Historische Flirt-Tipps "Schaue nie gelangweilt, selbst wenn du es bist!"

Kaugummi leise kauen, BH tragen, Finger weg vom Schnaps: Wenn Damen bei Männern landen wollten, hatten sie sich in den Dreißigern an strikte Regeln zu halten. Während einer veritablen Dating-Hysterie vor dem Krieg entstand ein seltsamer Foto-Knigge.

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Was um Himmels Willen macht sie nur falsch? Die junge Frau mit den blonden Locken sieht umwerfend aus. Schelmisch strahlt sie ihren Tanzpartner an, lebhaft gestikuliert sie mit ihrem linken Arm. Doch anstatt stolz zu sein auf sein Date, schaut der Anzugträger regelrecht angewidert. Denn, oh Schreck: Sie hält beim Tanzen nicht den Mund!

Noch schlimmer wird es, als die Frau beim gemeinsamen Dinner neckisch an seinem Ohrläppchen zupft. Der Mann wendet sich gequält ab, als habe sie versucht, eine brennende Zigarette auf seinem Hörorgan auszudrücken. Schließlich hat sie sich mit ihren Zärtlichkeitsbekundungen in aller Öffentlichkeit gefälligst zurückzuhalten!

Als sie am Ende des Abends schließlich mit dem Drink in der Hand auf der Eckbank des Restaurants in sich zusammensackt, ist alles zu spät: Mit zusammengepressten Lippen zückt der Mann sein Adressbüchlein und einen Stift, energisch streicht er die Dame aus seinen Kontakten. Der Oberkellner, der gerade an den Tisch der beiden tritt, reißt schockiert beide Arme in die Höhe. Die Dame hat sich ein Gläschen zu viel genehmigt - und damit ihre Chance auf ein weiteres Treffen für immer verwirkt.

Was wirkt wie Slapstick, ist in Wahrheit bitterer Ernst: "Reinfälle. Die Sorte Mädchen, die Männer niemals daten werden", lautet die Zeile des ganz und gar nicht ironisch gemeinten Artikels, der im Februar 1938 in "Click" erschien - einem der US-Fotomagazine, die Ende der Dreißigerjahre auf den Markt drängten, nachdem "Life" 1936 die Medienbranche aufgemischt hatte.

Sprich nicht über Klamotten!

Im Mittelteil der ganz auf Hollywood-Glamour und Mode ausgerichteten Publikation, zwischen einem Feature mit Fred-Astaire-Babybildern und einem Porträt der Schauspielerin Carole Lombard, findet sich ein Frauen-Benimm-Knigge, der es in sich hat. Illustriert ist der anonym verfasste Text mit Fotos, die demonstrieren, wie frau sich garantiert nicht zu verhalten hat.

"Die Gründe dafür, dass das Telefon des einen Mädchens ständig klingelt und es immerzu ausgeht, während andere Mädchen daheim hocken, sind so offensichtlich, dass die meisten Frauen sie übersehen", startet der Artikel - und klärt schonungslos auf: Trage einen BH, wenn Du einen brauchst! Lass Deine Verabredung niemals warten! Benutze nicht seinen Rückspiegel, wenn Du Dich schminken möchtest. Er benötigt ihn zum Autofahren!

Detailliert werden sämtliche Dos und Don'ts aufgelistet, die beim Rendezvous zu beachten sind: Die Strümpfe haben stramm zu sitzen. Das Thema Kleidung ist tunlichst zu vermeiden - stattdessen, bitte schön, über die Dinge sprechen, über die er gern reden möchte. Weder mit dem Oberkellner noch mit den Jungs vom Nachbartisch schäkern. Nicht sein Taschentuch mit Lippenstift besudeln. In der Öffentlichkeit weder Gefühle zeigen noch Zärtlichkeiten austauschen.

Charme sei das "wertvollste Kapital eines Mädchens", konstatiert der Artikelschreiber. Gewonnen habe, wer ihn richtig einsetze, sich ordentlich verhalte und noch dazu hübsch anzuschauen sei. Fazit: "Das Mädchen, das so wirkt, wie seine Begleitung es sich wünscht, erfüllt den Mann mit Stolz und wird nie alleine bleiben!"

