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Comics in der DDR Superhelden des Sozialismus

Comics in der DDR: Superhelden des Sozialismus Fotos
Guido Weißhahn/Holzhof Verlag

Fix und Fax statt Fix und Foxi: In ihren besten Zeiten waren die Helden in DDR-Comics wie "Atze" und "Mosaik" genauso cool und anarchisch wie ihre westlichen Pendants. Nur merken durfte es keiner. Von

Mitte der fünfziger Jahre erreichte den jungen Karikaturisten Hannes Hegen ein ungewöhnlicher Auftrag. Der DDR-Verlag Neues Leben wünschte sich von ihm einen Comic. Strikte Maßgabe: Die Bildgeschichte sollte möglichst nicht als Comic zu erkennen sein. Hegen machte sich ans Werk. Was er schließlich ablieferte, war allerdings genau das, was es eigentlich nicht sein durfte: eine Geschichte in Sprechblasen, knallbunt, lustig, abenteuerlich.

Ein Äquivalent zur Lieblingslektüre westdeutscher Kinder, ähnlich amüsant wie "Micky Maus" und "Fix und Foxi". Das hatte die kommunistische Staatsführung nicht gewollt. Es sollte eigentlich nicht erkennbar sein, dass man den Westen um den Kultstatus, den Comic-Helden dort genossen, beneidete. Auf Dauer aber konnte man sich der Popularität dieser Kunst- und Unterhaltungsform nicht entziehen.

1955 erschienen die ersten Comic-Hefte in der DDR. Sie hießen "Atze" und "Mosaik" und sollten dort die einzigen Zeitschriften ihrer Art bleiben. Vor allem "Mosaik", in dem Hegens Bildgeschichten von den Kobolden Dig, Dag und Digedag zu lesen war, wurde rasch populär. Doch wie alle Medien waren auch Comics in der DDR nicht frei von propagandistischer Instrumentalisierung. Erstaunlich daher, dass die Leser dem Heft treu blieben - bis heute. "Mosaik" ist mittlerweile die langlebigste deutsche Comiczeitschrift überhaupt. Ihr Erfolg allerdings blieb bis heute ein rein ostdeutsches Phänomen.

Kalter Krieg im Comic

Mehrfach war es dem Zeichner Hannes Hegen gelungen, sich den politischen und wirtschaftlichen Einflussnahmeversuchen seines Herausgebers, der DDR-Jugendorganisation FDJ, zu widersetzen - jedoch nicht, ohne Kompromisse einzugehen. In einem frühen Digedags-Heft hatte er die Fallschirme römischer Soldaten retuschieren müssen, weil sie zu sehr dem Bundesadler ähnelten. In der anschließenden Weltraumserie standen sich mit der "Republikanischen Union" und dem "Großneonischen Reich" zwei Staaten gegenüber, deren unterschiedliche Gesellschaftsordnungen ein Abbild der politischen Situation des Kalten Krieges waren.

1974 wurden die Differenzen zwischen Hegen und dem Verlag offenbar unüberbrückbar (wozu möglicherweise auch Hegens Vorstellungen von Gehalt und Arbeitsbedingungen beitrugen). Der Verlag wollte den Vertrag des Zeichners nicht verlängern und beauftragte ein eigenes Team mit der Entwicklung neuer Figuren.

Unter Leitung von Lothar Dräger und Lona Rietschel entstanden 1975 die Abrafaxe - Abrax, Brabax und Califax. Die Figuren waren ganz offensichtlich von ihren Vorgängern inspiriert, aber Hegens Plagiatsklagen scheiterten. Die Abrafaxe nahmen ihre Leser in ihren Abenteuern mit in ferne Länder, die den meisten DDR-Bürgern unbekannt waren - allerdings führten die Reisen nach Indien, Nepal oder Tibet ins 12. und 13. Jahrhundert.

Unpolitische Feigenblätter

Bereits ein halbes Jahr vor dem "Mosaik" war das Comicmagazin "Atze" erschienen, zunächst nur ganze acht Seiten dünn. Mit den Jahren stieg der Umfang, allerdings auch der Anteil an propagandistischem Material: Ab Anfang der siebziger Jahre bestand etwa die Hälfte jeder monatlichen Ausgabe aus einer politischen Titelgeschichte, die meist in realistisch gezeichneten Bildern vom Sieg der Sowjetmacht über Hitler, dem antifaschistischen Widerstandskampf oder den Errungenschaften der sozialistischen DDR berichtete - und das stets ohne Sprechblasen.

