Computer als Filmhelden "Mutter" und ihre Monster

In Sci-Fi-Thrillern und Horrorfilmen sind sie oft die wahren Fieslinge: Computer. Mal massakrieren die unberechenbaren Rechner Raumschiffbesatzungen - mal stürzen sie die Welt in den Abgrund. Fast so wie im richtigen Leben.

ddp images / interTOPICS

Wann immer in frühen Kinofilmen ein Computer als Hauptdarsteller auftauchte, gab es mächtig Ärger - fast wie im richtigen Leben. Als 1968 Stanley Kubricks inzwischen legendärer Streifen "2001: Odyssee im Weltraum" in die Kinos kam, lernte die Welt HAL 9000 kennen - ein Betriebssystem, das seinem Schöpfer dienen soll, ihn stattdessen aber in den Untergang treibt. Im Grunde also der ganz banale Horror, den Anwender heute tagtäglich am Arbeitsplatz oder zu Hause erleben.

Nicht ein schleimiges Monster dezimiert in dem Kubrick-Streifen die Besatzung des Raumschiffs, sondern das allwissende Elektronenhirn HAL. Für das Ziel der Mission geht der Rechner über Leichen; die Astronauten hingegen, von denen die meisten noch im Kälteschlaf auf Stand-by liegen, gehen von einer normalen Forschungsreise zum Jupiter aus. Als ihnen klar wird, dass HAL den Verstand verliert, beschließen die aufgetauten Crewmitglieder, ihn abzuschalten.

HAL wehrt sich, nur ein Astronaut überlebt und darf am Ende durch ein Wurmloch den Trip in die Ewigkeit Jupiters antreten. Allerdings erst, nachdem er den paranoiden Computer abgeschaltet hat, in dem er ihm nach und nach die Speicherplatinen entfernt. HAL verdummt schrittweise und singt zum Schluss ein Kinderlied, wobei er menschlicher wirkt als sein eiskalt agierender Widerpart.

Androiden kontrollieren mit einem Apple?

Für viele war Kubricks Kinoklassiker seinerzeit zu abstrakt - ganze zehn Jahre lang. Dann kam 1979 "Alien". Dort sahen wir hilflos zu, wie ein perfektes außerirdisches Monster die Raumschiffbesatzung abschlachtete. Geplant allerdings hatte das Massaker im All der Bordcomputer, welcher liebevoll "Mutter" genannt wurde. "Mutter" sabotierte alle Versuche, das Monster zu töten, und opferte die Besatzung, denn der Computer verfolgte die Ziele des Konzerns. Und der wollte das Monster als ultimative Waffe züchten und verkaufen.

"Mutter" besaß alle Komponenten, die ein PC heute noch hat: einen Bildschirm, eine Tastatur und die Angewohnheit, so ziemlich jeden Befehl des Benutzers falsch zu verstehen. Oder zu ignorieren. Sigourney Weaver als Ripley verhielt sich in diesen Fällen so, wie es eine Benutzerin heute noch macht: Sie schrie den Bildschirm an, hämmerte auf die Tastatur ein und sorgte dafür, dass die Peripherie (in diesem Fall ein böser Android) zerlegt wurde. Wir waren begeistert - vom Monster wie von "Mutter".

Nach "Alien" wollte ich mehr über Computer erfahren und fand heraus, dass es in den USA eine Firma namens Apple Computer gab. Doch welche Enttäuschung: Der Apple II sah so gar nicht aus wie "Mutter", und er konnte auch keine Androiden kontrollieren. Dafür kostete er so viel wie ein Jahreswagen der Oberklasse. Bei der Beschreibung seiner Funktionen schlief ich fast ein.

Mit der Butterbrotdose in die Zukunft

Es war Anfang der achtziger Jahre, als mein Bruder eines Tages ganz hektisch durch sein Zimmer rannte und dabei immer wieder auf die geschmacklos gestaltete Butterbrotdose auf seinem Schreibtisch deutete: "Das ist die Zukunft! So einen hatte Marty McFly in seinem Zimmer stehen!" Wir warteten darauf, dass sein Anfall zu Ende ging. Der Film "Zurück in die Zukunft", aus dem wir gerade kamen, hatte ihn offensichtlich mehr beeinflusst als erwartet. "Das war kein C 64", überlegte ich laut, "sondern ein Sinclair. Glaube ich." "Ein Sinclair ZX Spectrum?" Mein Bruder lachte hysterisch auf. "Gummitastatur. Damit kann man nichts machen." Ich versuchte es noch einmal: "Du verwechselst das mit 'War Games'."

