Comeback einer Punklegende Vom Staatsfeind zum Liebling der Nation

Unangepasst, anarchisch und musikalisch schroff: Als Ende der Siebziger Punk als Protestkultur populär wurde, standen die Sex Pistols im Mittelpunkt der Bewegung. 30 Jahre später feiern sie wieder große Erfolge. Jorinde Reznikoff und Klaus-Peter Flügel trafen die alten Herren des Punk - und vernahmen harsche Worte.

Jorinde Reznikoff/Marc Bihan

Sie wollten alles und sie wollten nichts. Sie wollten Regeln, Systeme und Schranken durchbrechen, "no rules" akzeptieren, in keinem Bereich. Sie hörten die Musik der Sex Pistols und legten deren anarchische Song-Botschaften ihrem Leben zu Grunde. Das radikale Ausleben individueller Bedürfnisse - darum ging es "den Punks". Wenn es sie überhaupt gab: Punks als Vertreter einer einheitlichen Punk-Bewegung.

Radikale Authentizität, so war die allgemeine Losung, ist die notwendige Basis für die Freisetzung kreativer Energien. Man musste eben, wie es damals hieß, nur drei Akkorde spielen können, um eine Band zu gründen. Die Haltung der Punks war nicht abgehoben intellektuell, sondern einfach, direkt und auf eine mutige Art und Weise widersprüchlich. Es sollte endlich Schluss sein mit der weltverbesserischen Love&Peace-Hippie-Kultur und den überlangen, überproduzierten und als verquast empfundenen Soundkaskaden der in der öffentlichen Wahrnehmung damals überrepräsentierten Superbands wie Emerson, Lake and Palmer oder Pink Floyd.

Der anarchische Punkgeist griff schnell um sich. Als handele es sich um eine schon seit langem dringend erwartete Botschaft, griffen zahllose Jugendliche die Ideen auf und ließen sich zu eigenen künstlerischen Aktivitäten inspirieren. "Do it yourself" lautete die Devise, die auch in der Mode ihren unverwechselbaren ästhetischen Niederschlag fand. Die "Punk-Mode"-Ikone Vivienne Westwood, die bis heute zu den wichtigsten Modemachern weltweit gezählt wird, entwarf damals provozierende Lack- und Leder- und Bondage-Outifts.

"We were all just money making"

Am medienwirksamsten traten damals die Sex Pistols auf. Ihr Manager Malcolm McLaren hatte ein überaus gutes Gespür für Publicity. Mit der allgemeinen Aufregung um den Erfolgssong "God save the queen" erreichte sie wohl ihren Gipfelpunkt. Für die außerordentliche Popularität zahlten die Sex Pistols jedoch einen hohen Preis. Die Bandmitglieder verkrachten sich untereinander und noch dazu mit ihrem Manager. 1978 war dann endgültig Schluss.

Heute, nach 30 Jahren, treten die Sex Pistols nach einer Reunion-Welttournee 1996 und einigen vereinzelten, gemeinsamen Konzerten erneut zusammen auf. In Originalbesetzung versteht sich.

"We were all just money making", lautet eine Textzeile ihres Songs "Emi". Handelt es sich hierbei um ein ehrliches Eingeständnis oder wieder um eine provokative Äußerung? Auf ihrer Internetseite www.sexpistolsofficial.com heißt es dazu: "Haben sich die Sex Pistols bei ihrer Rückkehr in die Musikszene 2007 selbst ausverkauft? Ja, bei jedem Auftritt." Aber im selben Atemzug fügen sie hinzu: "Die Pistols haben sich nie darum gekümmert, was die Leute über ihr Comeback dachten. Nichts hat sich geändert. Alles, was sie sagten, ist noch heute aktuell. Wahrscheinlich sogar mehr denn je. Manche Leute brauchen eben länger, um es zu begreifen."

Vom Staatsfeind zum Liebling der Nation

Zuletzt gab es im Jahr 2007 einige Auftritte. Womit die Band damals selbst wohl nicht gerechnet hatte: Die angesetzten Konzerte waren in null Komma nichts ausverkauft, und die Begeisterung bei alten und neuen Fans und den Medien war einhellig. "Vom Staatsfeind sind die Sex Pistols zum Liebling der Nation geworden", so ein Bandkommentar.

In diesem Jahr nun sind die Sex Pistols die Headliner großer Festivals auf der Isle of Wight, am Loch Lomond, in Tokio, St. Petersburg, Moskau und Bratislava.

Auch beim französischen Festival-Terre-Neuvas in der Nähe des bretonischen Dorfes Bobital treten die Sex Pistols auf. Was also liegt näher, als sich auf den Weg in die Bretagne zu machen?

