Holocaust-Überlebender David Guttmann Der lange Weg in die Freiheit

David Guttmann überlebte das Budapester Getto und träumte von einem Leben in Palästina. Zwei Jahre später hatte er sein Ziel fast erreicht - dann schickten ihn die Briten zurück nach Deutschland.


Zur Person
  • privat
    Der Autor David Guttmann wurde 1932 in Ungarn geboren und überlebte das Budapester Getto. Später arbeitete er als Professor für Soziale Arbeit in den USA und leitete als Dekan den Fachbereich für Sozialarbeit an der Universität von Haifa. Dorthin fährt der 85-Jährige heute immer noch fast täglich in sein Büro.

Wir wussten in diesen Tagen Ende November, dass es bald passieren würde. Die Freude können Sie sich nicht vorstellen. Sie haben getanzt, geschrien, gesungen. Jeder hat den anderen umarmt. Es war ein großartiger Tag für uns alle. Die Briten konnten unsere Freude sehen. Das, was für uns zählte, war, dass es einen jüdischen Staat geben wird.

Man hatte uns von der Resolution der Vereinten Nationen in New York berichtet, die darüber abstimmen sollten. Wir warteten am 29. November 1947 im Lager in Pöppendorf auf die Entscheidung. Es herrschte eine große Spannung, wie sie ausfallen wird. Denn es hätte sein können, dass die Resolution abgelehnt wird von einer der großen Mächte wie der Sowjetunion. Wir konnten nur beten, dass sie sich nicht gegen uns wenden würde. Glücklicherweise hatten wir gute Beziehungen mit der Kommunistischen Partei. Die Sowjets stimmten für den Aufbau des Staats Israel.

Ich kam am 1. Mai 1932 im Südosten Ungarns zur Welt, in der kleinen Stadt Devavanya. Mein Vater war Bäcker und Konditor. Während der Großen Depression verlor er sein Geschäft. Deswegen mussten wir nach Budapest ziehen. Das half uns, später zu überleben, weil die Leute außerhalb von Budapest alle nach Auschwitz gebracht und getötet wurden.

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Holocaust-Überlebender David Guttmann: Der lange Weg nach Israel

Bis März 1944 war es eine sonderbare Situation, weil die ungarischen Juden bis dahin in sogenannter relativer Sicherheit lebten. Es gab Männer, darunter mein Vater, die zur Arbeit gezwungen wurden. Sie wurden an die russische Front geschickt, um Landminen aufzusammeln. Aber die jüdische Bevölkerung war mehr oder weniger intakt, abgesehen von den Jungen, die der ungarischen Armee beitreten mussten.

Als die Deutschen dann ganz Ungarn widerstandslos einnahmen, war es vorbei. Von den 300.000 Juden im Getto von Budapest überlebten nur 70.000. Ich war einer von ihnen. Manche meinen, es seien mehr gewesen. Das ist eine Frage für die Historiker.

Der ungarische Gouverneur, oder wie man ihn nannte, befürchtete zu der Zeit, dass die Amerikaner und Briten ihn zur Rechenschaft ziehen und wegen Kriegsverbrechen hängen würden. Im letzten Moment hinderten sie die Deutschen daran, das Budapester Getto in die Luft zu jagen. Aus diesem Grund haben im Getto einige überlebt.

Dieses Stück Brot

Wären die Russen am 18. Januar 1945 nicht gekommen, hätten wir es nicht geschafft, wegen der Kälte, des Hungers, den Bombardierungen und der täglichen Gewalt durch die ungarischen Faschisten. Die waren noch schlimmer als die Deutschen. Sie haben Leute aus den sogenannten geschützten Häusern - durch den Vatikan, die Spanier oder das Rote Kreuz - geholt und an der Donau erschossen. Mein Schwager entkam ihnen nur, weil er ins eiskalte Wasser springen konnte und geschwommen ist, bis ihn gnädige Menschen an Land gezogen haben. Sonst wäre auch er nicht mehr am Leben.

Meine beiden Schwestern und meine Mutter haben überlebt. Ich bin später zwei Mal nach Auschwitz und zum Roten Kreuz, aber wir fanden nie heraus, was mit meinem Vater geschah.

Der Winter 1944/45 war extrem kalt, ständig minus 20 Grad. Ein Soldat der Roten Armee, der auf der Suche nach Deutschen und ungarischen Faschisten war, gab mir ein Stück Brot. Glauben Sie es oder nicht, aber dieses Stück Brot rettete meiner Familie das Leben. Zu dieser Zeit hatten wir über eine Woche nichts zu essen. Ich erinnere mich an den Mann mit großer Dankbarkeit.

Ich verstand, was los war. Ich war zwölf, immer ein aufgewecktes Kind und ein sehr guter Schüler gewesen. Ich interessierte mich für Geschichte und Geografie, sodass mir klar war, was da vor sich ging.

