Das Jahr 1959 als Zeitenwende Alles außer LSD

Freie Liebe, lange Haare, Menschen auf dem Mond - die Sechziger gelten als das turbulenteste Jahrzehnt. Stimmt nicht, meint Pulitzer-Preisträger Fred Kaplan: Das Jahr, das alles änderte war 1959 - zehn Jahre vor Woodstock und Mondlandung. Im Interview tritt der "New York Times"-Kolumnist den Beweis an.

Corbis

einestages: Mit Ihrem Buch "1959 - The Year Everything Changed" stellen Sie eine ziemlich extravagante These auf. Kauft Ihnen die jeder ab?

Kaplan: Ein Kritiker beschwerte sich, alles hätte 1959 sicher nicht verändert. Zum Beispiel die menschliche Natur. Damit hat er sicher Recht. Doch ich meine, dass alles, was wir mit dem modernen Leben assoziieren, sich 1959 zu wandeln begann.

einestages: Es gibt gewiss weit mehr Menschen, die spontan behaupten würden, 1969 war das Jahr mit den meisten Ereignissen, die die Welt bewegten - die erste Mondlandung, der Summer of Love und und und. Was antworten Sie denen?

Kaplan: Viele Dinge, die wir mit den Sechzigern verbinden, haben ihre Wurzeln in den späten Fünfzigern. Genau genommen im Jahr 1959.

einestages: Das müssen sie uns beweisen.

Kaplan: Nehmen wir Ihre Beispiele: Wir sind 1969 auf dem Mond gelandet, aber das erste Astronautenprogramm begann 1959. Und was die Friedensbewegung angeht - auch der Vietnamkrieg begann 1959.

einestages: Aber die Sechziger waren doch trotzdem spannender und revolutionärer als 1959. Ich sage nur Sex, Drugs, Rock'n'Roll.

Kaplan: Okay, nehmen wir Rock'n'Roll. Die Plattenfirma Motown wurde 1959 ins Leben gerufen. Berry Gordy fing damals an, in Detroit eine neue Art von Rock'n'Roll zu produzieren - eine schwarze, städtische Musik vermischt mit Jazz-Blues. Buddy Hollys Sound, der zuvor die Basis für den Mainstream-Rock'n'Roll war, wurde in den Sechzigern durch diese neue Mischung ersetzt. Die Beatles - damals hießen sie noch die Silver Beatles - hörten Motown-Platten und änderten ihre gesamte musikalische Orientierung hin zum Urban Backbeat. All der Rock'n'Roll, der sich danach entwickelte, stammt daher.

einestages: Und was ist mit dem Sex? Mit der sexuellen Revolution haben die Sechziger die Machtverhältnisse im Bett und in der Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Was hat 1959 da entgegenzusetzen?

Kaplan: 1959 war das Jahr, in dem das Pharmaunternehmen Searle die Genehmigung für die erste offizielle Antibabypille bei der US-Arzneimittelbehörde einreichte. Gloria Steinem, in den Siebzigern Kopf der feministischen Bewegung in Amerika, schrieb 1962 in einem Artikel, die Pille brächte "autonome Mädchen" hervor, die sich Arbeit, Sex, Ausbildung und sogar die Ehe nehmen können, wo und wie auch immer sie wollen - so wie Männer es tun. Es dauerte ein Jahrzehnt, bis sich das in der Revolution manifestierte. Aber diese wäre ohne die Pille nicht möglich gewesen.

einestages: Und die Revolution der Meinungsfreiheit? Die Studenten an der University of California gingen erst 1964 auf die Barrikaden ...

Kaplan: Ausschlaggebend war aber meiner Meinung nach der Rechtsstreit um die Novelle "Lady Chatterleys Liebhaber". Das Buch war, ebenso wie viele andere freizügige literarische Werke, in den USA als unanständig zensiert worden. Damals konnte das Postamt Bücher und Magazine einfach als obszön deklarieren und beschlagnahmen - und tat das andauernd. Barny Rosset, der Gründer des Verlags Grove Press, wollte diese Zensurmaßnahmen anfechten. Er ließ Ausgaben von "Lady Chatterley" aus Frankreich importieren und legte es darauf an, dass sie konfisziert wurden. Dann verklagte er das Postamt dafür und gewann vor Gericht. Dieser Fall entfesselte eine wahre Explosion von Risikobereitschaft in Literatur, Film und Fernsehen. Er transformierte die ganze Kultur. Und "Lady Chatterleys Liebhaber" schaffte es sofort auf Platz zwei der Bestsellerlisten.

einestages: Okay, Sie haben uns überzeugt. Das Jahr 1959 hat wirklich einiges zu bieten. Aber wie sind Sie auf die Idee gekommen, ihm ein ganzes Buch zu widmen?

