Schicksal im Zweiten Weltkrieg Verehrt, verfemt, doch nicht vergessen

Schicksal im Zweiten Weltkrieg: Verehrt, verfemt, doch nicht vergessen Fotos

Vor dem NS-Regime gehörte sie zur Oberschicht Jenas, doch unter den Nazis brach ihr Leben in Stücke - bis sie keinen Ausweg mehr sah. Nach dem tragischen Selbstmord Clara Rosenthals geriet die jüdische Mäzenin in Vergessenheit - doch Stephan Laudien gelang es, Teile ihrer Identität zu rekonstruieren. Von

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Das Maß muss voll gewesen sein. Die körperlichen Leiden, die Demütigungen, der gelbe Stern. Am Abend des 10. November 1941 nimmt Clara Rosenthal eine Überdosis des Schlafmittels Veronal, der Arzt kann am folgenden Tag nur noch ihren Tod feststellen.

Clara Rosenthal hatte ein so wechselhaftes wie reiches Leben hinter sich: Einst war sie eine Dame von Welt gewesen, die zu üppigen Gesellschaften in ihre Villa einlud. Später dann die Witwe eines Professors, in dessen Haus die kulturelle Elite Jenas und Weimars ein und ausging. Clara Rosenthal war viel unterwegs, besuchte mondäne Badeorte am Mittelmeer, reiste sogar bis nach Südamerika. Eine zeitlang habe sie als "die schönste und eleganteste Frau Jenas" gegolten, schrieb der Historiker Alexander Cartellieri einst über Clara Rosenthal.

Aber wer war sie wirklich gewesen? Was hatte den Menschen Clara Rosenthal ausgemacht? Genau diese Frage sollte ich klären: Als Stadtschreiber von Jena hatte ich 2009 den Auftrag übernommen, ihre Biografie zu recherchieren. Rasch wurde mir klar, wie schwierig die Aufgabe sein würde. Vier Jahre nach Clara Rosenthals Suizid wohnten amerikanische, wenig später russische Offiziere im Haus. Es folgten etliche Mieter, das Haus verfiel allmählich, die einstige Einrichtung verschwand. Zudem hat Clara Rosenthal nichts hinterlassen. Kein Tagebuch, keine Briefe, keine persönlichen Zeugnisse.

Die schönste Frau Jenas

Geboren worden war Rosenthal am 9. April 1863 als Fanni Klara Ellstätter in Karlsruhe. Ihr Vater Julius war Fabrikant, sein Bruder Moritz hatte es bis zum badischen Finanzminister gebracht. Als Clara 16 Jahre alt war, starb ihre Mutter Clementine. Ihr Vater war damals bereits tot. Es scheint, dass Clara anschließend zu den Großeltern nach Weilburg kam. Jedenfalls wurde diese Stadt als Herkunftsort verzeichnet, als sie am 6. August 1885 in Heidelberg Eduard Rosenthal heiratete.

Der zehn Jahre ältere Jurist murde mit einer Arbeit über die "Rechtsfolgen des Ehebruchs nach kanonischem und deutschem Recht" an der Universität Jena promoviert. Trotz diverser Widerstände - Rosenthal ist Jude - wurde er 1886, im Jahr nach der Hochzeit, ordentlicher Professor. Er galt als außerordentlich produktiv, erarbeitete sich einen glänzenden Ruf.

Rosenthal förderte und unterstützte zahlreiche Vereine in der Stadt an der Saale. Er war mit dem Industriepionier Ernst Abbe befreundet und stand im regen Briefwechsel mit Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche. Bleibenden Ruhm erwarb er, als er 1920 an der Thüringer Verfassung mitwirkte. Er wurde zu einem angesehenen Mann in seiner Heimatstadt: Im Mai 1920 erhielt er die Ehrenbürgerwürde Jenas.

"Diene dem Ganzen, opfere dich selbst"

Besonders taten sich die Rosenthals im Ort als Kunstfreunde und -förderer hervor. Eduard war 1903 der erste Vorsitzende des Jenaer Kunstvereins, Clara saß im Beirat der Gesellschaft der Kunstfreunde von Weimar und Jena. Etliche Kunstgegenstände befanden sich im Besitz der Rosenthals, darunter Werke renommierter Künstler wie Ludwig von Hofmann, Hans Thoma oder Christian Rohlfs.