Es war pures Glück

Es gab viele Leute, die nicht glauben konnten, dass die sogenannten kultivierten Deutschen das taten. Sie ignorierten alle Warnungen. Zwei junge Slowaken, die aus Auschwitz flohen, schrieben ein Tagebuch. Sie versuchten, die Anführer der jüdischen Gemeinde und den Vatikan zu überzeugen, dass die Tötungen und Gaskammern keine Geschichten sind, sondern Realität.

Es war pures Glück. Nach der Befreiung litten wir weiter Hunger. Meine 16-jährige Schwester und ich suchten in der Stadt nach Möbelstücken für unser sogenanntes Apartment, um wenigstens etwas Wärme zu bekommen. Wir lebten mit drei Familien in einem Raum. Jede hatte eine Ecke.

Im Mai 1945 kamen Leute vom Roten Kreuz und der zionistischen Bewegung und sagten meiner Mutter, sie wollten uns ein angenehmeres Leben ermöglichen. Schlussendlich stimmte sie zu und ließ uns gehen - der Beginn unserer Reise nach Palästina.

Sie begannen, uns die zionistische Idee zu lehren, damit wir als Pioniere nach Palästina gehen konnten. Im Dezember ging es weiter nach Wien. Das war der einzige Weg nach draußen, weil die Sowjets niemanden ausreisen ließen. Später kam die Haganah, eine militärische Verteidigungsarmee, und brachte uns nach Salzburg. Von dort ging es nach Augsburg, nach München und dann nach Leipheim. Ich übersprang dort die siebte Klasse und ging in die achte.

Wir bestiegen die "Exodus"

Die Zeit bis Juli 1947 verbrachten wir in einem Hotel in Bayerisch Gmain, das einst für Touristen war. Es war eine gute Zeit, eine nette Unterkunft. Unsere Sprache zu dieser Zeit war immer noch Ungarisch, aber wir lernten Hebräisch. Ende Juni 1947 kamen Militärtrucks nach Bayerisch Gmain. Sie brachten uns den ganzen Weg runter nach Sète in Frankreich, wo wir die "Exodus" bestiegen.

Im Hafen zog sich der Weg aufs Schiff. Hunderte und Aberhunderte Leute mit all ihrem Hab und Gut. Wir dachten: Wie sollen so viele Leute auf das Schiff passen? Die Umstände an Bord waren schlecht. Aber die Menschen waren bereit, alles zu akzeptieren, um endlich nach Palästina zu gelangen. Sie wollten Europa für immer verlassen.

Das Schiff war für Touristen ausgelegt, höchstens 800 Leute. Wir brauchten zehn Tage über das Mittelmeer. Der Plan war, mit Vollspeed auf den Strand zu fahren, bevor die Briten uns festnehmen konnten. Palästina war britisches Mandatsgebiet. Dazu kam es aber nicht, weil wir mitten in internationalen Gewässern von sechs britischen Zerstörern angegriffen wurden.

Es gab ein großes Blutvergießen. Sie töteten ein Crewmitglied, einen amerikanischen Seemann, und einen Jugendlichen. Ich selbst war 15. In Haifa schlug man uns brutal zusammen und brachte uns auf ein britisches Gefangenenschiff. Es sollte uns nach Europa zurückbringen. Wir waren zwei Monate oder länger an Bord - dann erreichten wir Hamburg. Dort wartete die britische Militärpolizei auf uns. Es war bereits Ende September, wir wollten das Schiff nicht verlassen. Wir beleidigten die Briten, indem wir ihre Hymne sangen - "God save the King". Wir beleidigten sie durch passiven Widerstand, was im Rückblick sehr dumm war, weil wir die Seeleute noch mehr verärgerten.

Tatsächlich, ein ehemaliges KZ

Die Briten waren derb zu uns. Von Hamburg haben wir nichts gesehen. Wir wurden wirklich schlecht behandelt von den Briten. Es ging direkt zum Zug und ins Lager nach Pöppendorf, das kaum anders war als ein KZ. Tatsächlich war es ein ehemaliges KZ der Deutschen. Der einzige Unterschied war, dass sie nicht vorhatten, uns alle umzubringen.

Ich war in Deutschland von Ende September, als wir in Hamburg das Schiff verließen, bis April 1948. Im Herbst 1947 stellten die Briten Einreisescheine für Palästina aus, jeden Monat 1500. Sie entschieden, sie zwischen den Gefangenen auf Zypern und denen in Deutschland aufzuteilen. Wir waren erst im März an der Reihe, denn es gab Prioritäten.

Als Erstes wurden die jungen Leute bedacht, weil klar war, dass es einen Krieg mit den Arabern geben wird. Also bekamen die 17- und 18-Jährigen und etwas Älteren die Papiere, damit sie der Haganah beitreten konnten.

