Country-Göttin Dolly Parton "Ich bin nicht dumm. Und nicht blond"

Der erste Song auf ihrem ersten Album hieß "Dumb Blonde", doch das ist so falsch, wie es ihre Brüste sind. Country-Legende Dolly Parton ist eine Meisterin der Selbstironie. Heute wird sie 70 - und hat noch jede Menge Sprüche auf Lager.

Dolly Parton im Januar 2012 bei einer Filmpremiere in Los Angeles
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Dolly Parton im Januar 2012 bei einer Filmpremiere in Los Angeles


In den Südstaaten der USA steht vor jedem Rathaus ein Denkmal. Meist sind da alte Männer in Uniform drauf. Nicht so in Sevierville, Tennessee. Da sitzt eine langhaarige junge Frau mit Gitarre auf einem Stein. Und obwohl die Skulptur aus grauem Metall besteht: Diese Mähne ist zweifelsfrei blond.

Im traditionsverhafteten amerikanischen Bible Belt ist Dolly Parton eine Königin, ach was: eine Göttin, so sehr wird sie dort angebetet. Mit mehr als 100 Millionen verkauften Alben und acht Grammys ist sie längst die erfolgreichste Countrysängerin der Welt. An diesem Dienstag wird sie 70 Jahre alt.

Enge Jeans, Flanellhemd, blonde Mähne und breites Lächeln - das ist ihre Masche, seit sie ein Teenager war. Aufgewachsen ist sie in den Smoky Mountains im ländlichen Tennessee, mit elf Geschwistern in einer winzigen Hütte, Musik wurde immer gemacht . "Wir waren arm wie Dreck", sagte sie einmal und pflegt auch als Millionärin weiter dieses Image, von ganz unten zu kommen. Sie singt noch heute "von der guten alten Zeit, als es uns schlecht ging".

Die ewige Barbie der Countrymusik: Dass sie sich mehrfach renovieren ließ, räumt Dolly Parton jederzeit freimütig ein. Sie inszeniert sich wie eine Comicfigur und spricht höchst selbstironisch - die besten Zitate und ein paar Fun Facts zur Country-Ikone.

Szenenbild aus "Ein Engel auf Probe" (1996)

Als Blondine habe sie sich schon immer gefühlt und sich auch als junges Mädchen bereits die Haare gefärbt, sagte Dolly Parton der Zeitung "Times". "Vorher hatten sie in etwa die Farbe von Spülwasser. Ich habe nicht die geringste Ahnung, welche Farbe meine Haare heute hätten. Vermutlich wären sie grau. Aber was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß."

Die kleine Dolly (Aufnahme von 1955): Bei aller Armut und Enge mit elf Geschwistern - gegen gar nichts würde sie ihre Kindheit tauschen, sagt Parton. "Wir hatten ein kleines Haus und schliefen zu dritt und viert in einem Bett. Am schlimmsten war, dass die Hälfte ins Bett gepinkelt hat. Daran musste man sich gewöhnen und auf die kleineren Kinder aufpassen." Ihre erste Single "Puppy Love" schrieb sie als 13-Jährige zusammen mit ihrem Onkel Bill, der auch mit ihr nach Knoxville und Nashville fuhr, um Auftritte zu organisieren.

Ihr optisches Vorbild war eine Prostituierte in ihrem Heimatort in Tennessee, so Dolly Parton (hier im Film "Best Little Whorehouse in Texas"). "Dieses Mädchen - du lieber Himmel, sie war ein echtes Glamourgirl. Rot lackierte Finger- und Zehennägel, hochhackige Schuhe, kurzer Rock, tolle Beine, wilde Mähne. Ich fand sie atemberaubend. Genauso wollte ich aussehen", erzählte sie 2014 dem "SZ-Magazin".

Szenenbild aus "Das schönste Freudenhaus in Texas" (1982)

Parton über Attraktivität: "Ich habe Frauen, die von Natur aus schön sind, immer bewundert. Aber ich bin es nicht. Und ich war es auch nie", sagte sie in einem Interview der britischen "Times".

"Nichts an mir ist echt, aber alles kommt von Herzen", so Parton weiter. "Ich sage den Menschen nicht, dass sie aussehen sollen wie ich. Ich sage nicht: 'Sie sollten sich toupierte Haare und große Brüste zulegen, sich völlig unnatürlich schminken und zentimeterlange künstliche Fingernägel anschaffen'."

