"Das Millionenspiel" TV brutal

"Das Millionenspiel": TV brutal Fotos
WDR

Es war der erste große Fernsehskandal der Dekade: 1970 lief im WDR "Das Millionenspiel", ein Thriller im Stile einer Reality-Show, bei der ein Kandidat von Killern gejagt wird. Tausende Zuschauer beschwerten sich über das gewalttätige Werk, Hunderte hielten die Show gar für real - und schickten Bewerbungen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare
    4.4 (44 Bewertungen)

"Wir begrüßen Sie zum letzten Spieltag des Millionenspiels", heißt eine Fernsehansagerin im WDR die Zuschauer am 18. Oktober 1970 um 20.15 Uhr willkommen und verspricht lächelnd: "Sollte der Kandidat vorzeitig den Tod finden, so erwartet Sie ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm mit vielen beliebten Künstlern."

Was dann folgt, versetzt Fernsehdeutschland für Wochen in Aufruhr.

Da ist Bernhard Lotz, ein braver Bürger und Jedermann. Ausgemergelt, mit verdreckten Kleidern und dem panischen Blick eines gehetzten Tieres flieht er über Hausdächer, versteckt sich in leerstehenden Wohnungen und schleicht über düstere Hinterhöfe. Ständig in seinem Nacken: 24 Kamerateams, die jeden seiner Schritte verfolgen - und die Köhler-Bande, drei schwerbewaffnete Killer, mit dem Auftrag, ihn zu töten. Denn Lotz ist Freiwild, ein Gejagter im Namen des Entertainments. Die Regeln bei "Das Millionenspiel", bei dem Lotz Kandidat ist, sind ebenso brutal wie einfach: Überlebt er die archaische Reality-Show für sieben Tage und Nächte gewinnt er eine Million Mark, stellen die Kopfgeldjäger ihre Zielperson, wird Lotz vor den Augen der Fernsehnation kaltblütig abgeknallt.

Die "aktuellsten Arschlöcher der Bundesrepulik"

Als "Das Millionenspiel" vorbei ist, prasseln Tausende von wütenden Telefonanrufen, Beschwerdebriefen und Hass-Telegrammen auf die Redaktion des WDR ein. "Die allergrößte Schweinerei, die uns jemals vorgesetzt wurde", erbost sich ein Anrufer. Die Macher des Programms seien "rauschgiftsüchtig" oder gehörten in eine "Klapsmühle" diagnostizieren zahlreiche Zuschauer. Einer droht gar "diesen aktuellsten Arschlöchern der Bundesrepublik" müsse man "sehr gründlich die Fresse polieren und die Zähne einschlagen. Vielleicht aber geht es schneller und vornehmer mit einem MG".

Dabei ist "Das Millionenspiel" doch nur ein Fernsehfilm, oder?

"Als ich das erste Mal das Drehbuch in der Hand hatte, dachte ich nur: Einen Film als eine Spielshow auf Leben und Tot zu inszenieren, ist eine gespenstische Idee, aber sie ist toll", erinnert sich Dieter Thomas Heck. "Als wir schließlich drehten, hätte trotzdem niemand damit gerechnet, dass die Geschichte für so heftige Reaktionen sorgen würde." Heck wird damals gerade mit der ZDF-"Hitparade" zu einem von Deutschlands beliebtesten TV-Moderatoren. Beim "Millionenspiel" mimt er den Showmaster Thilo Uhlenhorst. Ein bekanntes Fernsehgesicht, das einen Moderator spielt, könnte das die Zuschauer nicht verwirren? Natürlich. Und genau darauf spekulieren Regisseur Tom Toelle und Drehbuchautor Wolfgang Menge. Mit ihrem Film, der über weite Teile wirkt wie eine echte Spielshow, schaffen sie das deutsche Pendant zu Orson Welles' "Krieg der Welten".

Welles löste 1938 eine Massenpanik aus, als am Abend vor Halloween seine Hörspielversion des Science-Fiction-Romans von H.G. Wells im Radio lief. Der junge Regisseur hatte die Story als packenden Live-Reportage über die Landung von Untertassen in New York inszeniert - Tausende Menschen glaubten, dass tatsächlich Marsianer die US-Metropole attackierten.

Fernsehballett für den Todeskandidaten

Auch Toelle tut alles, um sein "Millionenspiel" so real wie möglich wirken zu lassen. Konsequent inszeniert er seine mediale Menschenjagd wie eine echte Spielshow. Die fingierte Live-Übertragung wird in einem Fernsehstudio in Osnabrück gedreht, Dieter Thomas Heck moderiert die Show mit der gleichen Verve wie seine "Hitparade", führt Interviews mit der Mutter des Gejagten und dem Todeskandidaten für die nächste Ausgabe des "Millionenspiels". Kurze Einlagen von Musikinterpreten und einem schrill gekleideten Fernsehballett lockern die Sendung auf. Und immer wieder wird über eine große Leinwand gezeigt, wie Bernhard Lotz vor seinen Verfolgern flieht (deren Anführer Köhler übrigens der spätere Star-Komiker Didi Hallervorden spielt).

Natürlich wird auch der kleine Mann von der Straße nach seiner Meinung gefragt: Der Fernsehreporter Heribert Faßbender gibt einen namenlosen Interviewer, der auf der Straße Passanten fragt, was sie vom "Millionenspiel" halten. "Sehr modern finde ich das, ganz prima", sagt eine Frau brav ins Mikrofon. Der Mann neben ihr ist da schon etwas kritischer: "Ich bin jetzt ein paarmal vom Apparat weggeblieben", reflektiert er, "weil ich es verwerflich finde, jemanden zu verführen, für eine Million Mark sein Leben zu riskieren, nur um der Bevölkerung etwas zu bieten."

