Wende-Fotograf Daniel Biskup "Der Osten bekam die D-Mark, gebraucht hätte er Wertschätzung"

Der Fotoreporter Daniel Biskup hat Fluchten aus der DDR, Mauerfall und Wendejahre mit der Kamera begleitet. Er erlebte die Umbruchzeit und benennt, warum die Ostdeutschen im Landtagswahljahr 2019 noch immer enttäuscht sind.

Daniel Biskup/ Salz und Silber

Ein Interview von


Zur Person
  • Simon Annand
    Daniel Biskup, Jahrgang 1962, gelernter Postbote, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Fotojournalisten. Im Zuge der Wende 1989/90 erlebte er seinen Durchbruch als Fotograf und hat Prominente aus aller Welt abgelichtet. Biskup lebt mit seiner Familie in Augsburg und Berlin.
Seine Ausstellung "Nach dem Mauerfall" läuft vom 14. Februar bis 25. August 2019 im Museum in der Kulturbrauerei Berlin, Stiftung Haus der Geschichte (Vernissage am 13. Februar). Und die Ausstellung "Wendejahre" zeigt vom 12. April bis 30. Juni 2019 das Schaezlerpalais in Augsburg (Vernissage am 11. April).

einestages: Herr Biskup, haben Sie 1989 damit gerechnet, dass die Grenze geöffnet wird - und offen bleibt?

Biskup: Ich hatte die Antennen oben. Schon am 4. November 1989 war alles anders: Bei einer Demonstration redeten Jan Josef Liefers, Lothar Bisky, Stefan Heym - und das DDR-Staatsfernsehen hat live berichtet, unzensiert. Das war das klare Zeichen, die DDR-Führung muss sich warm anziehen. Noch waren es nur Puzzleteilchen. Wie das fertige Bild am Ende aussehen würde, das habe ich auch nicht geahnt.

einestages: Am Tag nach der Maueröffnung schwänzten Sie am 10. November 1989 einen Fototermin für die "Süddeutsche Zeitung" in Bayern, um in Berlin zu fotografieren. Hatten Sie kein Fracksausen?

Biskup: Überlegt habe ich keine fünf Minuten: Wenn nach 28 Jahren die Mauer fällt, muss ich da hin. Ich hatte ja vorher schon die Ankunft der Flüchtlinge in Budapest fotografiert, später dann die ersten ankommenden Trabis an der deutsch-deutschen Grenze.

einestages: War Ihnen die "Süddeutsche Zeitung" wegen der spontanen Absage nicht gram?

Biskup: Als ich den Chef der Bayernredaktion morgens um acht von einer Berliner Telefonzelle anrief, sagte er: Zum Glück bist du dahin gefahren!

Fotostrecke

31  Bilder
Fotograf Daniel Biskup: Die unsichtbare Ost-West-Grenze

einestages: Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls haben Sie einen Bildband zusammengestellt und machen Ausstellungen mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen, von der Wendezeit bis 1995.

Biskup: Am 3. Oktober 1990 habe ich die Wiedervereinigung fotografiert, aber auch die Jahre danach hautnah miterlebt. Mich beschäftigt die Frage, was nach dem "Tag der Einheit" kam. Ich glaube, dass dort eine der Erklärungen für manche Prozesse liegt, für die unsichtbare Grenze, die wir noch immer zwischen Ost- und Westdeutschland sehen...

einestages: ...wie etwa das Kopfschütteln, mit dem im Westen die AfD-Wahlergebnisse im Osten quittiert werden?

Biskup: Es lohnt sich, zurückzudenken an die Anfangsjahre der deutschen Einheit, die im Westen oft vergessen werden. Die Ostdeutschen wollten die Wiedervereinigung. Aber sie hatten keine Vorstellung, was auf sie zukam: dass 80 Prozent der Industriearbeitsplätze binnen kürzester Zeit verschwinden würden. Der Westen hatte auch kaum Interesse an Erhalt oder Sanierung der Ostindustrie. Dann kam die Währungsunion: Die Umstellung von Ost- auf D-Mark war für viele Bürger ein glücklicher Tag. Für viele Ostbetriebe aber war es der Todesstoß, weil zahlreiche Kunden im Ostblock die neuen D-Mark-Preise über Nacht nicht mehr zahlen konnten. Und weil die Bürger D-Mark-Kaufkraft hatten, brach die Nachfrage für Ostprodukte schlagartig weg.

einestages: Ihre Fotos zeigen Fabrikarbeiter, Demonstranten oder Schornsteinfeger, fast nie bekannte Gesichter dieser Jahre. Warum?

