Colonia Dignidad heute "Da muss ein Museum rein oder der Bulldozer!"

120 Menschen leben noch heute in der früheren Siedlung Colonia Dignidad - an einem Ort des Sektenterrors und der Folter. Warum nur? Ein junger Fotograf kam mit eindrucksvollen Bildern aus Chile zurück.

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Die kleine Mauer hätte eine Chance sein können. Mit ein paar Gedenktafeln zu den Verbrechen, die in dieser Idylle begangen wurden: Kinder wurden mit Elektroschocks gequält, es gab massiven sexuellen Missbrauch, Zwangsmedikation mit Psychopharmaka. Rings um die Mauer sollten Sitzbänke stehen. Ein Ort zum Nachdenken, Erinnern, Trauern.

Etwa 15.000 Hektar Land umfasst das Gelände der ehemaligen Sekte Colonia Dignidad in Chile. Aber es gibt nicht einen Quadratmeter für die ehrliche Erinnerung. Nur ein nicht fertiggestelltes Museum und ein Schild, das die Zeit unter Kinderschänder und Sektenführer Paul Schäfer als "schwierige Jahre" einstuft.

Die Mauer stand schon, die Tafeln hingen noch nicht. "Ein paar Tage ist das erst her, da hat sie in einer Nacht- und Nebelaktion irgendjemand niedergerissen", sagt Jörg Schnellenkamp im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und klingt resigniert. Die Kämpfe um den Umgang mit der Vergangenheit haben ihn zermürbt. Gedenken ist auf dem Gelände, das heute Villa Baviera (bayerisches Dorf) heißt, ein heikles Thema - und meist unerwünscht.

"Viele sind noch nicht so weit", sagt Schnellenkamp, der selbst lange von diesem Ort nicht loskam. Er wurde hier geboren, eingesperrt, kontrolliert. Heute wohnt er weit entfernt im Süden Chiles. Etwa 120 der einst 300 Bewohner der Colonia Dignidad, darunter zwei seiner Schwestern und ein Bruder, leben aber bis heute dort, wo sie einst gequält wurden.

Sie haben hier 2012 sogar ein Hotel eröffnet und verkaufen an chilenische Touristen Schweinshaxe mit Knödeln, serviert zu deutscher Volksmusik. Es gibt ein Oktoberfest, Bierwettrinken und Schuhplattler-Vorführungen. Einstige Opfer Schäfers arbeiten als Kellner oder Touristenführer inmitten der schrecklichen Erinnerungen.

Das beliebte Restaurant mit der urbayerischen Küche etwa hieß früher Zippelhaus: Hier rief Schäfer Versammlungen ein, drohte, erniedrigte. Vermeintliche Sünder ließ er kollektiv verprügeln. Und auf der Wiese vor seinem Wohnhaus, in dem er jahrzehntelang missbrauchte, können Hochzeitsgäste sich heute das Ja-Wort geben.

Küchen-Mitarbeiterin: Täglich deutsche Gerichte

Küchen-Mitarbeiterin: Täglich deutsche Gerichte

"Körperlich und psychisch ruiniert"

Viele Opfer, aber auch Profiteure des System Schäfers wohnen heute also in einer Gemeinschaft und versuchen, mit der Vermarktung eines deutschen Klischeebildes Geld zu verdienen. Man muss kein Traumaexperte sein, um zu ahnen, dass so etwas nicht gesund sein kann. Vom "Ausspannen im Folterlager" schrieben Zeitungen; Angehörige von in der Kolonie ermordeten Gegnern der Pinochet-Diktatur demonstrierten gegen das Hotel und zürnten, ebenso gut könne man in Auschwitz einen McDonalds eröffnen.

Es drängt sich die Frage auf: Warum sind diese Menschen geblieben?

Der Fotografiestudent Jann Höfer wollte mehr erfahren und hat sich Ende 2015 für drei Wochen in der Villa Baviera einquartiert. "Anfangs habe ich mich ein wenig geärgert über die schnellen Schuldzuschreibungen von Journalisten, die nur für ein paar Tage vor Ort waren. Ich wollte herausfinden, ob das wirklich so einfach ist."

