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D-Day-Schauplätze damals und heute Im Fußabdruck des Kriegsreporters


Muscheln und Algen, wo einst die Soldaten waren: Mit historischen Aufnahmen im Gepäck reiste Fotograf Peter Macdiarmid 70 Jahre später an die Schauplätze des D-Day - und drückte erneut auf den Auslöser. Entstanden ist ein faszinierendes Früher-heute-Panorama. Von

Eilig stapft der britische Soldat mit dem Rucksack durch das Meer in Richtung Strand. Er hält sein Gewehr hoch, um es vor dem Wasser zu schützen. Hinter ihm springen seine Kameraden von der Leiter des riesigen Landungsboots. Zwei von ihnen hieven gerade ein sogenanntes Welbike, einen leichten Kriegsmotorroller, an die Küste. Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt Truppen der britischen Spezialeinheit der Royal Marines.

Entstanden ist die Aufnahme am D-Day beim "Juno Beach", wie dieser französische Küstenabschnitt im Geheimjargon heißt. Die Landungsboote erreichten im Morgengrauen des 6. Juni 1944 den normannischen Strand - und spuckten rund 150.000 alliierte Soldaten aus. Amerikaner, Briten, Franzosen, Polen, Kanadier, sie alle kämpften sich an die Küste, vereint in dem Willen, dem Nazi-Terror den Todesstoß zu versetzen.

70 Jahre später ist es still am Strand von Juno. Nur das graubraune Meer, das Richtung Horizont mit dem milchigblauen Himmel verschwimmt. Wo einst Tausende Soldaten durchmarschierten, wirkt die Szenerie heute gespenstisch leer - als wäre nie jemand hier gewesen.

Und doch: Einer war da. Er heißt Peter Macdiarmid, stammt aus Schottland und ist Fotograf.

Im Frühjahr 2014 griff Macdiarmid seine Kamera und reiste zu den großen Schauplätzen des D-Day nach England und Frankreich. Aufmerksam hatte der mehrfach ausgezeichnete Fotoreporter zuvor die historischen Aufnahmen von 1944 studiert. Nun stellte er sich genau dorthin, wo der Fotograf vor 70 Jahren gestanden haben muss - und drückte auf den Auslöser. Positionsgenau legen sich die aktuellen Farbfotos auf die historischen Aufnahmen. Entstanden ist ein packendes Früher-heute-Panorama.

Im Archiv hatte Macdiarmid zunächst rund 700 historische Aufnahmen gesichtet und nach markanten Punkten in der Landschaft oder Architektur gesucht. "Dann gab ich die Orte bei Google Street View ein und glich die Ergebnisse mit denen auf den alten Schwarz-Weiß-Bildern ab", sagt der 49-Jährige im Gespräch mit einestages. "Dort, wo ich augenfällige Überschneidungen fand, fuhr ich hin."

Insgesamt suchte Macdiarmid knapp zwanzig Brennpunkte der Landungsoperation auf. Stets nahm er exakt die Perspektive ein, aus der die historische Fotovorlage einst geschossen worden war. "Das Gefühl, auf dem gleichen Quadratmeter zu stehen, auf dem vor 70 Jahren ein Kriegsberichterstatter oder Soldat stand, war faszinierend", so Macdiarmid. "Als würde ich den Fußabdruck der Geschichte aufspüren."

Macdiarmid, der seit 2005 für die renommierte Bildagentur Getty Images arbeitet, setzte den ebenso einfachen wie großartigen Einst-jetzt-Mechanismus zuvor bereits bei fotografischen Arbeiten zum Ersten Weltkrieg ein. "Damals musste ich 30.000 Archivbilder sichten, das war ungleich schwieriger", sagt er und lacht. Für die aktuelle D-Day-Collage steuerte Macdiarmid deutlich weniger, dafür aber sehr konkrete Brennpunkte der Invasion an.

So fuhr er etwa in die kleine französische Ortschaft Trévières und besuchte den Marktplatz, auf dem im Juni 1944 der Leichnam eines deutschen Soldaten auf der Straße lag. Er ging an den Strand von Bernières-sur-Mer, wo einst kanadische Soldaten an Land wateten. 70 Jahre später liegen dort Muscheln, Algen und Steine im Sand. Und er reiste in die südenglische Küstenstadt Weymouth, wo Anfang Juni 1944 Schiffe mit US-Truppen vor Anker lagen und auf den D-Day warteten. Heute kreuzen dort kleine, bunt angemalte Schlepper.

Ob in England oder Frankreich, am "Juno Beach" oder im Hafen von Weymouth: Überall überkam den Fotografen die gleiche Faszination, sie überträgt sich unweigerlich auf den Betrachter seiner Bilder. "Durch die spezielle Perspektive, durch das Interaktive, fühlt man sich quasi als Teil der Geschichte", so Macdiarmid.

Überwältigt hat ihn vor allem, dass sich an manchen Orten "rein visuell fast nichts verändert hat." All die Hafenbecken, Strandpromenaden und Kirchen, die Kreuzungen, Straßenzüge und Marktplätze: Kaum war der Zweite Weltkrieg zu Ende, bauten die Kommunen die zerstörten Bauten eilig wieder auf.

Was hingegen für immer fehlen wird, was nicht zu ersetzen war - das sind die Millionen Menschen, die in diesem grausamen Konflikt starben.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. optional
Dirk Winkelbach, 05.06.2014
Das heißt "Omaha Beach", nicht "Ohama Beach". OMAHA BEACH.
2. Gute Idee, schwach umgesetzt
Daniel Frank, 05.06.2014
Früher - heute Fotovergleiche sind vor allem dann atemberaubend, wenn der gleiche Blickwinkel / Bildausschnitt gewählt wurde. Wirklich schade, dass das hier nicht passiert ist.
3. @daniel frank
thg, 05.06.2014
na dann mal los und besser machen. ich bin wirklich gespannt was sie zustande bringen.
4. D-Day
david nuglisch, 05.06.2014
D-Day, D-Day, D-Day ... Die Medien sind voll davon, es gibt kein Entkommen. Was aber ist mit der enormen Leistung der damaligen Sowjetunion bei der Niederschlagung des Hitler-Faschismus? Darüber verliert in den westlichen Medien kaum jemand ein Wort. Die Russen haben sich damals ihrer Haut erwehrt und die Deutschen unter unvorstellbaren Opfern bis zum Äußersten zurückgedrängt. Auch die Briten, Franzosen und Polen haben vor diesem Hintergrund gekämpft. Die USA jedoch waren selbst nicht bedroht. Sie haben ihre Soldaten in diesen Krieg geschickt, um ihre Machtinteressen auf europäischem Boden langfrsitig zu sichern. Das ist ihnen auch gelungen. Bis heute haben sie ein höriges Europa hinter sich gebracht. Das ist die Geschichte hinter den Amerikanern unter Helden des D-Day. Den "Todesstoß" haben sie dem Nazi-Terror jedenfalls nicht alleine versetzt. Daran hatte die ehem. Sowjetunion einen übergroßen Anteil.
5. Schwache Umsetzung
Michael Michalke, 05.06.2014
Ich hätte dem Fotograf eine bessere Kamera mitgegeben.
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