Licht löschen gegen die Schmach

Und was hatte der Mann zu tun? Wie sahen die Fallen aus, in die er nicht tappen durfte? Darüber schweigt sich das Foto-Feature vornehm aus. Denn: Der Mann investierte schließlich etliche Dollars in den Abend! Geld, ein ordentliches Outfit und ein Auto: So sah damals im Wesentlichen der männliche Beitrag zum gelungenen Rendezvous aus, wie die US-Historikerin Beth Bailey betont. Die Autorin des amüsanten Buchs "From Front Porch to Back Seat: A History of the Date" hat die Geschichte des Anbandelns in den USA erforscht - und für die Zwanziger- und Dreißigerjahre eine wahre Dating-Hysterie festgestellt.

"Single-Frauen mussten möglichst viele Verabredungen mit möglichst vielen verschiedenen Männern haben: Je mehr Dates sie hatten, mit je mehr Männern sie pro Abend tanzten, desto gefragter waren sie. Popularität war die Währung, nach der ihr Wert sich bemaß", erklärt Bailey im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

College-Ratgeber aus jener Zeit empfahlen Studienanfängerinnen, sich regelmäßig von zu Hause Blumen schicken zu lassen, um den Anschein hoher Beliebtheit zu erwecken. Und Mädchen, die am Samstagabend kein Date ergattern konnten, sei geraten worden, das Licht zu löschen und still im Dunkeln zu verharren - damit möglichst niemand die Schmach entdecke.

Der Zwang zum Rendezvous zumindest unter Studenten sei zeitweise so extrem gewesen, dass an manchen Universitäten ein veritabler Nichtangriffspakt geschlossen wurde: Die Studenten vereinbarten Baileys Recherchen zufolge fixe Abende, an denen sich niemand verabreden durfte. Nur so war ungestörtes Lernen garantiert - in einem System, das der US-Soziologe Richard Waller im Jahr 1937 als "Rating- und Dating-Komplex" beschrieben hat: Je mehr Stelldicheins, desto höher der persönliche Wert. Und je höher das Rating, desto größer die Chance, auch wirklich den Mann fürs Leben abzukriegen. Um dem Dating-Wahn standzuhalten, um sich zu behaupten in jenem atemlosen amerikanischen Mittelklasseritual, wurden die jungen Frauen mit einer wahren Flut von Artikeln und Etiketteratgebern, aber auch College-Kursen zum Thema Rendezvous und Heirat bombardiert.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als die Männer in den Krieg zogen, anstatt ihren Verabredungskalender abzuarbeiten, endete auch die Ära des "Dating und Rating". "Auf einmal, sagt Historikerin Bailey, "begann die amerikanische Jugend, beständiger zu werden, fest miteinander zu gehen."

Das war vielleicht langweiliger - dafür durfte aber beim Tanzen wieder geredet werden.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Oliver Weigel, 25.11.2015
1.
Ach, war das Leben damals einfach. Klare Regeln, einfach zu befolgen, und schon klappt's mit dem Partner für's Leben ;)
Laurent Delon, 25.11.2015
2. Stil & Etikette
Natürlich war das alles völlig irre und Persönlichkeitsverachtend, aber wenn ich mir die ganzen Freaks heutzutage ansehe, die meinen sie würden sich selbst verwirklichen, würde ich mir schon die eine oder andere Stiletikette vergangener Zeiten wünschen!
Achim Schüßler, 25.11.2015
3. alles psycho
sehr aufschlussreicher Artikel, Fotos wie Kommentar. Erklärt, warum die Amerikaner kaum noch natürlich handeln, sich verhalten oder lachen - obwohl sie das doch immer vorgeben und anstreben. 'Must you put on an act?' ist hier der typische Hinweis. Gekünstelt natürlich wirken, das erzeugt nur Psycho-Murks. Besser sind da schon die Übungen für Tischsitten und grazilen Gang. Mit Büchern auf dem Kopf Haltung lernen, das wünschte man sich heute auch manchmal ;-). Zu dem perfiden Training von Geschlechterrollen sage ich als Mann lieber gar nichts...
Bernd Schmelter, 25.11.2015
4. Stimmt doch fast alles....
....auch heute noch, wenn Frau als Frau auftreten will. Überzogen wäre heute sicher, keine Zärtlichkeiten / Küssen in der Öffentlichkeit. Auch Füße am Boden halten ist nicht zeitgemäß. Ein übergeschlagenes wippendes Bein kann auch anziehend wirken. Genauso gibts sicher Regeln für Männer aus dieser Zeit, die weitgehend noch zutreffen.
D Brueckner, 25.11.2015
5. Nicht unähnlich dem...
....in Deutschland propagierten Idealbild, im Land der unbegrenzten Freiheit. Das mit der Körperhaltung ist allerdings gar nicht so schlecht.
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