Höfer gelangen eindrückliche Porträts der Bewohner (siehe Fotostrecke) - und das Thema wurde für ihn "noch viel komplexer". Seinen ersten Tiefpunkt hatte er nach drei Tagen. In der Abgeschiedenheit beschlich ihn das bedrückende Gefühl, nicht wegzukommen. Genau wie einst die Menschen nicht wegkamen, die er nun fotografierte - und denen er anmerkte, "dass sie noch tief traumatisiert sind".

Vorgegaukelte Harmlosigkeit: Ein Knabenchor der Colonia Dignidad auf einem Foto von 1991. Seine scheinbare deutsche Mustersiedlung in Chile nutzte Sektenführer Paul Schäfer, um sich an Jungen zu vergehen. Die bereits 1961 gegründete Colonia Dignidad bestand jahrezehntelang und war der Ort zahlreicher Verbrechen.

Zweifache Flucht: Wie ausgeprägt die psychologischen Abhängigkeiten zwischen Opfern und Tätern waren, lernte Regisseur Florian Gallenberger, als er für seinen Kinofilm "Colonia Dignidad - es gibt kein Zurück" mit Zeitzeugen sprach. Einer verliebte sich demnach in der Sekte und traf sich heimlich mit seiner Freundin. Als sie schwanger war, flohen die beiden, doch Sektenchef Schäfer konnte sie überreden zurückzukehren. "Kaum war das Tor zu, wurde die Frau förmlich auseinandergerissen und das Kind abgetrieben", sagt Gallenberger. Noch einmal gelang den beiden die Flucht, wieder wurde die Frau schwanger - und wollte ihr Kind ausgerechnet in der Klinik der Sekte zur Welt bringen. Diesmal handelte sie mit Polizei und Rechtsanwälten aber schriftlich aus, dass sie die Klinik sofort nach der Geburt wieder verlassen dürfe - was tatsächlich geschah.

Vermisst: Eine Frau hängt Bilder von verschwundenen Regimegegnern am Zaun der Colonia Dignidad auf (undatiertes Foto). Schon ab Ende der Sechzigerjahre gab es Berichte über Verbrechen in der Kolonie, auch Amnesty International warnte. Die Regierung in Bonn aber handelte nicht, und deutsche Geschäftsleute und Politiker der CSU blieben Sektenchef Schäfer weiter wohlgesonnen.

Erste Begegnung: Szene aus dem Kinofilm von Florian Gallenberger ("Colonia Dignidad - es gibt kein Zurück"), der am 18. Februar 2016 anläuft. Hier trifft Lena, gespielt von Emma Watson, zum ersten Mal auf Sektenchef Paul Schäfer (Michael Nyqvist), der die Wahrhaftigkeit ihres Glaubens prüfen will. Tatsächlich ist Lena nur in die Sekte gegangen, um ihren verschleppten Freund Daniel (Daniel Brühl) zu befreien. Auch wenn die Handlung fiktiv ist, ist der harte Alltag in der Sekte realistisch dargestellt - vieles basiert auf Gesprächen des Regisseurs mit Zeitzeugen.

Deutsche Volkstracht in Chile: Gerade wenn hohe Politiker oder Geschäftsleute aus Deutschland in der Colonia Dignidad erwartet wurden, setzte Sektenführer Schäfer auf eine Fassade aus Harmonie und Harmlosigkeit."Die Gäste wurden in einem Mercedes gebracht, die ganze Gemeinde stand fähnchenschwingend Spalier", erinnert sich Zeitzeuge Georg Laube. "Das Blasorchester trat an, und die Bayernhymne wurde gesungen. Wir haben die heile Welt spielen müssen."

Paul Schäfer:Kinderschänder Paul Schäfer geißelte jegliche Sexualität als Sünde. Männer und Frauen wurden strikt getrennt; sie sahen sich meist nur aus der Ferne. Seine jeweils aktuellen Lieblingsjungen nannte er "Sprinter". Offiziell waren sie seine Laufburschen und putzten ihm die Schuhe, in Wahrheit mussten sie mit ihm ins Bett. Einige junge Frauen wurden mit elektrischen Viehtreibern zwangssterilisiert, heimliche Affären drakonisch bestraft. Pubertierende Jungs schickte man ins Krankenhaus und ließ sie auch im Schlaf beobachten: Wer eine Erektion bekam, erhielt Elektroschocks.

