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Marinemaler Claus Bergen Seeschlachten ausgeschlachtet

Marinemaler Claus Bergen: Ein Bild von einem Krieg Fotos
Claus Bergen/VG Bildkunst

Er malte Mündungsfeuer vor pulverdampfverhangenem Himmel und Schiffsuntergänge im Tosen der Gischt: In dramatischen Bildern fing Claus Bergen die Seeschlachten zweier Weltkriege ein. Sein größter Fan hieß Adolf Hitler. Von

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Wochenlang hatten die Reporter des "Life"-Magazins den alten Maler vergeblich gesucht. Dann, im September 1963, fanden sie Claus Bergen im oberbayerischen Dorf Lenggries: einen hageren 78-jährigen Mann in einem feinen Nadelstreifenanzug, ständig Pfeife rauchend, umgeben von Ölgemälden - und vergessen von seinen Landsleuten.

Für die US-Journalisten eine Sensation. "Niemand in Deutschland wusste, wo er lebt, oder ob er bereits verstorben ist." Dabei sei Bergen der "abenteuerlichste Seemaler seiner Zeit", der die "kompletteste Bildersammlung" von Seeschlachten des Ersten Weltkriegs besitze.

Das war keine journalistische Überhöhung. Bergen war der wohl profilierteste deutsche Seemaler des 20. Jahrhunderts. Ein unermüdlicher, detailversessener Chronist der Kriege, berühmt für seine Darstellung der Skagerrakschlacht, ein Reporter mit dem Pinsel, besessen von Kriegsschiffen: "Kein Mann hörte mehr Wahrheit über die Leiden bei Verlusten im Seegefecht", so "Life".

Tatsächlich befragte Bergen stets Dutzende Offiziere und Zeitzeugen, bevor er anfing zu malen: Wo lagen die Schiffe zum Zeitpunkt des Angriffs? Wie sahen die Explosionen aus, als die Geschosse zerbarsten? Gelb? Oder eher braun? Der Künstler war Gast auf 50 Kriegsschiffen und wagte sich sogar wie ein früher Embedded Journalist auf wochenlange Feindfahrt in ein U-Boot. In solche Gefahr hat sich kein anderer Maler seiner Zeit für sein Werk begeben.

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Claus Bergen/VG Bildkunst

Dabei hatte Bergens Karriere fern der Weltmeere begonnen: geboren in Stuttgart als Sohn eines populären Illustrators, ließ er sich an der Münchner Akademie der Bildenden Künste ausbilden. Er zeichnete Hühner, eine Südtiroler Fronleichnamsprozession, das Bundesschießen in München. Regelmäßig illustrierte er auch für Karl Mays Reiseerzählungen: ein Toter in der Wüste, Indianerzelte, eine wilde Festung. Von Wasser kaum eine Spur.

Bis Bergen 1907 nach Norwegen und Helgoland fuhr und sich in das Meer verliebte. Schon ein Jahr später trat er seine erste Studienreise nach England an. Er malte ein idyllisches Fischerdorf, gewann dafür später in München bei der Internationalen Kunstausstellung eine Goldmedaille, seinen ersten Kunstpreis. Das Meer brachte Bergen den Durchbruch, und das Meer ließ ihn nicht mehr los, als er Kriegsschiffe als Motive entdeckte.

"Seit ich diese massigen grauen Gebilde das erste Mal sah, bin ich ihnen verfallen", sagte er einmal. Seine Begeisterung kam zur richtigen Zeit: Das Kaiserreich wollte den Aufstieg zur Großmacht erzwingen und baute massiv seine Flotte aus. Als der Weltkrieg ausbrach, bewarb sich Bergen initiativ beim Reichsmarineamt und bat "gehorsamst" um eine Zulassung als Marinemaler. Insbesondere hoffte er, "unsere heldenhaften U-Boote (…) im Bilde festhalten zu können".

Argwöhnisch ließ das Amt Bergen überprüfen. Doch als die bayerische Polizei berichtete, der Maler verkehre nur in "besserer Gesellschaft" und gelte als talentiert, bekam er die Zusage, die sein Leben veränderte: Fortan durfte er in Kiel und Wilhelmshaven Kriegsschiffe besichtigen.

