Daily-Talk-Stars "Ich werde das Geschrei nie vergessen"

Daily-Talk-Stars: "Ich werde das Geschrei nie vergessen" Fotos
ProSieben

Von Ilona Christens Kabelträger zum TV-Sexsymbol: In den Neunzigern erlebte Andreas Türck hautnah mit, wie der Hype um Daily Talkshows explodierte. einestages sprach mit ihm über Studio-Rausschmisse, Überforderung - und zeigt, was aus den Stars der Trashtalk-Welle wurde. Von und

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einestages: Herr Türck, "Daily Talks und ich - Heute gestehe ich alles!" Einverstanden?

Türck: Da geht noch was!

einestages: "Die Daily Talks und ich - Meine Zeit als trockener Knochen zwischen zwei saftigen Filets"?

Türck: Das stand damals im SPIEGEL, oder?

einestages: 2001. Die Filets waren Ihre ProSieben-Kolleginnen Arabella und Nicole, die vor und nach Ihnen sendeten. Waren Sie sauer?

Türck: Mich hat das amüsiert. Der SPIEGEL hat sich auch mal über meine Schweißflecken lustig gemacht, Stefan Raab hat später Türck-Schweiß-T-Shirts verkauft. Mein Gott, Moderatoren schwitzen eben. Ging ja auch heiß her, trocken waren meine Sendungen ganz sicher nicht.

einestages: Sie haben zwischen 1998 und 2002 fast tausend Sendungen moderiert. Oft ging es dabei ziemlich laut zu.

Türck: Natürlich wurde auch mal geschrien. In meiner Sendung haben sich Menschen aus unterschiedlichen Bildungsstufen getroffen und auf manchmal sehr einfache Weise gesagt, was sie dachten.

einestages: "Scheiß Emanze! Zurück zum Herd." "Frauen sind dümmer als Männer. Heute beweis ich es euch!" So was.

Türck: Wir haben auch über das Phänomen der Jugendgangs gesprochen, über Rassismus, über den Ost-West-Konflikt. Seltene Krankheiten, die von den Krankenkassen nicht ausreichend unterstützt wurden. Wir haben vor dem Amoklauf von Erfurt das Problem der Waffen an den Schulen thematisiert, wenn auch vielleicht auf einem anderen Niveau. Dass es nur um Krawall ging, ist einfach ein Klischee.

einestages: In den Neunzigern wurde auf jedem Privatsender getalkt. "Arabella", "Pilawa", "Ilona Christen", "Hans Meiser", schon mittags wurden die ersten Daily Talks ausgestrahlt. Warum schlug das Format so ein?

Türck: ARD und ZDF hatten übrigens auch Daily Talks. Klassische Talkshows waren lange Zeit eher der Elite vorbehalten. Sportlern, Künstlern, Ärzten, sogenannten Experten. Der Otto-Normalverbraucher fand im Fernsehen eigentlich nicht statt, es sei denn, er gewann bei einem Gewinnspiel.

einestages: Und plötzlich konnte jeder ins Fernsehen.

Türck: Das war ein hochinteressantes Phänomen, das später auch bei "Big Brother" zu beobachten war. Ganz normale Menschen zeigten sich oder erzählten von sich - und immer mehr schauten zu, weil sie es spannend fanden, dass da endlich mal anders gesprochen wurde. Und dass Themen zur Sprache kamen, die vorher keinen Platz in den Programmen der Sender hatten.

einestages: Sie hatten vorher als Nachfolger von Hans Rosenthal "Dalli Dalli" im ZDF moderiert und Hunderte Promis interviewt. Plötzlich waren Sie Daily Talker. Was war der Unterschied?

Türck: Keiner. Ein Mensch ist ein Mensch. Ich bin mit Promis genauso offen umgegangen wie mit einem unbekannten Gast. Diese authentische Art schien das Publikum auch sehr an mir zu mögen. Inge Meysel hat mal gesagt, sie hätte mich gern als Enkel gehabt.

einestages: Wann war eine Talkshow gut?

Türck: Ich hatte vor allem Spaß, wenn nicht alles nach Plan lief. Wenn eine Lampe durchknallte, eine Tür nicht aufging, wenn ein Gast etwas Unerwartetes tat. Wir hatten aber auch sehr ernste Themen in der Show. Wenn ich es dann geschafft habe, diesen schwierigen Themen nachmittags um drei den entsprechenden Rahmen zu geben, dann war ich auch stolz. Aber Daily Talk war schon hartes Brot, das war fast wie am Fließband.

einestages: Wie meinen Sie das?

Türck: Pro Tag wurden in Hamburg drei Sendungen aufgezeichnet, an drei Tagen hintereinander in der Woche. Auf dem Gelände standen drei Studios nebeneinander, in dem einen produzierte Schwartzkopff TV "Sonja", im nächsten "Pilawa" und im dritten meine Sendung - das Ganze mit einer einzigen Regie, das ging zack, zack! Irgendwann musste man nur noch das Thema wissen, der Rest wiederholte sich. Es war eigentlich immer der gleiche Aufbau: Gast, Gegengast, noch ein Gast - das Grundprinzip jeder spannenden Talkshow, auch heute noch.

einestages: Was macht diese Atemlosigkeit mit einem?