Das Ehepaar ließ sich ab 1891 eine herrschaftliche Villa in der Kahlaischen Straße errichten. Ihr einziger Sohn, Curt Arnold Otto, zog 1914 als Freiwilliger für Deutschland in den Krieg. Am 30. Oktober 1914 fiel er nahe des französischen Ortes Bas Maisnil im Kampf gegen englische Truppen - vielleicht gegen seine einstigen Kommilitonen. Denn noch neun Jahre zuvor hatte Curt ein Semester lang in Cambridge studiert. Nach seinem Tod entstand 1916 im Garten ein Pavillon, der dem Andenken Curts gewidmet ist. Ein bronzenes Relief zeigt den Sohn, dazu der Sinnspruch: "Diene dem Ganzen, opfere dich selbst." Zehn Jahre später verlor Clara Rosenthal auch ihren Mann. Als Eduard Rosenthal am 25. Juni 1926 starb, nahmen hunderte Trauergäste Abschied. Im Garten der Rosenthals wurde nun eine zweite Tafel aufgestellt: "Gütig dem Einzelnen helfend schlug für alle sein Herz". Darauf ein Porträt Eduards, geschaffen vom Leipziger Bildhauer Adolf Lehnert.

Vom selben Künstler stammt zudem ein Relief, das wohl Clara Rosenthal zeigt. Es schien lange das einzige Bild zu sein, das von ihr existiert. Obwohl sie und ihr Mann mitten im gesellschaftlichen Leben Jenas standen, findet sich nirgends ein Foto von ihr.

Vertreibungsversuche

So kristallisierte sich für mich der Auftrag heraus, eine Aufnahme zu finden. Mein Auftraggeber war der städtische Eigenbetrieb Jenakultur - jenes Unternehmen, das als neuer Hausherr der Villa das Vermächtnis der Rosenthals erfüllte. In ihrem gemeinsamen Testament von 1924 hatten Eduard und Clara Rosenthal bestimmt, das Haus möge an die Stadt Jena gehen und möglichst für Kunstsammlungen oder ähnliche Zwecke genutzt werden. Heute finden im Haus Konzerte und Lesungen statt, Künstler zeigen ihre Werke, außerdem dient das Gebäude als Außenstelle des Jenaer Standesamtes.

Das Testament des Ehepaares war jedoch zunächst nach dem Tod Eduard Rosenthals ignoriert und mit Füßen getreten worden. Obwohl dort vereinbart war, dass der überlebende Ehegatte lebenslanges Wohnrecht im Haus genießen sollte, versuchte der Jenaer Bürgermeister Clara Rosenthal zu vertreiben. "Der Oberbürgermeister hat die Anweisung gegeben, sofort einzuschreiten und das Haus judenfrei zu machen, am besten so, daß Frau Rosenthal in eines der bestehenden Judenhäuser ... umquartiert wird", hieß es in einem Schreiben vom 27. Juni 1939. Schließlich bereitete ausgerechnet das Rechtsamt mit Verweis auf das lebenslange Wohnrecht dem Streit ein Ende.

Doch zurück zur Bildersuche. Vielleicht hat der Bildhauer Adolf Lehnert nach einer fotografischen Vorlage gearbeitet? Bleibt die Frage, ob es den Nachlass noch gibt - der Künstler starb 1948. Anfragen im Stadtarchiv und im Archiv der Leipziger Universität ergaben nichts. Bis auf den Tipp, es gebe in Saalfeld einen Arzt im Ruhestand, der sich mit Lehnert befasst und sogar ein Buch über ihn geschrieben habe. Also auf nach Saalfeld. Doch leider hatte mein Gastgeber vor einiger Zeit einen Schlaganfall erlitten, er konnte nur mühsam sprechen. Das Lehnert-Buch war bereits 1993 herausgekommen, die Gesprächspartner von einst seien längst verstorben, erzählte der Autor. Er erinnerte sich jedoch an eine Verwandte Lehnerts, die seinerzeit in Westberlin gewohnt habe. Eine Adresse wusste er nicht.

