Bowies "Space Oddity" Das 1. Buch David

"Ground control to Major Tom": 1969 erschien Gott am Pophimmel. Während die Menschen den Mond eroberten, schwebte er auf die Erde herab und verkündete aus den Radios sein Evangelium. Für David Bowie war sein erster Hit ein kleiner Schritt - für die Popwelt war es eine Offenbarung.

Von


Am Anfang war die Erde wüst und leer. Dann kam er. Zwängte sich in ein Strickhemd, hängte eine Akustikgitarre um seine schmalen Schultern und eroberte mit einem einzigen, ebenso einfachen wie wehmütigen Lied die Herzen der Menschen.

Wenn das nicht göttlich ist, dann gibt es keinen Gott.

Nur wenige Popsongs sind für die Ewigkeit geschaffen, dieser ist es: die Melodie mäandernd zwischen Ohrwurm und Oratorium, der Text zugleich trivial und hochgeistig, die Stimme so rein, verletzlich und bar jeder Professionalität, dass sie auch Jahrzehnte später noch zu Tränen rühren kann.

"Space Oddity" war eine Offenbarung, eine Wegmarke der Popmusik. Zwar hatte David Bowie alias David Robert Jones den Song bereits zwei Jahre zuvor geschaffen (und diese erste Singleversion ist noch viel bezaubernder als die spätere Fassung auf dem gleichnamigen Album). Doch erst anlässlich der Mondlandung im Juli 1969 schallte der Song weltweit aus den Radios. Treffender hätte der Zeitpunkt, die Koinzidenz von Kunstwelt und Echtwelt nicht sein können.

"Wir konnten die Wahrheit selbst erfinden."

Inspiriert von Stanley Kubricks Astronauten-Epos "2001: Odyssee im Weltraum", goss Bowie das widersprüchliche Lebensgefühl Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre in dieses eine Lied - einerseits der grenzenlose Fortschrittsglaube, der dem Menschen die Eroberung noch so ferner Welten zutraute, andererseits die Skepsis und Melancholie, die sich dabei zwangsläufig einstellen: Je weiter sich der Mensch von der Erde entfernt, desto fremder wird er sich selbst. "Here I'm floating round my tin can / Far above the moon / Planet earth is blue / And there is nothing I can do", hauchte Bowie und ließ seinen Helden Major Tom in die unendlichen Weiten des Alls entgleiten.

"Es herrschte das allgemeine Gefühl, dass es keine Wahrheit mehr gebe und dass die Zukunft nicht so klar umrissen sei, wie man gedacht hatte." So hat Bowie diese Zeit rückblickend in einem Beitrag für die "Berliner Morgenpost" beschrieben. "Die Vergangenheit (war es) auch nicht, daher war alles legitim: Wenn wir nach Wahrheit suchten, konnten wir sie auch selbst erfinden."

"Space Oddity" war der Anfang dieser Suche nach einer neuen Wahrheit - und zugleich der Auftakt zu einer beispiellosen Karriere, die Bowie zum jahrzehntelang erfolgreichen, millionenschweren Chamäleon des Pop machte. Es grenzt an ein Wunder, dass eine einzelne Person diesen Parforceritt durch die unterschiedlichsten Persönlichkeiten einigermaßen unbeschadet überstehen konnte, ohne in der Klapse oder der Kiste zu enden.

Andere Größen des Pop waren schon wie Mücken im Licht verglüht, all die Bolans, Joplins, Morrisons und Hendrixens, dahingerafft von Whiskey, Heroin, Erschöpfung. Doch ER schwebte einfach immer weiter über dem Schlachtfeld des Pop und Rock, erschien seinen Jüngern mal als Harlekin, mal als Diamanthund, maskierte sich mit feuerroten Haaren oder schillernden Strampelanzügen, beliebte sich in Frauenkleidern zu rekeln und schaffte es sogar, das Publikum so weit zu verwirren, dass es nicht mehr recht wusste: War ER nun Mann oder Frau - oder beides? Dabei war es ganz einfach: Er war Gott. Ob der Gott oder nur ein Gott, spielt keine Rolle.

Ein kleines bisschen sein wie ER

Und wie es sich für einen Gott gehört, liefen ihm die Gläubigen in Scharen zu. Sie lauschten nicht nur seiner Musik, sie versuchten auch, sich wie ER zu kleiden, zu schminken, zu leben. Das konnte gut gehen, wie bei den Erben des Glam Rock von Queen bis Marilyn Manson oder der von Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust inspirierten Rolle des Frank 'n' Furter in der "Rocky Horror Picture Show".

Es konnte aber auch mächtig in die Hose gehen. "Was mich bis zum heutigen Tag immer wieder mit immenser und boshafter Befriedigung erfüllt, ist die Erinnerung daran, wie viele Maurerburschen von Besserwissern wie mir dazu ermutigt wurden, in Feinstrumpfhosen durch die Fußgängerzone zu flanieren - in der festen Überzeugung, dass die Weiber total auf ein paar Tupfer Wangenrouge fliegen", schreibt Bowie in seinem Vorwort zu Mick Rocks großartigem Bildband "Blood & Glitter". Dabei wollten seine Jünger doch nur ein kleines bisschen sein wie ER. Tausende kauften jahrelang jede seiner neuen Platten, himmelten ihn auf Tourneen an, pinnten seine wechselnden Poster-Ikonen zuerst in ihre Jugend- und als sie dann älter wurden in ihre Wohnzimmer.

"Space Oddity" war der Anfang dieser Offenbarungsgeschichte, das 1. Buch David. Ein einfaches Lied für Gott, aber ein großer Schritt für die Popwelt.


Dieser Text erschien zum ersten Mal im Juli 2009 anlässlich des 40. Jahrestags von Bowies Single "Space Oddity"



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jürgen Schulze, 07.07.2009
1.
Hallo, ein schöner Artikel. Ein Grund mehr, youtube mal wieder einen Besuch abzustatten. Allerdings starb Marc Bolan nicht durch Drogen, sondern an einem unbeschrankten Bahnübergang bei einem Verkehrunfall.
Marcus Pauli, 07.07.2009
2.
Heidiho! Schön stimmt. Die Single kam am 11.7.1969 heraus, das Album selbst erst im November des Jahres. Zu früh gratuliert!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.