Biskup: Das ist der Alltag der Wendezeit. Für die Menschen im Westen blieb ihr eigenes Leben praktisch unverändert. Im Osten wurde alles auf den Kopf gestellt: Man sprach zwar immer noch Deutsch, aber alle Prinzipien des Zusammenlebens waren andere geworden. Für viele bedeutete das auch: Was sie gelernt hatten, war auf einmal nichts mehr wert. Ganze Lebensentwürfe wurden entwertet. Viele Studienabschlüsse wurden nicht anerkannt, Menschen mussten weit unter Wert arbeiten.

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Daniel Biskup:
Wendejahre

Ostdeutschland 1990 - 1995

Auf Deutsch und Englisch

Verlag Salz und Silber; 360 Seiten; 45,00 Euro.

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einestages: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Biskup: Ohne die DDR idealisieren zu wollen: Es gab dort nicht so große Einkommensunterschiede wie im Westen. In vielen Wohngegenden wohnte wirklich der Professor neben dem Arbeiter. Viele in der DDR aufgewachsene Ältere vermissen das heute, genauso wie Orientierung an der Gemeinschaft, am Kollektiv. Ab 1990 kam es plötzlich darauf an, dass jeder sein eigenes Ding macht. Das konnten viele nicht auf Knopfdruck, weil sie es nicht gelernt hatten. Der Westen hatte ja auch 40 Jahre Vorsprung. Viele hadern damit noch heute. Wenn Sie sich mit den Leuten unterhalten, erzählen sie oft, dass sie ihre Kinder verloren haben. Nicht im Wortsinne, aber mit 18, 19 Jahren gingen die meisten rüber in den Westen, weil es keine Perspektiven gibt - bis heute, abgesehen von ein paar Leuchttürmen wie der Region Dresden. In vielen Regionen gibt es wunderbar hergerichtete Marktplätze, in den Seitenstraßen aber viel Leerstand.

einestages: Was sagen Ihre Gesprächspartner über die unterschiedliche Wahrnehmung der Wende?

Biskup: Ein Pfarrer auf Usedom hat gesagt: Daniel, wenn sich mal alle im Westen so für uns interessiert hätten wie du, dann hätten wir viele Probleme gar nicht. Mein Eindruck: Im Westen haben die Leute 1989/90 ein paar Tage lang staunend vor dem Fernseher gesessen und sind dann zum Alltag übergegangen. Sie haben an der Veränderung nicht teilgenommen, für die Mehrheit war und ist das sehr weit weg.

einestages: Woher rührt bei Ihnen dieses spezielle Interesse?

Biskup: Meine Eltern stammen aus Gebieten des heutigen Polen, die bis 1945 zum Deutschen Reich gehörten. Wir waren als Familie in den Siebzigerjahren im Ostblock auf Reisen, in Polen, Ungarn, Bulgarien. Außerdem habe ich im Herbst 1989 zwei Tage vor der Maueröffnung an der tschechisch-deutschen Grenze Flüchtlinge aus der DDR fotografiert. Ein junges Pärchen sah irgendwie anders aus, sie trugen Lederjacken. Ich habe die beiden spontan mit nach Hause genommen, am Ende haben sie ein Jahr bei uns gewohnt. Oft saßen wir abends beisammen und diskutierten über die anstehende Wiedervereinigung. Ich habe damals verstanden, dass viele Linke in der DDR versuchen wollten, eigenständig zu bleiben. Die wollten einen demokratischen Sozialismus - nur ein schöner Traum, wie die Geschichte auch gezeigt hat, unrealistisch angesichts des Zusammenbruchs des Ostblocks. Aber ihr Ziel war sicher nicht, einfach nur die BRD nachzuahmen.

einestages: Im Westen gibt es das böse Wort vom Jammerossi...

