Mitten im Bombenkrieg Der letzte Film der Nazis

Bis zum Schluss ließ das NS-Regime einen millionenteuren Propagandafilm drehen, über den es immer mehr die Kontrolle verlor. Dann verschwand das letzte Werk der Nazis plötzlich.

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Es mangelte an Papier für die Drehbücher und an Zelluloid für die Kamera. Und doch musste unbedingt diese opulente Abschiedsszene gedreht werden. An einem nicht bombardierten Fernbahnhof. Intakte Fernbahnhöfe - gab es die im Raum Berlin überhaupt noch?

Nein, aber Wolfgang Liebeneiner war es egal. "Das Leben geht weiter" hieß der Film, den der preisgekrönte Regisseur Ende 1944 mit Kinostars wie Heinrich George drehen sollte, und nach genau dieser Maxime handelte er. Auf dem Babelsberger Ufa-Gelände ließ Liebeneiner den Stettiner Bahnhof nachbauen und 1100 Statisten kommen, die für das gewünschte Gedränge in dieser Kunstwelt sorgten. Gleichzeitig kämpfte draußen, in der realen Welt, das NS-"Reich" einen längst verlorenen Krieg.

Der Stimmung in Babelsberg tat das keinen Abbruch. Jeden Morgen motivierte Aufnahmeleiter Heinz Fiebig seine Mannschaft auf dieselbe Weise: "Ist das Leben nicht schön?" rief er, und aus vollen Kehlen schallte es zurück: "Das Leben ist herrlich!"

Die Ufa feilte mit schwarzem Humor am teuersten und aufwendigsten Film des Jahres. Mit komplizierten Spezialeffekten und Modellbauten steuerte Babelsberg dem Untergang entgegen. Realität und Fiktion vermengten sich während der Dreharbeiten auf groteske Weise.

Die Schauspieler rannten auf dem Filmgelände von echten Splittergräben für den Ernstfall hin zu künstlichen Bombentrichtern, verbrannten Häuserfassaden und Bunkern aus Pappmaché. Die ständigen Stromsperren ließen Heizungen ausfallen und die Darsteller in ihren dünnen Sommerkleidern vor Kälte zittern. Oder war es aus Angst?

Blind für die Realität war auch in dieser Scheinwelt niemand. Für den Bahnhofsdreh gab es einen Fluchtplan für die 400 Kinderstatisten. Liebeneiner war bei einem Berlin-Besuch speiübel geworden, als er in den Trümmern verkohlte Leichen entdeckte. Doch aufhören war keine Option. Wer für das erklärte Lieblingsprojekt von Propagandaminister Joseph Goebbels arbeiten durfte, musste nicht befürchten, an die Front versetzt zu werden.

Goebbels als Filmautor?

Das Leben ging weiter, solange "Das Leben ging weiter" noch gedreht wurde, und der Regisseur spielte mit überakribischen Dreharbeiten bewusst auf Zeit. "An diesem Film hielten wir uns wie Ertrinkende an einen Balken", sagte Hauptdarsteller Gustav Knuth später. Er musste einen Ingenieur spielen, der eine Wunderwaffe für die Luftwaffe entwickeln sollte.

Für Joseph Goebbels war das ein "außergewöhnlicher Stoff von größter Bedeutung". Womöglich hatte der Propagandaminister höchstpersönlich das Treatment verfasst, wie es Hans-Christoph Blumenberg nahelegt. Der renommierte Filmkritiker und Regisseur hat jahrelang zu dem letzten NS-Film geforscht, Akten gewälzt, Zeitzeugen gesprochen - und daraus 2003 eine Dokumentation geschnitten, die einen Emmy gewann.

Offiziell firmierten drei Mitarbeiter aus Goebbels Ministerium als Autoren des Treatments. Allerdings hatte Goebbels im April 1944 einen Leitartikel geschrieben, den man als die von ihm gewünschte Essenz des Filmes verstehen kann: "In den Ruinen und Mauerresten unser bombardierten Städte geht das Leben weiter. Es ist nicht mehr so reich und aus dem Vollen schöpfend wie früher. Aber wir stehen fest auf unseren Füßen und zeigen nicht die geringste Neigung, in die Knie zu gehen."

Kleine Filmrevolution

Verdichtet wurde diese Idee im Drehbuch über Leben in einer Berliner Hausgemeinschaft im Jahr 1943, als die Alliierten begannen, die Hauptstadt mit Bombenteppichen zu überziehen. Das Ganze wirke "wie die Lindenstraße 1943", so Blumenberg. Da wohnt etwa der begabte Tüftler Ewald Martens, der ein wundersames Peilgerät entwickelt, das die deutschen Nachtjäger vor Abschüssen bewahren soll. Seine Frau Gundel bewährt sich als unerschrockene Lebensretterin im Bombenregen, während sich die hübsche Leonore in einen geheimnisvollen Piloten verliebt. Dazu kommen noch ein kauziger Professor sowie ein berlinisch-unfreundlicher Luftschutzwart.

