Mussolini-Freundin Clara Petacci Treu bis in den Tod

Devotes Dummchen oder Churchills Spionin? Keine Geliebte hielt es länger mit Mussolini aus als Clara Petacci. In ihrem Tagebuch beschrieb sie jede Äußerung, jeden Schritt des "Duce". Wer das Paar vor 70 Jahren ermorden ließ, bleibt ein Rätsel.

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Selbst als Tote zog die Römerin noch neidische Blicke auf sich. "Schau an, was für schöne Beine die Petacci doch hatte!", soll eine Dame ausgerufen haben, die am Arm ihres Ehemannes heraneilte, um dem makaberen Spektakel beizuwohnen. Die Schaulustige, die da am 29. April 1945 auf den Mailänder Piazzale Loreto lief, hatte genug Zeit, um die körperlichen Vorzüge der Clara Petacci gründlich zu inspizieren: Kopfüber baumelte deren lebloser Körper über der johlenden Menschenmenge, der Rock war bis weit über die Knie hinaufgerutscht.

Links von ihr, ebenfalls mit den Füßen nach oben an das Dachgebälk der Esso-Tankstelle geknüpft, hing der Mann, dem Clara Petacci bis in den Tod gefolgt war: Benito Mussolini. Statt ihn wie vereinbart an die Alliierten auszuliefern, hatten Widerstandskämpfer den "Duce" und seine Geliebte am 28. April 1945 am Comer See erschossen, die Leichen nach Mailand transportiert und dort öffentlich zur Schau gestellt.

Seither tobt ein Historikerstreit um die Frage, wer Mussolini wann und wo genau ermorden ließ. Wer indes die Frau an seiner Seite war, schien schnell klar: ein devotes Dummchen, wie so viele Italienerinnen vom ach so virilen "Duce" betört. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Und basta.

Basta? Mitnichten. Petacci war nicht nur die hörige Kurtisane, als die sie Claudia Cardinale im schwülstigen Melodram "Claretta" von 1984 verkörperte. Sie war eine glühende Faschistin, eine akribische Chronistin des "Duce" - und zum Schluss seine energischste Antreiberin. Selbst wenn sich die Liebesgeschichte zwischen dem potenten Polit-Protz und dem 29 Jahre jüngeren Arzttöchterchen zunächst entspann wie in einem Groschenroman.

"Täglich eine Frau, jeden Nachmittag"

Bereits als junges Mädchen soll Claretta ihren "Duce" angehimmelt haben wie einen Filmstar. Mit 14 schrieb sie ihm, dem "göttlichen Wesen", einen ersten Liebesbrief. Am 24. April 1932, einem strahlenden Sonntag, kreuzten sich die Wege der beiden auf der Straße zum Strand von Ostia: Mit hoher Geschwindigkeit überholte der rote Alfa Romeo Mussolinis den Lancia der Familie Petacci. "Es ist der Duce!", soll Claretta gerufen - und dem Fahrer befohlen haben, sich an die Fersen Mussolinis zu heften.

In Ostia kamen die beiden, der 48-jährige Faschistenführer und die 20-jährige Brünette, ins Gespräch. Die aufkeimende Vater-Tochter-Freundschaft endete schon bald im Bett. Petacci schickte ihren frisch gebackenen Ehemann in die Wüste und schlüpfte fortan durch einen Seiteneingang in den Palazzo Venezia, wann immer es den "Duce" nach ihr verlangte. Und das kam häufig vor: "Täglich eine Frau, jeden Nachmittag" ließ sich der Schwerenöter laut seinem Kammerdiener Quinto Navarra zuführen.

Dass die Römerin ihren "Ben" jedoch nicht nur mit Ehefrau und fünf Kindern, sondern auch zahlreichen anderen Konkubinen teilen musste, löste bei Petacci eine rasende Eifersucht aus. Davon, ebenso wie von dem obsessiven Liebesspiel mit Mussolini, zeugen ihre 2009 und 2011 veröffentlichten Tagebücher.