Kaplan: Es war ein persönlicher Zufall. Vor ein paar Jahren fiel mir plötzlich auf, dass viele meiner Lieblingsbücher, -filme und -platten 1959 herausgekommen sind. Ich wunderte mich: War das purer Zufall oder ein komplexeres Phänomen? So wurde das Jahr 1959 zuerst zu einem persönlichen Hobby. Gelegentlich forschte ich ein wenig und realisierte dabei mehr und mehr, wie viele bahnbrechende Dinge 1959 passiert waren. Schließlich bemerkte ich, dass alle Ereignisse etwas gemein hatten.

einestages: Und was?

Kaplan: Das Gefühl, dass das Morgen anders sein würde als das Gestern. Dass der Aufbruch in eine neue Ära bevorstand. Es wurden waghalsige Dinge ausprobiert und mit Begeisterung von der Allgemeinheit aufgenommen. Erstmals gab es Passagierflugzeuge, die ohne Zwischenstopp von der Ost- an die Westküste flogen. In New York frühstücken, dann ins Flugzeug springen und in Los Angeles zu Mittag essen - das war unglaublich aufregend. Am Anfang des Jahres war die erste Rakete aus der Erdanziehungskraft ausgebrochen und wie ein Planet um die Sonne gekreist. Die Welt und das Universum unterlagen jetzt unserer Kontrolle. Der "Countdown to tomorrow" war eingeleitet - so hieß es überall, sogar in der Werbung für Autos und Bohnerwachs. Natürlich behaupte ich nicht, dass Miles Davis eine Rakete aufsteigen sah und sich sagte, jetzt mache ich eine andere Art von Jazz. Aber als er Jazz auf eine neue Art spielte, gab es ein Massenpublikum, das bereit war, sich darauf einzulassen.

einestages: Was waren eigentlich Ihre liebsten Alben, Filme und Bücher von 1959?

Kaplan: Ich war immer ein Jazz-Fan und schreibe auch über Jazz. Miles Davis' "Kind of Blue" und Ornette Colmans "The Shape of Jazz to Come" sind Meisterwerke. Dann waren da die frühen französischen New-Wave-Filme, wie Truffauts "Sie küssten und sie schlugen ihn". Und was Bücher angeht: Norman Mailers "Reklame für mich selber" war der Anfang des New Journalism. Auch William Burroughs' "Naked Lunch" und Philip Roths erste Novelle "Goodbye, Columbus" erschienen 1959.

einestages: Aber nichts ist perfekt, wahrscheinlich auch nicht 1959. Gab es ein Ereignis, bei dem es Ihnen in den Finger juckte, zu schummeln und ein Kapitel darüber zu schreiben - obwohl es erst später geschah?

Kaplan: Ja. Ich habe zwar Sex und Rock'n'Roll in meinem Buch - aber leider keine Drogen. Timothy Leary begann erst 1960 mit seinen LSD-Experimenten. Fast hätte ich trotzdem ein Kapitel darüber gemacht - immerhin kam Leary 1959 nach Harvard, wo er mit seinen Versuchen begann. Aber da hätte ich geschummelt.

Zum Weiterlesen:

Fred Kaplan: "1959 - The Year Everything Changed". John Wiley & Sons, Hoboken 2009, 322 Seiten.

Das Interview führte Wiebke Junk



insgesamt 3 Beiträge
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Ralf Bülow, 17.08.2009
1.
Spannende These, aber das gilt ebenso für viele andere Neuner-Jahre, wenn man an die jeweiligen Ereignisse denkt: 1919 war eigentlich das erste der Zwanziger Jahre, 1929 das erste der Dreißiger, 1939 das erste der Vierziger usw. bis 1989. Klingelt's? Vermutlich nehmen wir im Geiste schon Abschied vom alten Jahrzehnt, wenn die "9" im Kalender erscheint. Zu 1959 in den USA wäre noch zu vermelden, dass damals die ersten kleinen Straßenkreuzer ("compacts") auf den Markt kamen und die legendäre VW-Werbekampagne begann.
Kenneth Cambridge, 18.08.2009
2.
Ausserdem fehlen für 1959 die "Nouvelle Vague"(in Frankreich) und der Mini(Cooper)(in GB). Ansonsten eine sehr gute These.
Wolfgang Kreh, 18.08.2009
3.
Da ist Euch aber ein ausgesprochen peinlicher Fauxpas passiert: Ray Charles hat nie für Motown aufgenommen, sondern bis 1960 für Atlantic und ab dann für ABC. Die Musik von Ray Charles ist von Motown ungefähr so weit entfernt wie Barack Obama von Angela Merkel...
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