Szenenbild aus "Das schönste Freudenhaus in Texas" (1982)

Witze über ihre drastische Oberweite reißt Parton (hier mit Sylvester Stallone) am liebsten gleich selbst. "Wie halten Sie sich fit? Heben Sie Gewichte?", wurde sie einmal gefragt. Und antwortete: "Klar. Jedes Mal, wenn ich aufstehe."

Szenenbild aus "Der Senkrechtstarter" (1984), links: Sylvester Stallone

Fun Fact: So Schaf, dass es Dolly heißen muss. Das erste Klonschaf, das schottische Wissenschaftler 1996 zeugten, nannten sie Dolly. Weil sie Zellkerne aus dem Euter des Spendentiers entnahmen - und auf die vollbusige Dolly Parton anspielten. Forscherhumor. "Auch wenn die Sache selbst umstritten ist, ich fühle mich geehrt", sagte die unfreiwillige Taufpatin und kalauerte: "Es gibt einfach keine bäääääähd publicity."

Fun Fact: Auch dieser Panzer heißt Dolly Parton. Den Spitznamen gaben US-Soldaten dem russischen Kampfpanzer T-72 - wegen der zwei aufgesetzten Wülste an der Turmpanzerung.

Große Stimmen der Countrymusik: Schon früh traf Dolly Parton den berühmten Countrysänger Johnny Cash (hier bei einem Auftritt 1978 in Nashville), der ihr empfahl, musikalisch einfach ihrem Herzen zu folgen. Beiden glückten große Karrieren.

"Ist er nicht süß?" So kommentierte Dolly Parton dieses Foto in der Talkshow von Ellen DeGeneres. Es zeigt sie mit Carl Dean, seit Mai 1966 ihr Ehemann und höchst öffentlichkeitsscheu. Seitdem sind nur wenige Bilder des Paares aufgetaucht.

Verheiratet seit einem halben Jahrhundert: An Dolly Partons erstem Tag in Nashville traf sie den Bauarbeiter in einem Waschsalon, bald darauf heirateten sie: "Für uns beide ist es die erste Ehe. Und die letzte." Heute ist Carl Dean Chef einer Straßenbaufirma und hat nie gemeinsam mit seiner Frau auf einer Bühne gestanden, was sich...

...im kommenden Mai ändern soll. Das kündigte jedenfalls Miley Cyrus, Partons Patenkind, im letzten Herbst an: Zur Goldenen Hochzeit werde das Paar wohl zusammen auftreten, bei einer Zeremonie auf ihrer Ranch in Tennessee. Dean werde mit Parton auf die Bühne kommen, "nur um da zu sein".

Dolly Parton mit Nichten und Neffen 1986 in ihrem Freizeitpark Dollywood. "Als meine Brüder und Schwestern Kinder bekamen, fühlte ich mich wie deren Oma - und gegenüber deren Kindern nun wie eine Uroma", sagte sie "People Country". "Manchmal glaube ich, dass ich deshalb keine eigenen Kinder habe, damit ich für alle anderen da sein kann."

Ausgezeichnete Musikerin: Dolly Parton (hier bei einer Ehrung mit Zubin Mehta, Stephen Spielberg, Smokey Robinson und Andrew Lloyd Webber, von links) ist inzwischen eine reiche Frau, die Gutes tut. Früher hasste sie die Schule; seit Gründung ihrer "Imagination Library" hat sie Kindern Millionen von Büchern geschenkt und ist auch als "The Book Lady" bekannt. "Mein Vater liebte es, wenn all die kleinen Kinder mich so nannten", erzählte sie. "Das bedeutete ihm mehr als die Tatsache, dass ich ein Star geworden bin und mir den Arsch abarbeite."

Ihre OP-Karriere mit Verschönerungen an Gesicht, Hals, Po und Busen soll mehr als 600.000 Dollar gekostet haben. "Die Leute fragen mich immer, ob es meine eigenen Brüste sind", so Parton. Ihre Antwort: "Ja, sie gehören mir - ich hab sie gekauft und gut dafür bezahlt." Ein anderes Mal witzelte sie: "Ich war die erste Frau, die ihren BH verbrannte - die Feuerwehr brauchte vier Tage, um ihn zu löschen."

Aus ihren Restaurationsbemühungen machte Dolly Parton über Jahrzehnte kein Geheimnis. "Warum soll ich wie ein alter Hofhund aussehen, wenn ich das nicht will?" fragte sie laut "Daily Mail". "Wenn ich etwas hängen, sich ausbeulen, in die Länge ziehen sehe, dann werde ich es wegschnippeln, nähen und absaugen lassen."

