Lost Places Ufo aus dem Kalten Krieg

Jedes Jahr Ende Juli pilgern Tausende Bulgaren auf den Busludscha-Berg. Hier bauten einst die Kommunisten ein futuristisches Riesendenkmal. Wo sich früher Parteibonzen trafen, herrscht heute der Verfall.

Nicola Miller

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Als der erste bulgarische Kosmonaut Georgi Iwanow am 10. April 1979 ins All startete, hatte er viel Gepäck dabei. Nicht nur die Flagge seines Staates und einen Band der "Slawo-bulgarischen Geschichte" - Inbegriff der nationalen Identität - waren an Bord des Raumschiffs "Sojus 33" verstaut. Iwanow nahm auch Erde aus der alten Hauptstadt Pliska mit. Und von der Spitze des Schipka-Berges, wo die Bulgaren Ende des 19. Jahrhunderts im Kampf gegen die türkischen Besatzer gesiegt hatten.

Ein massives Steinmonument am Schipkapass, in dem die Gebeine gefallener Kämpfer aufbewahrt werden, erinnert bis heute an die Schlacht. Zwei Jahre nach Iwanows Vorstoß ins All errichteten die Bulgaren im zentralen Balkangebirge einen noch imposanteren Bau, mit dem sich das kommunistische Regime ein Denkmal für die Ewigkeit setzen wollte.

Wie ein überdimensioniertes Ufo mutete das Busludscha-Denkmal an, als es im Sommer 1981 anlässlich der 1300-Jahr-Feier Bulgariens eingeweiht wurde. Ein futuristisches Monument an einem historischen Ort: 90 Jahre zuvor hatte sich auf dem Berg, auch Chadschi Dimitar genannt, zudem die Bulgarische Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Aus ihr war die Kommunistische Partei Bulgariens hervorgegangen. Nun überragte das Ufo den Ort, an dem die Bulgaren gegen Invasoren gekämpft und von einer neuen Gesellschaftsordnung geträumt hatten. Ein ovales Bauwerk, an wolkenlosen Tagen von Weitem zu sehen, das mit seinem 70 Meter hohen Steinpylon einen Aufbruch ins Unendliche symbolisieren sollte.

Ostblockstaat mit Coca-Cola

Von dem Glanz früherer Macht ist heute nicht mehr viel zu spüren. "Never forget the past" hat ein Besucher mit roter Farbe zwischen die eingemeißelten Parolen in kyrillischer Schrift über den Eingang gepinselt. Darunter ist der Kommentar "Enjoy Communism" zu lesen. Das geschwungene "C" erinnert nicht zufällig an den Coca-Cola-Schriftzug. Schließlich war Bulgarien unter seinem langjährigen Diktator Todor Schiwkow der erste Ostblockstaat, der ab 1965 die koffeinhaltige Brause seines Systemfeindes in Lizenz abfüllte. Im Inneren des Ufos von Busludscha ist das verblichene Hammer-und-Sichel-Symbol zum Emblem des Verfalls geworden. Das Überbleibsel einer anderen Zeit, dessen Schöpfer längst von der politischen Bildfläche verschwunden sind.

1981 befanden sich die Kommunisten dagegen noch auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Kulturministerin Ludmila Schiwkowa hatte dank der Unterstützung durch ihren Vater einen steilen Aufstieg in der Parteihierarchie erlebt. Zum Staatsjubiläum plante sie eine Jubelfeier, bei der auch ein Denkmal eingeweiht werden sollte, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte.

Pharaonisches Bauprojekt

Mehr als 6000 Arbeiter, darunter auch Häftlinge, waren sieben Jahre lang im Einsatz, um den Entwurf des Architekten Georgi Stoilow umzusetzen. Berichte über Arbeitsunfälle versuchten die Machthaber um jeden Preis zu unterdrücken. Mehr als sieben Millionen Dollar kostete das Projekt. Jeder Bürger des Staates musste seinen Obolus leisten. Dutzende regimetreue Künstler schmückten 18 Monate lang die Innenräume aus. Im Innern wurde mit edlem Marmor und buntem Glas gebaut. Die Haupthalle zierte ein 500 Quadratmeter großes Mosaikfresko, das Szenen aus dem kommunistischen Bulgarien und der Sowjetunion darstellte.

