Concorde-Katastrophe 133 Sekunden in der Hölle

Concorde-Katastrophe: 133 Sekunden in der Hölle Fotos
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"Concorde 4590, Sie haben Flammen hinter sich!". Am 25. Juli 2000 stürzte das legendäre Überschallflugzeug in Paris ab - 113 Menschen starben in der Katastrophenmaschine. Bei dem Crash verglühte ein Mythos. Eine Rekonstruktion. Von

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Die Meldung war klein - doch nur einen Tag später sollte sie zu einem tragischen Vorboten einer der größten Flugzeugkatastrophen der Luftfahrtgeschichte werden. Am 25. Juli 2000 berichteten viele europäischen Zeitungen, dass die British Airways eine Concorde aus dem Liniendienst genommen hat. Viel Notiz davon nahm die Öffentlichkeit zunächst nicht. British Airways hatte in ihren sieben Concordes Monate zuvor Haarrisse in den Tragflächen entdeckt, die allerdings als nicht sicherheitsrelevant eingestuft worden waren. Bei einer erneuten Kontrolle war jedoch festgestellt worden, dass sich bei einem Flugzeug der Riss von zunächst 50 auf nun 70 Millimeter verlängert hatte. British Airways entschloss sich deshalb, den Flieger vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen.

Fast 25 Jahre lang war die Concorde bis zu diesem Zeitpunkt auf kommerziellen Flügen unterwegs - ohne dass es dabei je einen Verletzten gegeben hätte. Es war eine Bilanz, wie sie kein anderes Passagierflugzeug über einen so langen Zeitraum vorweisen konnte - auch wenn andere Flugzeugtypen in wesentlich größeren Stückzahlen als die nur 13 Concordes im Einsatz sind. Vor dem Hintergrund der extremen Belastungen für das Material durch die Überschallflüge blieb es eine beachtliche Leistung. In Großbritannien und Frankreich war die Concorde zu einem nationalen Statussymbol geworden. Kritik daran galt als unpatriotisch. Allenfalls die US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB bemängelte die häufig platzenden Reifen, nicht aber die Luftfahrtbehörden der beiden Herstellerländer.

Charterflug nach New York

Für 96 Deutsche, zwei Österreicher, einen Dänen und einen Amerikaner sollte am 25. Juli 2000 im Terminal 2A des Pariser Flughafens Charles de Gaulle die Reise ihres Lebens beginnen. Bei der Reederei Peter Deilmann im holsteinischen Neustadt hatten die überwiegend älteren Herrschaften eine 15-tägige Kreuzfahrt mit der "MS Deutschland" gebucht, die zu dieser Zeit bereits im Hafen von New York auf sie wartete. Von New York durch die Karibik und den Panama-Kanal bis nach Ecuador sollte die Fahrt gehen, und für 2900 Mark war sogar die Anreise in einer eigens gecharterten Concorde der Air France inklusive.

Während der reguläre Linienflug AF001 Paris bereits am Morgen um 11 Uhr in Richtung New York verlassen hatte, stand der Charterflug AF4590 für 15.30 Uhr auf dem Einsatzplan. Am Nachmittag wurde die Concorde mit dem Kennzeichen F-BTSC aus dem Hangar zum Terminal 2A gerollt. Das Flugzeug war das dritte seiner Produktionsreihe, am 31. Januar 1975 absolvierte es seinen Erstflug. Ende Juli 2000 hatte die Maschine bereits 11.989 Flugstunden hinter sich - kein Alter für ein gut gewartetes Flugzeug.

Um 16.42 Uhr und 17 Sekunden gab der Tower die Startfreigabe. Pilot Christian Marty bewegte die Schubhebel nach vorn. Für den schwerbeladenen Flug waren die Tanks mit 95 Tonnen, etwa 115.000 Litern Kerosin, fast bis zum Anschlag gefüllt.

"Sie haben Flammen hinter sich!"

Als die Concorde knapp eine Minute später die Abhebegeschwindigkeit erreicht hatte, platzte am linken Hauptfahrwerk der vordere linke Reifen. Das Flugzeug hatte ein schmales, von einer zuvor gestarteten DC-10 verlorenes Triebwerksteil aus Titan überrollt. Auf der linken Seite zog die Maschine - für die Insassen nicht sichtbar - einen etwa 15 Meter langen Flammenschweif hinter sich her. Gleichzeitig kam sie zunehmend von der Mittellinie der Rollbahn ab.

"Concorde 4590, Sie haben Flammen hinter sich!", meldete der Fluglotse den Piloten. Das Triebwerk Nummer zwei links innen war ausgefallen. Der Flugingenieur schaltete den Motor zwei ab. Die Concorde flog zu diesem Zeitpunkt mit einer Geschwindigkeit von nur 371 Kilometern pro Stunde, 420 wären notwendig. Die Außengrenze des Flughafens passierte sie in einer Höhe von nur 30 Metern. Wieder meldete sich der Fluglotse: "4590, Sie haben starke Flammen hinter sich."

