Das kleine Schwarze So schlicht! So sexy!

Das kleine Schwarze: So schlicht! So sexy! Fotos
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Ein Hauch von einem Kleid: Hollywood-Legende Audrey Hepburn machte das kleine Schwarze mit einem einzigen Filmauftritt zum Inbegriff von Stil und Eleganz. Bis dahin galt das modische Stück als höchst frivol - und seine Trägerinnen als sexbesessene Luder. Von Johanna Lutteroth

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Es ist wohl eine der schönsten Szenen aus dem Kultfilm "Frühstück bei Tiffany". Innerhalb von wenigen Minuten verwandelt sich Holly Golightly alias Audrey Hepburn von einem verkaterten Mädchen im Pyjama in eine ausgesprochen elegante Dame. Sie schlüpft in ein schwarzes, schlichtes Kleid, setzt einen ausladenden schwarzen Hut auf und steckt sich dezente Perlen-Ohrringe an. Fertig. "Wie sehe ich aus?" fragt sie kokett ihren Nachbarn, den sie gerade erst kennengelernt hat, ohne die Antwort abzuwarten. Sie weiß, dass sie umwerfend aussieht.

Wann immer Holly in den nachfolgenden Szenen ausgeht, trägt sie eben jenes schwarze Kleid mit dem Federvolant und der Schärpe, die auf der rechten Seite zu einer Schleife zusammengebunden wird: Sei es auf der unglaublich wilden Cocktailparty in ihrer eigenen Wohnung, im New Yorker Gefängnis Sing Sing, wo sie jeden Donnerstag gegen Bezahlung einen Mafiosi besucht, oder zu den Verabredungen mit ihren vielen Verehrern. Trotz des immer gleichen Kleids sieht sie in jeder Szene anders aus. Es sind die verschiedenen Accessoires - etwa das große schwarz-weißen Collier, der mondäne schwarz-weiße Hut in Topfform, die langen schwarzen Handschuhe oder die ellenlangen Zigarettenspitze, die den Unterschied ausmachen.

Seit "Frühstück bei Tiffany" ist das sogenannte kleine Schwarze der Inbegriff für Stil und Eleganz. "Sie (Audrey Hepburn) hat uns ein für alle Mal beigebracht, wie man das kleine Schwarze trägt, nicht mit einem übertrieben roten Schal, sondern mit simplen Perlen", stellt die Mode-Journalistin Ellen Melinkoff in ihrem Buch "What we wore. An Offbeat Social History of womens clothing 1950 to 1980" fest. Kein Zweifel: Gekonnt setzt Audrey Hepburn mit minimalistischen Mitteln das kleine Schwarze, das Hubert de Givenchy eigens für diesen Film entwarf und ihr auf den Leib schneiderte, in Szene und zeigt ihrem Publikum, wie vielfältig und multifunktional das so schlichte Kleidungsstück ist. Welchen Kultstatus Givenchys Kreation genießt, zeigte eine Auktion bei Christies vor zwei Jahren. Damals wurde das schwarze Kleid mit dem Federvolant für 607.000 Euro versteigert.

Symbol für die Femme Fatale

Weil sein Kleid so viel Aufsehen erregte, wird oftmals Givenchy als Erfinder des kleinen Schwarzen bezeichnet. Dagegen würde Coco Chanel wahrscheinlich lauthals protestieren, wenn sie noch leben würde. Schließlich nimmt sie für sich in Anspruch, schon fast vierzig Jahre zuvor, das kleine Schwarze kreiert zu haben. Mitte der zwanziger Jahre brachte sie ein schwarzes, knielanges und überaus schlichtes Kleid auf den Markt, das sich als absoluter Verkaufsschlager erwies. Die amerikanische "Vogue" bezeichnete im Mai 1926 das Kleid scherzhaft als "Chanels Ford" - in Anlehnung an das T-Model von Ford, das als erstes Auto auf dem Fließband produziert wurde und zwischen 1915 und 1925 nur in Schwarz zu haben war. Das schlichte Kleid werde "eine Art von Uniform für alle Frauen mit Geschmack werden", orakelte damals die "Vogue" und sollte Recht behalten.

Ganz unangefochten ist allerdings auch Coco Chanels Urheberschaft nicht. Nettie Rosenstein, die unter anderem das pinkfarbene Kleid entworfen hat, das Mamie Eisenhower bei der Amtseinführung ihres Mannes trug, soll noch vor Coco Chanel die Idee für den multifunktionalen schwarzen Fummel gehabt haben. Und auch Karl Lagerfeld, der eng mit Coco Chanel verbunden war, äußert in dem Buch "Das kleine Schwarze" von Amy Holman Edelman seine Zweifel: "Kleine, schwarze Kleider tauchten zum ersten Mal zwischen 1918 und 1920 auf, und ich habe das Gefühl, dass sie auf die Trauerkleidung im Ersten Weltkrieg zurückgehen", vermutet der Modedesigner, "Frauen gewöhnten sich daran einfache, schwarze Kleider zu tragen und zu sehen. Als sich das Leben dann wieder änderte, wurde das kleine schwarze Kleid ein flexibles Kleidungsstück, das zwischen chic und sexy changierte."