Demo für den Kinderschänder: "Angelo, jeder weiß, dass die Polizei dich misshandelt und zu Lügen zwingt", steht auf einem der Schilder, das Kinder in der Colonia Dignidad hochhielten. Angelo war einer der Jungen, die von Schäfer missbraucht worden waren - und dessen Aussagen dazu führten, dass der Sektenchef 1996 untertauchte. Viele der Kinder dieser inszenierten Demo dürften selbst zu Schäfers Opfern gehört haben.

Leben an einem belasteten Ort: Eine Frau mit zwei Kindern in der ehemaligen Colonia Dignidad, Aufnahme von 2005. Viele der einstigen Sektenmitglieder leben heute noch hier, manche aus Uneinsichtigkeit, sehr viele aber aus wirtschaftlicher Not. Für ihre Arbeit auf den Feldern und in den Werkstätten haben sie nie Löhne bekommen und so kein Kapital angespart. Weder die chilenische Regierung noch Deutschland hat den Opfern der Sekte eine finanzielle Entschädigung gezahlt. Und so bleiben die meisten dort, wo sie einst gequält und missbraucht wurden.

Hurra, ein Hotel! Als ob es ein ganz normaler Ort wäre, wird auf dem Gelände der einstigen Colonia Dignidad im Jahr 2012 ein Hotel eröffnet. Ausgerechnet Kinder werden hier zum Jubeln vorgeschickt. "Im Saal, in dem heute das Restaurant ist, hat Schäfer uns durchgeprügelt und ich mich vor Angst zugepinkelt", erinnert sich Zeitzeuge Georg Laube aufgebracht. "Nebenan hat er Kinder vergewaltigt. Und dort finden jetzt Hochzeiten statt!"

Entführt: So ein Krankenwagen der Colonia Dignidad spielt auch in dem Kinofilm "Colonia Dignidad - es gibt kein Zurück" eine wichtige Rolle. Denn darin wurden nach dem Pinochet-Putsch 1973 Regimegegner zur Sekte verschleppt, im Film aus dem Nationalstadion. Das ist keineswegs abwegig, weil das Stadion tatsächlich als Gefangenenlager diente und es - wie im Film - einen geheimnisvollen mit einer Kapuze verhüllten Mann gab, der nach Regimegegnern unter den Gefangenen suchte. Er trug den Spitznamen "Molli" und hatte nachweislich Verbindungen zur Colonia Dignidad.

Einträgliche Partnerschaft: 2005 entdeckten Ermittler auf dem Gelände der Colonia Dignidad nicht nur vergrabene Autowracks von Vermissten, sondern auch das größte private Waffenarsenal Chiles mit Tausenden Maschinengewehren, Raketenwerfern, Minen und Infrarotsystemen für Panzer. Denn als Pinochets Chile mit einem UN-Waffenembargo belegt worden war, half die Sekte dem Diktator aus. Schäfer nutzte seine guten Kontakte zur CSU und skrupellosen Waffenhändlern wie Gerhard Mertins, einem ehemaligen SS-Offizier. Mertins sollte später aussagen, die Siedlung habe auf ihn stets einen tadellosen Eindruck gemacht, einen Kindesmissbrauch könne er sich nicht vorstellen.

Suche in Schäfers Geheimwelt: Ermittler fanden unter all den in der Colonia Dignidad gelagerten Waffen auch so seltsame Utensilien wie schießfähige Spazierstöcke oder ein Teleobjektiv für Giftpfeile.

Blockflöten und Folter: Auch wenn die Kolonie die Fassade einer kinderlieben Gemeinde pflegte, erlebten die Heranwachsenden Schreckliches. Monatelang, so erinnert sich Zeitzeuge Georg Laube, habe er jede Nacht Schreie aus der Folterzelle unter seinem Schlafraum gehört. Das Bild zeigt eine Szene aus der Dokumentation "Colonia Dignidad: Die wahre Geschichte", die am 15. Februar 2016 auf Sky ausgestrahlt wird.