Klingt harmlos, war aber eine kleine Revolution: Erstmals sollte ein Film auch die Verwüstungen durch Luftangriffe zeigen dürfen: zerstörte Brücken, brennende Häuser, zerrissene Gleise. Monate zuvor wäre das undenkbar gewesen. Systematisch hatte Goebbels alles von der Leinwand verbannt, was nach Niederlage aussehen könnte. Nun setzte er auf subtilere Methoden der Propaganda mit der Botschaft: Städte konnten zerstört werden, Wille und Psyche der Deutschen nicht.

Kosten sollten dem nicht im Wege stehen. Schon das Treatment wurde mit 30.000 Reichsmark etwa sechsmal so hoch vergütet wie damals üblich. Das Drehbuch, an dem sich neben Liebeneiner noch zwei weitere Autoren versuchten, geriet mit insgesamt 105.000 Mark zum teuersten der NS-Zeit. Und da Goebbels für sein Epos aus Schmerz, Liebe und Heldenmut nur die besten Darsteller wollte, fielen auch deren Gagen fürstlich aus: Heinrich George etwa kassierte für fünf Drehtage stolze 10.000 Mark.

In den Wirren des Kriegsendes verlor selbst die penible staatliche Filmbürokratie die Übersicht über das Mammutprojekt. Die kalkulierten Gesamtkosten von sowieso horrenden 2,4 Millionen Mark waren schon nach kurzer Zeit völlig unrealistisch. Lakonisch sprach die Ufa nur noch von "erheblichen Überschreitungen".

Viel problematischer für die Propagandisten war, dass ihnen zunehmend auch die Kontrolle über den Inhalt entglitt: Liebeneiner, der während des Drehs noch am Ende des Drehbuchs feilte, dachte schon an die Zeit nach dem Krieg. Mit einem plumpen Durchhaltefilm wollte er sich nicht belasten.

Also baute er neben martialischen Plattitüden ("Der Tod ist mein Freund") auch aufmüpfige Dialoge ins Drehbuch. Erfinder Ewald Martens ließ er nach dem Tod seiner Frau Gundel desillusioniert sagen: "Was hat das alles für einen Sinn? Da schreiben mir diese Herren Briefe. 'Pflicht' schreiben sie, Lebensaufgabe. Phrasengewäsch, verdammtes!" Wütend poltert Martens, seine neuartige Waffe sei "ein Dreck gegen die Übermacht der anderen".

Flucht nach Lüneburg

Lebensgefährliche Sätze eigentlich, die es in keinem anderen Drehbuch der NS-Diktatur gab. Liebeneiner relativiert zwar an anderer Stelle vorauseilend die deutsche Schuld, indem er den Krieg mit einer Naturkatastrophe vergleicht, für die niemand etwas könne. Seine Schlussszene aber verströmt wenig von Goebbels gewünschtem Optimismus: Martens legt stumm sein Kriegsverdienstkreuz auf das verschneite Grab seiner Frau.

Der Regisseur spekulierte auf das Versagen der Kontrollen im untergehenden "Dritten Reich" - und behielt Recht: Im März 1945 wurde das Arbeiten in Babelsberg endgültig unmöglich; zuletzt war wegen der Stromsperren nur noch ein paar Stunden nachts gedreht worden. Trotzdem dachte Liebeneiner nicht ans Aufhören. Er verlegte sein ganzes Team einfach zum Fliegerhorst Lüneburg, wo das Kampfgeschwader 66 stationiert war.

Die Schauspieler kamen bei Bauern in der Umgebung unter. Sie mussten meist zum Fliegerhorst laufen, da es nur noch einen Pkw für die Ufa gab. Der letzte NS-Film wurde unter Umständen gedreht, die sich Hollywood nicht besser hätte ausdenken können: Nachts griffen die Tiefflieger an, tagsüber surrte die Kamera.

Versteck im Dom

"Die jungen Flieger schüttelten die Köpfe über uns" erinnert sich später Jaspar von Oertzen, der einen von Martens' Wissenschaftlern spielte. "Täglich bauten wir unsere Scheinwerfer auf, während sie ihre Geschütze für die Bodenverteidigung einrichteten." Die Front kam näher.

Am 14. April 1945 feilte Liebeneiner noch stundenlang an einer Schlüsselszene: Martens Wunderwaffe funktionierte, der Rüstungsdirektor (Heinrich George) jubelte, die Deutschen waren womöglich gerettet.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Nur vier Tage nach dem Wunderwaffen-Dreh besetzten die Briten Lüneburg. In der Hoffnung, den Film nach der Niederlage in seinem Sinne vollenden zu können, hatte Liebeneiner kurz zuvor seine Filmrollen nachts im Dom von Bardowick versteckt. Der Krieg war auch für die Schauspieler zu Ende.

Ihr Leben aber ging fast wie gewohnt weiter. Die meisten machten nach 1945 Karriere. Manche verschleierten ihr letztes Engagement lieber. Der Film geriet für Jahrzehnte in Vergessenheit - auch weil die Filmrollen unter ungeklärten Umständen aus dem Dom verschwanden und nie wieder auftauchten.



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