Stimm-Exzentriker Klaus Nomi Der singende Weltraumroboter

Stimm-Exzentriker Klaus Nomi: Der singende Weltraumroboter Fotos
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Er trug Bühnenoutfits, die an Raumanzüge erinnerten, und sang Arien mit Frauenstimme: Heute vor 30 Jahren starb der deutsche Countertenor Klaus Nomi in New York. Der ungewöhnliche Künstler galt in Avantgarde-Kreisen als Rock-Sensation - und endete als eines der ersten prominenten Aids-Opfer. Von

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Es war eine Freakshow der Superlative: Sänger in Nazi-Uniform marschierten über die Bühne, junge Frauen räkelten sich als karibische Tänzerinnen, Männer mit langen Bärten spielten auf Schaumstoff-Gitarren. Selbst ein singender Hund trat auf. Mit diesen spektakulären Nummern begann im Dezember 1978 das "New Wave Vaudeville", eine Varieté-Show im New Yorker Club Irving Plaza. Gegen Mitternacht dann, das Programm war fast zu Ende, wurde noch ein letztes Mal das Licht gedimmt. Die ersten Gäste wollten den Club schon verlassen. Doch als die Scheinwerfer wieder aufflammten, blickten alle gebannt auf das seltsame Wesen, das die Bühne betrat.

Vor ihnen stand ein kleiner Mann mit bleichem Gesicht und weit aufgerissenen Augen. Die dunklen Haare hatte er zu einer Krone mit drei Spitzen geformt. Die Lippen waren schwarz bemalt, die Augenbrauen gezupft und mit Make-up bis zum Haaransatz nachgezeichnet. Er trug einen durchsichtigen Regenmantel, den er wie ein Cape über seinen dünnen Körper gebunden hatte. In einem schwarzen Kleid stakste er mit roboterhaften Schritten zum Mikrofon. Er hob die Arme - und der Saal verstummte.

Aus den Musikboxen drangen die ersten Töne eines Opernstücks: Camille Saint-Saëns "Samson et Dalila". Der kleine Mann öffnete den Mund - und sang in klarer Frauenstimme. Mühelos traf er selbst die höchsten Töne, schwang die Arme über den Kopf, riss die Augen weiter auf. Als die Arie "Mon cœur s'ouvre à ta voix" verklang, verbeugte sich das Wesen und trippelte im Rückwärtsgang hinter den Vorhang, während Rauchschwaden über die Bühne wehten und ein Stakkato-Blitzlicht einsetzte. Keine Zugabe, kein Lächeln. So stellte sich Klaus Nomi der Kunstwelt vor. Als der Applaus erklang, wusste jeder: Hier ist gerade ein Star geboren.

Im Bann von Elvis Presley und Maria Callas

Der Ariengesang im "New Wave Vaudeville" wurde zum Stadtgespräch. Von Mal zu Mal kamen mehr Menschen, um der Falsettstimme Klaus Nomis zu lauschen. Und immer wieder musste Zeremonienmeister David McDermott betonen: "Das hier ist kein Trick. Dieser Mann singt wirklich live."

Nomi war eine Entdeckung in der nach Sensationen lechzenden Underground-Szene von New York. Vor allem das East Village strotzte vor Aktionskünstlern, New-Wave-Sängern und Pop-Art-Malern, die mit ihren Arbeiten das biedere Amerika schockieren wollten. Ein geeigneter Nährboden für den androgynen Selbstdarsteller Nomi - der mit bürgerlichem Namen Klaus Sperber hieß und aus Bayern stammte.

1944 wurde dieser in Immenstadt im Allgäu geboren, nur 60 Kilometer vom Bodensee entfernt. Nach dem Krieg zog seine Mutter mit ihm nach Essen, wo der Junge seine Liebe zur Musik entdeckte. Das Taschengeld gab er für Schallplatten von Rock'n'Roll-Größen wie Elvis Presley aus - zur Sorge der Mutter. Diese wollte ihren Sohn von den schlechten Einflüssen der neuen Musik bewahren. Sie nahm die Elvis-Platten, ging zurück in den Laden und tauschte sie gegen Alben von Maria Callas um. Noch 1982, als er längst in New York und Paris zum Avantgarde-Geheimtipp aufgestiegen war, erklärte der Sänger in einem Interview mit dem "New Musical Express": "Presley war mein spiritueller Vater, so wie Maria Callas meine spirituelle Mutter war."

Nachdem er eine Ausbildung zum Schriftsetzer abgebrochen hatte, jobbte Klaus Sperber bei den Essener Theaterbühnen. 1967 schrieb er sich an der West-Berliner Musikhochschule ein. Doch mit seiner Vorliebe für Mezzosopran - der höchsten Stimmlage, die Männer beim Gesang erreichen können - eckte er bei den Lehrern an. Als man versuchte, ihn zum Tiefersingen zu bewegen, trat Sperber aus der Musikhochschule aus und arbeitete bei der Deutschen Oper - als Platzanweiser. 1973 kehrte der junge Mann dem in seinen Augen zu konservativen Deutschland den Rücken und zog ins Mekka der Freak-Kultur: nach New York.

