Altmetall auf Reisen Die Tigerente ist gelandet

Die gelb-schwarze Ente trug vier junge Heidelberger bis nach Sibirien, dann drohte die Verschrottung. Nach einem Hilferuf hat der Auto-Veteran jetzt ein neues Zuhause.

Michael Gallner

Mit zwei Enten machten wir uns 2004 zu viert auf eine große Reise: quer durch Osteuropa, durch Russland, bis zum Baikalsee und zurück. Es waren sechs Monate mit vielen schönen, aufregenden Momenten und ein paar Reparaturtagen, aber die Autos ließen uns nicht im Stich. Erst zurück in Deutschland hörte der Motor der grünen Ente auf zu tuckern, sie endete als Teilespender.

Die gelb-schwarze Ente, deutlich robuster, fuhr noch einige Jahre weiter. Bis mein Vater sie in seiner Garage aufnahm. Aus den geplanten ein, zwei Wintern wurden elf Jahre. Für Ende 2018 stellte er uns ein Ultimatum: Er braucht Platz, die inzwischen rostige Tigerente muss bis Silvester raus.

"Wer nimmt unsere Ente?", fragten wir Mitte Dezember auf einestages. Rund 100 Soforthelfer und Soforthelferinnen meldeten sich binnen weniger Tage. Wir waren begeistert - mit so vielen Zuschriften hatten wir nicht gerechnet.

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Erst Sibirien, dann Museum: Ente gut, alles gut

Toll war etwa die Mail von Charlotte, die uns ein Foto ihrer Scheune in Cata (Rumänien) schickte und dazu Bilder der möglichen Mitbewohner: ein Hase, eine Ziege, ein Hund, zwei Katzen. Auch aus Australien meldete sich ein Leser: "Ich habe ein Zuhause für eure Ente. Meine Garage steht in Adelaide!" So groß der Reiz war, den Job zu kündigen, die Ente fitzumachen und wieder loszufahren, wir lehnten die Angebote aus dem Ausland wehmütig ab.

Bestechung mit den Lieblingsplätzchen

Es hatten sich ja auch viele Entenliebhaber aus Deutschland gemeldet. Torsten bot einen Platz in seinem Düsseldorfer Schloss an, Josch eine Garage bei seiner Mutter. Besonders schön fanden wir die Idee von Sabine: "Tigerenten tragen zur Genesung bei. Am besten aufgehoben wäre sie bis zur nächsten Reise in einem Schaukasten vor der Heidelberger Kinderklinik."

Mehrfach schrieben uns Leser vom PS-Speicher, einem Mobilitäts-Museum im niedersächsischen Einbeck mit Autos und Motorrädern. Die Einbecker Hallen beherbergen die weltgrößte Sammlung historischer Klein- und Kleinstwagen, lasen wir bei Wikipedia. Und Karl-Heinz Rehkopf, der heute 82-jährige Initiator des Museums, soll als Zwölfjähriger in einem Opel P4 die Dorfstraße herauf- und heruntergefahren sein, sogar der Dorfpolizist drückte beide Augen zu.

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Tigerente auf Reisen: Oh, wie schön ist Sibirien

Uns gefielen die Reiselust des jungen Rehkopf und die Idee des Museums, so entschieden wir uns für den PS-Speicher als neues Domizil. Ich schickte meinem Vater seine Lieblingsplätzchen, handelte eine letzte Zehn-Tages-Frist heraus und fuhr am Abend vor der Abholung zu meinen Eltern, um mit Micha die Tigerente für den Transport vorzubereiten.

Ein Fernsehredakteur des SWR wollte dabei sein und klingelte kurz nach meiner Ankunft im Elternhaus. Vorsichtig erkundigte er sich nach meinem Vater, immerhin war es schon 23.30 Uhr. Ich sagte: "Wenn er mit dem Luftgewehr aus dem Fenster ballert, dann schläft er noch nicht" - Scherz, später brachte mein Vater uns Bier nach draußen.

Tigerente neben Sahara-Ente

Als der Redakteur ihn fragte, was er damals dachte, als sein Sohn diese irrwitzige Reise machen wollte, sprach er souverän von Abnabelung und Weltentdeckung. Damals meldete ich mich nicht oft, eine Postkarte musste für ein paar Wochen reichen, aber Vorwürfe bekam ich deswegen nie zu hören.

Am Donnerstag, 11. Januar, wurde die Ente abgeholt, tags darauf schoben wir sie durch den Haupteingang des Speichers. Auch Daniel D. aus Berlin war gekommen. Als einziger Reisegefährte fehlte Daniel S., der als Lehrer eine Konferenz nicht schwänzen konnte.

