Bewegende Ruhrgebiet-Fotos Ach, du lieber Pott

Bewegende Ruhrgebiet-Fotos: Ach, du lieber Pott Fotos

Schäfer vor Schornstein, Kinder, die unter bleigrauem Himmel spielen, gleichzeitig glitzernde Schaufenster in der Innenstadt von Essen: Nirgends lagen Fluch und Verheißung des Wirtschaftswunders so dicht beieinander wie im Ruhrgebiet. Ein bewegender Bildband erinnert nun an längst vergangene Tage im Revier. Von Jörg Diehl

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Wie er den Jungen traf, das weiß der Mann nicht mehr. Auch nicht, wer er war. Doch diesen Blick, den Ernst, mit dem der Knirps ihn durch die Linse der Rolleicord-Kamera anschaute, den kann er nicht vergessen. Das schmutzige Gesicht, die abgewetzte Lederhose, der Holzroller, auf dem sich Deutschlands Zukunft vor die Gegenwartskulisse aus Stahl, Rost und Rauch schob - es war das perfekte Bild. "Da habe ich abgedrückt", sagt Rudolf Holtappel.

Holtappel ist ein kleiner, agiler Mann mit wachen Augen und heiterem Gemüt. Der 89-Jährige lebt in Oberhausen, in einer Altbauwohnung, die nicht nur ihm und seiner Frau Platz bietet, sondern auch den Bildern, die er vollkommen unironisch "meine Kinder" nennt. Zehntausende Filme muss er in seinem Leben verschossen haben, er knipste für Prospekte, Broschüren und Zeitschriften, am Theater, im Kaufhaus und Atelier, doch die besten Fotos machte Holtappel auf der Straße.

Seine schönsten Bilder nämlich erzählen von der Zeit im Ruhrgebiet, als das wirklich noch der sogenannte Kohlenpott war. Als die Männer sechs Tage die Woche unter Tage oder vor den Hochöfen malochten. Als die Kinder in den Trümmern spielten und die Frauen ihre Wäsche in einem Bottich wuschen. Und als der Smog so dicht war, dass man nur an wenigen Tagen im Jahr den blauen Himmel sehen konnte. Der Schriftsteller Paul Schallück notierte 1954: "Werfen wir einen Blick auf unser Land: Da wimmelt und brodelt es, da wird geschafft, geleistet, da ist in Staub-​​ und Schweißwolken die deutsche Tüchtigkeit am Werk. Hämmern, Rattern, Gebrodel bei Tag und Nacht."

So war das im Revier.

Rudolf Holtappels Momentaufnahmen haben jetzt Eingang gefunden in einen opulenten Bildband, den der Filmemacher Wilfried Kaute zusammengestellt hat und der am kommenden Montag im Emons-Verlag erscheint: "Koks und Cola. Das Ruhrgebiet der 1950er Jahre" heißt das Werk, für das der in Duisburg aufgewachsene Herausgeber mehr als 150.000 Negative im Fotoarchiv des Essener Ruhr Museums gesichtet hat. "Ich habe Tage, Wochen, Monate damit zugebracht", sagt der Wahlkölner. "Ich wollte, dass es menschelt."

Bilder Schwarz-Weiß, Alltag grau

Die mehr als 300 Bilder, größtenteils sind es Schwarz-Weiß-Aufnahmen, zeigen alltägliche Situationen im Revier: Die Karawane der VW-Käfer, die sich nach Schichtende auf die Straße schlängelt, Schulkinder in Kniestrümpfen vor einer Trinkhalle, Männer mit runzeligen Gesichtern beim Skat, schwitzende Kumpel unter Tage, Arbeiter in den Fabrikhallen. Es sind bewegende Fotos darunter, die eine Hommage an den kleinen Mann bedeuten und von seinem Kampf um gesellschaftlichen Aufstieg berichten, seinem Optimismus und Durchhaltewillen in einer eigentlich lebensfeindlichen Umgebung.

Da toben Kinder nur wenige Meter von der rauchenden, stinkenden Eisenhütte entfernt, da bläht sich weiße Wäsche im Wind, während sich im Hintergrund die Kohlenschächte abzeichnen, da spazieren Frauen in hellen Kostümen durch einen Park voller Kühltürme und Schlote. Der Dreck und den Rauch und das Gift, das der moderne Betrachter wahrnimmt, scheinen die Menschen auf der Bildern ausgeblendet zu haben. "Wir kamen aus den Trümmern", sagt Fotograf Holtappel, "deshalb war es für uns das Paradies."

Deutlich wird auf den Aufnahmen auch, wie sich die Deutschen, die ihre Schuld und Schande zu vergessen suchten, an das Leistungsprinzip krallten. Es wird in den Fünfzigern zum religiös aufgeladenen Ersatz für Volk und Vaterland. Wir sind wieder wer - das sagen einige und denken viele. Den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 stilisieren sie zum "Wunder von Bern". Christian Graf von Krockow sagt dem SPIEGEL später: "Arbeit ersetzt die Trauerarbeit."

Unverhohlener Materialismus

Doch mit der Schufterei wird nicht nur Altes verdrängt, sondern auch Neues geschaffen. Das Resultat ist eine "stille soziale Revolution", wie der Historiker Axel Schildt den Übergang zur prosperierenden Konsumgesellschaft genannt hat. Schon bald brausen die Westdeutschen in Kleinwagen oder auf Vespas umher. Sie ziehen in Neubausiedlungen, in denen Kühlschränke, Elektroherde und Waschmaschinen allmählich selbstverständlich werden. So zeigt der neue Bildband auch glitzernde Schaufenster der Essener Innenstadt, mondäne Lichtspielhäuser, Modenschauen in der Villa Hügel und üppige Wursttheken.

