Comic-Geschichte Der Tag, an dem Superman starb

Comic-Geschichte: Der Tag, an dem Superman starb Fotos

Ausflug ins Jenseits: 1992 ließ der Verlag DC seinen größten Helden in einem spektakulären Zweikampf über die Klinge springen - um ihn Monate später mit viel Tamtam wiederzubeleben. Für Superman blieb die Zeit der Leichenstarre ohne Folgen. Die Comicwelt hat sich bis heute nicht davon erholt. Von Torsten Abel

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Was für eine Sensation! Als der amerikanische Comic-Verlag DC 1992 bekanntgab, dass Superman sterben wird, war das Medieninteresse gewaltig. Bereits im Vorfeld berichteten selbst angesehene Publikationen wie die "New York Times" ausführlich den bevorstehenden Tod des Superhelden, der in einer großangelegten Story sein Leben aushauchen sollte.

Die New Yorker Tageszeitung versuchte, den Schritt kulturell zu deuten und sinnierte darüber, ob die Welt Supermans überdrüssig geworden sei. Viele Erwachsene, die mit Comics schon lange nichts mehr am Hut hatten, wurden erst durch diese Berichterstattung darauf aufmerksam, dass es überhaupt noch Superman-Comics gab. Die Superman-Ausgabe Nr. 75, in dem der Held sein Leben aushauchte, verkaufte sich millionenfach. Das Motiv mit dem zerfetzten Umhang des Helden, der an einem Flaggenmast im Wind weht, wurde zur Ikone.

Doch der Tod des Vaters aller Superhelden war nur ein geschickt angelegter PR-Coup. 1986 war Superman von Autor und Zeichner John Byrne in der Miniserie "Man of Steel" einer Generalüberholung unterzogen worden. Der gesamte Superman-Mythos wurde modernisiert, die Identität als Clark Kent selbstbewusster und seine große Liebe Lois Lane emanzipierter dargestellt. Schon bald lüftete Clark seiner Lois gegenüber sogar das Geheimnis seiner geheimen Superhelden-Identität, und wäre es nach den Plänen der DC-Oberen gegangen, hätten Clark und Lois bald darauf vor den Traualtar treten sollen.

Tod statt Traualtar

Doch ausgerechnet das Fernsehen machte den Autoren der damals sage und schreibe vier (!) monatlichen Superman-Comic-Serien einen Strich durch die Rechnung: Eine neue TV-Serie, "Superman: Die Abenteuer von Lois & Clark" mit Dean Cain und Teri Hatcher in den Hauptrollen, legte den Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen den beiden Titelfiguren und sollte nach einigen Staffeln in einer großen Hochzeit gipfeln. So kam man bei DC und dem Mutterkonzern Warner Bros., der auch die Fernsehserie produzierte, auf die Idee, die Hochzeit in den Comics und im Fernsehen parallel stattfinden zu lassen.

Doch um die Zeit bis dahin zu überbrücken, brauchte DC einen Lückenfüller. Zunächst nur als Scherz von Comic-Autor Jerry Ordway gedacht, entschloss man sich, Superman medienwirksam sterben zu lassen.

So wurde in den Comics die Figur des Doomsday eingeführt, ein monströser, mörderischer Koloss, der einen Vernichtungsfeldzug quer durch die USA unternahm - geradewegs auf Supermans Heimat Metropolis zu. Nachdem Doomsday die Helden der Justice League krankenhausreif geprügelt hatte, musste Superman sich ihm allein entgegenstellen. In den Straßen von Metropolis kam es schließlich zum alles entscheidenden Kampf, und mit seinem letzten Atemzug gelang es Superman, Doomsday aufzuhalten. Der Held starb und hinterließ eine Verlobte, die gemeinsam mit dem Rest der Welt trauerte.

Fans witterten den Haken bei der Geschichte

Langjährige Comic-Leser reagierten nüchtern auf die Geschichte. Der Tod einer Comic-Figur war schon lange keine Sensation mehr - Captain Marvel und Jean Grey von den X-Men aus dem Konkurrenzverlag Marvel hatten es Jahre zuvor vorgemacht, letztere sogar inklusive der Rückkehr von den Toten, und auch DCs Roter Blitz Barry Allen war bereits einige Jahre vor Superman über die Klinge gesprungen. Während neue Leser, die bis dahin einen großen Bogen um Superhelden-Comics gemacht hatten, dem Verlag Rekordeinnahmen bescherten, witterten erfahrene Fans in der Geschichte sofort den medienwirksam inszenierten PR-Trick.

