Dampflokparadies DDR Tsch-tsch-tsch-tsch!

In der Bundesrepublik war der Zugverkehr schon weitgehend elektrifiziert, da schnauften in der DDR noch uralte Loks durch malerische Täler. Die aufgetakelten Museumsmaschinen machten aus der DDR ein Dampf-Dorado für Eisenbahnfans - einige der Giganten stellten sogar Geschwindigkeitsrekorde auf.

Gunter von Hartwig/Geramond Verlag

Von Ariane Stürmer


Die Stasi wartete schon auf den roten Trabant aus Holland. Als er auf den DDR-Grenzübergang Marienborn zurollte, winkten ihn die Uniformierten zu sich heran, nahmen den Fahrer und seine Freunde fest und fuhren mit ihnen in eine Kaserne. Unter ihnen war auch der damals 24-jährige Ton Pruissen: "Wir wurden getrennt. Dann befragte man mich 27 Stunden lang nonstop. Die Männer wollten alles wissen über meine Reisen in die DDR. Schließlich führte man mich in ein anderes Zimmer. Ein bewaffneter Grenzsoldat bewachte mich. Ich hörte Hunde bellen und Menschen schreien."

Dann ließ man Pruissen und seine Freunde gehen. Nur die Acht-Millimeter-Filme und Negative aus ihren Kameras blieben zurück - die jungen Männer hatten "geheimzuhaltende Tatsachen" fotografiert. Monate später, im Januar 1972, erhielt Pruissen einen Brief von der Pressestelle der DDR-Reichsbahn: Er könne seine Filme in Berlin abholen - die Stasi hatte sie inzwischen ausgewertet und die verbotenen Aufnahmen aussortiert.

Doch Pruissen und seine Freunde waren keine Spione. Sie waren junge Eisenbahnfans und die DDR ihr Paradies: Sie filmten und fotografierten Dampflokomotiven, von denen im sozialistischen Deutschland noch bis in die achtziger Jahre hinein unzählige Exemplare tuckerten. Dass die Lok-Enthusiasten aus Holland dabei auch Staatsgeheimnisse vor die Linse bekamen, war ihnen nicht bewusst. Pruissen hatte in Sachsen die dampfende Schmalspurbahn auf der Strecke zwischen Wilkau-Haßlau und Kirchberg aufgenommen, als sie gerade unter der Autobahnbrücke der heutigen A72 hindurchratterte. Deren mächtige Betonpfeiler waren Staatsgeheimnis.

Aus alt mach neu

Auch wenn er seine Leidenschaft mit einem Verhör in einem Stasiknast bezahlen musste - Pruissen war fasziniert von den der Eisenbahn-DDR der sechziger und siebziger Jahre, in der die Zeit einfach stehengeblieben war. Denn während die Züge in der Bundesrepublik immer schneller und moderner wurden, fuhr in der Deutschen Demokratischen Republik die Technik aus Kaiserreich und Weimarer Republik durch die Gegend. 1946 hatte die Sowjetunion das E-Netz Mitteldeutschlands als Reparationsleistung abgebaut, die Dieseltechnologie stand erst am Anfang. Was blieb, waren Dampfloks aus der Zeit vor dem Krieg. Sie wurden restauriert, umgebaut und rekonstruiert.

Noch 1971 dampfte knapp die Hälfte aller DDR-Loks - der überwiegende Teil als Rekonstruktion mit einigen technischen Neuerungen. Die andere Hälfte fuhr mit Diesel, nur sieben Prozent elektrisch. Als die zweite Ölkrise Ende der siebziger Jahre den Betrieb der Dieselloks unwirtschaftlich machte, griff die Reichsbahn in ihrer Not zur letzten Möglichkeit, um den Betrieb aufrecht zu erhalten: Sie holte Loks aus Museen und von den Abstellgleisen der Verschrottungsanlagen zurück und setzte sie wieder im regulären Betrieb ein.