Szenenbild aus Sag's offen, Shirlee (1992)

Ikone der Schwulenbewegung: Dolly Parton kann auch ernst - zum Beispiel wenn es um Homosexualität geht. "Jeder sollte das Recht haben, so zu sein, wie man ist, und die Person lieben zu dürfen, die man liebt", sagte sie in einem "Billboard"-Interview und kritisierte religiöse Aktivisten, die Homosexuelle verurteilen.

Gelebte Toleranz: Parton wuchs selbst in einer sehr christlichen Familie auf und hält es für grundfalsch, über Homosexuelle den Stab zu brechen. "Was Christen angeht, sobald diese Leute ein Urteil fällen, sündigen sie schon", sagte sie "Billboard". "Die Sünde, Menschen zu verurteilen, ist genauso schlimm wie jede andere Sünde, die sie anderen vorwerfen."

No Country for Old Men: Ein begeistertes Publikum fand Dolly Parton auch bei Drag Queens. "Es ist gut, dass ich als Mädchen auf die Welt gekommen bin, andernfalls wäre ich Transvestit geworden", sagte sie.

Manchmal zu grell geschminkt: In einem Schwulenclub in Los Angeles trat Dolly Parton einmal zum Kostümwettbewerb an - als Dolly Parton. Und wurde Letzte. "Alle, die so aussahen wie ich, marschierten auf die Bühne", sagte sie dem "SZ-Magazin". "Ich sah aus wie eine Clownversion meiner selbst. Ich hab's wohl zu sehr übertrieben. Es gab andere Dollys, die eher wie Dolly Parton aussahen als ich."

Die nächsten 30 Jahre: Dolly Parton plant weit voraus - zu ihrem 100. Geburtstag möchte sie eine Zeitkapsel öffnen und sammelt dafür schon Erinnerungsstücke. "Wir werden kleine Stücke meiner Kindheit hineinstecken; von der Veranda, auf der ich früher immer saß und mit einer Dose als Mikrofon in der Hand sang", sagte sie im Dezember 2015 in einer Morgensendung im US-Fernsehen. "Und einen Song, den ich dieses Jahr geschrieben habe, 'My Place in History'."

Dolly Parton hatte schon als Zehnjährige einen ersten großen Auftritt in einer Fernsehshow. Nach der Schule zog es sie nach Nashville. In der Welthauptstadt des Country traf sie einen netten Herrn mit Gitarre und Hut, der ihr empfahl, musikalisch einfach ihrem Herzen zu folgen. Es war Johnny Cash.

Schnell wurde Parton berühmt. Und blieb es. 25 Nummer-eins-Hits hatte sie in den Country-Charts, veröffentlichte mehr als 40 Studio- nebst etlichen Live-Alben, schrieb rund 3000 Songs, hatte Hits wie "Coat of Many Colors", "Jolene", "9 to 5" oder - mit Kenny Rogers - "Islands in the Stream". Den vielleicht berühmtesten machte jemand anderes zum Welterfolg: "I Will Always Love You" wird immer mit Whitney Houston verbunden bleiben.

"Warum soll ich aussehen wie ein alter Hofhund?"

Der erste Song auf Partons Debütalbum hieß "Dumb Blonde", "Dumme Blondine". Sie inszeniert sich mit viel Selbstironie wie eine Comicfigur und nimmt Spott gelassen: "Ich weiß ja selbst am besten, dass ich nicht dumm bin. Und nicht blond." Parton trägt viel Schminke, eine hoch getürmte Perücke und hat sich immer wieder renovieren lassen, seit sie 22 war. Insgesamt sollen ihre Schönheitsoperationen mindestens 600.000 Dollar gekostet haben. "Sie würden überrascht sein, wie teuer es ist, so billig auszusehen", sagte sie einmal.

Die Mähne ist eines ihrer drei Markenzeichen. Die anderen beiden hat sie einem Chirurgen zu verdanken, als Brustvergrößerungen noch etwas Besonderes waren. "Ich kannte Dolly schon, als sie noch flachbrüstig war", sagte ihr Manager Lee Solters einmal. Parton steht zur kosmetischen Chirurgie: "Warum soll ich aussehen wie ein alter Hofhund, wenn ich nicht muss?"

Dass die Hochkultur verächtlich auf sie herabblickt - die grelle, dralle Sängerin, auch Namensgeberin des Klonschafs Dolly (siehe Fotostrecke), stört's wenig. "Eigentlich bin ich doch nur das Mädchen von nebenan. Sofern man nebenan einen Vergnügungspark hat", sagt sie selbst über sich. Parton weiß genau, wem sie alles zu verdanken hat. Nie würde sie Fans arrogant behandeln.