Noch immer war die Maschine langsamer als 400 Kilometer pro Stunde, nicht höher als 45 Meter und inzwischen bereits seit 89 Sekunden in der Luft. Die Gesprächsfetzen aus dem Cockpit drehten sich um den Versuch, auf dem nahe gelegenen Flughafen Le Bourget notzulanden. Um 16.44 Uhr und 30 Sekunden zeichnete der Cockpit-Voice-Recorder den letzten Ton auf, eine Sekunde später endet die Aufnahme. 133 Sekunden nach dem Anrollen zerschellte das Flugzeug beim Aufprall auf das Hotelissimo-Hotel in Gonesse, nur 6,4 Kilometer vom Flughafen entfernt. Alle 109 Menschen an Bord starben ebenso vier der Hotelangestellten.

Ungereimtheiten

Der Crash der Concorde war kein gewöhnlicher Flugzeugabsturz. Der für unmöglich gehaltene Unfall des elegantesten, teuersten und schnellsten Passagierflugzeugs der Welt löste eine Schockwelle aus, die manche mit der Reaktion auf den Untergang der "Titanic" vergleichen. Eine Ikone, ein Symbol für die technische Machbarkeit menschlicher Träume hatte nach knapp einem Vierteljahrhundert plötzlich seine Unschuld verloren.

Sofort nach der Katastrophe legte Air France den Concorde-Betrieb vorläufig still. British Airways strich nur die beiden planmäßigen Flüge am Folgetag des Unfalls und ließ den Überschalljet dann weiter planmäßig fliegen. In Paris wurde die fatale Verkettung der Ereignisse am Unglückstag bald deutlich: Eine entscheidende Rolle spielte das 43 Zentimeter lange Titanstück auf der Bahn, das den Concorde-Reifen explosionsartig platzen ließ. Ungewöhnlich ist, dass sich ein mehr als anderthalb Meter langes Gummistück der Lauffläche gelöst hatte. Mit großer Wucht prallte es von unten gegen die Tragfläche, in der sich die vollen Treibstofftanks befinden, und riss ein Loch hinein.

Bald stand fest: Der geplatzte Reifen ist die Hauptursache des Unfalls. Doch es gab weitere Ungereimtheiten. Die Maschine soll überladen gewesen sein, auch im Triebwerk Nummer eins hatte es einen Leistungsabfall gegeben, gleichzeitig liefen durch den vergessenen Einbau eines Abstandsrings im linken Fahrwerk die Räder nicht symmetrisch.

Die britische und französische Zivilluftfahrtbehörde verkündeten am 15. August 2001, dass sie der Concorde aufgrund der Ermittlungsergebnisse die Musterzulassung entziehen werden.

Testflug am 11. September

Noch wollte niemand eingestehen, dass das Ende des Concorde-Mythos gleichzeitig auch das Ende dieses fliegenden Anachronismus bedeutete. Briten und Franzosen setzten auf ein millionenschweres Umbauprogramm, bei dem die Tanks mit Kevlar-Gummi-Auskleidungen versehen wurden, um eine Wiederholung des Unfallgeschehens unmöglich zu machen.

Der erste Testflug mit Passagieren, allesamt BA-Angestellten, fand am Nachmittag des 11. September 2001 statt. Als die Maschine landete, stürzte in New York die bisher bekannte Weltordnung zusammen.

Trotzdem wurde am 7. November 2001 der Concorde-Liniendienst nach New York wieder aufgenommen. Doch technische Pannen häuften sich, der Markt war weggebrochen. Statt wie vor dem Absturz geplant bis maximal 2015 weiterzufliegen, war am 26. November 2003 endgültig Schluss. Fliegen wurde wieder langsamer - ein in der Technikgeschichte einmaliger Rückschritt.

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1.
Roland Albrecht 26.07.2010
Ich lebte damals in Argenteuil in der Nähe von Paris. Zum Zeitpunkt des Unglücks fuhr ich in Richtung Paris auf der D 317, die zwischen dem Flughafen CDG und Gonesse hindurchgeht. Ich habe also die Concorde mit dem Feuerschweif von links kommen sehen und den Absturz "hautnah" miterlebt. Meiner Meinung nach hat der Pilot Brand im Reservoir und Triebwerksbrand verwechselt, das Triebwerk 2 zu Unrecht abgeschaltet und so zusätzlich an Höhe verloren... RIP
2.
Jan Ellerbrock 28.07.2010
In dem Artikel heisst es: Fliegen ist wieder langsamer geworden. Ein in der Technikgeschichte einmaliger Vorgang. Dem ist nicht ganz so und es hat auch in dem anderen Fall mit Technik aus England zu tun. Die großen Hovercraftfähren von Hoverspeed und Hoverlloyd, die einst in Rekordzeit von ca. 35 Minuten den Ärmelkanal überquerten, sind ebenfalls ausgemustet und haben keinen Nachfolger gefunden. Auch die Durchquerung des Kanals mittels Eurotunnel nimmt deutlich mehr Zeit in Anspruch.
3.
Siegfried Wittenburg 28.07.2010
Auch der Schiffsverkehr ist wieder langsamer geworden. Verkehrten im letzten Jahrzehnt noch einige Schnellfähren auf der Ostsee und verkürzten die Reisezeit um die Hälfte, so kann man jetzt wieder entspannt an der Reling stehen und frische Luft atmen oder auf dem Passagierdeck ein Buch lesen.
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