Die arabischen Länder wollten keinen Staat Israel. Staatsgründer Ben Gurion und Chaim Weizmann, Israels erster Präsident, wussten, dass das ein großes Problem war. Die arabischen Staaten erklärten ganz offen, dass sie einen jüdischen Staat, so er denn käme, zerstören würden. Einen Tag nachdem der unabhängige Staat Israel ausgerufen worden war, griffen sieben arabische Armeen aus allen Richtungen an.

Der 29. November war ein Highlight unseres Lebens, als wir hörten, dass es einen unabhängigen jüdischen Staat geben wird, in dem die Menschen frei leben können und nicht unter dem Einfluss der Deutschen oder Briten stehen.

Die USA zu überzeugen, war nicht leicht. Präsident Truman wollte den Staat erst nicht. Es gibt eine Geschichte dazu. Ich weiß nicht, ob sie stimmt, aber es ist gut möglich. In jungen Jahren hatte Truman einen kleinen Laden dort, wo er herkam. Er hatte einen guten Freund, Jacob Friedmann. Als dieser Mann hörte, die Amerikaner würden gegen die Resolution stimmen, flehten die Leute, darunter jüdische Agenten, ihn an, seinen Einfluss auf Truman zu nutzen. Sie waren sehr, sehr gute Freunde. Jacob fuhr nach Washington und bat Truman, für die Resolution zu stimmen.

Als wir hörten, dass die USA ihre Zustimmung geben, verfielen wir in Jubel. Ein Veto der USA wäre das Ende des Traums gewesen. Vetomächte waren die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich.

Weiter nach Bergen-Belsen

Dass wir auf unsere Reise warten mussten, akzeptierten wir. Nach zweieinhalb Jahren unterwegs machten drei oder vier Monate mehr keinen großen Unterschied mehr. Mit diesem Wissen war es leichter, die Zustände in dem britischen Camp in Emden zu akzeptieren, in das wir zwischenzeitlich transferiert worden waren. Auch wenn sie uns nicht genug Essen und Kleidung gaben: Wir warteten einfach auf den Moment, endlich nach Israel zu kommen.

Von Emden ging es aber noch mal weiter nach Bergen-Belsen. Das war in meinen Augen eine Schande von den Briten. Können Sie sich vorstellen, Juden - selbst wenn sie sogenannte illegale Immigranten waren - zurückzuschicken nach Bergen-Belsen, in ein ehemaliges KZ?

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David Guttmann (Autor), Erhard Roy Wiehn (Hrsg.):
Schwierige Heimkehr: Leben und Leiden in Ungarn, dann auf der Exodus und zurück über Bergen-Belsen nach Tel Aviv

Jüdische Schicksale 1944-1948

Hartung-Gorre Verlag; 140 Seiten

Aber das lag daran, dass die Briten, die sich bei der Abstimmung enthielten, so sehr gegen den jüdischen Staat Israel waren. Sie waren verärgert darüber, was wir mit der "Exodus" gemacht hatten, und versuchten, sich dafür zu rächen.

Von Bergen-Belsen kamen wir endlich über Genua nach Israel. diesmal als freie Menschen, in dem Sinne, dass wir Papiere hatten. Als wir Tel Aviv erreichten, stand das Land ja noch unter britischem Mandat. Einen Monat später wurde der Staat Israel ausgerufen.

Wir erreichten das Land mit einem Touristenschiff, das auf dem Weg über das Mittelmeer verschiedene Häfen ansteuerte. In Alexandria, Ägypten, wollte der Mob, dass alle Juden vom Schiff herunterkommen. Sie wollten uns einsperren. Das hatten sie bei der Planung der Tour wohl nicht bedacht.

Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, hätte es den italienischen Kapitän nicht gegeben. Er verhinderte, dass jemand an Bord kam, indem er sagte, dies sei italienischer Boden, den niemand betreten dürfe. Drei Tage lang wurde verhandelt, bis uns erlaubt wurde, weiter nach Tel Aviv zu fahren. Für die Italiener waren wir Touristen. Und die waren geschützt.

Aufgezeichnet von Jannik Deters

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Rolf Radicke, 30.11.2017
1. Leidensweg
Und bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, deren Stimme uns an den Leidensweg dieser Menschen erinnert. Dass die Briten sowohl mit Juden als auch mit Arabern ein uebles Spiel trieben, wenn es um Palaestina ging, war mir bekannt, auch die Geschichte um die "Exodus". Was mir allerdings nicht bekannt war, war, dass die Briten keine Hemmungen hatten, Juden in einem ehemaligen KZ unterzubringen. Sehr beschaemend! Die sachliche Art der Schilderung beeindruckte mich, auch wenn im Artikel zwei Korrekturen angebracht waeren. Es handelte sich offensichtlich um das Budapester Getto (nicht Warschau). Schon damals gab es 5 Staaten mit Vetorecht in der UN, hier wurde China (Nationalchina) ausgelassen.
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