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Eine Schlacht auf dem Wasser erlebte er nicht, obwohl viele Zeitgenossen genau das vermuteten - so detailgenau stellte der Maler das größte Seegefecht des Weltkrieges vor dem Skagerrak dar. Als danach klar war, dass die deutsche Hochseeflotte die Briten nicht bezwingen konnte und das Kaiserreich auf den U-Boot-Krieg setzte, ging Bergen mit auf Feindfahrt. Erst nach Überwindung eines "großen Lampenfiebers", so notierte er, habe er sich am 17. Juni 1917 an Bord begeben.

Seine Bedenken waren berechtigt. "U 53" musste Minensperren passieren, geriet in heftige Gefechte mit U-Bootjägern, versenkte aber auch einen großen Dampfer, während Bergen Dutzende Skizzen anfertigte. Ein Ölgemälde verriet später, wie es damals in ihm aussah: Es zeigt die Besatzung jubelnd auf dem Turm von "U 53", dazu der Titel: "Hurra, wir leben noch!"

Bergen hatte noch mehr Grund zur Freude: Seine U-Boot-Zeichnungen wurden als Postkarten herausgegeben, zur Münchner Ausstellung seiner Gemälde kam sogar der bayerische König. Natürlich waren diese gefeierten Bilder nicht neutral. Doch bei "fast allen Gemälden", so schreiben Eberhard Kliem und Jörg-Michael Hormann 2014 in ihrer Bergen-Biografie, könne zumindest die "historische Korrektheit anhand des Kriegstagebuchs nachgewiesen werden".

Mit der Selbstvernichtung der deutschen Flotte 1919 schien aber auch Bergens Stern zu sinken. Doch der Maler blieb anpassungsfähig. Statt mit Schlachtschiffen fuhr er nun mit großen Passagierdampfern. Oder er zeichnete den Salon der Dornier Do X, des weltgrößten Passagierflugzeugs, das sowieso eher ein Schiff in der Luft war. Für neun Gemälde zur Geschichte der Schifffahrt bezahlte das Deutsche Museum München Bergen die gewaltige Summe von 35.000 Reichsmark. Dennoch blickte der Künstler "mit stiller Wehmut", wie er notierte, "an unsere einstigen mächtigen Schiffe der Kriegszeit" zurück.

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Einen erneuten Weltenbrand dürfte er wohl nicht herbeigesehnt haben, als Maler kam ihm der Krieg 1939 aber nicht ungelegen. Wie Bergen, frühes NSDAP-Mitglied, zum Nationalsozialismus stand, ist umstritten. "Erschreckend unpolitisch" sei er gewesen, ein Mitläufer, dem seine Kunst das Wichtigste war, vermuten Hormann und Kliem: "Bergen hat seit 1933 nachweislich keine illustratorischen Arbeiten für die Nazi-Presse aufgeführt."

Andere Biografen unterstellen dagegen eine größere Nähe zur NS-Ideologie, einige Gemälde seien reine Propagandabilder: ein deutsches U-Boot etwa, das durch die Dünung pflügt, begleitet von der Luftwaffe. Der Titel: "Gegen Engelland".

Fest steht: Hitler mochte Bergens Malweise, und Bergen profitierte davon. 1940 kaufte Hitler für 12.000 Reichsmark "Gegen Engelland"; für die Darstellung eines von der Feindfahrt zurückkehrenden U-Bootes bezahlte er 1941 sogar 15.000 Mark und hängte sie in seinem Münchner "Führerbau" auf. Andere NS-Größen wie Robert Ley zahlten noch mehr. Offenbar musste Bergen solche und ähnliche Erlöse auch nicht versteuern.

Doch als der Maler einmal von einem NS-Kunstwächter aufgefordert wurde, die Kriegsflaggen am Heck der deutschen Zerstörer größer zu malen, war er aufrichtig empört. Sofort zog er das für die "Große Deutsche Kunstausstellung" entworfene Gemälde zurück und ersetzte verärgert die Zerstörer mit zwei Wikingerbooten.

