Das erste Mal "Nur für meine Augen"

Das erste Mal: "Nur für meine Augen" Fotos
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High-Heels, gespreizte Beine und ein nervöser Roger Moore: Jens Lubbadeh war geschüttelt und gerührt, als er im zarten Alter von acht Jahren seinen ersten Bond-Film im Kino sah. Fortan war Moore für ihn der Bond wie Kohl der Kanzler war. Von

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Die Schlange war lang, ging bis hinaus auf die Straße. Zusammen mit meinem Freund Matthias wartete ich vor dem "Roxy", Gießens bestem Kino. Es war warm an diesem Spätsommerabend im August 1981. Es lief: "007 - In tödlicher Mission". Und wir Jungs wollten es wissen.

Jeden Tag kamen wir auf unserem Schulweg am "Roxy" vorbei, und jedes Mal sahen wir uns lange die Poster in den Schaukästen an. Sehr beeindruckt haben mich die Plakate von "Das Imperium schlägt zurück": Chewbacca mit der Armbrust im Anschlag, Prinzessin Leia in ihren weißen Gewändern, Han Solo und Luke Skywalker. Aber 1979/1980 waren wir noch viel zu jung für "Star Wars". Manchmal hingen da auch Poster von nackten Frauen - was natürlich nicht minder aufregend war. Damals zeigte das "Roxy" auch noch Sexfilmchen der Siebziger vom Kaliber "Lass jucken, Kumpel". Aber das hörte irgendwann auf.

Heute sollte unser großer Abend sein. Unser erster Bond! Obwohl - nicht ganz. Im Fernsehen hatte ich natürlich schon einige der alten Bond-Filme gesehen - "Goldfinger", "Dr. No", "Liebesgrüße aus Moskau". Aber die zählten nicht. Die waren alt, die hatten so unechte Farben und die Frisuren und Klamotten der Frauen waren seltsam. Außerdem: Das war nur im Fernsehen. Hier aber, das war Kino, und hier spielte der wahre Bond - nämlich Roger Moore und nicht dieser Mann mit dem glänzenden Scheitel und den engen Hosen.

Ich hatte bis dahin überhaupt noch nicht viele Filme im Kino gesehen. Es war also gefühlt mein erster, echter Bond. Beziehungsweise: Es sollte mein erster werden. Denn noch war eine Hürde zu nehmen - die Frau an der Kinokasse. "In tödlicher Mission" war nämlich ab zwölf Jahren frei gegeben. Und ich war gerade vor einem Monat acht geworden! Auch für uns würde das eine gefährliche Mission werden. Denn es war ja nicht auszudenken, was das für eine Blamage wäre, wenn wir an der Kinokasse scheitern sollten - und das auch noch vor all diesen Leuten!

Unbekannte in High-Heels

"In tödlicher Mission", das klang ja schon sehr aufregend. Sehr passend für unseren ersten Bond. Der Originaltitel lautete "For Your Eyes Only". Erst viele Bond-Filme später wurde mir klar, wie einfallslos der deutsche Titel war. Wann war Bond denn mal nicht in tödlicher Mission unterwegs? Und dann das Plakat zum Film! Es zeigte ein paar nackte, makellose und endlos lange Frauenbeine - von hinten, der Po nur mit einem knappen, blauen Etwas bedeckt. Mit gespreizten Beinen und sehr selbstbewusst stand diese halbe Unbekannte da, in High-heels natürlich. In der rechten Hand hielt sie eine Armbrust, die auf den Boden gerichtet war.

Durch ihre geöffneten Beine hindurch war im Hintergrund 007 zu sehen. Der wirkte weit weniger selbstbewusst, stand da halb geduckt, mit gezückter Pistole - ob er auf die Frau oder auf jemand anderen zielte, konnte man nicht genau erkennen. Weshalb war Bond nur so verdammt nervös? Von wem fühlte er sich bedroht? Von ihr? Sie hatte ihre Armbrust doch gar nicht auf ihn gerichtet? War sie Freund oder Feind? War sie etwa oben ohne? Man konnte nur Vermutungen anstellen. Es war for his eyes only.

