einestages-Adventskalender Als David Bowie für Mama schmachtete

Für einen Weihnachtssong trat David Bowie 1977 mit dem Schmalzsänger Bing Crosby vor die Kameras. Dabei hasste der Brite das Lied, das sie gemeinsam anstimmten, wie die Pest.

Ungleiches Paar: David Bowies und Bing Crosbys gemeinsames Weihnachtsständchen im US-Fernsehen.

Ungleiches Paar: David Bowies und Bing Crosbys gemeinsames Weihnachtsständchen im US-Fernsehen.

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Eigentlich hatten die beiden Popstars David Bowie und Bing Crosby nichts, aber auch wirklich gar nichts gemein. Trotzdem stimmten beide im September 1977 gemeinsam in einer Aufzeichnung für das US-Fernsehen das Weihnachtslied "Little Drummer Boy" an - woraufhin sich so mancher Zuschauer gefragt haben mag: Wie zum Henker ist das denn passiert?

Bowie sagte später einmal, er habe nur bei Crosbys neuer Weihnachtsshow mitgemacht, weil seine Mutter den Schmalz-Bariton so mochte. Zudem wollte Bowie an diesem Punkt seiner Karriere sowieso etwas ruhiger werden. Trotzdem: Der Fernsehauftritt des kreuzbraven Amerikaners mit dem skandalumwitterten Briten am Flügel vor dem festlich geschmückten Tannenbaum wirkte einfach surreal.

Kurz zuvor hatte Bowie noch Songs mit Punk-Ikone Iggy Pop aufgenommen, nun kam er durch die Kulisse eines kunstschneebedeckten Chalets zur Tür herein und moderierte: "Hi, ich bin David Bowie. Ich lebe auch hier in der Straße." Dem Gastgeber Bing Crosby erzählt Bowie, "Little Drummer Boy" sei das Lieblingslied seines Sohnes. Was Quatsch war - denn kurz zuvor hatte sich Bowie noch strikt geweigert, das spießige Weihnachtslied zu singen.

Also hatte man eine Mogellösung gefunden: Nur kurz stimmte Crosby "Little Drummer Boy" gemeinsam mit Bowie an. Dann sang der Brite statt des ihm verhassten Weihnachtsklassikers parallel "Peace on Earth" an, das als Gegenstimme für ihn geschrieben worden war. Ein reichlich schräges Duett.

Immerhin: Crosbys Teenager-Kinder sollen beeindruckt gewesen sein von dem Sendungsgast und seiner Frau, die damals am Set mit knallrotem Haar, Lippenstift und in Pelzmänteln eintrafen. Als erstes habe der Produzent Bowie aufgefordert, sich abzuschminken.

Fünf Wochen nach der Begegnung im Studio starb Bing Crosby am 14. Oktober auf einem Golfplatz. Die Sendung jedoch sollte erst sehr viel später ausgestrahlt werden - zu Weihnachten.


20 Mal werden wir noch wach... Der einestages-Adventskalender mit klassischen, schrägen, schlimmen Weihnachtssongs. Kommt jetzt täglich.

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Skandal im Sperrbezirk: Fanta 4 auf dem Index
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Der Außenseiter-Song:
Mit schwächlichem Rentier zum Millionär
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Die Harmonie-Killer: Punx not dead
4
Ein schräges Duett: Fake oder echt?
5
Der Rentier-Unfall: Wohin mit O(sa)ma?
6
Der Düstermann: Rohe Weihnachten
7
Blaue Weihnachten, zum Mitschluchzen
8
Die Rapper: "Nö. Das machen wir nicht."
9
Der Aufreger: Mama knutscht mit dem Weihnachtsmann
10
Weltkulturerbe: Für sie soll’s rote Rosen regnen
11
Die Stimme aus dem Jenseits: Peace!
12
Musik mit Maske – schön aggro
13
Benefiz-Bob: Ritterschlag für ein Lied
14
Der ewige Zweite: Hit mit Zuckerguss
15
Unholy Shit: Der Graf macht Klingelmännchen
16
Queer Christmas: Blondine mit Bling-Bling
17
Positives Denken: Diese Zeile sing’ ich nich
18
Spacig: Weihnachtsklänge aus dem All
19
Ein Friedenssignal, total gaga
20
Weihnachten im Weltraum: Ein schepperndes Fest
21
Pinkelpause: Beinahe vertextet
22
Das Spottlied: Liebe deine Feinde
23
Das Inferno: Her mit dem Feuerlöscher
24
Schrille Gala: Engel mit Atombusen



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Jens Jacob, 04.12.2015
1. Bowie ist so heiß
mit dem würde ich auch gern singen....
Nele Hamann, 04.12.2015
2. Schräges Duett?
So schräge (zumindest musikalisch), wie es hier dargestellt wird, war das Duett gar nicht. Crosby war für Bowie danach des Lobes voll:"clean-cut kid and a real fine asset to the show. He sings well, has a great voice and reads lines well." Eine Aufnahme des Auftritts ist Anfang der 1980er offiziell als Single erschienen. Diese Platte habe ich mir damals gekauft und besitze sie heute noch. Ob sie sich in den deutschen Charts platziert hat, weiß ich nicht. Im Vereinigten Königreich hat sie es immerhin auf Platz 3 geschafft.
Klausi Fuchs, 05.12.2015
3. Schräg?
Lange nicht so schräg wie Helene Fischer und Konsorten heute... Die beiden können bzw. konnten auch richtig gut singen.
Roland Riese, 26.12.2015
4. Geschmackssache
Bing Crosby als Schmalz-Bariton zu bezeichnen um damit einen Gegensatz zu David Bowies Stil herzustellen ist ein fragwürdiges, für den Spiegel-Stil aber nicht untypisches Stilmittel. Crosby hat eine ziemlich breite Auswahl an Titeln gesungen und darf insbesondere in seiner Frühzeit als stilbildender Jazzsänger gelten. Crosbys Microtiming, seine mühelose Beherrschung von Ornamenten, beispielsweise Pralltrillern bei absteigenden Phrasenschlüssen, seine Vielfalt an Klangfarben und seine Selbstironie sind bis in die Gegenwart beispielgebend für Sänger, denen musikalische Gestaltung wichtiger als Lautstärke ist. Die nonchalante Abwertung eines der erfolgreichsten Entertainers des 20. Jahrhunderts erscheint unreflektiert. Und wem will der Autor des Adventskalenders seinen Geschmack aufoktroyieren, wenn er den "Drummer Boy" als spießig bezeichnet? Oder gilt die Spießigkeit in gleicher Weise für "Last Christmas", "War is over", und "Es ist ein Ros entsprungen"?
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