Biskup: Zu diesem Punkt kommt man dort schnell: Was mosern die denn, die haben doch unser Geld erhalten. Sicher, der Osten hat doch Transfers und die D-Mark bekommen. Gebraucht hätte er aber auch Wertschätzung, ja Zuneigung und Verständnis. Da ist kein Stein auf dem anderen geblieben! Die Westdeutschen haben sich nie für die Umwelt der Ostdeutschen interessiert. So ist es noch heute: Die meisten waren mal in Berlin, vielleicht auch in Dresden, aber wirklich im Osten? Der großen Mehrheit war die DDR während des Kalten Krieges egal - und genau so ist es geblieben. Oder sogar noch schlimmer: Vielen Wessis sind, auch wenn das keiner zugeben würde, die Ostdeutschen auf eine Art peinlich, das Sächsische, diese gewisse Unbedarftheit. Damals dachten Ostdeutsche zum Beispiel: Da kommen unsere Brüder und Schwestern aus dem Westen! Dass jemand von denen sie über den Tisch ziehen könnte, hätten sie nie gedacht.

einestages: Ist die Entfremdung nicht beidseitig? Welche Rolle spielte der Westen für die Ostdeutschen?

Biskup: Alle Ostdeutschen haben sich in der einen oder anderen Weise für den Westen interessiert, 90 Prozent sind schon dort gewesen. Viele leben heute im Westen, haben ihre Identität aber in Teilen verdrängt. Die Leipziger Autorin Jana Hensel hat das einmal schön beschrieben: Bei einer Lesung in Düsseldorf wunderte sie sich, warum die Leute nicht lachen an Stellen, wo sonst immer alle lachen. Sie fragte: Wer kommt denn hier alles aus dem Osten? Fast alle haben sich gemeldet - und ab da gelacht. Erst mal wollte sich aber niemand die Blöße geben, sich als Ostdeutscher zu erkennen zu geben.

einestages: Die Überheblichkeit der Westdeutschen wurde früh kritisiert: "Besserwessi" war schon 1991 "Wort des Jahres".

Biskup: Es geht ja nicht darum, die DDR und ihre Gesellschaft zu verklären. Was aber passiert ist: Im Westen sah man im Zuge der Wende die maroden Städte und Betriebe - und hat von denen auch auf die Menschen geschlossen. Dabei konnten die Leute doch im Wesentlichen nichts dafür.

einestages: Hatten Sie damals schon den Eindruck, dass etwas aus dem Ruder läuft?

Biskup: Ich erinnere mich an eine Schlagzeile der Leipzig-Ausgabe der "Bild"-Zeitung von 1990: "1,8 Millionen Ostdeutsche arbeitslos!" Man muss sich klarmachen, was das bedeutet: Heute liegt die Arbeitslosenzahl für Gesamtdeutschland bei etwas mehr als zwei Millionen.

einestages: War der Grund für die Massenarbeitslosigkeit nicht vor allem, dass viele Betriebe marode waren?

Biskup: Mit Einführung der neuen Währung hatten Betriebe gar keine Chance mehr, genug zu verdienen, um ihre Kosten in D-Mark zu erwirtschaften, gegen die Westkonkurrenz hatten sie keine Chance. Und die Treuhandanstalt hatte nie Sanierungen im Sinn. Ihre einzige Aufgabe war es, möglichst schnell möglichst viele Staatsbetriebe zu verkaufen und noch ein wenig Geld damit zu erlösen. Das hat sich tief eingebrannt ins kollektive Gedächtnis im Osten. Mir fällt ein Bild von einem Lieferwagen ein. Das erste Mal war der noch im Betrieb, kurz nach der Wiedervereinigung, das zweite Mal hat das Unternehmen nur noch versucht, damit Geld als Werbetafel zu machen. 1991 dann war der Wagen nur noch Schrott im Straßengraben.

einestages: In Dresden ist 2014 Pegida entstanden, in Thüringen hofft die AfD, bei den Landtagswahlen stärkste Kraft zu werden. Ist der Osten rechter als der Westen?