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Autolegende Citroën 2CV: Die Ente feiert Geburtstag

Redakteure von Lokalzeitungen und zwei Fernsehteams (hier die Beiträge vom NDR und von Sat.1) hielten die Ankunft der Ente fest. Das erinnerte uns an Stopps in den großen, sibirischen Städten: Auch auf unserer Reise durch Russland hatten uns regelmäßig Kamerateams interviewt. Heute ist unsere Tigerente verrostet, die Sitze riechen nach feuchter Garage, aber eine Rampensau ist sie noch immer, und ein Stück Automobilgeschichte ist so ein Citroën 2CV sowieso.

Karl-Heinz Rehkopf sagte vor versammelter Presse, unserer Tigerente werde es in einer Halle neben einer Sahara-Ente gut haben. Ich erklärte, warum auf dem Auto so viele Unterschriften, Merksprüche und Zitate stehen - Menschen, die der Ente und uns auf der Reise wohlgesonnen waren, durften signieren. Herr Rehkopf schrieb per Edding auf den linken Vorderscheinwerfer: "Ich verstehe, dass er im PS.Speicher stehen möchte."

In 30 Jahren geht's wieder los

Ein Gang durch die Hallen erklärt das: Mehr als 2500 Oldtimer sind dort versammelt, eine schwer fassbare Zahl. Das Licht geht an, man sieht Hunderte von Motorrädern oder Automobilen, ebenso im Stockwerk darüber. Mit ihren skurrilen Designs leisten sie jetzt unserer Ente - Rehkopf nannte sie Erpel - Gesellschaft, ebenso Ausstellungsstücke wie das BMW-Motorrad, mit dem Jutta Kleinschmidt an der Rallye Paris-Kapstadt teilnahm, oder das vegetative Wrack eines NSU Prinz, der mit dem Moorboden verwachsen war und so auch ausgestellt ist.

Am Abend setzten wir uns zu dritt an eine Bar, tranken Ingwerschnaps und planten unsere Reise in 30 Jahren. Denn, so der Vorsatz, kurz nach Renteneintritt wollen wir den Trip nach Sibirien noch einmal machen. Wenn dann einer von uns über Ischiasschmerzen oder Inkontinenz klagt, wird er trotzdem mitgenommen.

Wir redeten auch über prominente Hallengenossen der Tigerente - wie den DeLorean, dieses nordirische Coupé mit den schicken Flügeltüren, das man aus dem Achtzigerjahre-Film "Zurück in die Zukunft" kennt. Der DeLorean stand in der museumseigenen Werkstatt. Dort hatten kurz zuvor Mechaniker unsere Ente durchgecheckt.

"Sie wird irgendwann auch auf der Leinwand zu sehen sein, das ist mal sicher", sagte einer von uns. Wir prosteten einander zu. Ganz bestimmt!

insgesamt 7 Beiträge
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IchnixNamen Preisgeben, 16.01.2019
1.
Toller Reisebericht und es wurde am Ende des Artikels nicht mal versucht irgendein Bildband oder Reisetagebuch zu verkaufen weswegen dieser Reisebericht mitsamt den tollen Bildern meine No.1 hier auf dem SpOn bis jetzt ist.
Kurt-Patrik Beckmann, 16.01.2019
2. Es war interessant und lesenwert und unterhaltsam
über die Reise zu lesen. Wenn denn das ganze in ca. 15 - 30* Jahren wiederholt werden soll, dann hoffe ich doch das die Protagonisten an der Ente bitte schön auch selbst Hand anlegen damit das schaukelige Franzosengestell wieder ein neuen Nutzwert erhält oder sollen das andere für die Reisetruppe machen. Das Autochen sieht schon so recht verlebt aus. Das Gerät braucht jetzt fachkundige Pflege, also ran an's Blech und bitte macht daraus einen Blog, nach Jay Leno sind nämlich echte Schrauber die coolsten Typen auf der Welt. * Das Verlangen die coolsten Sachen aus der Jugendzeit zu wiederholen setzt nach meiner Beobachtung früher ein, so mit Mitte 40 und dann potentiell steigernd, der Peak ist dann zw 50 - 55 wenn mam nicht schon vorher wieder mit dem Unsinn von damals angefangen hat. Wenn man es schafft bis 55 seinen Trieben nicht nachzugehen, dann wird es nichts mehr, dann ist an bereits zu bequem oder zu fett geworden. .
Markus Bahler, 16.01.2019
3. den
Artikel gab es doch schonmal. Wird jetzt hier zum Jahresanfang alles alte wieder neu aufgetischt?
Mey Mer, 16.01.2019
4. Schöne Geschichte...
... schönes Auto, schönes Museum
Stefan Müller, 17.01.2019
5. Von welchem Jahr ...
... ist in dem Artikel die Rede? "Am Donnerstag, 11. Januar, wurde die Ente abgeholt, ...." Dieses Jahr (2019) fiel der 11. Januar allerdings auf einen Freitag. Ich weiß es noch, als ob es letzte Woche gewesen wäre....
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