Curnonsky Der Gaumenheld

Er becherte mit Toulouse-Lautrec, stritt mit Verlaine und zog mit Colette durch die Nachtclubs von Paris: Maurice-Edmond Sailland, Gourmet, Literat und Schwerenöter, rettete in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Ruf der französischen Küche - obwohl er selbst nur ein Ei braten konnte.

Collection Rolf Heyne

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Es war am 22. Juli 1956, einem lauen Sonntagmorgen, kurz nach 10 Uhr, als die Hausmeisterin von einem seltsamen Klatschgeräusch aufgeschreckt wurde: Rasch lief sie auf den Bürgersteig hinaus - und entdeckte den greisen Koloss tot am Boden liegend. Er war aus dem Fenster seiner Wohnung in die Tiefe gestürzt. Selbstmord? Kann nicht sein, entschieden die von ihrem Frühstück aufgescheuchten Bewohner des Place Henri-Bergson, Nummer 14, einstimmig. Dazu hat dieser zuletzt noch 280 Pfund schwere Kerl mit der hervorspringenden Nase, dem Schnauzer und dem gewaltigen Doppelkinn viel zu gern und viel zu gut gelebt.

Die grässliche Diät muss den 83-Jährigen umgebracht und einen Schwächeanfall am weit geöffneten Fenster ausgelöst haben, so das Urteil der Umstehenden. Nichts als trockene Kekse und Milch, das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Nicht für Maurice-Edmond Sailland alias "Fürst Curnonsky" - jenen Gourmet, der selbst zwar höchstens ein Omelett in die Pfanne hauen konnte, dafür aber 3000 Rezepte im Kopf hatte und mit seinen genialen Gastrokritiken das begründete, wovon Frankreich bis heute zehrt: den Ruf, die besten Küche der Welt zu haben.

Zwar gilt er den Franzosen als eine Art Nationalheiliger und haben die Japaner in ihrer abendländischen Kulturbeflissenheit gar einen Curnonsky-Fanclub gegründet - in Deutschland kennt den Lebemann jedoch kaum jemand. Eine von Inge Huber verfasste Biografie könnte dies nun ändern: 2003 stolperte die Kunsthändlerin beim Ankauf von Pariser Bibliotheksbeständen per Zufall über fünf völlig vergammelte Kartons voller Briefe - unbeabsichtigt hatte sie Curnonskys kompletten, ein halbes Jahrhundert lang verschollenen Nachlass erworben.

Zwiebelsuppe am Morgen danach

Huber hat daraus das Porträt eines schillernden Tausendsassas destilliert, der mit seiner spitzen Feder nicht nur Frankreichs Fleischtöpfe adelte, sondern auch Theaterstücke, Romane und Klatschkolumnen schrieb, als Sekretär und Ghostwriter arbeitete, zeichnete und dichtete. Und sich mit einer solcher Inbrunst in den Pariser Music Halls, Bordellen und Kaschemmen herumtrieb, dass er bald mit sämtlichen Künstlern, Komponisten und Kurtisanen befreundet war, die durch die Metropole der Belle Epoque lustwandelten.

Ob Emile Zola, Claude Debussy oder Sarah Bernhardt: Maurice-Edmond Sailland, der sich auf dem Höhepunkt der französischen Russen-Manie das Pseudonym "Curnonsky" gab, hatte mit allen schon mindestens einen Absinth getrunken; kaum eine der quasi nackerten Cancan-Tänzerinnen aus dem Moulin Rouge, die nicht schon seine intime Bekanntschaft gemacht hätte.

Dabei war der 1872 geborene Sohn eines Schnapsbrenners aus Angers einst mit durchaus hehren Absichten in die französische Hauptstadt gereist: Literatur wollte Curnonsky studieren - tatsächlich studierte er eher das pralle Leben und zog mit seinen Freunden kreuz und quer durch die Varietés, Nachtclubs und Kneipen, um im Morgengrauen eine Zwiebelsuppe in "Les Halles" zu schlürfen - und die Erlebnisse der Nacht anderntags in witzige, bald in der ganzen Stadt hochgeschätzte Kolumnen zu gießen.

Opium-, Austern- und Sexorgien

Um die lästige Sperrstunde zu umgehen, gründete Curnonsky Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem Freund Jean-Paul Toulet ein Zwischending zwischen WG und Absteige - zu den allnächtlichen Opium-, Austern- und Sex-Orgien erschienen Menschen wie der bitterarme, fast immer im Delirium vor sich hinkritzelnde Dichter Paul Verlaine oder die feinen Freunde von Oscar Wilde.

Doch auch der Maler Henri Toulouse-Lautrec kam regelmäßig: ein Schleckermaul wie Curnonsky, mit dem er leidenschaftlich gern schmauste und über die wichtigen Dinge des Lebens wie etwa die endgültige Garzeit von Geflügel oder die optimale Zubereitung von Meeresgetier diskutierte - wenn er seine Fleischeslust nicht gerade mit einer der anwesenden Mätressen stillte.

Irgendwann kurz nach der Jahrhundertwende jedoch ging Curnonsky das Geld aus. Um die nächtlichen Gelage zu finanzieren, musste er kurzfristig sogar das Rauchen einschränken - und wieder mehr arbeiten. Er tat dies unter anderem als Lohnschreiber (französisch: "nègre"!) für Henri Gauthier-Villars, den ersten Ehemann seiner Freundin Colette: jener später weltberühmten Schriftstellerin, deren literarisches Talent Curnonsky ans Tageslicht beförderte.

Per Automobil ins Schlaraffenland

Während ihr Mann Colettes Manuskripte monatelang in der Schublade verrotten ließ, ermunterte Curnonsky seine Freundin, daraus unbedingt ein Buch zu machen. 1900 erschien Colettes erster Roman, "Claudine à l'école" - und ihre Karriere war besiegelt. Doch auch für Curnonsky wendete sich das Blatt: Von 1907 an schrieb er im Auftrag des Reifenherstellers Michelin - ein Job, der sein Leben veränderte.

In seinen Michelin-Kolumnen versuchte Curnonsky, die skeptischen Franzosen mit einem unwiderstehlichen Anreiz zum Autofahren zu bewegen: Er schwärmte ihnen von den unverfälscht puren Gaumenfreuden der regionalen Küche vor. Kreuz und quer durch Frankreichs Provinzen ließ sich der fahrende Gastrokritiker Curnonsky chauffieren, mal mit einem Bugatti, mal mit einem Rolls Royce - seine Kolumnen lockten die esswütigen Pariser in die Peripherie und darüber hinaus in die hintersten Winkel der Republik.

Auch wenn Curnonsky nicht den Guide Michelin erfunden hatte, so entdeckte und kartografierte er doch als erster den Reiz der regionalen Küche Frankreichs - und stand durch seine Einteilung der Kochkunst in vier Kategorien Pate für die später vom Guide Michelin vergebenen Sterne. Zudem fand Curnonsky durch diese Kolumnen endlich zu seiner wahren Bestimmung: essen, trinken und darüber schreiben.

Küchentipps für die Schützengräben

Nachdem er während des Ersten Weltkrieges als Leiter einer Frontzeitschrift die Soldaten mit erotischen und lustigen Geschichten, aber auch praktischen Küchentipps ("Wie zerlege ich einen Hasen perfekt, der mir bei einer Patrouille vor die Büchse läuft?") aufgeheitert hatte, verlegte sich der Feinschmecker nach dem Krieg mehr und mehr auf kulinarische Texte.

Zu deren Krönung gehört sicherlich die 28 Bände umfassende Enzyklopädie der Völlerei, "La France Gastronomique", für die Curnonsky den im Auftrag Michelins begonnenen kulinarischen Entdeckungsfeldzug durch Frankreich vollendete.

Doch auch die übrigen seiner insgesamt rund 70 Bücher kreisten vornehmlich ums große Fressen - Curnonsky rettete den in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts angeschlagenen Ruf der französischen Küche so erfolgreich, dass ihn der Staat gar zum Ritter der Ehrenlegion ernannte.

Camembert-Weitwerfer

Längst gab sich der Jahr um Jahr runder werdene Bonvivant nicht mehr mit den mittellosen Künstlern im Montmartre ab, sondern war in der feinen Pariser Gesellschaft angekommen. Kein Mensch besaß einen so noblen Gaumen wie Curnonsky: ein Mann, der Zuchtforellen verachtete, weil sie wie "gekochte Wäsche" schmeckten und einmal einen aus dem Jura stammenden Camembert aus dem Fenster warf, weil echter Camembert für ihn aus der Normandie kommen musste.

Und so war es nur logisch, dass 3300 französische Köche den gewichtigen Gourmet im Jahr 1927 zum "Prince des Gastronomes" adelten. Drei Jahre später gründete Curnonsky nach dem Vorbild der altehrwürdigen "Académie française" die "Académie des Gastronomes".

Kurz vor dem offiziellen Festakt rutschte der Aristokrat des guten Geschmacks in der U-Bahn aus, brach sich ein Bein und kam ins Krankenhaus. Daraufhin schickten ihm seine Fans körbeweise gebratene Tauben, Schnaps und andere Köstlichkeiten - die Klinikinsassen schlemmten so fürstlich wie nie wieder in ihrem Leben.

Jahrelanger Geburtstagsschmaus

Curnonsky avancierte mehr und mehr zum Nationalhelden der französischen Küche: Zu seinem 80. Geburtstag am 12. Oktober 1952 deckten 80 Pariser Restaurants seinen Stammplatz ein, mit Blümchen und dem Schild "Dieser Platz gehört Maurice Edmond Sailland Curnonsky, ernannter Prinz der Gastronomie, Verteidiger und Illustrator der französischen Küche, Ehrengast dieses Hauses."

Und noch drei Jahre später hielt unter seinem Fenster am Place Henri Bergson allabendlich ein Wagen, um den Jubilar zum Geburtstagsschmaus in eines der großen Pariser Restaurants abzuholen.

Genau auf diese Stelle prallte am 22. Juli 1956 Curnonskys von der Diät geschwächter Leib. Der Nestor der französischen Feinschmecker war auf der Stelle tot. "Meide die linke Keule der Rebhühner. Denn sie stehen auf diesem Bein, und das lässt die Blutzirkulation träge werden" - diese und andere wertvolle Küchentipps hat der Gastronomen-Prinz der Nachwelt per Testament hinterlassen. "Curnonsky", schrieb die "Times" damals ehrfurchtsvoll, "war eine Persönlichkeit, die nur in Frankreich existieren kann." Wohl wahr.

Zum Weiterlesen:

Inge Huber: "Curnonsky. Oder das Geheimnis des Maurice-Edmond-Sailland", Collection Rolf Heyne, 2010, 256 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.



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Georg von Boroviczeny, 23.03.2010
1.
Wunderbar, danke!
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