Citroën Typ H Die Dauerwelle

Citroën Typ H: Die Dauerwelle Fotos

Was den Deutschen der VW Bus, ist den Franzosen der Citroën Typ H. Der Wellblech-Transporter hat nicht nur das französische Wirtschaftsleben geprägt, sondern auch die Bauart des modernen Kastenwagens. Im April 2007 wurde er 60 und dabei nicht seinen Hauch von Liberté, Egalité und Banalité des französischen Landlebens verloren.

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Er hat schon bessere Tage gesehen. Doch dass der Motor röchelt wie ein rachitischer Kettenraucher, der taubengraue Lack nicht mehr ganz frisch ist und ihm kürzlich sogar jemand den Doppelwinkel vom Kühler geklaut hat, tut dem Charme dieses ungewöhnlichen Testwagens keinen Abbruch. Endlich mal keine Fahrt in einem sterilen Neuwagen, sondern eine Spritztour mit dem Citroën Typ H, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert und es als Wellblechgarage auf Rädern zu ähnlicher Berühmtheit brachte wie der urtümliche VW Bus aus Wolfsburg oder die dreirädrige Ape aus Italien.

Betagten Nutzfahrzeugen gilt zwar längst nicht die gleiche Aufmerksamkeit, mit der Sammler und Fans etwa klassischen Sportwagen begegnen. Doch erfreut sich der charmante Kastenwagen durchaus einer gewissen Beliebtheit. Schließlich gilt er Technik-Historikern als Wegbereiter einer Bauform, die mit Frontmotor, Frontantrieb, niedrigem Rahmen und selbsttragender Karosserie beim Transporter noch heute Standard ist. Allen anderen ist er Anlass zu Urlaubserinnerungen an provencalische Wochenmärkte, bretonische Campingplätze oder atlantische Strandpromenaden. Denn ein Blick genügt, und schon spüren frankophile Zeitgenossen den Hauch von Liberté, Egalité und Banalité des französischen Landlebens und tauchen ein in die schwarz-weiße Welt von Jean Gabin oder Inspektor Maigret.

Der letzte Typ H lief nach einer ungewöhnlich langen Produktionszeit von mehr als 30 Jahren im Dezember 1981 vom Band. Seither halten einige Sammler dem Transporter die Treue und sein Ansehen in Ehren. Alleine in Deutschland, schätzt Volker Schäfer, der in seiner Werkstatt in Bad Vilbel fast ausschließlich Citroëns repariert, den Bestand auf etwa 500 Autos. Und anders als viele Klassiker aus der Pkw-Welt ist der nur rund 500.000 mal gebaute Kastenwagen ein überraschend günstiges Vergnügen: "Natürlich sind die Preise nach oben offen, und für ein perfekt restauriertes Exemplar kann man durchaus 10.000 Euro oder mehr kalkulieren; aber der klassische Scheunenfund ist schon für wenige hundert Euro zu haben", sagt Schäfer.

Der Motor verbreitet Hitze und Ölgeruch im Innenraum

Im Hier und Heute ist die Begegnung mit dem Jubilar eine schwere Prüfung. "Von modernen Autos sind wir ziemlich verwöhnt", erklärt Schäfer und hält freundlich die entgegen der Fahrtrichtung angeschlagene Tür eines Typ H aus dem Jahr 1968 auf. Dass Motor und Getriebe offen zwischen den Sitzen hervorlugen, möge den Testfahrer ebenso wenig stören wie der latente Geruch nach heißem Öl und die schnell aufsteigende Hitze im Fußraum. Und auch dass der Wagen seit einer tragischen Fehlbetankung im letzten Herbst noch immer Startprobleme hat, sollte man dem Veteranen nachsehen, bittet Schäfer.

Also versuchen wir unser Glück, zwängen uns in das spartanische Cockpit, in dem es eigentlich nur ein kleines Kombiinstrument und ein großes Lenkrad gibt, und lassen den mageren 1,6-Liter-Motor an. Er bringt es mühsam auf 40 PS und laut Schäfer mit viel Anlauf "auf gerade eben 100 km/h". Mit etwas Übung, Geschick und Glück findet man bald den ersten von drei Gängen, auch wenn man ihn kaum hinten rechts gesucht hätte, kurbelt mit der Kraft eines imaginären Weinbauern aus dem Burgund am spindeldürren Lenkrad und startet zu einer Fahrt in die Vergangenheit, die man - ein wenig Baguette, Brie und Beaujolais an Bord vorausgesetzt - am liebsten zur Tour de France ausdehnen würde. Denn auch wenn man in der engen Kabine kaum sein eigenes Wort versteht und der Begriff Fahrkomfort hier nun wirklich keinen Platz mehr findet, ist jeder Meter der Zeitreise ein Vergnügen.

Revolutionäres Konstruktionsprinzip

Das für damalige Verhältnisse revolutionäre Konstruktionsprinzip des Typ H geht auf den Citroën TUB zurück, den die Franzosen bereits 1939 auf die Räder stellten. Dann kam der Krieg dem TUB in die Quere, so dass die Produktion nach nicht einmal 2000 Exemplaren schon wieder eingestellt werden musste. 1947 dann erfolgte der Neustart mit dem verbesserten Typ H, und der gilt nun als Urvater des modernen Kastenwagens. Er wurde im Herbst auf dem Pariser Salon präsentiert und brachte seit dem Frühjahr 1948 das französische Wirtschaftsleben ins Rollen.

Als größten Vorteil nennt Citroën die preiswerte Variantenvielfalt: Weil keine Kardanwelle nach hinten nötig war, konnten die Ingenieure nicht nur einen flachen Ladeboden verwirklichen, sondern auch bei allen Versionen denselben Antriebsstrang verwenden. Der im Geist von Flugzeugen wie der "Tante Ju" zwecks Gewichtseinsparung und Stabilität aus Wellblech konstruierte Aufbau war "Meterware".

So konnten der Radstand um 60, 100 oder 120 und der hintere Überhang noch einmal um 60 Zentimeter verlängert werden. Wer dann auch noch ein Hochdach dazubestellte, hatte fast 17 statt sieben Kubikmeter Stauraum, der durch eine Schiebetür und die dreigeteilte Heckklappe leicht zu beladen war. Und weil der Typ H häufig als Kaufladen oder Imbissbude unterwegs war, gab es nicht nur eine ausklappbare Theke mit Vordach, sondern im Handschuhfach sogar eine eingebaute Kasse.

Tom Grünweg

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 09.04.2007

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