Zwei Jahre zuvor, 1983, hatte wieder einmal ein Filmcomputer die Welt zerstören wollen. In "War Games" geriet Matthew Broderick an ein neues Rechnermodell im Verteidigungsministerium und hätte damit fast einen thermonuklearen Krieg ausgelöst, als er sich mit seinem IMSAI 8080 beim NORAD, dem US-Luftverteidigungskommando, einloggte. Dort aber stand "Joshua", der größte Computer der Welt, und war durch nichts zu bewegen, den Unterschied zwischen einem Spiel und der Wirklichkeit anzuerkennen.

Mike, der Sänger unserer Band, deutete auf die Butterbrotdose namens Commodore C64. "Was kann man mit dem Ding so machen?" "Programme schreiben. Und spielen." Wir versuchten "Blue Max". Ein Doppeldecker in 16 Farben krachte gegen Brücken, unter denen wir durchfliegen wollten. Das war sie noch nicht, die Zukunft.

Im Zentrum der Galaxis

Mitte der achtziger Jahre arbeitete der Wissenschaftler Jeff Goldblum alias Seth Brundle in dem Science-Fiction-Horror-Thriller "Die Fliege" mit einem sehr großen Computer, zwei Dixie-Klos aus Metall - und einer Fliege. Ich verstand nicht, wieso ein Computer, der auf gesprochene Befehle reagierte und Gen-Sequenzen analysieren konnte, nicht merkte, dass eine Stubenfliege in eines der Dixie-Klos geflogen war und sich mit der Blinddarm-DNS seines Meisters paarte. Das erinnerte an "War Games": Computer redeten mit merkwürdigen Stimmen, waren schlecht erzogen oder blöd. Es folgte ein ekliges Durcheinander - einmal mehr verursacht durch einen Computer.

Auch ich hatte damals einiges durcheinandergebracht: Mit Anzeigen-Layouts, hauptsächlich zusammengesetzt aus den beliebten Rubbelbuchstaben der Marke Letraset, stellte ich mich bei einer Werbeagentur vor. Der Art Director grinste: "Schöne Handarbeit. Komm mal mit." Im Atelier stand ein Apple Macintosh II. Auf dem Bildschirm war der Rohentwurf einer farbigen Anzeige zu erkennen - für mich ein Blick ins Zentrum der Galaxis.

Die gar nicht mal unattraktive Grafikerin, die den Mac bedienen durfte, schob eine kleine rechteckige Plastikbox auf dem Tisch hin und her. "Ist das der ... hmm ... Joystick?", fragte ich vorsichtig. Die Grafikerin starrte mich entgeistert an. Ich sah schnell weg. "Vergiss die Klebelayouts! Komm wieder, wenn du Pagemaker kannst", bemerkte ihr dauergrinsender Chef. Da war sie wieder - meine Konfrontation mit der digitalen Welt. Ich sollte alles vergessen, was ich gelernt hatte: Lerne "Mutter" oder "Joshua" zu beherrschen und das, was sie "Pagemaker" nennen. Dann kannst du wiederkommen. Ansonsten: Züchte Bienen!

Saucen aus dem Internet

Im Kino hatten wir 20 Jahre lang Computer erlebt, die Astronauten eliminierten oder auch um ein Haar die ganze Welt. In "Die Fliege" waren die Rechner schon nicht mehr ganz so schlau gewesen. Und Mitte der Neunziger brauchten sie sogar einen Menschen, der für sie die Daten transportierte. In "Vernetzt - Johnny Mnemonic" schmuggelte Datenkurier Keanu Reeves 1995 Informationen mittels eines in sein Gehirn implantierten Speicherchips.

Der letzte Auftrag allerdings überlastete seine Kapazität - falls er die Daten nicht innerhalb von 24 Stunden heruntergeladen könnte, würde seine digitale Ladung ihm die grauen Zellen verkochen. Was für ein Schwachsinn! Denn längst kannten wir dieses Ding namens "Internet". Nach dem mäßigen Kinoabend stolperte ich nach Hause. Neben dem PowerMac stand ein Modem. Ein sogenannter Nerd hatte es verkabelt und mir einen Zugang bei AOL eingerichtet, dahinter: das "World Wide Web". Ich meldete mich in einem "Forum" an. Im Forum gab es unter anderem Susi, die Flugbegleiterin, die uns Männer ganz verrückt machte. Dann musste der "Admin" Susi löschen, weil sie in Wirklichkeit ein arbeitsloser Martin aus Cuxhaven war.

Weihnachten sollte ich exotische Dinge zu einem Essen bei Freunden beisteuern. Ich schrieb eine E-Mail an "escobar72", der in Tijuana hockte. Er mailte mir Rezepte, die viele Chilischoten benötigten. Meine so zubereiteten Köstlichkeiten brannten Löcher in die Tischdecke und einige Magenschleimhäute, aber allein die Tatsache, dass ich "die Sauce aus dem Internet" heruntergeladen hatte, wie es der Gastgeber formulierte, brachte mich weit nach vorne.