Jahrelange Suche: Mit dem Ende der Pinochet-Diktatur verlor die Colonia Dignidad ihren mächtigsten Schutzherren. 1996 musste Paul Schäfer fliehen. Obwohl es schon weit früher Berichte über seine Verbrechen gab, wurde der Sektenchef erst jetzt zu einem Thema der Weltöffentlichkeit. Nach acht Jahren Flucht wurde er Anfang 2005 in Argentinien verhaftet und später zu 33 Jahren Haft verurteilt.

Willkommen in der Hölle: Schneebedeckte Gipfel, ein paar freundliche Glocken - hinter der idyllischen Aufmachung verbarg sich die gefährlichste Geheimorganisation, die Chile je hatte: Die Colonia Dignidad mordete, folterte, und stellte sogar Giftgas her. Sie ließ kaum jemanden aus dem mit Elektrozaun, Bewegungsmeldern und Stolperdrähten gesicherten Areal entkommen.

Wohnen wie der Sektenarzt: In diesem Raum hat einst Sektenarzt Hartmut Hopp gelebt, einer der engsten Mitarbeiter von Paul Schäfer, der in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde - aber nach Deutschland floh. Auch Schäfers ehemaliges Zimmer wurde 2012 umgebaut; seitdem können Hotelgäste der "Villa Baviera" darin übernachten.

Als wäre die Zeit stehengeblieben: Nach Schäfers Flucht 1996 wurde die Sekte autoritär von seinen Vertrauten weitergeführt, auch wenn es nicht mehr zu sexuellem Kindesmissbrauch kam. Es fehlte aber eine Führerfigur, die dieselbe religiöse Autorität ausstrahlte wie Schäfer, sodass sich einige Mitglieder langsam aus der Sekte lösten. Diese Aufnahme von 2004 zeigt eine deutschstämmige Siedlerin in traditioneller Kleidung auf dem Weg durch die Kolonie.

Gehütete Geheimnisse: Noch längst dürfte nicht jeder Bunker, jedes Versteck und jeder Geheimgang der Colonia Dignidad aufgedeckt sein. Viele Bewohner der heutigen Siedlung haben daran auch kein Interesse. Dieser unterirdische Raum dient heute schlicht als Vorratskammer.

Mittellos: Waltraud Bohnau, Archivfoto von 2005, lebt seit 1962 in der berüchtigten früheren Siedlung "Colonia Dignidad". Um ihre Rente von umgerechnet nur 35 Euro pro Monat aufzubessern, hat sie zusammen mit Freundinnen einen kleinen Laden eröffnet. Ihr Angebot reicht von Kaugummis über Klebstoff bis zu selbstgemachter Himbeermarmelade.

Weite Felder: Als Paul Schäfer 1961 vor den Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaft nach Chile floh, kaufte er in einer möglichst entlegenen Gegend 400 Kilometer von der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile 3000 Hektar Land. Mit der Zeit baute er den Erwerb auf mehr als 15.000 Hektar aus. Lange galt die deutsche Kolonie als landwirtschaftlich erfolgreiches Vorzeigeprojekt. Diese Aufnahme von 2016 zeigt ein Mädchen auf dem ehemaligen Gebiet der Sekte, das heute "Villa Baviera" heißt.

Wiederholungstäter: Schon in seiner Zeit als evangelischer Jugendpfleger war Paul Schäfer wegen sexueller Übergriffe an Kindern aufgefallen und hatte seine Posten verloren. Als Laienprediger gründete er daraufhin 1956 im westfälischen Siegburg die "Private Soziale Mission" - der Kern der späteren Sekte Colonia Dignidad.

Deutsche Ordnung: Diese Aufnahme zeigt eine Schule auf dem ehemaligen Gelände der Colonia Dignidad. Nach außen wirkte sie vorbildlich, geführt wurde sie aber wie ein kleiner Terrorstaat - mit einem System der gegenseitigen Bespitzelung, brutaler Bestrafung, Folter und Mord.

Perfekte Tarnung: Ein idyllischer See auf dem Territorium der ehemaligen Colonia Dignidad. Hier erschuf Paul Schäfer weitgehend unbemerkt eine unterirdische Parallelwelt aus versenkbaren Garagen, geheimen Telefonzentralen, modernen Abhöranlagen und Folterzellen. Die chilenische Geheimpolizei Dina nutzte sie, um Gegner des Diktators Augusto Pinochet zu quälen. Dina-Chef Manuel Contreras traf sich regelmäßig mit Schäfer in der Kolonie. Mindestens 30 Folteropfer wurden hier ermordet.

