Das Ende der Talare Parole vom Bauzaun

Das berühmteste Plakat der Studentenbewegung wurde am 9. November 1967 in Hamburg enthüllt. Die Aktion war der Auftakt zur großen Revolte - das Foto aus dem Audimax wurde zur Ikone.

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Von Helene Heise


Die Hamburger Springer-Presse hatte eine Vorahnung: "Die Feierstunde zum Rektor-Wechsel wird vermutlich den Rahmen des Üblichen sprengen", orakelte das lokale Hamburger Abendblatt am 8. November 1967. Die Studenten, die zu diesem Zeitpunkt eine Aktion für den nächsten Tag planten, aber ahnten nicht, dass sie zur Bildikone der Studentenrevolte werden würde.

"Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren" stand auf dem schwarzen Spruchband, das die Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer beim Einmarsch der Professoren mit eingeübter Bewegung ausbreiteten. Gemessen schritten die beiden ordentlich im Anzug gekleideten jungen Herren die Treppe hinunter. Hinter ihnen der aktuelle und der künftige Rektor, beide mit Talar, steifer Halskrause und Hut - den Spruch konnten sie nicht sehen.

"Wir haben in den Saal geguckt und auf die Reaktionen gewartet", erinnert sich Norbert Jankowski, damals amtierender Asta-Vorsitzender. Auf den berühmten Fotos aus dem Hörsaal ist er hinter den beiden verkleideten Professoren zu erkennen. "Wir wussten natürlich, was auf dem Plakat stand, die ganze Aktion war gut geplant." Erst als die studentischen Bannerträger und die irritierten Professoren unten an der Bühne ankamen, brach unter den wenigen Studenten im Publikum lauter Beifall aus. Professoren und Ehrengäste verharrten mit eiserner Miene.

Tumult im Hörsaal

Dabei hatten die Ordinarien alle möglichen Vorkehrungen gegen die aufmüpfigen Studenten getroffen: Nur 350 der etwa 1.700 Plätze im Saal waren für den akademischen Nachwuchs vorgesehen - und der war von den Fakultäten handverlesen mit Eintrittskarten ausgestattet worden. Nach den Demonstrationen im Sommer und dem tödlichen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg bei der Anti-Schah-Demo in Berlin waren die Professoren überall in der Republik auf spektakuläre Aktionen der Studenten gefasst.

Doch das half nun auch nicht mehr: Die Studenten im Hamburger Hörsaal forderten eine Diskussion über die Missstände der Ordinarien-Universität. Der scheidende Rektor Karl-Heinz Schäfer setzte Bach und Händel dagegen: "Das Orchester musste immer wieder laut spielen, um die Zwischenrufe zu übertönen," erzählt der damalige Aktivist Jankowski.

Als dann auch noch der neue Rektor Werner Ehrlicher, ein Volkswirt, seine Antrittsvorlesung über die "Wirtschaftskrise von 1966/67" wie geplant ablas, kippte die Stimmung: "Der hat einen Satz eingeleitet mit 'Als die Dampfmaschine erfunden wurde ...'! Da platzte der Saal." Noch heute muss Norbert Jankowski den Kopf schütteln über so viel Unbeweglichkeit. Im Saal flogen Papierflieger und Luftballons umher. "Es lebe das Mittelalter!" skandierten die Studenten und "Ehrlicher wird immer entbehrlicher!"

Aus hundert wurden tausend

Die "verkrusteten Universitätsstrukturen" aufzubrechen, das war das Ziel der Studenten. Es ging um Mitbestimmung an den Universitäten, um eigene Vertreter in den akademischen Gremien, aber auch um die Studienbedingungen - überfüllte Hörsäle und zu wenig Bücher in den Bibliotheken bewegten bereits 1967 die studentischen Massen zu Protest. Die eigenen Interessen durchzusetzen war für viele der Einstieg in die großen politischen Debatten - die Gesellschaft verändern wollten die Hamburger Studenten erst an zweiter Stelle.

Doch das Echo auf die Plakat-Aktion im Audimax brachte Norbert Jankowski auf eine Interpretation, die er zuvor gar nicht mit dem später berühmten Spruch verbunden hatte: Dass der zweideutig ist, nicht nur die verstaubten Regeln an den Universitäten angreift, sondern auch noch eine Anspielung auf den Nationalsozialismus - das von Hitler proklamierte "Tausendjährige Reich" - enthält, das sei ihm bei der Vorbereitung gar nicht aufgefallen, erzählt Jankowski. "Und ich glaube auch nicht, dass die anderen das vorher durchdacht haben, auch wenn sie das heute oft anders erzählen."

Der Spruch hatte als Parole auf einem Bauzaun gestanden, allerdings mit einer Null weniger. Jankowski war dabei, als mit Klebestreifen auf schwarzem Stoff das legendäre Plakat entstand - und aus hundert Jahren tausend wurden. "Ich glaube, wir hatten damit vor allem den Muff im Sinn." Da klangen tausend Jahre besser als hundert.

Dass es auch an der Zeit war, die unaufgearbeitete NS-Vergangenheit der Universitäten anzugreifen, wurde den protestierenden Hamburger Studenten aber spätestens an diesem 9. November 1967 bewusst: Als er den Saal verließ, zischte einer der Professoren unter seiner Halskrause den Studenten zu: "Ihr gehört alle ins KZ."



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Bjoern Paetzoldt, 09.11.2007
1.
Der historischen Wahrheit zuliebe sei richtiggestellt, dass hinter dem Spruchband ("Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren") neben den verkleideten Ordinarien nicht Norbert Jankowski sondern Björn Pätzoldt zu erkennen ist, der als 1. AStA-Vorsitzender der Universität Hamburg während der Rektoratsfeier im Herbst 1967 únter dem "Beifallsturm der Studenten" (Hamburger Abendblatt) die Misere der Hochschulausbildung geißelte. (Redeauszüge in: Frankfurter Rundschau,14.11.1967). Norbert Jankowski war zu jener Zeit stellvertretender AStA-Vorsitzender und ist auf dem Foto nicht abgebildet.
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