Biskup: Das weiß ich nicht. Durch die Migrationswelle ist das alte Thema wieder hochgekommen: Viele im Osten haben die Willkommenskultur für Kriegsflüchtlinge aus anderen Ländern gesehen und sich zurückgesetzt gefühlt. Letztes Jahr ist ein Buch mit dem Titel "Integriert doch erst mal uns" erschienen, das trifft es ziemlich gut. Ich sehe darin zumindest einen Teil der Erklärung. Pegida in Dresden ist auch eine Demo gegen den Westen.

insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
Christian Krentel-Seremet, 13.02.2019
1. Die Menschen aus der ehemaligen DDR
haben genau das bekommen was sie gewollt haben, eine Max Integration ins das westdeutsche Wirtschaftssystem. Nur was das konkret für sie bedeutet war vielen nicht klar und als man verkatert erwachte war es zu spät. Die Forderung „integriert doch erstmal uns“ ist nichts anderes als die, die unterschiedlichen Voraussetzungen nicht sehen wollende, Forderung, erstmal die Menschen im Osten auf das vermeintlich reiche Westniveau zu heben bevor andere Almosen bekommen.
helmut alt, 13.02.2019
2. Ost-Nostalgie ist nicht angebracht,
die Wirklichkeit ist der Taktgeber und das Bessere dominiert. Gerade weil der Kommunismus viele Wünsche der Menschen nicht erfüllen konnte, ging er den Bach runter; Gottseidank ohne Blutvergießen.
Karl-Sigmund Rohrbach, 13.02.2019
3. Objektiv Heruntergewirtschaftet
Im Jahr 1960 wäre eine Wiedevereinigung auf fast gleichem Niveau möglich gewesen, 29 Jahre später war die DDR aber weitgehend heruntergewirtschaftet, da konnte man einfach nicht mehr viel damit anfangen. Demokratischere Wohnquartiere? Auch im Westen war das lange so, nur mittlerweile breitet sich ein Standesdünkel aus, und wer es sich leisten kann, der sagt dem Prollquartier adé. Auch, weil die Prolls inzwischen nach unten gesunken sind, und nicht mehr Proletarier, sondern arbeitslose Säufer sind.
Andrew Kramer, 13.02.2019
4. JEDER wollte die DM!
"Der Osten bekam die D-Mark, gebraucht hätte er Wertschätzung" Derjenige, der 1990 "Wertschätzung" statt der DM angeboten hätte, wäre sicher gelyncht worden. Hätte Kohl gesagt "Ich habe Euch doch alle lieb, aber behaltet mal das Alugeld", kann sich doch jeder vorstellen, was passiert wäre.
Mörre Nasenweis, 13.02.2019
5.
Bildunterschrift zu Pizzerien: "Die Mehrheit der Bürger aber tat sich schwer damit, nach Jahrzehnten des Kollektivismus Unternehmergeist zu entwickeln." Das als schwache Aussage zu bezeichnen ist eine extreme Untertreibung, das grenzt schon fast an gefährliche Regionen. Da hat jemand seine Klischees und Vorurteile massiv eingebracht. Im Gegenteil war sehr viel "Unternehmensgeist" nötig, um Dinge selber in die Wege zu bringen. "Unternehmensgeist" im Kleinen war überall zu finden. Es ging dabei nicht unbedingt um Geld, aber darauf reduzieren lässt sich der Begriff nicht! Vielmehr hatten "Ossis" einfach keine Ressourcen! Kein Kapital! Wie sollte man denn ein auch kleines Unternehmen bauen, wenn man kaum Rücklagen hatte? Jemand, der 100,000 Mark hatte, war schon ziemlich reich. Selbst wer ein Haus hatte - die waren alle sanierungsbedürftig und auf Jahre hinaus Geld-Gäber statt -Quellen (und Mietwohungen besitzen war sowieso bei Mini-Mieten nichts für Privatleute), bis man zu westlichen Standards aufgeschlossen hatte. Trotzdem haben sich nach der Wende überall Leute an der Selbstständigkeit versucht - und wegen dem sehr schnell beginnenden Bevölkerungsabzug ging das meiste davon schnell kaputt. Aber klar, es lag am fehlenden "Unternehmergeist". Die Aussage sagt vor allem etwas über ihren Autor.
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