Zeitzeuge: Georg Laube, Spitzname Aki, auf einer aktuellen Aufnahme mit seinem Sohn. Im Februar 1962 kam er als Baby aus Deutschland in die Sekte, 2009 verließ er sie endgültig. Heute lebt der 54-Jährige im Süden Chiles und arbeitet in einem landwirtschaftlichen Betrieb als Verwalter. Der Neuanfang war schwierig: Löhne hat er in der Colonia Dignidad für seine Arbeit auf den Feldern nicht bekommen, eine Entschädigung wurde den Opfern bisher nicht gezahlt.

Bayerisches Dorf: Wie ein Grabstein wirkt dieser Fels mit dem Namenszug "Villa Baviera", Bayerisches Dorf, Aufnahme von 2016. Ursprünglich hatte Schäfer den Ort "Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad" getauft - "Gesellschaft für Wohltätigkeit und Erziehungsanstalt der Würde". Der Kürze wegen nannten die meisten ihn "Colonia Dignidad", Kolonie der Würde. Später wurde sie in "Villa Baviera" umbenannt, was noch ein wenig harmloser klang.

Relikte: Wie viele unterirdische Gänge und Geheimkammern der Colonia Dignidad bis heute unentdeckt geblieben sind, ist kaum abzuschätzen. Szene aus der Dokumentation "Colonia Dignidad: Die wahre Geschichte" von 2016.

Ahnentafel: Aufnahmen der ersten deutschen Siedler in der ehemaligen Colonia Dignidad. Wer war Mitläufer, wer war Opfer, wer Günstling, wer hatte keine andere Wahl, als sich mitschuldig zu machen? Bis heute sind die Verbrechen der Sekte kaum juristisch aufgearbeitet.

Autark: Eine Tankstelle in der ehemaligen Colonia Dignidad. Hier beackerten Schäfers Anhänger ab den Sechzigerjahren die Felder und arbeiteten in der Schlosserei, der Nähstube, der Tischlerei, der Goldmine oder dem technisch modernsten Krankenhaus der Region. Chilenische Kinder aus der Region wurden hier kostenlos behandelt. Um Nachwuchs für die Colonia Dignidad zu rekrutieren, wurden manche von der Sekte "adoptiert", wie der Kinderraub zynisch hieß.

Deutsche Siedlerin: "Wer von uns geht, hat nie zu uns gehört", sagte Schäfer laut dem Zeitzeugen Georg Laube über die wenigen, denen eine Flucht gelang. Und wer es schaffte, war nicht unbedingt glücklich. Die Aussteiger beschlich nicht selten ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, das Schäfer ihnen vermittelt hatte: versagt zu haben und den schwierigen religiösen und körperlichen Aufgaben nicht gewachsen gewesen zu sein.

Dann wieder war er berührt von der Zerrissenheit einiger Bewohner. Er lernte eine Familie kennen, die gern raus wollte. "Der Mann hat alles gemacht, um seine Situation zu verbessern", sagt Höfer. Er kaufte Bienenvölker und Ziegen, um Honig und Käse herzustellen. "Aber das Geld reichte nicht." Was also machen? Einen Kredit aufnehmen? Nach Deutschland ziehen, das er nie kennengelernt hat? "Er hat mir gesagt: Chile ist meine Heimat. In Deutschland müsste ich Hartz IV beziehen." Dazu sei er nicht der Typ.

"Manche haben tatsächlich keine Wahl", sagt auch Jörg Schnellenkamp. "Sie sind alt, traumatisiert, schlecht ausgebildet, sprechen kaum Spanisch. Wohin sollen sie?" Schnellenkamp selbst war erst 25, als Schäfer 1997 vor der Justiz floh. Er brauchte weitere vier Jahre, um ein Leben außerhalb der Gemeinschaft zu wagen. Schließlich studierte er Pädagogik und Grafikdesign, kehrte für den Versuch zurück, die Gemeinschaft zu reformieren, zog aber 2012 endgültig fort und arbeitet heute als Lehrer.