Herrschen und Beherrschen

Noch einmal begegnete mir Jeff Goldblum auf der Leinwand - diesmal als Mathematiker in "Independence Day" von 1996. Darin wehrte sich die Menschheit gegen böse Außerirdische - diesmal immerhin erfolgreich. Bloß wie! Gewonnen wurde weder mit Waffengewalt noch mit einem Grippebazillus wie 1953 in "Kampf der Welten" - Goldblum alias David Levinson stieg mit seinem Laptop in ein Ufo und installierte ein Computervirus direkt im Rechenzentrum der Aliens.

Dieses Ereignis markierte eine Zeitenwende: Computer waren auf einmal nicht mehr grundsätzlich böse, auch nicht wirklich schlau, sondern nur ein Werkzeug, das von den Guten und den Bösen gleichermaßen benutzt wird. Wie im wirklichen Leben. Und wie langweilig. Computer als seelenlose Handlanger von Menschen oder Aliens töten keine Astronauten mehr, schmieden selbst keine Umsturzpläne. Wirklich schlauer geworden sind sie ohnehin nicht - ihre Betriebssysteme stecken auch heute noch immer voller Macken und ruinieren wertvolle Lebenszeit durch nicht nachvollziehbare Prozesse, endlos dauerndes Hochfahren und ihren unstillbaren Hunger nach "Updates".

Doch obwohl der einst revolutionäre Computer längst zu einem banalem Alltagsutensil geworden ist: Beherrschen tun wir nicht einmal den einfachsten PC. Bisher hat der Mensch sein Werkzeug immer zumindest ansatzweise verstanden, wie es aufgebaut ist und funktioniert. Das galt für die Steinaxt wie für den Toaster, ein Auto oder sogar noch eine Spiegelreflexkamera. Aber nun sind wir in der Zukunft angekommen, und kaum einer weiß wirklich, was ein Computer so macht. Mit uns.



insgesamt 14 Beiträge
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Harald Kucharek, 07.09.2008
1.
Der Autor vergaß leider "Colossus", aus dem Film "Colossus: The Forbin Project" (Colossus), in dem der gleichnamige amerikanische Computer zusammen mit seinem russischen Part die Weltherrschaft übernimmt. Dann gab es noch den "Proteus IV" aus "Demon Seed" (Des Teufels Saat), in dem der Computer sogar die Frau seines Erbauers schwängert... "Skynet" aus der "Terminator"-Serie gehört auch noch in die Reihe der etwas unartigen Rechner. Bombe 20 aus "Dark Star" verdient zumindest eine Randbemerkung. Und in "2001" wurden keine Astronauten aufgetaut, sondern die sich im Kälteschlaf befindlichen Astronauten ermordet.
Paul Ney, 07.09.2008
2.
Zu Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" (1968) und HAL 9000: HAL war schon damals als lustiges (nicht ironisches!) Kürzel bekannt. Mit einem "shift" der Buchstaben (Caesars Chiffre) kommt man an IBM -- damals die bedeutendste Computerfirma!
Jan Kreidt, 08.09.2008
3.
Kleiner Hinweis zu Bild 10 mit dem Sinus Telephon der Telekom: Ich hatte bis vor wenigen Jahren selbst noch so ein Teil im Einsatz. Jetzt steht es bei mir im Keller. Richtig ist, die Akkus starben schnell und waren sauteuer. Außerdem waren sie (jedenfalls in Gießen) nicht im Telekomladen, sondern nur direkt bei der Telekom erhältlich. Allerdings waren sie austauschbar. Ich habe noch sechs davon hier rumliegen. Sie waren sogar so gut autauschbar, dass einer davon bei mir während des Gesprächs immer aus dem Hörer fiel! Toll war auch, dass es eine Funktion gab, dass man während des Gesprächs den Akku wechseln konnte. Das Gespräch wurde solange gehalten. Das hat so etwa jedes dritte Mal problemlos funktioniert!
Sebastian Hilbert, 08.09.2008
4.
Naja... daß das Massaker in ALIEN durch den Computer "Mutter" AUSGELÖST wird, dem möchte ich widersprechen. Für mich ist immer noch das Alien für das Massaker verantwortlich. Oder vielleicht noch die Besatzungsmitglieder, die es an Bord des Schiffes bringen. Ansonsten könnte es auch die Firma Weyland-Yutani sein, die ist doch überhaupt für die ganze Reise (und auch für "Mutter" ) verantwortlich.
Andreas Holz, 08.09.2008
5.
TRON würde ich ebenfalls dazuzählen. Abgesehen davon, hat jemand einen IMSAI auf dem Dachboden?
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