Tag für Tag stand ich nach Schulende vor diesem Plakat, mit meinem Ranzen auf dem Rücken. Es machte mich irgendwie nervös. Klar: Da waren all die bereits erwähnten offenen Fragen. Aber das Plakat war auch äußerst raffiniert komponiert, denn sein Aufbau spielte die Augen gegen den Sexualtrieb aus: Die Frauenbeine, die ein auf dem Kopf stehendes V bildeten, rahmten das Bild ein und ließen nur einen eindeutigen Fluchtpunkt zu (das lernte ich aber erst viel später im Kunstunterricht). Der lag genau zwischen diesen Beinen - mitten auf dem nervösen 007. Zugleich aber wollten die ruhelosen Augäpfel immer wieder nur eins - zurück, um auf diese makellosen Beinen zu schauen. Kurz: dieses Plakat funktionierte sogar bei einem Achtjährigen.

"Warum war Bond bloß so nervös?"

Langsam bewegte sich die Schlange an der Kinokasse vorwärts. Matthias und ich konnten jetzt die Frau an der Kasse sehen. Oh, oh - Hornbrille, dicke Gläser, Dauerwelle; die war mindestens fünfzig. Das war jemand vom Schlag unserer Lehrerinnen. Ich sah wenig Chancen, dass wir an ihr vorbeikommen würden. Wie sollte sie jemals verstehen, was das hier für uns bedeutete? Wir waren hier, um unser erstes Mal zu erleben - mit 007, mit der unbekannten Frau auf dem Plakat, mit dem Kino. Wir hatten so oft davor gestanden, auf dem Heimweg von der Schule. Wir wollten endlich wissen, warum Bond bloß so nervös war, woher diese unbekannte Schöne kam und warum sie ausgerechnet eine Armbrust hatte. Sollten wir etwa noch vier Jahre warten, bis wir Antworten bekamen?

Nun war Matthias an der Reihe. Es ging ganz schnell. Er legte das Geld hin, schaute ihr kaum ins Gesicht und das Unfassbare geschah - sie winkte ihn einfach durch! Triumphierend lächelte er mich an. Soweit so gut, offenbar war das doch nicht ganz hoffnungslos hier. Aber er war nun mal nicht ich. Hatte er einfach Glück gehabt? Sah er vielleicht älter aus? Oder hatte sich für einen kurzen Moment einfach ein göttliches Zeitfenster aufgetan, das sich nun womöglich schon wieder geschlossen hatte? Ich wusste es nicht. Ich würde es einfach drauf ankommen lassen müssen. Und schon stand ich vor der Glasscheibe, durch die hindurch die Hornbrille mich ansah. Sie wartete. Plötzlich fühlte ich mich bedroht, so wie 007 auf dem Plakat. For your eyes only. Ich fühlte mich noch viel kleiner als ich ohnehin war.

"Eine Karte, bitte."

Herzschlag. Atmen. Wieder ging es ganz schnell - die Hornbrille war gestresst, sie schaute mich kaum an. Für sie war ich offenbar nur ein weiteres Glied in der langen Schlange heute Abend. Nur ein weiterer Stressfaktor. Wahrscheinlich hatte sie heute keine Lust auf Diskussionen, wollte keine frechen Achtjährigen belehren müssen, sich mit ihnen herumstreiten müssen. Nicht heute Abend. Hornbrille wollte einfach nur ihren Job machen, oder vielleicht wollte sie nur möglichst schnell eine rauchen gehen. Und diese verdammte Schlange war noch so lang. Sie riss also eine Karte ab, legte sie auf den Kassentisch und schob sie mir wortlos unter der Glasscheibe durch. Ich ergriff sie, ich ballte die Faust darum, ich wollte schreien in meinem Triumph.

Wer ist der beste Bond?

Auch der Kartenabreißer, dem ich sie noch geben musste, konnte mir nun nichts mehr anhaben. Bezahlt war bezahlt. Matthias und ich hatten es geschafft! Wir waren durch die Pforten des "Roxy" gekommen. Und das hier war kein Kinderprogramm, das war echtes Kino für Erwachsene. Ich trat ein in eine Welt aus rotem Plüsch, schweren Vorhängen, gedämpftem Licht, wispernden Stimmen. Und als sich nach dem furiosen Hubschrauber-Intro irgendwann die nackten Frauenumrisse gläsern-grazil zu Sheena Eastons wunderschönem Titelsong räkelten, kam ich mir verrucht und verzaubert zugleich vor. So etwas hatten meine achtjährigen Augen noch nicht zu sehen bekommen. Und jetzt tanzten sie for my eyes only.

Roger Moore drehte nur noch zwei Bonds: "Octopussy" und "A View To A Kill". Seine früheren Filme aus den Siebzigern - "Moonraker" und Co - hatte ich bis dahin längst per Video nachgeholt. Für mich war Moore immer der Bond, zumindest damals, in den Achtzigern. So wie Helmut Kohl damals immer der Kanzler war. Ich kannte nichts anderes, hatte weder Sean Connery noch Willy Brandt bewusst erlebt. Das ist vielleicht bedauerlich, aber dafür blieb ich auch vor Kurt Georg Kiesinger und seinem 007-Pendant George Lazenby verschont.

Selbst als 1983 "Sag niemals nie" in Konkurrenz zu "Octopussy" lief, mit dem nur für diesen einen Film zurückgekehrten Sean Connery, blieb Moores Stellung für mich unangetastet. Keine Frage, "Sag niemals nie" war ein guter Film und ein waschechter Bond - nur mit dem falschen Hauptdarsteller. Das war genauso, als hätte sich 1983 Willy Brandt plötzlich wieder zum Kanzler ernannt. Moore war Bond und Kohl war Kanzler! Eins aber bewirkte dieses Zwei-Kaiser-Jahr der Bonds - es eröffnete uns mittlerweile zehn Jahre alten Jungs eine Diskussion, die auch heute noch geführt wird: Wer war, wer ist der beste Bond?

Und eines musste ich anerkennen: Der Typ da aus dem Fernsehen, den ich nur in unechten Farben, mit glänzendem Scheitel und in komischen Hosen kannte - der war für viele ältere Leute auch mal der Bond gewesen und war es für sie immer noch. Als ich 1983 vor dem Poster von "Sag niemals nie" stand und den mittlerweile ergrauten Scheitel von Sean Connery begutachtete (es war sogar nur ein Toupet), da war es, als ob sich mir in meinem noch jungen Leben das ganze Gewicht der Geschichte selbst offenbarte. Nur für einen Moment.

Und nur für meine Augen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Heiko Trautmann 04.02.2008
Den beschriebenen Zustand beim Besuch des ersten James Bond Filmes kann ich sehr gut nachvollziehen. Allerdings frage ich mich wie der Auto zu dieser Zeit (For Your Eyes Only kam 1981 in die Kinos) andere James Bond Filme im TV gesehen haben will. Die erste Austrahlung in der ARD erfolgte Pfingsten 1984. Es war "From Russia With Love"...
2.
Lorenz Friedrich 04.02.2008
Der erste James Bond Film der im deutschen Fernsehen gezeigt wurde war "Liebesgrüße aus Moskau". Dies geschah aber erst deutlich nach 1981 (nämlich 1985). Da müssen also die Erinnerungen ein wenig durcheinander geraten sein... ;-)
3.
Andy Wolz 04.02.2008
Insgesamt ein netter Artikel, wenn auch leider nicht in allen Daten korrekt: Der Autor hat im August 1981 schon drei Bond-Filme im Fernsehen gesehen. Das ist leider nicht möglich, da erst Pfingsten 1984 mit der Ausstrahlung der Filme im deutschen TV begonnen wurde ("Liebesgrüße aus Moskau" war kurioserweise der erste). Also muss der Kinobesuch 1981 für ihn der erste Kontakt mit Bond gewesen sein. Ich hoffe nur, seine anderen Erinnerungen sind zuverlässiger ;-)
4.
Jo Münz 04.02.2008
Naja, bei einem historisch nicht ganz so ernsten Thema kann man über solche Feinheiten hinwegsehen. Schöner Bericht, wunderbar geschrieben.
5.
Andy Wolz 05.02.2008
Über Feinheiten hinwegsehen? Und ich dachte, Journalismus im weitesten Sinne müsse grundsätzlich gewissenhaft sein. Es gibt übrigens weitere Feinheiten zu bemängeln: "Octopussy" und "Sag niemals nie" liefen in Deutschland nicht 1983 in Konkurrenz zueinander: "Octopussy" lief August 1983 an, "Sag niemals nie" erst im Januar 1984. Und dass der Autor bis zum Erscheinen von "Octopussy" längst alle alten Filme auf Video nachgeholt haben will, ist auch ungewöhnlich, da sie erstmals 1984 bei uns zu kaufen waren, also nach "Octopussy". Angesichts dieser Ungereimtheiten befürchte ich, dass seine Erinnerungen an seinen Kinobesuch 1981 insgesamt nicht sehr zuverlässig sind. Sieht man den Artikel jedoch als phantasievoll ausgeschmückte Geschichte an, ist sie in der Tat schön geschrieben.
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