Schwule lieben sie, sie liebt zurück

Eine starke Fangemeinde hat sie auch unter Homosexuellen. Parton setzte sich mehrfach für die gleichgeschlechtliche Ehe ein und veranstaltete in ihrem Freizeitpark Dollywood "Gay Days" - das schmeckte nicht jedem im konservativen Country-Publikum; sie sei boykottiert worden und habe sogar Morddrohungen erhalten, erzählte Parton. Schwule lieben sie, sie liebt zurück, und das offenkundig aus Überzeugung statt aus Kalkül.

Parton ist ungemein erfolgreich als Musikerin, Schauspielerin und auch als gewiefte Geschäftsfrau, die unter anderem mit einem Flipperautomaten, mit Kosmetik und Perücken Geld verdiente. Die mit dem Image des leichten Lebens kokettiert ("Meine Schwäche sind Essen und Männer - in dieser Reihenfolge"), aber seit 50 Jahren mit Carl Dean verheiratet ist; den Bauarbeiter traf sie an ihrem ersten Tag in Nashville in einem Waschsalon ("Für uns beide ist es die erste Ehe. Und die letzte.").

Die Schule hasste Parton. Nach eigener Aussage bekommt sie Depressionen, wenn sie "all die armen unschuldigen Kinder in den Schulbussen" sieht. Aber über ihre Organisation Imagination Library hat sie Kindern schon Millionen Schulbücher gespendet und auch selbst ein Kinderbuch veröffentlicht.

Dolly Parton weiß, was sie will und kann. Inzwischen merkt man ihr, nach über 50 Jahren auf der Bühne, das Alter an; ihre Stimme ist längst nicht mehr so kraftvoll und auch der Gang alles andere als jugendlich. Aber mindestens für die Menschen in Osttennessee bleibt sie eine Göttin und zugleich "eine von uns". Vielleicht, weil sie hart arbeitet, getreu ihrem Motto: "Wenn man den Regenbogen sehen will, muss man den Regen ertragen können."

Chris Melzer/dpa/Jochen Leffers



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insgesamt 10 Beiträge
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Gerd Diederichs, 19.01.2016
1. Wenn es sie nicht gaebe ...
... muesste man sie erfinden. Ihre Comedy-Zitate - damit haette sie Joan Rivers uebertrumpfen koennen. Oder war die sowieso ihre Ghostwriterin? Noch zu "I Will Always Love You" - Wer Dolly's Version oder die von Linda Ronstadt (auch eine grosse Stimme zu ihrer Zeit) mal mit der von Whitney Houston vergleicht, dem wird klar was fuer eine ueberirdische Saengerin die einst war - unerreicht, zuletzt auch von ihr selbst. Dolly, du hast deinen Weg gefunden, die Siebzig unbeschaedigt zu erreichen. Alles Gute fuer den Rest des Weges zur 100!
Rudi Mentär, 19.01.2016
2. Islands in the stream
Ist das nicht von den BeeGees geschrieben worden? https://de.m.wikipedia.org/wiki/Islands_in_the_Stream http://youtu.be/MGx4sBseM-Q
ph latundan, 19.01.2016
3. ...schrieb 3000 Songs, darunter Hits wie das Duett
schrieb 3000 Songs, darunter Hits wie "Coat of Many Colors", "Jolene", "9 to 5" oder das Duett "Islands in the Stream" A year later Dolly Parton and Kenny Rogers recorded the Bee Gees-penned track "Islands in the Stream", which became a US No. 1 hit and entered the Top 10 in the UK. der song wurde von den beegees geschrieben.
Dany Brumm, 19.01.2016
4. Tolle Frau...
und möge sie 101 Jahre werden. Happy Birthday dear Dolly!!
Christel Selig, 19.01.2016
5. Ich mag sie.
Trotzdem denke ich mir immer: Diese Brüste im Verhältnis zum Rest der Figur ... ich weiß nicht. Allerdings fiel mir ein, wenn man zuviel Bauchfett hat, wäre es wohl vorteilhaft, oben rum auch noch wuchtiger zu sein ... Dann erschiene das Gesamtbild ausgewogener. ;D Aber, dann trägt man auch wieder schwerer. Zurück zu Dolly P. Sie hat auch noch Hirn und Charakter, was manche Neusternchen so nicht haben. Und sie hat ne tolle Stimme - und ich höre sie gern, ganz egal wie sie aussieht.
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