Höhepunkt des sozialistischen Rekonstruktionsprogramms war der Umbau der verschlissenen Baureihe 01. Die 35 veralteten Maschinen stammten noch aus den zwanziger und dreißiger Jahren und waren die ersten in Serie gebauten Dampfloks der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft gewesen. Nach der Teilung Deutschlands erhielten beide Staaten jeweils einige der heruntergekommenen Loks. In West wie Ost machte man sich daran, sie für den Einsatz aufzuarbeiten. In der DDR sollten sie zu den leistungsstärksten Dampfloks umgebaut werden, die die Nachkriegszeit je gesehen hat.

Katastrophe im Bahnhof

1959 begann die Versuchs- und Entwicklungsstelle für die Maschinenwirtschaft der DDR-Reichsbahn in Halle mit der Rekonstruktion. Die Baureihe 01 erhielt stärkere Bremsen, Windbleche, teilweise neue Räder und einen neuen Kessel. Er sollte leistungsfähiger sein als sein Vorgänger aus den zwanziger Jahren sein. Als die erste neue alte Lok schließlich 1962 als "01.5" auf die Schiene ging, schnaufte der 24-Meter-Koloss mit nicht weniger als 2500 PS durch die Landschaft - und übertraf damit die westdeutsche Variante.

Einer Lok aber wurde der neu eingebaute Kessel zum Verhängnis. Am Abend des 27. November schreckte ein ohrenbetäubender Knall die Bürger von Bitterfeld in Sachsen-Anhalt auf. Gerade war der Schnellzug D567 aus Berlin in den Bahnhof gerollt. Wenige Meter, bevor er endgültig zum Stehen kam, explodierte die Lok und schoss den gewaltigen Kessel rund 40 Meter weit auf die Gleise. Die Leichen von Lokführer und Heizer wurden Tage später auf dem zerbeulten Dach des Bahnhofs gefunden. Weitere sechs Menschen starben, etwa 50 wurden verletzt. Vom Stolz der Reichsbahn blieb kaum mehr als ein verbogenes Gerippe.

Die schnellste betriebsfähige Dampflok der Welt

Die Kraftpakete, zu denen auch die Unglückslok gehörte, waren in Halle gebaut worden. In Meiningen aber sollte ein noch beeindruckenderes Gefährt entstehen - eine rasende Lok. Die DDR-Reichsbahn brauchte eine Zugmaschine, die mindestens 160 Stundenkilometer fuhr, um für hohe Geschwindigkeiten ausgelegte Reisezugwagen zu testen. Die nämlich exportierte die DDR in zahlreiche Ostblockländer. Die Wahl fiel auf eine alte Vorkriegslok. Sie war 1939 gebaut und seither kaum genutzt worden. Als zweite und letzte Lok der Baureihe 61 war sie 1961 ein Einzelstück, schnell und schön, aber für den täglichen Schienenverkehr ungeeignet.

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Und so werkelte das Meininger Werk an einem neuen Einzelstück, bestückte es mit Teilen mehrerer anderer Loks, baute laut dem Eisenbahnexperten Markus Urbanczyk Scheinwerfer aus einem Wartburg 311 ein, befreite es von der schnittigen silbrigen Hülle und schickte die Lok mit der neuen Nummer 18201 im Mai 1961 auf die Schiene. Neben den jetzt freiliegenden roten Riesenrädern mit 2,30 Metern Durchmesser wirkte selbst der größte Schaffner zwergenhaft.

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Der Stolz der Reichsbahn sollte mehrfach an historischen Ereignissen teilhaben: Am 11. Oktober 1972 rauschte die Lok auf der Strecke von Bitterfeld nach Wittenberge mit 182 Stundenkilometern durch Sachsen-Anhalt - DDR-Rekord. 1994 besiegelte die Lok gemeinsam mit einem ICE der Deutschen Bahn die Zusammenlegung der ost- und westdeutschen Bahn. Bis heute ist sie die schnellste fahrtüchtige Dampflok der Welt – und fährt vor Sonderzügen noch immer gelegentlich durch Deutschland.

