Augenblick mal Kellner in kurzen Höschen

Wie ein kleiner Flirt am Autofenster mutet die Szene an, wäre da nicht der beinfrei bestiefelte Herr mit Tablett. Nackte Männerhaut und Seidenhöschen - ein historischer Beitrag zur Gleichstellung?

Von


AP

Viehzüchter J.J. Ramsey aus Oklahoma spuckte seinen Kaffee über den Frühstückstisch, als er in der Morgenzeitung dieses Foto sah: zwei erwachsene Männer in spärlich kurzen Satinhosen. Die Presse berichtete von Straßenrestaurants in Dallas, Texas, die auf Wunsch ihrer weiblichen Kundschaft nun auch männliche Bedienungen eingestellt hätten. Die Aufnahme von April 1940 zeigte Joe Wilcox, wie er Pauline Taylor, die laut Bildunterschrift "zu dieser Idee zustimmend lächelt", eine Cola durch das Seitenfenster reicht. Neben ihm war sein Kollege James Smith zu sehen - mit Tablett.

Nicht nur bei dem 78-jährigen Ramsey hatte dieser Anblick einen regelrechten Schock ausgelöst. Der in Alabama erscheinende "Anniston Star" zitierte einen Rancher, der zwar seinen Namen nicht preisgeben wollte, gern aber den Grund seiner Empörung: die Stiefel! "Glamourboys", so nannte er die Kellner - in Cowboystiefeln, mithin dem Markenzeichen des texanischen Mannes. Dieser Auftritt sei nicht weniger als ein "Anschlag auf den Staat".

Es muss ein verhältnismäßig nachrichtenarmer Monat gewesen sein, dieser April 1940, stellte die US-Journalistin Paula Bosse Jahrzehnte später bei Recherchen zu diesem Foto fest. Denn die Meldung von texanischen Schnellimbissen, die nun auch Kellner beschäftigten, verbreitete sich binnen kürzester Zeit im ganzen Land - samt Foto.

Doch noch bemerkenswerter als die Nachricht an sich ist aus heutiger Sicht der Grund für diese Personalreform.

Fotostrecke

17  Bilder
Augenblick mal: Heißer speisen auf Reisen

Die Debatte über Bedienungen in Straßenlokalen brodelte zu dieser Zeit schon länger, allerdings ohne dass sie etwas an den realen Verhältnissen änderte: Seit das Automobil in den Zwanzigerjahren zum liebsten Abenteuer vieler Amerikaner geworden war, hatten immer mehr Straßenlokale eröffnet, die dem Wunsch der Automobilisten entgegenkamen, nicht einmal mehr zum Essen aussteigen zu müssen.

Die Servicekräfte der Drive-in-Restaurants, umgangssprachlich "Carhops" genannt, nahmen die Bestellungen direkt am Wagenfenster auf und lieferten dorthin Sandwiches und Getränke. Die Bezeichnung Carhop stammte aus den Anfangsjahren, als der Laufjob hauptsächlich von Halbwüchsigen erledigt wurde. Um frühzeitig neue Kunden abzugreifen, sprangen 12- bis 13-jährige Jungen auf die Trittbretter der Wagen, bevor diese überhaupt anhielten.

Mit wachsender Zahl konkurrierten Imbissbudenbetreiber durch den Einsatz junger attraktiver Kellnerinnen, die sie in schmucke und bis Ende der Dreißigerjahre immer luftigere Uniformen steckten. Kurze Röcke, knappe Shorts, bauchfreie Jäckchen - die Zurschaustellung nackter weiblicher Haut blieb nicht ohne Kritik. Doch erst die Beschwerde einer Bürgerin aus dem Stadtteil Oak Cliff bei der örtlichen Polizei sollte das Straßenbild in Dallas dramatisch ändern.

"Wir Frauen haben es satt, auf die Beine von Mädchen zu schauen; wir schauen lieber auf die von Männern", sagte Mrs H.L. Hungerford der Zeitung "Fort Worth Star-Telegram". Von einem feministischen Ansatz war sie allerdings weit entfernt, denn die Begründung ihrer Forderung: "Männer hätten diese Jobs nötiger als Frauen". Die "Dallas Morning News" zitierten Frau Hungerford mit den Worten, dass überhaupt diese ganze Kellnerinnen-Sache "sozial und ökonomisch falsch" sei und "nicht toleriert werden sollte".

Anstelle junger Frauen nun junge Männer in knappen Shorts an den Bordstein zu schicken, war insofern konsequent.

Gesetz gegen nackte Haut

Doch abgesehen von den gesellschaftlichen Verwerfungen, die der Anblick von Kellnern in Seidenhöschen im amerikanischen Süden auslöste, war die Idee nur von kurzem Erfolg. Was vordergründig als Kleiderdebatte daherkam, verdeckte womöglich eine wichtige Tatsache: Carhops bekamen kein Gehalt, sondern lebten ausschließlich vom Trinkgeld.

So blieb grundsätzlich fraglich, ob Männer in diesem Outfit überhaupt vergleichbare Einkünfte erzielten. Imbissbesitzer in Kalifornien hatten sich erfolgreich gegen die Einführung eines Mindestlohns von wöchentlich 16 Dollar gewehrt, nachdem mehr als ein Dutzend weibliche Carhops vor Gericht ausgesagt hatten, pro Schicht zwischen 25 und 70 Dollar Trinkgeld zu erhalten.

Auch wenn diese Angaben wohl nicht repräsentativ waren, hatte das bestehende System unter Kellnerinnen Fürsprecher. In den "Dallas News" meldeten sich Frauen zu Wort, die erklärten, dass dieser Job oft die einzige Chance sei, überhaupt in die Nähe eines existenzsichernden Lohns zu kommen.

Männliche Carhops verschwanden bald wieder aus dem Straßenbild - und das nicht nur, weil es 1,80 Meter große Texaner gar nicht nötig hatten, aufs Trittbrett zu springen. Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg gab es kaum mehr jemanden, der den Damen ihren Job streitig machte.

1942 verschwanden dann auch nackte Mädchenbeine und -bäuche aus texanischen Lokalen - zugunsten von knielangen Röcken und hüftlangen Jacken. Der staatliche Restaurantverband hatte kurze Kleidung mit bloßer Haut zum Verstoß gegen die Gesundheitsgesetze des Landes erklärt.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gerd Diederichs, 28.02.2018
1. jaja, in den USA ...
damals wie heute könnte man den Ruf nach Oben-ohne-Bedienung in diesen Breiten wohl nur so legal befriedigen - sicher zur Enttäuschung der Interessenten - mit möglichen Ausnahmen in Teiöen von San Francisco. Dann wiederum ... viele Bars haben es ja ausgeschildert: No shoes, no shirt - no service. Für Schuhe wäre ja gesorgt, dank der Boots - Shirts würden sich dann ja verbieten - was wird denn dann aus dem Service, wenn die Bedienung kein Shirt hat. Schon Obelix wußte es: Die spinnen ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.