Und sie erzählen doch noch viel mehr: Entkernt man die Intimbekenntnisse der Petacci von all dem heißen Bettgeflüster, lässt man beiseite, dass der "Duce" beim Quickie mitunter die Stiefel anbehielt, kommt eine zwar verblendete, aber dennoch politisch versierte Beobachterin zum Vorschein. Eine Frau, die darauf bedacht war, jede Äußerung, jeden Schritt Mussolinis akribisch für die Nachwelt festzuhalten.

Träumer, Hanswurst, Kadaver

Daraus zu schließen, dass Clara Petacci eine englische Spionin gewesen sei, wie dies Neffe Ferdinando in Vor- und Nachwort zu den Tagebüchern suggeriert, ist fragwürdig. Doch die Besessenheit der Geliebten, über jegliche Regung des "Duce" ein schriftliches Zeugnis abzulegen, ist schon bemerkenswert. Und sie schien ebenso stark wie ihre emotionale Leidenschaft für Mussolini zu sein.

Teil zwei des Petacci-Tagebuchs bricht am 11. Dezember 1940 ab - keine drei Jahre später wurde der "Duce" abgesetzt und verhaftet. Seine Widersacher hielten ihn in den Abruzzen gefangen, wo er von den Deutschen befreit und in Salò am Gardasee als Marionette Hitlers instrumentalisiert wurde.

318 Briefe verfasste ein mehr und mehr verzweifelter Mussolini während der 600 Tage andauernden "Repubblica di Salò" an seine Claretta. Als "gestrandeten Träumer" und "Hanswurst", "lächerliche Persönlichkeit" und "lebenden Kadaver" bezeichnete sich der Prahlhans von einst: ein larmoyanter Versager in den Klauen der Deutschen, von "unendlicher Langeweile" gepeinigt. Am Leben schienen ihn, so lesen sich die Briefe, nur noch der Gedanke an seine Konkubine zu erhalten.

Die war nach dem Sturz des "Duce" ebenfalls verhaftet worden, kam sechs Wochen später jedoch wieder frei. Die Familie Petacci, die von der Liaison der Römerin mit Mussolini sozial enorm profitiert hatte, floh in den faschistisch regierten Norden des Landes. Unter den wachsamen Augen der SS bezog Mussolinis Geliebte eine Villa in Gardone, unweit der Residenz des geschassten Diktators. Und setzte alles daran, ihren depressiven Ben wieder aufzurichten.

"Denk dran: Du bist der Duce"

In einem Brief vom 21. April 1944 etwa beschwor Petacci ihn, selbstbewusster gegenüber Hitler aufzutreten: "Du musst auf Dein uneingeschränktes Recht pochen, die internen italienischen Fragen alleine, ohne Kontrolle zu entscheiden." Später schrieb sie Mussolini: "Mein Lieber, Deine Schwäche Männern gegenüber, die Dir unterlegen sind, glüht in mir und verletzt mich. Denk dran: Du bist der Duce, der Capo, wenn auch nur von wenigen, wenn auch nur auf einem Quadratmeter Fläche."

Wieder und wieder forderte Petacci ihren Geliebten auf, nicht zu verzagen, so auch in einem Brief vom 5. Juni 1944: "Nur Mut, Ben, nur Mut. Solange Du da bist, ist Italien der Sieg sicher. "Doch so resolut die Römerin den politischen Zwerg auch anstachelte: Die Kontrolle über Italien war ihm längst entglitten.

Am Abend des 25. April 1945 versuchte Mussolini, gemeinsam mit Petacci sowie einem Tross an Getreuen, von Mailand aus Richtung Norden zu fliehen. Bei Dongo am Comer See hielten Partisanen die Wagenkolonne an. Mussolini, der sich vergeblich mit einer Wehrmachtsuniform getarnt hatte, war erledigt - ebenso wie seine Geliebte: Die 33-Jährige hatte eine Flucht mit ihrer Familie nach Spanien ausgeschlagen.