Ein Science-Fiction-Magazin als Künstlername

Angezogen von den Arbeiten von Andy Warhol und dessen Factory, siedelte sich der Kunst-Fan im East Village an. Die Mieten waren billig - und so konnte er sich mit Gelegenheitsjobs als Bodenschrubber und Tellerwäscher über Wasser halten. Er eröffnete eine Konditorei, belieferte das Guggenheim Museum mit Linzer Torten und Zitronenkuchen. Doch sein Ziel war weiterhin die Bühne. Zu diesem Zweck nahm er den Künstlernamen Nomi an - ein Anagramm für das lateinische "Omni", das zu Deutsch "alles in einem" bedeutete. Und gleichzeitig auch Titel eines bekannten Science-Fiction-Magazins war, das zu den Lieblingslektüren des Deutschen gehörte. Der Stil der Weltall-Figuren inspirierte Sperber auch zum Kostüm, mit dem er im "New Wave Vaudeville" für Furore sorgte - und seine Karriere einleitete.

Sehen Sie hier das Video von Klaus Nomis erstem Auftritt im Sommer 1978 bei der "New Wave Vaudeville Show" im Irving Plaza, New York

Nach den ersten Auftritten im Irving Plaza wurden weitere Clubs auf Klaus Nomi aufmerksam - vom Gammelschuppen Max' Kansas City bis zum Rock-Palast Mudd Club. Er gründete eine eigene Band und trat in alternativen Kellerkneipen auf. Von Beginn an achtete er auf eine gute Show: Seine Musiker trugen Ski- und Hockeymasken, die Tänzer waren als Cellophan-Mumien verkleidet. Doch nach einiger Zeit legten sie ihre Gewänder ab: Das Publikum hatte sowieso nur Augen für den schrillen Sänger Nomi. Anfangs trug dieser noch Lieder anderer Größen wie Marlene Dietrich oder Lou Christie vor, doch schnell kamen eigene Songs hinzu.

Da er mit starkem deutschem Akzent sang, erinnerte Nomi an eine androgyne Form des Conférenciers aus dem Musical-Hit "Cabaret". Mit seiner Stimme und seinem Aussehen weckte er das Interesse von David Bowie, der ihn für einen Auftritt bei "Saturday Night Live" engagierte.

Styling-Tipps von Bowies Schneider

Die Show wurde zum Sprungbrett für den deutschen Ex-Konditor. Während Bowie in Tristan-Tzara-Kostüm am Mikrofon stand und Hits wie "The Man Who Sold the World" oder "TVC-15" darbot, lief Nomi mit rosa Plüsch-Pudel durchs Bild. Die TV-Kameras liebten den schrillen Deutschen, der fast so häufig zu sehen war wie Bowie selber. Und der nun wusste, dass er sich noch schräger kleiden müsse, um Aufsehen zu erregen.

Während seiner nächsten Show trat der Künstler in einem überdimensionalen Smoking auf, den Bowies Schneider kreiert hatte. Die Schulterpolster liefen spitz zusammen, der Oberkörper wurde zum stilisierten Dreieck. Statt sich nur wie eine Maschine zu bewegen, sah Nomi nun auch wie ein Roboter aus. Er ging auf Tourneen außerhalb von New York, reiste nach Chicago und Madison, gab Interviews für die japanische Vogue. Was ihm zum Durchbruch fehlte, war ein Plattenvertrag. Von den US-Riesen erhielt er Absagen: zu schrill, zu schräg, zu schwul. Deshalb erinnerte sich der Künstler seiner Wurzeln und kehrte nach Europa zurück.

Goldene Schallplatte in Frankreich

Es war schließlich die französische Firma RCA France, Ableger eines US-Musikkonzerns, die Nomi unter Vertrag nahm. Im Pariser Studio wurde 1981 die Platte "Klaus Nomi" aufgenommen - und sorgte in Frankreich für einen Überraschungserfolg. Schon nach einer Woche war das Album ausverkauft. Die Zeitungen stürzten sich auf das schräge Musikgenie, bezeichneten ihn als "Kastrat des Rock" oder als "singenden Mutanten". Nomi durfte im Pariser "Palace" auftreten, erhielt eine Goldene Schallplatte überreicht.

Auch in Deutschland rissen sich TV-Sender um den Alien-Roboter mit der Falsett-Stimme. Nomi war bei Thomas Gottschalk in dessen neuer Sendung "Na sowas!" zu Gast. Er besuchte Alfred Biolek in der Musikshow "Bio's Bahnhof". Und er durfte in München bei der "Klassik Rock Night" seine Interpretation von Henry Pucells "Cold Song" vortragen. Ein Triumph für den Countertenor, dem einige Jahre zuvor von seinen Gesangslehrern prophezeit wurde, dass er mit einer Frauenstimme niemals auf deutschen Bühnen stehen würde.

