Das Massaker von My Lai "Endlich tun, wofür wir hier sind"

Das Massaker von My Lai: "Endlich tun, wofür wir hier sind" Fotos
Department of Defense

Mit beispielloser Kaltblütigkeit rückten amerikanische Soldaten am 16. März 1968 ins vietnamesische Dorf My Lai ein: Binnen weniger Stunden töteten sie Hunderte Zivilisten. An die Truppe war am Vortag ein unglaublicher Befehl ergangen. Von

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Vietnam, 16. März 1968, Provinz Quang Ngai, Gemarkung Son My: Gegen 7.30 Uhr werden die "Charlie"- und "Bravo"-Kompanie der US-Sondereinheit "Task Force Barker" in der Nähe dreier Dörfer von Transporthubschraubern abgesetzt. Ihr Auftrag: die küstennahe Region der Provinz "durchkämmen", ein Kampfbataillon des Vietcong, das 48. VC Local Force Battalion, aufspüren und politische Funktionäre der Nationalen Befreiungsbewegung dingfest machen.

Die C Company rückt in die Dörfer Xom Lang und Binh Tay ein, ein Platoon der B Company umstellt My Hoi, Siedlungen, die auf amerikanischen Militärkarten als "My Lai (4)" und "My Khe (4)" verzeichnet sind. Auf die GIs wird kein einziger Schuss abgegeben, Bewaffnete sind nirgendwo zu sehen, die GIs wissen vom ersten Moment an, dass ihnen Zivilisten gegenüberstehen. Die Bilanz nach zweieinhalb Stunden: Zwischen 490 und 520 Ermordete, einige sind erst wenige Wochen alt, manche im Greisenalter, die meisten sind Bauern mittleren Alters. Amerikanische Verluste: Keine. Erbeutete Waffen: Angeblich vier.

Die Schlächterei vom 16. März 1968 ist als My Lai-Massaker in die Geschichte eingegangen. Vermutlich hat keine andere amerikanische Einheit binnen weniger Stunden derart viele Unbeteiligte gemeuchelt wie die "Task Force Barker". Dass es in den Jahren 1967 bis 1971 zahlreiche weitere Massaker gegeben hat, steht indes außer Frage. Wie viele Menschen dabei getötet wurden, wird nie zu ermitteln sein - Tausende waren es in jedem Fall, möglicherweise liegt die Zahl der Opfer sogar im fünfstelligen Bereich. Und von einer systematischen Ausweitung der Kampfzone auf die Zivilbevölkerung zu sprechen, ist in jedem Fall angebracht.

Kämpfer wurden zu Schlächtern

Woher rührt diese Gewaltbereitschaft? Welche Faktoren mussten zusammenkommen, um aus regulären Einheiten marodierende Haufen zu machen? Wie ist zu erklären, dass sich Soldaten wiederholt nicht wie Kämpfer verhielten, sondern wie Schlächter auftraten - wissend, dass sie Unbewaffnete vor sich hatten, Frauen, Kinder und Alte? So unterschiedlich die Antworten im Einzelfall ausfallen mögen, am Beispiel My Lai werden Umstände deutlich, die auch andernorts eine Rolle gespielt haben und erklären, warum der Krieg im Jahr 1968 in seine blutigste Phase trat.

Das Jahr 1968 hatte für die USA mit einer bösen Überraschung begonnen. An die 80.000 Guerillas und ein paar Tausend nordvietnamesische Truppen attackierten Ende Januar im Zuge der "Tet"-Offensive alle militärisch und infrastrukturell wichtigen Ziele, darunter fünf der sechs großen Städte im Süden, 36 von 44 Provinzhauptstädten und 64 lokale Verwaltungszentren. In der Hauptstadt Saigon drang ein neunzehnköpfiges Selbstmordkommando auf das Gelände der amerikanischen Botschaft vor, andere Stoßtrupps griffen den Präsidentenpalast, den Flughafen und das Hauptquartier der US-Streitkräfte an. Saigon war nach wenigen Stunden wieder unter Kontrolle der Regierungstruppen. Rund um Ben Tre, Hauptstadt der Provinz Kien Hoa, fielen jedoch alle 27 Verteidigungsstellungen. Hue blieb gar drei Wochen lang in der Hand feindlicher Einheiten.