Der unverhohlene Materialismus der frühen Wirtschaftswundertage, den nicht jeder begrüßt, macht die Bundesbürger aber scheinbar unempfänglich für die Ideen, denen sie in der Vergangenheit erlegen waren, für die Blut-​​und-​​Boden-​​Romantik, Großmachtsfantasien, den Nationalismus. Die Grundstimmung materieller Zufriedenheit habe "mehr als alles andere dazu beigetragen, dass die unruhigen Deutschen zur Ruhe kamen", urteilt der Historiker Hans-​​Peter Schwarz.

Doch trotz des Fortschritts wirken in den fünfziger Jahre noch viele engstirnige Gesetzmäßigkeiten des preußischen Obrigkeitsstaates. Die abgelichteten Ehefrauen tragen daheim Kittel, sie dürfen ohne Zustimmung ihres Gatten weder arbeiten noch ein Konto eröffnen. Erteilt der Herr des Hauses dann zu Letzterem doch seine Zustimmung, gehören indes die Zinsen ihm. Auch das letzte Wort bei der Kindeserziehung hat von Rechts wegen der Herr Vater. Und wer die Ehe bricht, dem droht ein halbes Jahr Gefängnis.

Der Fotograf Holtappel erinnert sich an die Zeit vor allem als eine Ära der optischen Widersprüche. Einzelne Menschen vor gewaltiger Industrie-Kulisse, Kinder und Hochöfen sozusagen, das habe ihn fasziniert. "Diese Romantik gibt es heute nicht mehr." Die neue Welt sei zwar schöner geworden, meint der Motivjäger, aber eben auch glatter und damit langweiliger. "Mich reizt sie nicht mehr."

Zum Weiterlesen:

Wilfried Kaute, Sigrid Schneider: "Koks und Cola. Das Ruhrgebiet der 1950er Jahre." Emons Verlag, Köln 2012, 320 Seiten.

Das Buch erscheint am 17. September 2012. Sie erhalten es im SPIEGEL-Shop.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Siegfried Wittenburg 13.09.2012
"Diese Romantik gibt es heute nicht mehr." Es ist in jeder Epoche das Gleiche: Vergangenheit wird als Romantik verklärt, Gegenwart wird als Katastrophe und Krise gesehen.
2.
Volker Altmann 14.09.2012
Es ist menschlich, Herr Wittenburg. Jede Generation schwärmt von der guten alten Zeit, auch wenn es da genug gab, was so gar nicht schön war. Niemand will wohl wirklich den Muff der Adenauer-Zeit zurückhaben oder sehnt sich zurück nach den politischen Verhältnissen wie es sie in der DDR gab. Und doch erinnert man sich gerne an gewisse Dinge, die es so heute nicht mehr gibt. Das ist legitim und hat nichts damit zu tun, dass man diese alten Zeiten wirklich 1:1 wieder erleben möchte. Immer wieder hört man als Argument für Schwärmereien über alte Zeiten, dass es damals gemütlicher war, es mehr Zusammenhalt gegeben habe. Gerade Ihnen als ehemaligem Bürger der DDR dürfte dieses Argument wohlbekannt sein. Und so ganz ist es ja auch nicht von der Hand zu weisen. Jede neue Zeit bringt neue Erfindungen mit sich, jeder wirtschaftliche Aufschwung die noch größere Gier nach noch mehr Luxus. Solcherlei Denken wird als Segen für die Menschheit angepriesen, ständig gibt es neue Errungenschaften, die dem Menschen Zeit sparen sollen und ohne die er sich angeblich nicht mehr wirklich wohlfühlen kann. Wäre der Mensch an sich ein intelligentes Wesen, würde er sich mit diesen ?Zeitsparern? Freiräume schaffen. Aber leider hat jede Erfindung zur Zeitersparnis immer wieder nur zu einem Ergebnis geführt: Man stopft die Freiräume voll mit neuen Plänen und noch mehr Terminen. Und wenn man dann mal wieder so richtig die Nase voll hat vom eigenen Unvermögen sich zu entschleunigen, muss eben die gute alte Zeit herhalten für kleine Träumereien.
3.
Siegfried Wittenburg 14.09.2012
Danke, es fiel mir nur so auf. Ja, als wir uns in der Clique mit der Kofferheule am Strommast trafen, um Manfred Sexauer zu empfangen, der die Hitparade mit den Stones zelebrierte, war das ein Stück Jugend. Aber viel, viel später die Stones live zu erleben, war auch ein Ereignis.
4.
Volker Altmann 17.09.2012
Aber beides ist ein Teil der Erinnerung an früher. Ich habe Frank Zappa live gesehen, das werde ich nie vergessen. Und doch bleiben die schönen Erinnerungen an die Momente, als ich mit meiner Clique Zappa auf Feten gehört habe. In der guten alten Zeit... Erinnerungen stören sich nicht an politischen Verhältnissen. Man hat nur eine Jugend - und man behält sich die schönen Momente in Erinnerung. Man muss sich deswegen nicht als unpolitisch denkender Mensch fühlen. Und man heißt damit nicht im Nachhinein Mauerbau und Stacheldraht gut. Man erinnert sich einfach an seine Jugend, verklärt so manches dabei. Das ist normal, überall auf der Welt, in allen Systemen. Weil der Mensch ein Mensch ist...
5.
Peter Franzen 17.09.2012
>Niemand will wohl wirklich den Muff der Adenauer-Zeit zurückhaben Wir sind auf dem besten Weg, genau da wieder anzukommen.
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