Zur gleichen Zeit kam Nomis zweites Album heraus. Mit "The Simple Man" von 1982 wollte er den US-Markt erobern. Die Lieder waren ernster, die Botschaften auf den Pop-Geschmack ausgerichtet. Nun sollte die ganz große Karriere beginnen, das prophezeiten ihm seine Manager. Ein Jahr später war Klaus Nomi tot.

Prominentes Opfer der "Aids-Seuche"

Die ersten Anzeichen für eine ernsthafte Krankheit traten im Frühjahr 1982 auf. Nomis Stimme versagte bei Auftritten, er wurde von grippalen Infekten geplagt - und konnte sich nur mit Antibiotika auf die Bühne zwingen. Schließlich stellten ihm die Ärzte ein vernichtendes Urteil: er hätte Grid - die "Gay Related Immune Deficiency", häufiger als "Schwulenkrebs" bezeichnet. Der Name Aids war damals noch nicht geläufig, die Ursachen für die Immunschwäche unbekannt.

Als Nomi im Frühsommer 1983 ins Sankt Mary's Hospital eingewiesen wurde, lebte er bereits stark isoliert. Seine ehemaligen Weggefährten und Bandmitglieder blieben dem Krankenhaus fern. Sie hatten Angst, sich bei einem Besuch mit dem "Schwulenkrebs" anzustecken. Am 6. August starb der Künstler - mit 39 Jahren. Seinem Wunsch gemäß wurde die Asche verstreut: über der Großstadt New York, die für ihn bis zum Schluss das Versprechen einer großen Musiker-Karriere symbolisierte.

Zum Weiterschauen:

"The Nomi Song", Dokumentarfilm von Andrew Horn, Arsenal Filmverleih 2005

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1.
Roland Magiera 06.08.2013
Es ist schon etwa drei Jahre her, dass ich auf Youtube "Samson et Dalila" entdeckt habe. Und ich kann dazu nur sagen, dass dieses eines der ganz wenigen Male war, wo ich das Gefühl hatte, echte Kunst neuer Art zu sehen. Großartig, unerreicht, nicht von dieser Welt. Die wenigen Alben die er geschafft hat, sind absolut hörenswert. Und es ist absolut bezeichnend für meine abwertende Meinung über Kultur-Deutschland, dass dieses Genie hier nie erkannt wurde, bis heute. Die Franzosen sind uns eben kulturell immer noch ein paar Jahre voraus, denn dort war er ein Superstar. Ruhe in Frieden Und ich werd schon wieder depri, was hätte der uns noch alles schenken können, heul. Roland Magiera
2.
ian sonor 06.08.2013
Vielen Dank fuer diesen guten Artikel! Wer mehr sehen & hoeren mag, klettert mal schnell in die Du-Tube und aehnliche Web-Saiten... Wie schade, dasss KN nicht laenger leben durfte. Zur ungefaehr gleichen Zeit hat uebrigens auch Tim Curry in NY gesungen; leider nur wenige (aber sehr hoerenswerte) Schallplatten aufgenommen - bevor er dann als recht erfolgloser Schauspieler verfettete. Woran man wieder sieht: grosse Talente sind nicht sehr gefragt, oft werden sie erst viel spaeter (an-) erkannt...und in Deutschland hoert man Nena.
3.
Andreas Herr 06.08.2013
Vielen Dank für den Artikel. Ich habe vor ein paar Jahren mal spät abends in "The Nomi Song" auf ARTE reingezappt und war sofort fasziniert von diesem eigenartigen Typen. Wirklich schade, dass er so früh gegangen ist.
4.
Silvia Arnold 06.08.2013
Lang, lang ist's her. In meinem Bekanntenkreis gingen die Meinungen sehr auseinander. Ich hatte die Platte gekauft und wie üblich auf Kassetten überspielt. Für die Einen waren es die Offenbahrung, für die Anderen Ohrenfolter. Die Platte habe ich immer noch und lege sie auch noch gelegentlich auf. "The cold song" berührt mich auch heute noch und ist für mich die beste Interpretation von diesem Lied.
5.
Stanislaus Bonifatz 06.08.2013
Nur so. Ein guter Counter-Tenor oder Altus sinkt nicht Falsett. Sondern eine klaren, sauberen Sopran. Genau das unterscheidet ihn von den vielen Unterhaltungssängern, die nur Falsett zustande bringen. Das ist ebenso der Unterschied zu den hohen Tenöre mit Falsetterweiterung. Durch entsprechendes Training kann man seinen Knabensopran erhalten. Er wird aber im Alter nicht besser.
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