Dem damaligen Chefredakteur Wolfgang Altenburger war jedoch offenbar klar, dass ein so einseitig ausgerichteter Comic kein Publikum finden würde, und er pflegte deshalb zwei unpolitische Feigenblätter: Die Mäuseabenteuer von "Fix und Fax", geschrieben und gezeichnet von Jürgen Kieser, und die von Altenburger selbst verfassten "Pats Reiseabenteuer", gezeichnet von Harry Schlegel. Beide Serien sicherten der Zeitschrift die Gunst der Leser und das Überleben.

Comics erschienen zunehmend auch in anderen DDR-Zeitschriften - wegen der vom Staat festgelegten Papierkontingente und Auflagenhöhen allerdings nur in begrenztem Umfang. Eher sporadisch druckten Kinderzeitschriften wie "Bummi" und die "Abc-Zeitung" bunte Bildgeschichten. Häufiger schon erschienen sie in der "Trommel", der Wochenzeitung für die Viert- bis Siebtklässler - wahrscheinlich als Gegengewicht zum hohen Anteil an politischer Berichterstattung und zunächst ganz im Dienst der politischen Bildung.

Eldorado auf Seite 14

Das änderte sich, als die "Trommel" zugunsten der SED-Parteizeitung "Neues Deutschland" die Druckerei wechseln musste und fortan auf den Maschinen der "Berliner Zeitung" gedruckt wurde. Im Ausgleich für das kleinere Format handelte Chefredakteur Axel Hempel vier Seiten mehr Umfang und wesentlich mehr Farbe für sein Blatt heraus - die farbige Seite 14 wurde zum Eldorado der Comic-Fans. Hier begegneten ihnen jede Woche realistisch gezeichnete, aus Ungarn importierte Bildgeschichten wie Alexandre Dumas' "Der Graf von Monte Christo", Jules Vernes "Die Geheimnisvolle Insel", Mark Twains "Tom Sawyer" oder Frank L. Baums "Wizard of Oz", letztere unter dem Titel "Dorothy im Zauberland".

Wenig Berührungsängste mit dem Comic hatte auch die Redaktion der "Frösi" ("Fröhlich sein und singen"), die beliebteste Kinderzeitschrift der DDR. Sie brachte populäre Comicfiguren hervor wie Mäxchen Pfiffig und seinen Freund Tüte, gezeichnet von Richard Hambach, den grünen Affen Otto und seinen Pinguinfreund Alwin aus der Feder von Jürgen Günther, den Herren Ali und seinen Hund Archibald sowie die Serie "Käpt'n Lütt und Koko", beide erdacht vom Berliner Karikaturisten Horst Alisch.

Ein großer Importschlager war die italienische Figur Atomino, ein kleiner Superheld mit kommunistischer Gesinnung, der die Leser so sehr begeisterte, dass die Redaktion seinen Schöpfern Marcello Argilli und Vinicio Berti die Rechte abkaufte und bis in die achtziger Jahre eigene Geschichten entwickelte.

"Nimmerklug im Knirpsenland"

Zwar machte der Staat als Herausgeber aller Druckerzeugnisse der DDR keine konkreten Vorgaben hinsichtlich der Gestaltung der Bildgeschichten, doch der grundsätzliche Parteiauftrag zur sozialistischen Erziehung sollte sich in allen Medien niederschlagen. Die jungen Leser aber wollten vor allem unterhalten werden. Abhängig vom jeweiligen politischen Klima und der Kreativität (sowie oft auch dem Wagemut) der Redakteure entstanden so entweder unterhaltsame oder eben politisch durchtränkte, dröge Blätter.

In den ersten Jahren nach dem Mauerbau waren wegen der Abgrenzung zum Westen Zeitungs-Comics zunächst völlig verschwunden, selbst "Mosaik" gab seine handgeschriebenen Sprechblasen zugunsten gesetzter Bildunterschriften auf. Das änderte sich erst wieder nach dem Tod von DDR-Staatschef Walter Ulbricht 1973.