Für Ton Pruissen endete mit der DDR auch die Möglichkeit, im wohl größten Dampflok-Freiluftmuseum Urlaub zu machen. Doch der Holländer, der die zahlreichen Bilder seiner Freunde jetzt zusammen mit dem Erfurter Eisenbahnfan Rudolf Heym veröffentlicht hat, weint dem Land nicht hinterher. Denn wenn ihm danach ist, noch einmal in die Zeit der Dampfloks einzutauchen, dann nimmt er heute eine DVD und geht mit seinen digitalisierten Acht-Millimeter-Aufnahmen auf Zeitreise.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Martin Bitdinger, 31.03.2011
1.
Nicht der neue Kessel wurde der Lok des Schnellzug D567 zum Verhängnis, sondern die Tatsache, daß das Lokpersonal versäumt hatte, genug Wasser aufzunehmen bzw. nachzufüllen. Es gab physikalisch folgerichtig einen Kesselzerknall durch Wassermangel. Einfach bei Google mal "Kesselzerknall" und "Bitterfeld" eingeben.
Gregor Fischer, 31.03.2011
2.
Die Bilder sind großartig! Aber! Ist klar, die DDR war Entwicklungsland und auf Stand des Kaiserreiches. Na sicher. Die 01-5 wurde m.W. bereits in den 60ern rekonstruiert, der explodierte Kessel war ein Wartungsfehler. In den angesprochenen ölpreisgeschockten 70er Jahren wurde die Elektrifizierung vorangetrieben konkurenzfähige Elloks entwickelt, die Dampfloks weiter ausgemustert. Und könnten wir vielleicht etwas mehr Sorgfalt walten lassen, was die DDR-Diesellok-Entwicklung betrifft? Das waren beileibe keine kleinen Brötchen und der Export auch nicht auf Ostblockländer beschränkt. Aber immer das Gleiche hier bei DDR-Themen, das nervt!
Panier John, 31.03.2011
3.
Sehr schade, dieser Artikel strotzt von Fehlern und die Autorin beweist eine ungeheure und blauäugige Unkenntnis der Materie. Sogar nahezu alle Bildunterschriften sind schlichtweg falsch. Nur so als Beispiel: 'Eine Molli' hat es nie gegeben. Es heißt 'der Molli'. Und die BR 01 war keinesfalls die erste in Serie gebaute Lok der DRG. Eine sächsische 94? Gemeint ist wohl die BR 94.19?21 vorher Sächsische XI HT. Fazit: Artikel aus dem Netz nehmen und voller Scham überarbeiten. Dazu viel Erfolg.
Michael Hartmann, 31.03.2011
4.
Oh, Oh Da schrieb mal wieder ein Blinder von der Farbe. Auf Bitterfeld wurde schon hingewiesen. Massenhaft modernisierte Dampfloks gab es bei der DR auch nicht. Nur die BR52 die zur 52;8 Moderniesiert wurde. An Rekos gab es nur die 01;5 35Stück und die Reko BR50. Aber das hätte man auch alles im Netz erfahren Können. Fazit: Sehr schlechter Artikel!
Siegfried Wittenburg, 01.04.2011
5.
"Der Molli" oder "die Molli": Beide Varianten befinden sich im allgemeinen Sprachgebrauch. Ansonsten kann ich mich noch recht gut erinnern, in den 60er Jahren bis in die 70er, und darum geht es hauptsächlich in diesem Artikel, mit alten Zügen gereist zu sein, die von Dampfloks gezogen wurden. Ein Fernzug, von einer 01-Dampflok gezogen, brauchte von Rostock nach Leipzig etwa sechs Stunden. Der Vorkriegsfahrplan wies sogar fünf Stunden aus. Ende der 70er und in den 80er Jahren benötigte ein Zug für die gleiche Strecke mit einer Diesel- oder E-Lok gut acht Stunden. Die Ursache für längere Reisezeiten lag nicht an den Lokomotiven, sondern am Zustand der Gleise. Zwischen Kopenhagen und Berlin über die Trajekt-Verbindung Gedser-Warnemünde verkehrten viele Jahre der Ostsee- und der Neptun-Express. Beides waren moderne, dieselbetriebene Zugeinheiten ähnlich wie der ICE heute. Allerdings war das Mitreisen den Menschen aus der DDR nicht erlaubt. Nach Kopenhagen schon gar nicht. Ja, und das Fotografieren auf Bahnhöfen war tatsächlich streng verboten.
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