Die regionale Tageszeitung "Le Télégramme" warf einige durchaus berechtigte Fragen auf: "Will uns dieser Typ Johnny Rotten mit seinen 52 Jahren auf dem Buckel und seinen Kumpels noch heiß machen? Ist es nicht lächerlich, den Leuten 'no future' ins Gesicht zu plärren, die Königin zu beleidigen und 30 Jahre später immer noch da zu sein?"

"Allah be praised! Jesus be praised!"

Der Auftritt der Sex Pistols gab darauf eine klare Antwort. Von der ersten bis zur letzten Minute steigerte sich die Spielenergie nahezu rauschhaft. John Lydon aka Johnny Rotten sang sich in eine Art kontrollierte Trance. Wie ein Muezzin intonierte er zum Song "Belsen was a Gas, Baghdad was a Blast" unmissverständlich seine Haltung gegen den Irak-Krieg: "Allaaaaaaah be praiiiiiised! Jesus be praiiiiiised!". Und das hymnenhafte "Anarchy in the UK" verkam nicht zum abgedroschenen Oldie, sondern klang in diesem Kontext brandaktuell. Mit seiner souveränen, vor Kraft strotzenden Stimme heizte John Lydon dem Publikum solange ein ("I can't hear you!"), bis er jene "High-Energie" verspürte, auf die es ihm und seiner Band ankommt. "God Save The Queen" a cappella anzustimmen, war dann nur noch eine Frage der Zeit. Kein Zweifel: die Sex Pistols hinterließen ein Publikum in euphorischer Stimmung.

Nur eine Viertelstunde nach Ende des neunzigminütigen Auftritts betrat ein sichtlich zufriedener John Lydon das Pressekonferenzzelt des Festivals. Aber nicht, um sich feiern zu lassen. Das "Nice-to-see-you"-Getue des Festivalrepräsentanten interessierte ihn nicht. Prompt und direkt unterbrach er den Small-Talk: "Halts Maul, Mann! Ich bin gekommen, um mit den Journalisten zu reden. Mich interessiert, wie ihr das Konzert fandet! Haben die Leute uns heute Nacht verstanden?" Laute Begeisterungsrufe waren die einhellige Antwort. Und John Lydon nutzte die Gelegenheit zu einem persönlichen Statement.

"Ja, wir durchbrechen alle Schranken und alle Vorurteile! Eine Band wie die Sex Pistols macht die wahre Volksmusik! Ich komme aus dem Volk, von den Ärmsten der Armen. Ich weiß, was Armut bedeutet! Bei den Sex Pistols gibt es keine verwöhnten reichen Kinder. Deshalb ist unsere Botschaft rein und wahrhaftig. Wir wollen für die ganze Welt spielen, nicht nur für eine auserwählte kleine Gruppe. Das sind die Sex Pistols! Was wir tun, ist Liebe, wahre Liebe."

"Die Politiker sind unsere Feinde! Alle!"

John Lydon übte harsche Kritik an der Musikindustrie. Popstars würden sich von den Menschen entfernen, sagte er, weil sie gefräßig und selbstsüchtig seien. "Und deshalb ekelt mich die Plattenindustrie an." Er selbst hingegen schaue auf niemandem herab. "Das eine, was ich in den letzten 30 Jahren wirklich geschafft habe, ist nämlich, jede Regierung auf dieser Erde vor den Kopf zu stoßen", behauptete Lydon mit einer guten Portion Selbstbewusstsein. Seine Botschaft war eindeutig: "Kein Krieg mehr! Keine Politiker mehr! Die Politiker sind unsere Feinde! Alle!"

Auf unsere Frage, wann er nach Deutschland kommen wolle - ein Land, wie wir anmerkten, dem die Energie und die Anarchie der Sex Pistols gut tun könnte -,

antwortet Lyndon, der mit einer Deutschen verheiratet ist und damit, wie er sagt, auf seine ganz eigene Art einen Krieg beende: "Es kommt drauf an. Wir packen alles, was wir schaffen können, in unseren Tourneeplaner rein. Aber es ist der Wahnsinn! In den letzten zehn Tagen habe ich vielleicht mal zwei Stunden richtig geschlafen! Was wir tun, ist hart. Aber ich liebe es!"

Zum Abschluss wollten die Journalisten wissen, ob es ein zweites Album der "Sex Pistols" geben wird. "Wenn wir die Zeit finden...", sagte Lyndon. "Wir stehen unter keinerlei Druck. Wenn wir eine Aufnahme herausbringen, werden wir eigene Wege finden, ohne einen engstirnigen Plattenvertrag. Denn uns geht es nicht um ein kommerzielles Projekt, sondern um die tagtägliche Kommunikation mit Menschen. Und was ich jetzt gerade tue, ist viel wertvoller als eine neue Platte herauszubringen."

Der von den Autoren vollständig aufgezeichnete "Director's Cut" der Bobital-Pressekonferenz ist zu sehen auf www.sex-pistols.net.



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