Berühmt wurden in der Folgezeit vor allem die Comic-Strips um Schwester Monika, Ede den Tierfänger, Nixi und der Weltraumabenteurer Karl Gabel des Berliner Karikaturisten Erich Schmitt. Ähnlich populär war der ehemalige Lokschlosser Heinz Jankofsky, unter dessen Händen fast 400 Comicfolgen entstanden, darunter Adaptionen wie "Nimmerklug im Knirpsenland" oder "Münchhausen" sowie seine Eigenkreationen "Rolf und Rudi".

Obgleich der politische Umbruch von 1989/90 für viele Künstler einen biografischen Bruch bedeutete, fassten einige bald wieder Fuß, so Reiner Schwalme als politischer Karikaturist der "Sächsischen Zeitung" und Jürgen Günther, der für das gleiche Blatt seit 1991 neue Bildgeschichten zeichnet. Heinz Jankofsky, 2002 verstorben, wird noch immer in der "SuperIllu" und dem Satiremagazin "Eulenspiegel" veröffentlicht, Lothar Dräger schrieb eine Roman-Trilogie über die berühmte "Mosaik"-Figur Ritter Runkel von Rübenstein.

Der Autor ist Mitglied der Gesellschaft für Comicforschung (comfor) und Herausgeber der Nachdruckreihe des Holzhof-Verlages Dresden. Unter dem Titel "Klassiker der DDR-Bildgeschichte" erscheinen in diesem Verlag Nachdrucke populärer DDR-Comics.

Die kompletten Abenteuer der Digedags gibt es in einer Buchreihe des Tessloff Verlags. Die frühen Abenteuer der Abrafaxe sowie der Mäuse Fix und Fax gibt es im Steinchen-für-Steinchen-Verlag.

Mehr über die Geschichte der DDR-Bildgeschichten lesen Sie auf: www.ddr-comics.de

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Dirk Rückheim, 04.12.2008
Zum Thema Superhelden des Sozialismus: Die Kobolde auf Bild 4 sind meines Erachtens nach nicht mehr Dig, Dag und Digedag sondern die Abrafaxe: Abrax, Brabax und Califax.
2.
Christoph Herzog, 04.12.2008
Bild 4/25 ist mit "Die drei Kobolde Dig, Dag und Digedag waren in der DDR so konkurrenzlos, dass es in den Generationen der Kinder jener Zeit kaum jemanden gibt, der die drei nicht kannte" unterschrieben, allerdings wird das erste Mosaik mit den Abrafaxen (Abrax, Brabax und Califax) dargestellt.
3.
Martin Zenker, 04.12.2008
Auf Bild Nummer 4 sind nicht die Digedags zu sehen, sondern es ist das Titelbild der ersten Nummer des Mosaiks (Januar 1976) ohne Hannes Hegen, dass die drei Abrafaxe Abrax, Brabax und Califax zeigt. Nichtssagende Bildtexte wie das Original kann man sich auch sparen... Interessant wäre dann mal noch das Titelbild vom Januar 1977 - das die Nummer 13 trug. Im Februar wurde dann dazu übergegangen, jeweils nur die Jahrgänge durchzunummerieren...
4.
Thorsten NYC, 04.12.2008
Was bitte soll der Titel auf der Homepage, "Subbrhäldn von driebn"? Wissen SPON-Redakture wirklich nicht, dass die große Mehrheit der Ostdeutschen kein Sächsisch gesprochen hat? Warum wird das Stereotyp des prinzipiell (?) sächselnden Ossis von SPON aufgegriffen und verstärkt?
5.
Guido Weißhahn, 05.12.2008
>Interessant wäre dann mal noch das Titelbild vom Januar 1977 - das die Nummer 13 trug. Im Februar wurde dann dazu übergegangen, jeweils nur die Jahrgänge durchzunummerieren... Die Redaktion hatte vor, die neue Serie mit den Abrafaxen genau wie Hegens Digedags-Serie fortlaufend zu nummerieren, daher trug das erste Heft des zweiten Jahrgangs die Nummer 13/1977. Allein - der Postzeitungsvertrieb, staatlicher Monopolist in der Belieferung von Endkunden und Zwischenhändlern, akzeptierte nur eine auf den Monat bezogene Nummerierung. Statt nicht mehr ausgeliefert zu werden, entschied sich die Redaktion für die Anpassung der Nummerierung an die Forderung des PZV. Nach dem Ende der DDR und des PZV wurde die ursprüngliche Idee umgesetzt: Auf Heft 12/1991 folgte im Januar die Ausgabe 193. Und so ging es bis heute weiter - im April 2009 erscheint Ausgabe 400.
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