Doch die kommunistischen Einheiten bezahlten ihren Coup mit einem exorbitanten Blutzoll. Zwischen Januar und März 1968 verloren die Guerilla allein in der Nähe des 17. Breitengrades fast zwei Drittel ihrer Mannschaften durch Tod, nachhaltige Verwundungen oder Gefangennahme. Rechnet man den Aderlass bis Herbst 1968 hinzu, ist von Verlusten zwischen 50.000 und 100.000 Mann auszugehen - bei einer Truppe, die auf dem Höhepunkt des Krieges maximal 240.000 Soldaten umfasste.

Einladung zur unbefristeten Willkür

Das amerikanische Oberkommando um William C. Westmoreland interpretierte dieses Desaster des Feindes als einmalige Gelegenheit, dem fast verloren geglaubten Krieg doch noch eine entscheidende Wende geben zu können. Aus einem Schreiben an alle in Vietnam kommandierenden Generäle: "Wir müssen jetzt den maximalen Vorteil aus der gegenwärtigen Situation ziehen und den Feind unnachgiebig unter Druck setzen. [...] Wir dürfen die Gelegenheit nicht verpassen."

Dementsprechend gab Westmoreland im Februar 1968 seinen Truppen eine beispiellose Handlungsfreiheit - indem er die Schutzbestimmungen für Zivilisten und deren beweglichen wie unbeweglichen Besitz vorübergehend außer Kraft setzte. Abweichend von den gemeinhin gültigen Einsatzrichtlinien durften Truppenführer in besonders umkämpften Regionen fortan Dörfer und Städte ohne vorherige Rücksprache sowie mit Waffen und Verbänden ihrer Wahl angreifen. Westmorelands befristete Erlaubnis kam einer Einladung zur unbefristeten Willkür gleich.

Auch die Offiziere der "Task Force Barker" konnten nach eigenem Gutdünken vorgehen - eine lang ersehnte Gelegenheit, sich in Szene zu setzen und der eigenen Karriere taugliche Erfolge vorzulegen. Truppenführer, die den Handlungs- und Zeitdruck ihres Oberkommandos teilten oder nicht in Frage stellen wollten, radikalisierten die Vorgaben Westmorelands auf ihre Weise - allen voran der Chef der C Company, "Task Force Barker", Ernest Medina.

"Hinterlasse einen Beweis von Kampfeslust"

Nicht-Kombattanten waren in Medinas Vorstellungswelt entweder nicht vorhanden oder schlicht irrelevant. Nachdem er am Nachmittag des 15. März eine halbstündige Unterweisung der Truppe beendet hatte, wollten einige GIs wissen, ob er tatsächlich Frauen und Kinder als Feinde bezeichnet hatte - und ob eine Lizenz oder ein Befehl zum Mord an Zivilisten vorlag. Indem Medina eine eindeutige Antwort verweigerte, gab er eine unmissverständliche Auskunft. Rücksichtnahme war bei diesem Einsatz nicht gefragt. Sie sollten in My Lai alle Feinde töten. Und wen sie für den Feind hielten, blieb der Entscheidung jedes Einzelnen überlassen.

Es war ein Spiel mit der Frustration einer Truppe, die seit Februar 100 Mann oder gut 20 Prozent ihres ursprünglichen Bestandes durch Minen und Sprengfallen verloren hatte, ein Spiel mit den Phantasien kaum 20-jähriger Soldaten, die hohe Verluste erlitten, aber keine erkennbaren Erfolge erzielt hatten - und die sich als Versager sahen und diese Scharte unbedingt auswetzen wollten.

Es dem Vietcong heimzuzahlen, hieß aus ihrer Perspektive, Rache an allen zu nehmen, die für den Tod in Hinterhalten verantwortlich gemacht wurden oder dafür, dass man sich überhaupt im Dschungel quälen musste. "Do something physical" lautete ihre Parole - hinterlasse einen Beweis von Kampfeslust, von überwundener Kränkung, von Überlegenheit und Macht. "Der bloße Gedanke an den nächsten Tag ließ bereits das Adrenalin fließen. Endlich würden wir tun können, wofür wir hier waren. Endlich, endlich würde es passieren", so ein Beteiligter über die Stimmung der Truppe am Abend des 15. März 1968. Zwölf Stunden später fielen sie in die Dörfer der Gemarkung Son My ein.