Schüsse auf den toten Diktator

Am 28. April wurden die beiden unter bis heute ungeklärten Umständen von Partisanen erschossen - nur zwei Tage, bevor sich Hitler und dessen "Herzensdame" Eva Braun im Führerbunker entleibten. Warum der Diktator sterben musste, leuchtet ein. Wäre er an die Alliierten ausgeliefert und vor ein Kriegsverbrecher-Tribunal gestellt worden: "Ganz Italien hätte mit ihm vor Gericht gestanden", wie dies der italienische General und Resistanza-Chef Raffale Cadorna einmal ausdrückte.

Doch warum richtete man die Waffe auch auf die Geliebte? War sie im Weg, eine unbequeme Zeugin, geschahen die tödlichen Schüsse, so eine der zahlreichen Versionen, gar aus Versehen? War sie vor ihrem Tod von Partisanen vergewaltigt worden, wie dies Giorgio Pisanò, ein Journalist der extremen Rechten, 1996 darlegte? Antworten gibt es auf diese Fragen keine.

In der Nacht auf den 29. April, gegen 2.30 Uhr, legten Resistenza-Mitglieder die Leichen der beiden, ebenso wie die Körper weiterer ermordeter Faschisten, in Mailand auf dem Piazzale Loreto ab: genau dort, wo acht Monate zuvor 15 italienische Partisanen auf deutschen Befehl hin erschossen worden waren. In Scharen strömten die Menschen am Morgen auf den Platz, um einen Blick auf die prominenten Toten zu werfen.

Manch einer trat wütend auf die leblosen Körper ein, eine Frau feuerte mehrere Schüsse auf Mussolinis Leichnam ab. Als die Attacken außer Kontrolle zu geraten drohten, knüpfte man Petacci, Mussolini, Alessandro Pavolini sowie drei weitere Faschisten kopfüber an der Tankstelle auf, hoch über dem tobenden Mob.

"Das Schicksal wollte Dich auf meiner Seite. Dort wirst Du bleiben, koste es, was es wolle, jetzt und in Zukunft", prophezeite Mussolini seiner Geliebten am 5. April 1944. Der "Duce" sollte Recht behalten.



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werner becker, 27.04.2015
1. Duce. ...
" Der Duce sollte Recht behalten." Duce wird/sollte er von den Anhängern des italienischen Faschismus genannt werden; von Sympathisanten. Wir, die wir dem Faschismus negativ gegen über stehen, sollten diese Begriffe, wie "Führer " oder "Duce" nur in Verbindung mit der damaligen Sichtweise erwähnenswert finden. Als letzter Satz des Autors wäre es angebracht, den Namen - Hitler, nicht Führer, hier Mussolini, nicht Duce- zu verwenden. Ich muss dann immer an die altvorderen denken, die aus Sympathie / Gewohnheit sagten, " Wenn das der Fuhrer/Duce gewusst hätte." Ist vielleicht ein wenig pingelig,. Ein Führer war er nur aus der Sicht der Faschisten. Für uns waren die beiden - Hitler und Mussolini - Verbrecher/Verführer.
Jens Habermann, 27.04.2015
2. Historisch
Sehr geehrter Herr Becker, Sie selbst schreiben, Sie seien "vielleicht ein wenig pingelig". Ich sehe das nicht so, m. E. nach hat es nichts mit Anhängertum oder Gegnerschaft zu tun, die Herren Hitler und Mussolini im Kontext auch Führer und Duce zu nennen. Das ist keine Verherrlichung, sondern historisch korrekt. Alles andere wäre in meinen Augen doppelbödige und scheinheilige Pseudomoral. Vor allem klingt es auch so albern wie in den Harry-Potter-Filmen, wenn von "Du weißt schon wer" die Rede ist. - Albern eben.
Werner Haertel, 28.04.2015
3.
Zur Klärung der Todesumstände von Mussolini und Petacci dürfte dieser Artikel hilfreich sein: http://www.jungewelt.de/2015/04-28/001.php
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