So soll "Das Millionenspiel" ein Kommentar auf die Auswirkungen der Privatisierung des Fernsehens sein. "Wir haben", erklärt Günter Rohrbach, der damalige TV-Spiel-Chef des WDR damals dem SPIEGEL, "die jetzigen Verhältnisse übertrieben und in die Zukunft projiziert, um die Gegenwart erkennbar zu machen." Als düsteres Vorbild gilt Anfang der siebziger Jahre das "amerikanische Kommerz-Fernsehen". Dort komme es den Geldgebern aus der Wirtschaft, so der SPIEGEL in seinem Bericht über den Film, ausschließlich auf hohe Einschaltquoten und den größten Werbeeffekt an. Deshalb bestünden dort "drei Viertel aller Unterhaltungsdarbietungen aus Mord und Totschlag".

Vom Kommerz-Fernsehen ist Deutschland 1970 noch weit entfernt. Die wenigen Kanäle, die existieren, sind öffentlich-rechtlich, TV-Reklame gibt es kaum - und niemals unterbricht sie eine Sendung. Doch auch diese Entwicklung hatte Toelle in seinem Film bereits mitgedacht. Mehrmals läuft im "Millionenspiel" Werbung für Produkte des fiktiven Sponsors Stabilelite. Die überdrehten und extrem sexualisierten Spots für die Antibabyspritze Evilove, die schlankmachende "Null-Pille" oder das Potenzmittel Quell Monte Carlo nehmen die verführerische Ästhetik der Fernsehwerbung vorweg.

Wahr und aus dem Leben oder wie "Schneewittchen"?

Doch nicht alle sehen in "Das Millionenspiel" eine geschickte Satire auf die Zukunft des Fernsehens. Der Soziologe Willy Strzelewicz etwa kritisiert seiner Zeit, dass die angebliche Absicht, vor einer gefährlichen Entwicklung warnen zu wollen, nur ein Vorwand sei, mit der Überschreitung von Grenzen selbst Quote zu machen.

Dass die Botschaft des Films tatsächlich nicht bei allen Zuschauern ankommt, beweisen manche der Zuschauerreaktionen, die beim WDR eintreffen: "Ist dieser Film wahr und aus unserem Leben, oder ist es ein Film wie 'Schneewittchen'?" oder "Wie kann eine Mutter ihren Sohn so etwas mitspielen lassen, bloß um das dreckige Geld?", fragten einige. "Wenn das Ganze nur erfunden war, wer kriegt dann die Million?", rätselte ein anderer. Rund 40 Menschen bewarben sich gar als Kandidaten für die nächste Runde des "Millionenspiels".

Auch bei Dieter Thomas Heck gingen Hunderte Briefe ein. "Manche schienen den Namen meiner Figur in dem Film für einen Künstlernamen zu halten", erinnert sich der TV-Moderator, "die schrieben 'Lieber Thilo Uhlenhorst, alias Dieter Thomas Heck' und 'Lieber Dieter Thomas Heck oder soll ich Thilo sagen'." Eine Zuschrift habe ihn damals besonders schockiert. Eine Frau schreibt Heck, es ginge ihrer Familie finanziell so schlecht, dass ihr Mann sich gern für die Rolle des Gejagten zur Verfügung stellen würde. "Es war erschütternd, zu lesen, wie eine Frau anbot, ihren Mann in den Tod zu schicken."

40 Jahre nach der Premiere von "Das Millionenspiel" scheint die Debatte darum, was Fernsehen darf, aktueller denn je. Zwar sind Zuschauer längst mehr Gewalt gewohnt, Reality-TV ist schriller und die Werbeblöcke zwischen den Sendungen aufdringlicher als in Tom Toelles Vision von der Unterhaltungsmaschinerie der Zukunft. Doch selten wurde auf der Mattscheibe öfter bekannt, dass jemand bereit sei alles zu geben, als im Castingzirkus von "Germany's Next Topmodel", "DSDS" und Konsorten.

Zum Anschauen:

"Das Millionenspiel". ARD Video, 2009, 3 DVDs.

Den Film erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Artikel bewerten
4.4 (44 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Michael Haller 12.05.2010
Mein Gott, wie oft und wie lange will der SPIEGEL oder der Stern denn das noch wiederkäuen.
2.
Monika Staesche 12.05.2010
Leider wurde völlig vergessen zu erwähnen, von wem die ursprüngliche Geschichte wirklich stammt: Robert Sheckley, "The Prize of Peril", eine Kurzgeschichte aus dem Jahr 1958!
3.
Rupert Kalkofen 12.05.2010
Finden Sie es richtig, ausgerechnet den Schauspieler des Bernhard Lotz, des Gejagten, nicht namentlich zu nennen?
4.
Benjamin Maack 12.05.2010
Sehr geehrte Frau Staesche, sehr geehrter Herr Kalkofen, Sie haben natürlich recht. Sowohl Jörg Pleva als auch die literarische Vorlage werden selbstverständlich in den Texten der Bildergalerie erwähnt. Mit herzlichen Grüßen, Benjamin Maack
5.
Michael Schnickers 12.05.2010
Warum wird nicht erwähnt, dass der Film nach zwei Ausstrahlungen wegen fehlender Rechte im "Giftschrank" verschwand, aus dem er erst 2002 für eine sehr geringe Summe "freigekauft" werden konnte? Da es sich dabei nur um einige tausend Euro handelte, drängt sich mir fast der Verdacht auf, diese hellsichtige Zukunftsvision SOLLTE lange Zeit keiner sehen- haben sich doch etliche der Filmmotive inzwischen verwirklicht...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH