Cuyahoga River Der brennende Fluss von Cleveland

Cuyahoga River: Der brennende Fluss von Cleveland Fotos
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Inferno in der Innenstadt: Vor 60 Jahren fing der Cuyahoga River in Cleveland plötzlich Feuer. Der Brand verwüstete Gebäude, verursachte Millionenschäden und traumatisierte die Einwohner. Doch so absurd die Katastrophe auch schien - der Fluss sollte nicht zum letzten Mal in Flammen stehen. Von

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Als die Feuerwehr von Cleveland am 3. November 1952 mit heulenden Sirenen an der Ecke Jefferson Avenue und der Dritten Westlichen Straße eintraf, bot sich den Männern ein bizarres Bild: Die Klappbrücke, die hier über den 60 Meter breiten Cuyahoga River führte, brannte. Flammen züngelten die Stützpfeiler empor, pechschwarze Rauchwolken verschlangen die Eisenträger über der Brücke und Qualm quoll aus dem Häuschen, in dem sonst der Brückenwart über den Verkehr auf Straße und Fluss wachte. Doch kein Autounfall hatte die Brücke entzündet, kein Frachtschiff mit brennbarer Ladung war dagegengefahren. Was sie in Brand gesetzt hatte, waren die Fluten des Cuyahoga River selbst - der Fluss stand in Flammen.

Verzweifelt mühten sich die Feuerwehrleute ab, mit Wasserschläuchen den brennenden Fluss zu löschen. Es sollte ihnen erst am kommenden Tag gelingen. Da war die Brücke bereits vollständig zerstört. Auch Boote und Gebäude am Ufer des Flusses, der sich durch die Innenstadt der Metropole windet, waren von den Flammen erfasst worden. Der Gesamtschaden entsprach nach heutigen Verhältnissen etwa 12,5 Millionen Dollar. Ein Funke von einem vorbeifahrenden Zug, so ergab die Untersuchung, sei wohl auf den Fluss übergesprungen. Doch wie kann Wasser Feuer fangen?

Was unmöglich erscheint, war das Ergebnis jahrzehntelanger Umweltverschmutzung, die der Cuyahoga River erlitten hatte. Achtlos in den Fluss abgeleitete Abwässer hatten sein Wasser nach und nach zu einer stinkenden Brühe aus Abfall, Öl und brennbaren Chemikalien werden lassen. Das Absurdeste aber war: Es war nicht das erste Mal, dass der Cuyahoga River in Flammen stand. Und es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Am Ende sollte der flammende Fluss zu einem Sinnbild der Umweltverschmutzung werden - und Cleveland zum Gespött der ganzen Nation.

Gift in der Luft, Feuer auf dem Fluss

"Eine Kloake, die mitten durch das Herz der Stadt läuft", so hatte Clevelands Bürgermeister Rensselaer R. Herrick den Cuyahoga River genannt - bereits um 1880. Sein Entsetzen kam nicht von ungefähr: 1868 hatte der verdreckte Cuyahoga zum ersten Mal gebrannt. Die Industrielle Revolution verwandelte die USA gerade vom Agrarstaat in eine Industrienation. Entlang der Großen Seen entstand das größte Industriegebiet der USA, der Manufacturing Belt.

Mit der Industrialisierung war auch der Dreck gekommen: Das Stadtzentrum wurde von einem gigantischen Industriegebiet eingenommen, das die Einwohner nur "The Flats" nannten - das Flachland. Von dem idyllischen Flusstal, das hier am Ufer des Cuyahoga einst gelegen hatte, war Ende des 19. Jahrhunderts allerdings nichts mehr zu sehen - an seiner Stelle stand ein gigantisches Labyrinth aus Hochöfen und Öl-Pipelines und der unermüdlich Qualm spuckende Schornsteinwald der Stahlwerke. In dieser lebensfeindlichen Umgebung wohnten nur noch die, die es mussten - die Arbeiter, die hier für karge Löhne schufteten. Ihre Häuser waren überzogen von einem schmierigen schwarzen Kohlefilm - genau wie ihre Atemwege: Viele Menschen litten an ständigem Husten, Schnupfen und Atemnot.

Umweltschutz war noch lange nicht auf der Agenda, was zählte, war die industrielle Entwicklung, und um die stand es blendend. So kümmerte es zum Beispiel niemanden, dass 1914 aus über 40 Rohrleitungen Öl, Industrieabwässer, Fett und Blut aus den Schlachthöfen und die ungeklärte Kloake der Wohnhäuser abgeleitet wurde. Niemandem schien es Kopfzerbrechen zu bereiten, dass Cleveland sein Trinkwasser aus dem Eriesee gewann, in den der Cuyahoga mündete. Hinzu kam die wachsende Brandgefahr: 1936 soll die Flamme einer Lötlampe versehentlich die Schicht aus umhertreibendem Müll und Öl an der Oberfläche des Cuyahoga in Brand gesetzt haben. 1948 stand der Fluss erneut in Flammen.

Aber erst der Millionenschaden, den der Brand im Jahr 1952 anrichtete, brachte die Stadtväter zum Umdenken - wenn auch etwas halbherzig: Sie ordneten eine Säuberung des Flusses an und forderten Clevelands Industrie auf, keine Abfälle mehr im Cuyahoga zu verklappen. Da es aber bei der bloßen Aufforderung blieb und keine neuen Gesetze geschaffen wurden, machten die örtlichen Unternehmen einfach weiter wie zuvor.

"Es kochte wie ein Hexenkessel"

Umweltschützer Bob Wysenski traute seinen Augen nicht, als er in den sechziger Jahren erstmals eine Wasserprobe am Cuyahoga entnahm: "In der Nähe war ein Schlachthof. Aus einem großen Rohr ergossen sich Blut und Tierteile in den Fluss", erzählte er 2009 der Tageszeitung "The Plain Dealer". Das rötliche Wasser und die Körperteile hätten sich dann mit dem Öl, den Chemieabfällen und den Fäkalien im Fluss vermischt. Alles Leben war aus ihm verschwunden: Nicht einmal der Gemeine Schlammröhrenwurm war mehr darin zu finden - obwohl der selbst in Klärschlamm überlebt. Charterboot-Kapitän Wayne Bratton erinnerte sich 1984 in "US News & World Report": "Der Fluss war schwarz, er blubberte und kochte wie ein Hexenkessel." Giftige Gase stiegen aus dem Wasser an die Oberfläche.

Die Wende brachte erst ein erneuter Brand des Flusses - obwohl er viel kleiner war als der von 1952. Er kam jedoch genau zum richtigen Zeitpunkt: 1969 war der amtierende Bürgermeister Clevelands, Carl Stokes, eine nationale Berühmtheit. Er war der erste schwarze Bürgermeister einer US-Großstadt, und die Medien verfolgten ihn auf Schritt und Tritt. Als am 22. Juni eine Lache aus Heizöl, Ästen und auf dem Wasser treibendem Müll Feuer fing, bekam Stokes davon zunächst gar nichts mit. Erst am nächsten Morgen erfuhr er von dem Brand, der in zwei Stunden gelöscht worden war. Sofort ergriff er seine Chance, sich zu profilieren. Da sich ohnehin eine Gruppe internationaler Reporter in der Stadt befand, um Stokes zu porträtieren, rief er sie am Ufer des Cuyahoga zusammen und erklärte in einer flammenden Rede einen "Krieg gegen die Wasserverschmutzung".

Der PR-Coup ging nach hinten los: Durch Stokes' Prominenz brachte die Nachricht von dem eigentlich kleinen Brand bald international Schlagzeilen - und machte Cleveland zum Gespött der Nation: Eine Stadt, die so verdreckt ist, dass selbst ihr Fluss brennt? Viele fanden die Idee zum Totlachen. Im Volksmund hieß Cleveland bald nur noch "the mistake by the lake", der Fehler am See. Ein Fehler, den viele Einwohner korrigierten: Von den 918.000 Einwohnern im Jahr 1950 war Cleveland bis 1980 auf 570.000 zusammengeschrumpft.

Der Ruf ist ruiniert

Das Entsetzen über den brennenden Fluss trieb grundlegende Umweltschutzreformen in den USA an. 1970 richtete Präsident Nixon die Environmental Protection Agency (EPA) ein, um landesweit den Naturschutz voranzutreiben. Zwei Jahre später besiegelte die Regierung den Clean Water Act, der eine Reduktion giftiger Substanzen in Gewässern bis 1983 sicherstellen sollte. Und gemeinsam mit Kanada wurde das Great Lakes Water Quality Agreement getroffen, um die Wasserqualität in den Großen Seen zu sichern, in die der Cuyahoga River mündet. Die Industriewerke Clevelands wurden für Hunderte Millionen Dollar modernisiert, besonders umweltschädliche Werke ganz geschlossen.

Das Unmögliche geschah: Bis Mitte der achtziger Jahre begannen der Fluss und der Eriesee, in den er mündet, sich zu erholen. Die Verschmutzung ging zurück, erneute Brände blieben aus. Verschwundene Fische wie der Glasaugenbarsch kehrten in die Gewässer zurück - und mit ihnen die Touristen, die lange ausgeblieben waren. Die Schwerindustrie verschwand allmählich aus Cleveland. Dort, wo sich einst Fabriken am Fluss drängten, sind heute Parks, Wohngebiete und Museen entstanden.