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Mit Ende des Krieges aber verlor Bergen fast alles: Ein US-Militärkommando räumte sein Atelier in Lenggries weitgehend leer, fünf Ölgemälde verschwanden ohne Requirierungsschein für immer; zehn andere Bilder wurden erst Jahrzehnte später wieder zurückerstattet. Sein Vermögen wurde in den Entnazifizierungsverfahren als "belastet" eingestuft und eingezogen, Konten gesperrt, das Haus für sechs Jahre requiriert. Er lebe auf dem "nackten Boden", klagte der Künstler einem Freund. Am meisten aber verzweifelte er daran, dass er, obwohl er sich "keiner Schuld bewusst" sei, zeitweise nicht mehr malen durfte.

So geriet Bergen langsam in Vergessenheit, bis im April 1964 der "Life"-Artikel erschien. Der Künstler sei danach "von einer Briefwelle aus Übersee förmlich überschwemmt" worden, schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Juristen, Ärzte, ehemalige Offiziere - alle beauftragten plötzlich den Deutschen, Weltkriegsbilder zu malen.

Ein großformatiges Gemälde schickte Bergen völlig unaufgefordert in die USA: Begeistert von Kennedys Berlin-Besuch 1963 schenkte er dem US-Präsidenten eine fast fotorealistische Darstellung des wogenden Atlantiks. Das war auch ein Symbol: Ein ehemaliger deutscher Kriegsmaler widmete dem Präsidenten des ehemaligen Kriegsgegners eine Abbildung jenes Meeres, das beide Länder trennte. Durch die dunklen Wolken auf dem Bild kämpfen sich zwei breite Lichtstrahlen, die den Horizont in ein sanftes Licht tauchen.

Bergen versandte das Bild nur wenige Tage vor der Ermordung Kennedys im November 1963. Monate später bestätigte ihm das Weiße Haus, der Präsident habe das Bild vor seinem Tod noch gesehen. Für Bergen war das ein kleiner Trost; das Wissen darüber mache ihn "sehr glücklich", sagte er der "Life".

Doch ihm selbst blieb kaum Zeit, seinen neuen Ruhm zu genießen. Nur Monate nach dem "Life"-Artikel starb Bergen an den Folgen seiner Arbeitswut: Sein Mittelfinger hatte sich durch Ölfarbe entzündet; die verschleppte Entzündung griff schließlich auf den ganzen Körper über. Kurz vor seinem Tod am 4. Oktober 1964 soll er gesagt haben: "Ich habe noch so viel zu malen, so viel!"

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Eine interssante Persönlichkeit,
hans roland, 22.10.2015
seine Bilder zeigen mehr als jede Fotografie das grauen des Krieges und die Faszination der See.
2. Kollaboration
Hans-Gerd Wendt, 22.10.2015
Ob der Mann nun "der" profilierteste ´deutsche Seemaler des 20. Jahrhunderts war, sei mal dahingestellt. Denn Willy Stöwer war zumindest genauso bekannt, wenn nicht noch besser. Und da er bereits 1931 verstarb, blieb ihm wenigstens die direkte Kollaboration mit den Nazis erspart. Im Gegensatz zu Bergen...
3. ohne Musik
Wulf Storch, 22.10.2015
Schon als kleiner Junge habe ich seine Bilder bewundert und mich in ihnen verloren. Sie sind ein schöner Beweis dafür, was abstrakte Malerei verliert, wenn sie auf jede Narration verzichtet. Das kann Musik besser.
4. Die Bildunterschrift ist interessant
Mani Gröber, 22.10.2015
"Zweimal erlebte Bergen an Bord des U-Boots heftige Gefechte mit sogenannten britischen U-Boot-Fallen - scheinbar neutrale oder ungefährliche Schiffe, die ihre schwere Bewaffnung hinter falschen Decksaufbauten verbargen." Hat ja im ersten Weltkrieg super funktioniert, siehe Lucitania. Der Hass gegen die Deutschen muss unendlich gewesen sein.
5. nah
Alberto Sabi, 22.10.2015
Soviel Dynamik und Dramatik sind in diesen Bildern, man fühlt sich fast Mitten drin im Geschehen. Gegen diese Bilder haben aus meiner Sicht, Bilder von G. Richter , etc. gar nichts zu sagen !
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