Das Ende der DDR Zeit der Unruhe

Das Ende der DDR: Zeit der Unruhe Fotos
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Als die Bürger der DDR den Aufstand wagten, probten die Streitkräfte der Bundesrepublik den militärischen Ernstfall. Peter Bernt fürchtete wie viele seiner Kameraden eine kriegerische Auseinandersetzung. Und dann kam auch noch ein aufgeregter Anruf von den ostdeutschen Verwandten.

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Der Grundwehrdienst bei der Bundeswehr war das reinste Zuckerschlecken. Bis Mitte des Jahres 1989. Dann schlug die Stimmung in der Kasseler Kaserne um. Kaum 40 Kilometer entfernt begehrten die Menschen in der DDR gegen die politische Führung auf. Plötzlich stand Waffenkunde in der Kompanie auf dem Lehrplan, genauer: die Waffen des Ostblocks. Wachen wurden verstärkt, Waffenübungen wurden durchgeführt, immer regelmäßiger ging es zum Truppenübungsplatz. Die allgemeine Unruhe wuchs.

Wir Soldaten spürten, dass die Lage brenzlig war. Der Zusammenprall der zwei großen weltpolitischen Lager war im Bereich des Möglichen. Wir mussten auf alles gefasst sein. Auch darauf, in einem Krieg zum Einsatz zu kommen, der jahrelang als Gespenst über den Köpfen der Menschen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs geschwebt hatte. Der Lauf der Geschichte war nicht vorherzusehen, die Reaktion der kommunistischen Regime auf den losbrechenden Widerstand ihrer Untertanen ungewiss. Im September 1989 erzwangen sich zahlreiche DDR-Bürger über die Prager Botschaft der Bundesrepublik die Ausreise in den Westen. Sie hatten das Regime in Ost-Berlin vorgeführt und jenen, die zu Hause geblieben waren, gezeigt, dass es möglich war, in die Freiheit zu gelangen.

Damals verfolgte ich die Ereignisse genau, denn ich hatte Verwandte in der DDR. Jedes Jahr hatten wir den Bruder meines Vaters und dessen Familie besucht und die üblichen Mitbringsel überreicht: Schokolade, Apfelsinen, Sardinen in Dosen und viele Dinge mehr. Die "Bild"-Zeitung wurde im Auto versteckt und von meinem Onkel und zuverlässigen Freunden gelesen. Auch im Sommer 1989 war mein Vater wieder zu Besuch gewesen. Diesmal hatte ich nicht dabei sein können. Als Bundeswehrangehöriger war die Einreise in die DDR ausgeschlossen.

Am 5. Oktober rief meine Tante aus der DDR bei meiner Familie an. Sie besaß selber kein Telefon und konnte nur mit dem Telefon eines Bekannten in ihrem Wohnort mit uns Verbindung aufnehmen. Nach unzähligen Versuchen hatte sie uns endlich erreicht und fragte meine Mutter, ob wir wüssten, wo ihr Sohn stecke. Er sei mit Freunden zu einem Motorradrennen in die Tschechoslowakei gefahren und nicht mehr zurückgekommen. Für meinen Vater war die Sache sonnenklar: "Der ist bestimmt in der Deutsche Botschaft in Prag gewesen und jetzt hier drüben bei uns!"

Er sollte recht behalten. Mein Cousin war in der Prager Botschaft gewesen und auf dem Weg in die Bundesrepublik. Am darauf folgenden Wochenende konnten wir ihn in einem kleinen Hotel bei Trier abholen und mit zu uns nach Darmstadt nehmen. Vorerst wohnte er für einige Zeit in meiner Wohnung. Mein Vater machte schnell einen Job als Zweiradmechaniker für ihn ausfindig.

Noch im November, kurz vor dem Mauerfall, ging er freiwillig wieder in die DDR zurück. Er hatte die Fluchtentscheidung wohl doch zu überstürzt getroffen, vermisste seine Familie, sein altes Leben. Am 9. November fiel die Mauer. Ich war den ganzen Abend zu Hause gewesen und hatte Schabowskis mehr oder weniger versehentliche Maueröffnung am Fernsehen mitverfolgt. Einige Stunden später begrüßte ich meinen anderen Cousin mit seiner Frau und seinen Kindern bei uns in Darmstadt. Damals überschlugen sich die Ereignisse so schnell, dass einem schwindelig wurde; das Glück über ihren friedlichen Verlauf war unermesslich.

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