Arm und ohne Lebensperspektive

Die heutigen Bewohner teilt er in verschiedene Gruppen ein: Da sind die Pioniere, die 1961 mit Schäfer nach Chile kamen. Viele sind heute über 80, zu alt, um noch zu gehen, oft wohl auch zu unwillig. Denn anders als ihre Kinder, die nie eine Wahl hatten, folgten sie Schäfer einst freiwillig nach Chile. Wenn heute Journalisten die Kolonie besuchen, schweigen oft die Alten am beharrlichsten.

Von der Generation der Sektenkinder wiederum seien viele "körperlich und psychisch so ruiniert", dass es für sie unmöglich sei, woanders zu leben, so Schnellenkamp. Diesen Menschen fehlt, wie allen Ehemaligen, zudem das Kapital: Schäfer hat nie Löhne gezahlt für die harte Arbeit auf den Feldern, im Steinbruch oder in der Schlosserei. "Wir sind eure Altersversorgung", versprach der Sektenchef seinen Jüngern.

Erst nach Chiles Rückkehr zur Demokratie wurden ab 1990 in der Kolonie Lohnzettel ausgefüllt. Allerdings nur dem Schein nach, denn Schäfer behielt alles ein. Das Geld verschwand, die Lohnzettel aber führten wenigstens dazu, dass die meisten heute eine Mini-Rente beziehen - oft nur 50 Euro. Eine Entschädigung, etwa durch Verteilung des Gutsbesitzes an die Opfer, wurde nie umgesetzt.

Gelände der Siedlung: Heute immer noch umzäunt

Gelände der Siedlung: Heute immer noch umzäunt

Schnellenkamp erklärt, in beiden Altersgruppen fänden sich zudem die Unbelehrbaren, die alle Verbrechen allein auf Schäfer schöben - und die Vergangenheit sonst schönredeten.

Und schließlich blieben manche aus Bequemlichkeit, obwohl sie jung genug für einen Neustart seien: "Man kann in der Siedlung sehr billig leben und selbst mit einem abgebrochenen Studium einen Chefposten bekleiden. Sie melken die Kuh, solange sie noch lebt." Zwar ist die Villa Baviera verschuldet und das Land mit Hypotheken belastet, die Einnahmen decken meist nur die Zinsen. Doch insgeheim spekulieren einige wohl darauf, dass das Land irgendwann aufgeteilt wird - und es nur jene bekommen, die dann noch dort leben.

Und so wohnen heute Gebrochene und Gesunde, Kinder und ihre Eltern - von Schäfer einst systematisch getrennt - in einer Zweckgemeinschaft zusammen. Auch die umstrittene Tourismusidee entstand einst aus wirtschaftlicher Not. Einer ihrer Initiatoren: Jörg Schnellenkamp.

Er weiß, das ist schwer zu vermitteln. "Wir wollten Touristen, damit sich die Leute nicht wieder innerlich einschließen", sagt Schnellenkamp. Es seien sowieso viele Gaffer gekommen, um sich "Schäfers verrückten Kinder" anzuschauen. "Dagegen gab es in der Gemeinschaft Widerstände. Also wollten wir das steuern, die Gemeinschaft sinnvoll öffnen."

"Ihr müsst da raus!"

Für falsch hält Schnellenkamp es jedoch, die Gäste in historisch belasteten Räumen wie dem Zippelhaus zu bewirten. "Das sollte nur eine Übergangslösung sein, bis wir genügend Geld haben, um neue Gebäude zu errichten." Doch das Geld kam nicht, alles blieb beim Alten. So spaltet das Projekt heute auch Schnellenkamps Familie.

Seine Schwester Anna betreibt bis heute das Tourismusprojekt federführend. "Ich habe Anna immer gesagt: Ihr müsst da raus, wie wir es geplant haben. Im Zippelhaus kann kein Tourismus entstehen. Da muss ein Museum rein oder der Bulldozer!" Als in Schäfers Duschkeller ein Karaoke-Singen veranstaltet wurde, war Jörg Schnellenkamp empört: "Das ist so bizarr, so etwas kann man nicht machen!"