Der Autor, Prof. Dr. Bernd Greiner, ist Historiker und lehrt am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg. Seit 1994 leitet er den Arbeitsbereich "Theorie und Geschichte der Gewalt" am Hamburger Institut für Sozialforschung.


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1.
Wolfgang Leist 14.03.2008
Ich habe vor einigen Jahren einen Bericht eines der beteiligten Offiziere des Massakers gelesen. Es war Lieutenant Kelley(?), der einzige Verantwortliche, der für das Massaker angeklagt und verurteilt wurde (und nach kurzer Zeit begnadigt). Dieser Bericht mit dem Titel "Ich bin nicht Jesus" zeigt deutlich, wie es zu dem Massaker kommen konnte. Bei den beteiligten Soldaten hatte sich über Monate ein gewaltiger Frust aufgestaut. Sie operierten in einem fremden Land, dessen Sprache und Sitten sie nicht verstanden, und in dem sie keine Ahnung hatten, wie sie Freund und Feind außereinander halten sollten. Häufig wurden sie aus dem Hinterhalt beschossen, ohne jemals selbst größere Erfolge gegen die unsichtbaren Feinde erzielen zu können. Dieser permanente Frust entlud sich dann schließlich in dem Massaker.
2.
Norbert Ommler 16.03.2008
Der SPIEGEL und/oder entspr. Leser sollten hier auch darüber berichten, wer unter welchen Mühen und gegen welche Widerstände dieses Kriegsverbrechen aufgedeckt hat.
3.
Robert Abel 16.03.2008
Liest man Bernd Greiners Buch, welches auf den in den 90ern veröffentlichten Archiven der USA beruht, wird sehr schnell deutlich, dass My Lai nicht ein Einzelfall war, sondern Massaker gegen die Zivilbevölkerung zur Systematik des Krieges gehörten. Der Erfolg des Abnutzungkrieges in Vietnam wurde nicht an Territorial-Gewinnen sondern an "body counts" fest gemacht. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde von Niemandem mehr unterschieden, ob der Getötete ein Kämpfer war oder zur Zivilbevölkerung zählte. Im Gegenteil: der Kampf gegen die Zivilbevölkerung wurde von obersten Stellen sanktioniert und sollte, begründet durch eine perverse Logik, zum Sieg führen. Äußerst verstörend in Greiners Buch sind die Beschreibungen über sanktionierte und legitmierte Killerkommandos, die gegen die vietnamesische Zivilbevölkerung vorgingen. Zwangsläufig wird man hierbei an SS-Säuberungstruppen im 2. Weltkrieg erinnert. Nach der Lektüre des Buches wird klar, dass sich die USA während des Vietnam-Krieges bewusst aus der Staatengemeinschaft der zivilisierten Völker verabschiedet haben. Diese Erkenntnis vermittelt ein durchaus neues Bild jener abscheulichen Kriegsführung.
4.
Helmut Müller 26.03.2008
Was geschehen war, war geschehen ! wichtig ist, was uns noch übrig bleibt ? nach allen diesen Groll taten ich hofe, daß an dieser Stelle, eine würdige Diskussion über einen der besten dokumentierten Massaker der Geschichte fortgeführt wird.
5.
Van-Khanh Tran 16.03.2008
Es ist sehr traurig diese unmenschliche Bilder wieder vor Augen zu bekommen und wie beurteilen wir heute darüber ? Ein Bedauen nämlich was passiert war ? Es ist wertlos für die Betroffene, ihre Familien und die ganze Welt der friedfertigen Menschen, denn Amerika weiter diese Grausamkeitsspiele in Afganistan, Irak, Guantanamo... im Name "Schutz der Freiheit" treiben. Die Menschheit schaut zu ! Weltmächte von Gestern waren so und Weltmächte von Heute sind genau so. Recht, Freiheit, Menschenwürde haben nur die Stärkerer !
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