Der Imageschaden jedoch, den Cleveland erlitten hatte, war nicht mehr rückgängig zu machen. Die unglaubliche Geschichte von dem brennenden Fluss hat sich längst ins Gedächtnis Amerikas eingebrannt und ist Teil der Popkultur geworden: "Der Cuyahoga River fließt qualmend durch meine Träume", sang 1972 der amerikanische Musiker Randy Newman in seinem Lied "Burn On", und in dem R.E.M.-Song "Cuyahoga" hieß es 1986 "Wir haben den Fluss abgebrannt".

Auch Dick Korn kann ein Lied davon singen, wie lieb die Amerikaner die absurde Geschichte gewonnen haben. Dort, wo ein paar Jahrzehnte vorher noch riesige Werksgelände Luft und Wasser verpestet hatten, eröffnete er am Ufer des Cuyahoga das Restaurant D'Poos. Bald standen einheimische Büroarbeiter Schlange, um ihre Mittagspausen auf der Uferterrasse zu verbringen. Menschen aus anderen Städten, so Korn, sei die Wandlung des Flusses oft leider nicht so gegenwärtig: "Jedes Mal, wenn Leute rausfinden, dass ich aus Cleveland komme, stellen sie die gleiche Frage: 'Brennt der Fluss immer noch?'"

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1.
Jens Schuetz 02.11.2012
Vor vielen Jahren las ich in einem SciFi Buch ueber einen Drink der von einem brennenden stinkednden Fluss inspiriert wurde. Ein Pelikan kam auch darin vor. Klar das das alkoholtraechtige Getraenk vorm trinken angezuendet wurde. Dank Spiegel weiss ich jetzt wo der Autor die Idee mit dem brennenden Fluss bekam. Damals dachte ich das es so eine schlimme Verschmutzung ueberhaupt nicht geben kann. Jetzt weiss ich es besser. Vielleicht gibt es den Trank auch wirklich, irgendwo in einer Bar in Cleveland?
2.
Peter Boots 04.11.2012
Good grief, Jiminy Cricket! Die Bevoelkerungszahl von Cleveland ist wegen des stinkenden Flusses gesunken?? Wie ueberall in den US sind die Leute waehrend des rasanten Wirtschaftlichen Aufstiegs nach dem 2. Weltkrieg in die Vororte gezogen, und die sind in den Bevoelkerungszahlen der Stadt nicht einbgegriffen da sie in Cuyahoga County sind. Cuyahoga County: 1950 1.4 Millionen, 1980 1.65 Millionen. Grossbereich Cleveland: 1.5 Millionen, 1980 1.9 Millionen. Der Hoehepunkt des Grossbereichs war 1970 mit etwas ueber 2 Millionen. In den '70 Jahren hat die Stahlindustrie angefangen drastisch zu schrumpfen, wie auch andere Grossindustrien in den US. Noch niemals vom 'rust belt' gehoert? Warum kann man nicht eine Minute an Rechereche zufuegen (so lange brauchte ich die Zahlen zu googlen) damit man eine solche Schlampigkeit vermeidet?? Jiminy Cricket!
3.
Oliver Möller 04.11.2012
...und da soll einer sagen, Battletech lesen würde nicht bilden :-)...
4.
Juergen Frey 04.11.2012
Warum in die Ferne schweifen, denn der Dreck schwimmt ueberall! Bisher ist im Rhein nur einer geschwommen und der hiess Toepfer. Und mal ganz ehrlich, WIR sind doch daran Schuld!! Jeden Tag ein Stueck Lebenskraft- war mal eine Werbung- und woher das kommt das Stueck, ach so, vom Aldi, Lidl etc. ICH KANN ES MIR DOCH LEISTEN !!! Koennen Sie sich vorstellen, das wir Kinder damals in der Elbe schwimmen gegangen sind bis in die 50Jahre?? Vielleicht sollte man an den Ufern aller Fluesse, Baeche Schilder aufstellen. RAUCHEN VERBOTEN, EXPLOSIONSGEFAHR. Auf gehts Herr Ramsauer!
5.
Paul R. Woods 05.11.2012
@Jens Schütz: sowas gibt es bereits. Der Drink heißt "Burning Lamborghini" bestehend aus Blue Curacao, Baileys coffee lqueur, Irish Cream, Sambuca - siehe auch www.idrink.com/v.html?id=45090
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