Das Zimmermann-Telegramm Einladung zum Krieg

Die Übermittlung war dilettantisch, der Inhalt fahrlässig - das Telegramm selbst schrieb Weltgeschichte: 1917 schickte der deutsche Staatssekretär Zimmermann dem Staat Mexiko ein geheimes Bündnisangebot. Doch es blieb nicht geheim. Den Amerikanern nahm es die letzten Hemmungen zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg.

Von Dieter Hoffmann


Damit die mexikanische Regierung sein Bündnisangebot auf jeden Fall erhalten würde, ließ der deutsche Staatssekretär des Äußeren, Arthur Zimmermann, seine Depesche 1917 über drei Wege verschicken: per Kabel via Schweden und drahtlos über die Funkstation Nauen. Zusätzlich über ein Kabel, das die US-Regierung der deutschen Regierung zur Verfügung gestellt hatte, um Friedensgespräche anzubahnen, ohne die Offenlegung der darüber versandten chiffrierten Botschaften zu verlangen.

Die Briten fingen das Telegramm auf allen Wegen ab, die es am 17. Januar 1917 genommen hatte. Der Dechiffrierungsabteilung im sogenannten "Raum 40" gelang es nach wenigen Wochen, die Botschaft mit Hilfe eines deutschen Schlüsselbuches zu entziffern. Das Buch war der russischen Marine beim Verlust des Kreuzers "Magdeburg" in der Ostsee in die Hände gefallen und dem britischen Verbündeten übergeben worden.

Der Inhalt des Telegramms erwies sich als so brisant, dass er Weltgeschichte schrieb. Zimmermann, dessen Amt im Deutschen Reich dem Amt des heutigen Außenministers entsprach, hatte Mexiko für den Fall, dass die USA wegen des bevorstehenden uneingeschränkten U-Bootkrieges in den Krieg gegen Deutschland eintreten würden, ein Bündnis vorgeschlagen. Er regte eine gemeinsame Kriegsführung an und stellte den Mexikanern finanzielle Unterstützung und im Falle eines Sieges sogar die Rückgewinnung der früher verlorenen Staaten Texas, Arizona und New Mexico in Aussicht.

Absurder Vorstoß - mit Folgen

So dilettantisch wie die Übermittlung, so fahrlässig war die Offerte selbst. Mexiko einen Krieg gegen seinen weit überlegenen Nachbarn vorzuschlagen und dafür die Unterstützung Deutschlands in Aussicht zu stellen, das sich selbst im Existenzkampf befand, war ein geradezu selbstmörderisches Unterfangen. Entgeistert nannte der Reeder Albert Ballin die Aktion des deutschen Chefdiplomaten "begehrenswertes Material für eine Operette!" Ein Schweizer Freund des ehemaligen Reichskanzlers Bernhard von Bülow fasste die Absurdität des Angebots in ein Gleichnis. Während beide am Ufer des Vierwaldstätter Sees spazierten, meinte jener: "Der Gedanke, den amerikanischen Koloss mit Hilfe des mexikanischen Zwerges zu überrennen, kommt mir gerade so vor, als wenn ich Ihnen vorschlagen wollte, die englische Flotte mit den drei kleinen Dampfern zu vernichten, die vor unseren Augen zwischen Luzern und Flüelen hin und her fahren."

Für Großbritannien bot das Fernschreiben eine willkommene Gelegenheit, auf den Eintritt seiner einstigen Kolonie Amerika in den Krieg hinzuarbeiten. Ohne die Briten als Informanten bloßzustellen berichtete die "New York Times" am 1. April 1917 über das deutsche Angebot und veröffentlichte den Text der Depesche. Bei der Regierung wie in der Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten erregte die Bündniseinladung an Mexiko äußerste Empörung. Man begann, der deutschen Staatsleitung so gut wie alles zuzutrauen. Die Tatsache, dass das Angebot zum Bündnis gegen die USA über deren eigenes, im Vertrauen überlassenes Kabel gegangen war, konnte den Ärger nur vergrößern.

Zimmermanns Telegramm in Verbindung mit den ersten Schiffsverlusten durch den uneingeschränkten Seekrieg bestärkte Präsident Woodrow Wilson in seinem Entschluss, gegen Deutschland in den Krieg einzugreifen. Die Empörung in den USA half, den dort in der Öffentlichkeit bestehenden Widerstand gegen die Teilnahme am großen europäischen Konflikt zu überwinden. Vielen Politiken und Bürgern der Vereinigten Staaten nahm es die letzten Hemmungen, gegen ein als aggressiv angesehenes Deutsches Reich in den Kampf zu ziehen.



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