Egal, wer den Modeklassiker am Ende erfunden hat - er war schwarz und transportierte damit eine ganz bestimmte Botschaft. Wer schwarz trug, trauerte - meist um den eigenen Ehemann. Die Farbe suggerierte, dass eine Frau verheiratet gewesen war, ihre Unschuld verloren hatte und sexuell erfahren war. Schwarz galt deshalb auch als frivol. Und so lässt Edith Wahrten einen ihrer Charaktere in dem 1913 erschienen Roman "Zeit der Unschuld" sagen: "Was ist schon von jemandem zu erwarten, dem es erlaubt wurde, schwarzen Satin bei seiner Einführung in die Gesellschaft zu tragen?" Gerade weil Schwarz das Symbol für die "Femme Fatal" war, war es für junge Mädchen so attraktiv. Kein Wunder, dass "Chanels Ford" Mitte der Zwanziger auf ein geteiltes Echo stieß. Diejenigen, die noch in alten Denkmustern verhaftet waren, empörten sich zutiefst über die jungen Mädchen in ihren schwarzen Kleidern. In ihren Augen waren sie nichts anderes als Flittchen.

Verrucht und trotzdem beliebt

Noch bis in die frühen sechziger Jahre haftete dem kleinen Schwarzen etwas Unanständiges an. Davon ließen sich allerdings die wenigsten Designer beeindrucken. Cristóbal Balenciaga, Yves Saint Laurent, Elsa Schiaparelli - alle hatten das schlichte Kleid stets in ihren Kollektionen. Und es gab immer Frauen, die sich über die Konvention hinwegsetzten und es trugen: Wallis Warfield Simpson beispielsweise, die mit dem britischen König Edward VIII. liiert war und der 1936 ihretwegen auf den Thron verzichtete, soll zahllose schwarze Kleider besessen haben. Von ihr stammt auch das Zitat: "Wenn ein kleines Schwarzes passt, gibt es nichts, was man sonst tragen könnte". Edith Piaf wiederum trat ausnahmslos im kleinen Schwarzen auf. Anfangs hatte sie nichts anderes. Später entschied sie sich bewusst dafür, um das Publikum nicht von ihrer Stimme abzulenken.

Auf der Leinwand und der Bühne wiederum setzten die Regisseure das kleine Schwarze ein, um die Darstellerinnen lasziver wirken zu lassen. Marilyn Monroes Kurven brachten den schlichten Schnitt in Filmen wie "Manche mögen's heiß" (1959) und "Blondinen bevorzugt" (1953) einzigartig zur Geltung. Greta Garbo, Ingrid Bergmann, Rita Hayworth, Marlene Dietrich, Ava Gardner und selbst die hochanständige Doris Day - nahezu alle Hollywood-Größen waren in ihren berühmten Filmen wenigstens einmal in Schwarz auf der Leinwand zu sehen. Audrey Hepburn und Givenchy waren es schließlich, die das einst verruchte Outfit endgültig von seiner Frivolität befreiten, es in dem Olymp des Stils emporhoben und salonfähig machten.

Seither erfreut sich der unprätentiöse Fummel größter Beliebtheit. Truman Capote, auf dessen Romanvorlage der Film "Frühstück bei Tiffany" beruht, veranstaltet 1966 einen Schwarz-Weiß-Ball, von dem es noch heute heißt, es sei die Party des Jahrhunderts gewesen. Die meisten der weiblichen Gäste schlugen natürlich im kleinen Schwarzen auf und machten damit noch einmal geballt Werbung für das Kleidungsstück.

Noch heute tragen alle Stilkonen schwarz: Seien es die vier Mädels aus der Fernsehserie "Sex and the City", die im schwarzen Cocktailkleidchen auf dem Cover der ersten Staffel zu sehen sind, Liz Hurley, Keira Knightly, Madonna, Naomi Campbell oder die selbsternannte Mode-Expertin Victoria Beckham. Das kleine Schwarze ist zeitlos elegant und wird auch in Zukunft noch in jedem Kleiderschrank von stilbewussten Frauen zu finden sein. Natürlich, um sich sexy und eine spur frivol in Szene zu setzen - wie einst Monroe und Hepburn.

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Katharina Kellmann 11.09.2013
Mit einem schwarzen Etuikleid ist frau immer gut angezogen. Gut: Im Büro fällt man damit angesichts des "Mutti-Looks" oder der Juristinnen-Hosenanzüge, die heute das Erscheinungsbild bestimmen, schon etwas auf. Aber man muss sich nicht mehr umziehen, wenn man danach noch in die Oper oder auf einen Cocktail ausgehen möchte.
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