Neben der fliegenden Untertasse ließ Schiwkow eine Zeitkapsel mit einer Botschaft vergraben, die künftigen Generationen die Bedeutung des Gebäudes nahebringen sollte. Er bestimmte, dass die Nachricht erst 50 Jahre später, also 2031, gelesen werden sollte.

Seine Tochter Ludmila Schiwkowa, die sich zunehmend von der streng prosowjetischen Staatslinie entfernt hatte und stattdessen die kulturelle Identität Bulgariens aufwerten wollte, hat die Einweihung des pompösen Monuments nicht mehr miterlebt. Am 20. Juli 1981, nur wenige Tage vor ihrem 39. Geburtstag, wurde sie leblos im Swimmingpool der Regierungsvilla ihres Vaters gefunden. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Neben Unfall- und Selbstmordtheorien kursierten auch Spekulationen über einen angeblichen Auftragsmord des Kremls. Demnach wollte die Führung in Moskau verhindern, dass Schiwkowa ihren seit 1954 regierenden Vater als Staatschefin beerbte.

Die Sozialisten sollen es richten

Todor Schiwkow, der sie um 17 Jahre überleben sollte, blieb noch bis zum Fall der Berliner Mauer im Amt. Am 10. November 1989 wurde er bei einer unblutigen Revolte zum Rücktritt gezwungen, die Kommunistische Partei Bulgariens aufgelöst. Das Busludscha-Denkmal ging 1992 in den Besitz des neuen Staates über. Seitdem verfällt der Bau. Im September 2011 beschloss das Parlament in Sofia, der Sozialistischen Partei, Nachfolgerin der Kommunistischen Partei, die Eigentumsrechte zu übertragen. "Sie sollen sich darum kümmern, denn eine Partei, die ihre Vergangenheit und ihre Symbole nicht respektiert, hat keine Zukunft", erklärte Regierungschef Bojko Borissow.

Offensichtlich wissen aber auch die Sozialisten nicht so recht, was sie mit ihrem Denkmal anfangen sollen. Instandsetzung oder Umbau würden hohe Summen verschlingen. Jahr für Jahr Ende Juli versammeln sich dennoch wie früher unverdrossen Zehntausende Bulgaren auf dem Berg, um an die Gründung der einstigen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1891 zu erinnern. Und das kommunistische Ufo, das eigentlich niemand mehr betreten soll, zieht Abenteurer und Schaulustige aus aller Welt an. Zu jeder Jahreszeit kommen sie in die Einsamkeit des Balkangebirges, um die Trümmer einer gescheiterten Utopie zu besichtigen.



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insgesamt 23 Beiträge
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Christian Janzen, 31.07.2015
1. Ob rot oder braun!
Hier zeigt sich wieder einmal ganz plastisch, was Ideologien ausmacht. Wenn es nur nicht so traurig wäre, müsste man darüber lachen.
Daniel Eisert, 31.07.2015
2. Sowas muss man nutzen...
Schade um den Bau. Wenn man dort ein Skigebiet einrichten könnte, wäre das ein tolles Restaurant, ähnlich wie auf dem Schilthorn.
Manfred Gebauer, 31.07.2015
3. Über Wirkung von Architektur
muss man kontrovers argumentieren. Jedoch finde ich das beschriebene Objekt zum einen ziemlich gut gelungen, zum andren deutlich weniger "scheußlich" (achtung: subjektiv .-) ) als zum Beispiel ein Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Und auch das wurde mit einem irrwitzigen Aufwand erhalten. Ich finde es traurig ein außergewöhnliches und zu seiner Zeit ein progressiv-futuristisches Objekt, das selbst heute bei entsprechend wiederhergestelltem, evtl. teil-gewandeltem Zustand beeindruckend bleibt, einfach dem Verfall zu überlassen. Hätte man die finanziellen Mittel, wäre es ein lohnendes Objekt auf das es sich zu stürzen lohnte..(wobei ich mal die Standortfrage offen lasse)
Max Mockelbeck, 31.07.2015
4. Fotostrecke
Da sich so macher Betrachter des Mosaiks wunder wird wie schlecht z.B. Marx durch sein vermeintliches Porträt getroffen wird, hier sind weder Marx noch Engels, sondern Blagoev und Dimitrov zu sehen.
Detlev Vreisleben, 31.07.2015
5. Asbestgefahr
Man sollte das Denkmal wegen Asbestgefahr abreißen.
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