2012 stieg er endgültig aus. Bewusst hatte er sich zunächst in einem Gebäude einquartiert, in dem angeblich "nichts Schlechtes geschehen war", und sich dann auf eine einsame Steininsel außerhalb des immer noch umzäunten Geländes zurückgezogen. Hier fühlte er sich freier, weniger kontrolliert.

Vielleicht wird die Erinnerung von außen kommen müssen. Ein chilenisches Gericht hat im Mai 2015 verfügt, dass vor der Pforte der Villa Baviera ein Mahnmal errichtet werden muss und einige Gebäude unter Denkmalschutz gehören. Passiert ist bisher: nichts.

Jörg Schnellenkamps Vater Kurt sitzt derweil hochbetagt in Haft. Er war für die Wirtschaft der Kolonie zuständig. Wenn er in zwei Jahren seine Strafe abgesessen hat, wird er mit seiner Mini-Rente wohl wieder in die Kolonie zurückkehren, sagt der Sohn. Und dort als freier, womöglich auch geläuterter Mann am Ort seiner Schuld sterben.

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insgesamt 9 Beiträge
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Bernd Morcinczyk, 24.02.2016
1. PerverserTourismus
Da ist sie wieder,die Frage - wer ist perverser,die Touristen ,die sich noch stolz in "Heimbettdecke" im Hotel schlafen legen ,oder die Betreiber ? Es war für mich immer ein Problem( ich lebte von 2006 bis 2014 in Chile) ,von Chilenen Infos,Meinungen etc . über Paul Schäfer und warum er freie Hand hatte , zu bekommen Politisch war das immer ein Tabu Thema ,das bei den meisten älteren verschwiegen wird Es wäre zu wünschen ,wenn die chilenische Regierung hier jetzt ein Schlusstrich ziehen würde und ein Mahnmal aus dem Gebäude macht,anstatt tatenlos zuzusehen ,wie durchgeknallte Touristen sich noch an den Greueltaten ergötzen Aber ich denke ,da wird nichts passieren,so wie ich die Politik in diesem Land kennengelernt habe - siehe Gesundheitswesen,das nur Mittelschicht und oberen hilft oder Schulsystem ,das die untere Schicht auch "schön unten gehalten wird" Ich wünsche mir nur,das die Touristen diesen Ort mit Demut besuchen und nicht für "Feieren wie in Deutschland " benutzen -dies wäre die letzte grosse Respektlosigkeit den Opfern gegenüber
Stefan Schmitz, 24.02.2016
2. Wieso Entschädigung von Deutschland?
Warum sollte unser Staat irgendjemanden entschädigen? Die Bewohner der ersten Generation sind aus eigenem Antrieb nach Chile gezogen und haben dort dem damaligen Regime und einem perversen Sektenvater gedient. Welche Rolle spielt da Deutschland?
Lorenz Roseneck, 24.02.2016
3.
Die Bildunterschrift von 3 und 5 mögen erklären, wieso die Leute evtl. noch einen Anspruch haben.
Markos Maniatis, 24.02.2016
4. Komplizenschaft
leider ist meiner Kenntnis nach auch die Komplizenschaft der deutschen Regierung zu beklagen. Immerhin wurden Geflohene aus der Colonia von der deutschen Botschaft in Santiago wieder in die Colonia zurückgebracht, die dann mit Folter und Tod zu rechnen hatten. Die Botschaft besuchte die Colonia und bezeichnete sie als deutschen Musterbetrieb. Klarerweise war sofort zu erkennen, worum es sich in Wirklichkeit handelte. Auch ist bekannt, dass die Botschaft auf der anderen Seite Begünstigungen erhalten hatte, durch Güter und Dienstleistungen. Ein weiterer Punkt ist, dass die deutsche Regierung erst einschritt, nachdem Geflohene sich nicht an die deutsche Botschaft, sondern an die kanadische wandten. Meiner Meinung nach sollte dies alles von deutscher Seite aus aufgearbeitet werden.
Volker Eschen, 24.02.2016
5. Nichts gewusst?
Hat die Deutsche Botschaft wirklich nicht gewusst, dass Schäfer 1961 nach Chile geflohen war, weil die Staatsanwaltschaft Bonn gegen ihn einen Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs beantragt hatte? Da Bonn damals noch Sitz des AA war, hätte man das mühelos erfahren können.
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