Türck: Für mich war das zu anstrengend. Mit mir hätte man nur zwei Sendungen machen dürfen. Ich habe mich immer als Mann für die Kurzstrecke bezeichnet, auf Dauer wäre ich sicher nicht gesund geblieben in diesem Rhythmus.

einestages: Sie meinen, Sie hätten sich verbrannt?

Türck: Schauen Sie sich doch meine Sendungen an: Ich bin in jede Aufzeichnung volle Kanne rein, habe die Show zu meinem Wohnzimmer gemacht. Die Leute dachten ja immer, der Türck hat was genommen. Aber ich bin Migränepatient, ich trinke keinen Alkohol oder nehme etwas dergleichen. Ich war einfach ich.

einestages: Sie wollten sicher immer zum Fernsehen.

Türck: Nein. Nicht wirklich. Ich bin Radiomann. Zum Fernsehen kam ich in Wiesbaden eher zufällig. Weil ich oft das Nachtprogramm beim Radio moderiert habe und dadurch tagsüber frei hatte, arbeitete ich zusätzlich bei der Taunusfilm, um Kaffee und Brötchen für das TV-Team zu machen. Irgendwann bin ich vor die Kamera gerutscht. Meine einzige Vorerfahrung war meine Zeit als Kabelhilfe bei Ilona Christen. Für sie habe ich beim ZDF-"Fernsehgarten" den Monitor geschoben. Später wurde sie meine Konkurrentin.

einestages: Wie echt waren eigentlich die Gäste in den Daily Talks? Es tauchten immer wieder Gesichter auf, die man bei anderen Themen und anderen Sendern schon mal gesehen hatte.

Türck: Wir waren nicht die Polizei, die jeden überprüft hat, ob er ein Talkshow-Hopper war. Das war nicht unsere Aufgabe. Wir haben eine Unterhaltungsshow gemacht und keinen Gerichtsprozess.

einestages: Vielleicht war es Ihnen auch einfach egal?

Türck: Nein. Ich wollte keine Fakes. Wenn ich gemerkt habe, dass ein Gast etwas vorspielte, dann habe ich ihn rausgeworfen. Aber Sie müssen auch die Redaktion verstehen. Die Kollegen stehen unter Druck, Gäste für jedes Thema zu finden. Und am Ende findet man eben immer Leute, die erzählen, was man hören will.

einestages: Sie waren fast 30, als Sie bei ProSieben anfingen - und relativ schnell der erste Popstar des Fernsehens. Wie haben Sie das erlebt?

Türck: Ich bin zwei Wochen nach der ersten Show in die Fußgängerzone von Wiesbaden gegangen. Ich werde das Geschrei nie vergessen. Die Leute sind ausgerastet. Von dem Tag an war nichts mehr wie vorher. Fans haben vor meiner Haustür in Zelten campiert, mein Auto angemalt, meine Nummernschilder geklaut. Alle waren mit der Situation überfordert.

einestages: Wen meinen Sie?

Türck: Den Sender, die Produktionsfirma, mich. Alle. Die Musikindustrie wusste, wie man mit solchen Hypes umgeht, das Fernsehen nicht. Ich hab mich verkleidet, wenn ich in die Stadt ging. Große Brillen gekauft, Mützen. Ich wurde trotzdem erkannt. Irgendwann wurden Bodyguards angestellt, und der Hinterausgang war meine einzige Tür, durch die ich überhaupt noch rein und rausgehen konnte.

einestages: Vier Jahre später war wieder Schluss. 2002, vor genau zehn Jahren, setzte ProSieben ihre Talkshow ab. Weshalb?

Türck: Ich wollte nicht ewig das Gleiche machen. Deshalb habe ich auf dem Höhepunkt aufgehört.

einestages: Mitte der Zweitausender sanken die Quoten der Talkshows. Warum?

Türck: Die Schraube wurde immer weiter gedreht - und dann überdreht. Immer extremere Fälle mussten her und alle mussten echt sein. Das konnten und wollten die Sender irgendwann nicht mehr zeigen. In diese Lücke sind die Gerichtsshows gestoßen. Dort ging alles, die Sendungen waren ja fiktiv. Das war das Ende für die Daily Talks. Aber sie haben bis heute Spuren hinterlassen.

einestages: Welche?

Türck: Vieles, was die Privaten heute am Nachmittag und Abend zeigen, ist aus den Daily Talks entstanden. All die Abnehmshows, Castingshows, Kuppelshows - das haben wir doch auch schon gemacht. Wir haben ein Paar in einen abgedunkelten Container zum Kennenlernen gesperrt, ein klassisches Blind Date. Wir haben Models gesucht. Und Messis hatten wir auch in den Shows.

einestages: Schauen Sie sich das heute alles noch an?

Türck: Nein.

einestages: Warum nicht?

Türck: Ich habe keinen Fernseher.

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1.
Volker Altmann 27.04.2012
Bärbel Schäfer macht noch heute Radiotalk bei HR3 am Sonntagmorgen und ist im HR-Fernsehen, mehr oder weniger regelmäßig, am Sonntagabend bei "Dings vom Dach" im Rateteam zu sehen.
2.
Wolfgang Weber 21.11.2013
Ricky Harris verdient sein Geld heute als Bademeister, und zwar in der Therme Bad Wörishofen.
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