Sie hatten natürlich recht. Obwohl die Titelfigur gestorben war, liefen Supermans Comic-Serien ungestört weiter und erzählten zunächst von der Beerdigung des Helden, die einem Staatsbegräbnis gleichkam, und der darauf folgenden Welt ohne Superman. Schließlich traten vier neue kostümierte Verbrechensbekämpfer auf den Plan, die alle für sich beanspruchten, der zurückgekehrte Superman zu sein.

Jeder der vier trug ein etwas anderes Kostüm und erlebte nun in einer der Serien seine Abenteuer. Auch Begegnungen untereinander fanden statt. Schließlich entpuppte sich einer der vier als Schurke, der kurzerhand eine Millionenstadt ausradierte. Um ihn aufzuhalten, bedurfte es nun des wahren Superman. Dieser kehrte mit langen Haaren zurück und konnte mit Hilfe seiner drei übrigen Nachfolger den Hochstapler aufhalten und dessen Pläne durchkreuzen.

Rückkehr mit Rockermatte

Doch wie konnte Superman plötzlich von den Toten auferstehen? Ganz einfach: Sein außerirdischer Körper versetzte ihn nach seinem Kampf gegen Doomsday in einen todesähnlichen Zustand. Doch dies konnte die irdische Wissenschaft nicht erkennen. Sehr langsam regenerierte sich der Körper durch die Zufuhr von Sonnenlicht - die Quelle für Supermans Kräfte.

Auf lange Sicht hatte Supermans Tod, wie so viele andere Ereignisse in den Superhelden-Comics, zumindest inhaltlich keine nennenswerten Auswirkungen. Superman und sein Alter Ego Clark Kent liefen beziehungsweise flogen noch ein paar Dutzend Hefte lang mit langen Haaren durch die Gegend. Pünktlich zur Hochzeit wurden diese dann wieder auf die gewohnte Länge zurechtgestutzt. Diese fand 1996 dann tatsächlich wie geplant gleichzeitig in der "Lois & Clark"-Serie und in den Comics statt. Es erschien eine Sonderausgabe mit dem Titel "The Wedding Album". Letzen Endes nahm die Hochzeit der beiden Protagonisten der Fernsehserie jedoch jegliche Spannung, so dass diese nach Ende der vierten Staffel abgesetzt wurde.

Für die Comic-Welt als Ganzes hatte die Geschichte um Supermans Tod allerdings ganz andere Auswirkungen: Künftig setzten sowohl DC als auch Konkurrent Marvel immer wieder auf Großereignisse für ihre Helden, die sich über viele Ausgaben hinzogen. Zeitgleich zu Supermans Tod wurde Batman im Rahmen der "Knightfall"-Saga das Rückgrat gebrochen, Spider-Man kämpfte sich einige Jahre später durch die "Klonsaga", Batmans Heimatstadt Gotham City wurde nach einem Erdbeben zum Niemandsland erklärt, und Superman selbst erhielt kurz nach seiner Hochzeit neue, elektrische Superkräfte, die jedoch aufgrund der großen negativen Resonanz der Leserschaft schon bald wieder verklangen.

Auch aufsehenerregende Todesfälle in den Comics wurden in der Folgezeit immer häufiger, sowohl unter den Helden als auch unter den Schurken. Doch nach Supermans Tod stand die "Drehtür des Todes", wie einige Fans bald sarkastisch unkten, weit offen. So war der Tod von Comic-Figuren wie Green Arrow, Green Lantern, Batmans zweitem Robin Jason Todd und sogar dem "Flash" Barry Allen in keinem Fall von Dauer. Selbst Captain Americas früherer Partner Bucky, bereits 1968 für tot erklärt, durfte 2005 nach fast 40 Jahren im Jenseits zurückkehren.

Die Medien hatten jedoch aus Supermans Tod gelernt und ließen sich nun nicht mehr so leicht täuschen. So wurde beim Tod von Marvels Traditionsheld Captain America sofort spekuliert, wie lange er wohl tot bleiben würde - derzeit erscheint bei Marvel die Miniserie "Captain America: Reborn". Auch Batman, den DC kürzlich ebenfalls das Zeitliche hat segnen lassen, wird als aussichtsreicher Kandidat für eine Rückkehr von den Toten gehandelt. In beiden Fällen schlüpften in den Geschichten selbstverständlich sogleich Nachfolger in die Kostüme der Helden, so dass die Serien unvermittelt weiterlaufen konnten. Denn tot mag tot sein - aber Geschäft ist eben Geschäft.

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