Doch später reifte eine neue Idee heran: Vielleicht wurde das Grab Lehnerts von Angehörigen gepflegt? Eine Anfrage beim Friedhofsamt erbrachte einen sehr seltenen Namen. Die Spur führte tatsächlich nach Berlin: Volltreffer! Ich konnte mit der Enkelin des Künstlers sprechen. Doch es folgte die Enttäuschung: Der künstlerische Nachlass Adolf Lehnerts existierte nicht mehr. Von einem Rosenthal-Foto keine Spur.

Die Suche nach Verwandten

Weitere Spuren führten ins Nichts beziehungsweise ließen sich nicht weiterverfolgen. So hatte in Berlin Dr. Oskar Rosenthal, ein Neffe Eduards, als Chirurg praktiziert. Gemeinsam mit seiner Tochter Marieluise hatte er in der Schliemannstraße 38 gewohnt. Über beider Schicksal war jedoch nichts zu finden. Ein Vetter Clara Rosenthals namens William Herz hatte ebenfalls in Berlin gewohnt, Regensburgerstraße 28. Auch dessen Verbleib ließ sich aber nicht recherchieren.

Dann hatte es noch Waltraud und Gudrun Frey gegeben, offensichtlich Schwestern, die beide in der Fürstenstraße 53 in Dresden lebten. Schicksal ebenfalls unbekannt. Noch weiter weg führte eine andere Spur: Die Direktorengattin Hilde Heinsheimer, eine Nichte und geborene Rosenthal, hatte in Wien gelebt. Margarete Schneider war hingegen wie Clara Rosenthal eine geborene Ellstätter gewesen. Ein Aufenthalt von ihr ist in Dornbirn am Bodensee verbürgt, Anfang der 1940er Jahre verliert sich ihre Spur in Bregenz.

Sollte die Suche nach einem Bild Clara Rosenthals tatsächlich erfolglos bleiben? Noch gab es eine kleine Hoffnung. Hatte doch eine einstige Hausbewohnerin berichtet, ihre Mutter habe von einem Bild in der Villa erzählt, auf dem Clara Rosenthal gemeinsam mit ihrem Hund zu sehen war. Gemalt habe es ein gewisser Schulze-Woldan. Auch bei Cartellieri fand sich ein Hinweis auf den Hund: "Ihren großen Neufundländer haben wir nicht mehr erlebt, aber sein großes Öl-Bild an der Wand gesehen." Einen Maler namens Schulze-Woldan hatte es nicht gegeben. Wohl aber die Brüder Georg und Raffael Schuster-Woldan. Wobei Raffael, der jüngere Bruder, eher in Frage zu kommen schien. Doch die erste Spur führte zu Georg Schuster-Woldan.

Das verlorene Gesicht

Laut Recherche hatte es 1988 eine Ausstellung im Stadtmuseum von Landsberg am Lech gegeben. Auf Nachfrage hieß es dort, die Schau sei unter der Ägide des ehemaligen Direktors gezeigt worden. Der Mann sei im Ruhestand und gegenwärtig im Urlaub. Eine versprochene E-Mail kam nie an. Wochen später fragte ich nach. Die Mail war abgeschickt worden, doch ein Buchstabendreher hatte den Empfang verhindert. Beim zweiten Versuch erhielt ich endlich die Kontaktdaten zum ehemaligen Direktor.

Der Mann war dem Anliegen herzlich aufgeschlossen, dachte aber, es müsse sich um ein Werk des jüngeren der Malerbrüder handeln. Immerhin erhielt ich die Telefonnummer eines der Söhne von Georg Schuster-Woldan. Der vermutete ebenfalls Raffael als Urheber des Bildes und gab mir die Kontaktdaten einer Enkelin. Die Dame kannte Jena - und sie kannte auch das Bild! Nein, von seinem Verbleib wisse sie leider nichts, erklärte sie mir. Doch sie werde schauen, ob sie mit einer Kopie weiterhelfen könne.

Nach ein paar Tagen des Wartens war es endlich soweit: Per E-Mail erhielt ich die Kopie. Als Quelle war die Zeitschrift "Die Kunst unserer Zeit" angegeben, eine Sonderausgabe über Raffael Schuster-Woldan, erschienen 1899. Um den Coup perfekt zu machen, fand sich die Ausgabe sogar in der Jenaer Uni-Bibliothek.

Es war geschafft: Endlich hatte Clara Rosenthal wieder ein Gesicht!

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