer durch alle Berufsgruppen und sozialen Schichten zu porträtieren, verfolgte er zunächst im Westen, nach der Wende auch im Osten. "Deutschland ist eigentlich das interessanteste Land", sagte er in einem Fernsehinterview des Bayerischen Rundfunks. "Und die Deutschen, die Leute sind auch wahnsinnig komisch."

Flucht aus dem Zwangsarbeiterlager

Dabei hatte Moses in der NS-Zeit wegen seiner jüdischen Herkunft Ausgrenzung und Verfolgung erlebt: Der 1928 in Liegnitz, Schlesien, geborene Anwaltssohn durfte ab 1943 nicht mehr die Schule besuchen; im Frühjahr 1944 wurde Moses ins Zwangsarbeiterlager Ostlinde deportiert. Im Februar 1945 gelang dem damals 16-Jährigen die Flucht.

Er beendete seine im Krieg begonnene Lehre bei der berühmten Kinderfotografin Grete Bodlée und arbeitete zunächst als Bühnenfotograf in Weimar, später als Fotoreporter für Medien wie "Neue Zeitung" und "Revue", SPIEGEL, "Stern" und "Zeit". Moses verharrte im Land der Täter, obwohl er auch hätte gehen können: Ein Onkel hatte seine Ausreise in die USA bereits vorbereitet.

Ausstellungshinweis

"Ich wollte endlich das Land und die Menschen wirklich kennenlernen, die mit mir den Krieg überlebt hatten", sagte Moses 2002 der "Welt am Sonntag". Es war die "Neugier auf alles Kommende", die ihn bleiben ließ: "Natürlich waren wir alle voller Vorfreuden und Hoffnungen auf neue Freiheiten, neues Leben, Demokratie und neues Glück."

Was zählt, ist der flüchtige Moment

Anders als sein berühmter französischer Kollege Henri Cartier-Bresson wartete Moses beim Fotografieren nicht auf den "entscheidenden Augenblick". Er drückte auf den Auslöser, um einen "flüchtigen Moment" zu erfassen. Seine Fotos begriff er nicht als Einzelbilder, sondern als fließende Bilderfolgen. Manchmal entstand eine Aufnahme erst dann, wenn der Porträtierte dachte, es sei schon alles vorbei.

Der Fotograf empfand seine Arbeit als schwieriger, als es Außenstehende erahnen konnten. "Die Leute tanzen mir auf dem Kopf herum. Sie machen, was sie wollen", bekannte er nicht ohne Ironie. "Ich komm' ja kaum zum Fotografieren. Die reden so viel, dass man völlig besoffen wird." Nach ein paar Aufnahmen, so seine Erfahrung, sei die Zeit um. "Die Leute müssen dann aufs Klo oder in die Küche oder in den Beruf zurück. Es ist ein spannender und ein mühseliger Beruf", so Moses.

In einem Gedicht wünschte sich der Fotograf einmal: "Ich möchte gern im Stehen sterben / und gleich darauf zur Buche werden." Den Wunsch verband er mit der Bitte an die Erben, ihn auch tüchtig zu gießen. Der große Chronist der Bundesrepublik wurde 89 Jahre alt.

insgesamt 5 Beiträge
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Daniel Apostol, 31.01.2019
1. interessante Bilder, z.T. irritierende Beschreibungen
1. Die Trockenhauben sind nicht nur sperrig, sondern so laut, dass man meint in einem Windkanal zu sitzen (was man ja auch irgendwie tut), daher keine grosse Gesprächigkeit. Man könnte meinen der Autor war in seinem Leben noch nie in einem Friseursalon 2. Pelz hat nichts damit zu tun, "tote Tiere spazieren zu tragen". In vielen Ländern ist es noch völlig normal Pelz zu tragen, und dass das ein Thema der politischen Korrektheit wurde, und nicht der eigenen freien Entscheidung wie man sein Geld ausgeben will, ist bezeichnet für den PC Terror heutzutage. Machen Sie auch wegen Lederschuhen so ein Theater? 3. Die Frau mit dem Hut probiert gerade einen neuen Hut an und sieht sich im Spiegel dabei. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie man dieses offensichtliche Geschehen so angestrengt fehlinterpretieren kann. aber wie gesagt, sehr interessante Zeitkapseln aus der BRD.
Jens Habermann, 31.01.2019
2. Foto 11
Warum dieses Bild einer offensichtlich größeren Burschenschaftsfeier auf ein "Saufgelage" schließen lässt oder ob es sich tatsächlich um eine Burschenschaft handelt, erschließt sich mir nicht. Ich vermute, der Kommentator hat einfach nur k. A. und dafür mehr Vorurteile.
Thilo Lambracht, 31.01.2019
3. Bildunterschriften leider mal wieder zwangslustig und wissensfrei
Immer wieder ist in der Rubrik "eines tages" ein geradezu zwanghaft erscheinende Flapsigkeit und Ungenauigkeit in Details zu erleben. Liegt es daran, dass "freie" Journalisten die Texte schreiben? In diesem Fall eine Musikjournalistin. Oder glaubt die Dame, sich an Publikum andienen zu müssen, welches keine Fähigkeit mehr hat, historische Dinge einzuordnen? Oder in dem konkreten Fall einer Veranstaltung mit Verbindungsstudenten (zu erkennen an der Kopfbedeckung). Wie kommt die Journalistin ohne weiteres Wissen darauf, es handele sich um eine "Burschenschaft"? Es könnte auch jede andere Ausprägung von Studentenverbindung sein, z.B. Corps, Landsmannschaften, ect. Schade, denn die Ausstellung werde ich mir in Berlin sicherlich ansehen.
Henri Henri Leuzinger, 01.02.2019
4. fotografische Hommage
Eines der schönsten Fotobücher hat Stefan Moses mit "Manuel" geschaffen, eine Art fotografische Familienchronik, die dank seiner prägnanten Bildsprache und seinem Einfühlungsvermögen zu einer eigentlichen Hommage an die Familie geworden ist, ein zeitloses Meisterwerk! Henri Leuzinger
tatibcn, 02.02.2019
5. Bitter
Große Fotografie. Beinahe kaputt gemacht durch zutiefst kulturlose, pseudo-humoristische Bildunterschriften. Nach 14 Bildern brach ich verärgert ab. Es gibt so viele hervorragende Journalisten, die mit Herz, Wissen und Seele arbeiten wollen. Bitter, dass dieser Job bei SPON nicht nach Qualifikation vergeben wurde. Nun - ich radle die Woche rüber und schaue mir die Arbeiten unkommentiert an.
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