Dazzle-Schiffstarnung Krieg im Karnevalskostüm

Dazzle-Schiffstarnung: Krieg im Karnevalskostüm Fotos
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Verwirren statt verstecken: Im Ersten Weltkrieg bemalte die britische Marine Tausende Schiffe zum Schutz vor U-Booten mit wilden geometrischen Mustern. Kaum zu glauben - die quietschbunte Tarnung funktionierte. Wenn auch nicht ganz wie gedacht. Von Danny Kringiel

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Der Kapitän des britischen Schiffes "Ardrossan" traute seinen Augen nicht, als er im September 1917 vor der britischen Küste kreuzte: Er sah mehrere unbekannte Schiffe mit "grotesk verzerrten Proportionen", deren Bug nicht zu erkennen war und die beim Näherkommen direkt unter der Brücke aufzuhören schienen. In den kommenden Wochen mehrten sich die Berichte anderer Kapitäne über unerklärliche Begegnungen mit Phantomschiffen.

So geriet etwa am 25. September der Kapitän der HMS "Sayonara" in Panik, als ein ähnliches Fahrzeug vor Schottland mit ihnen zu kollidieren drohte: "Ich war kurz davor, volle Kraft zurückhalten zu lassen, um es nicht zu rammen." Tatsächlich aber hatte das andere Schiff längst abgedreht. Nur war es aus irgendeinem Grund "vollkommen unmöglich" zu erkennen, in welche Richtung es fuhr. Zwei Tage später sichtete der Kapitän des Zerstörers HMS "Martin" etwas, das er für einen Schlepper hielt, der eine Schute hinter sich herzog. Erst, als es auf eine halbe Meile herangekommen war, sah er, dass es ein einzelnes Schiff war - mit wirren bunten Mustern bemalt: "Dunkle Streifen hinten am Schiff ließen sein Heck wie einen Bug aussehen, und ein grüner Fleck in der Mitte sah aus wie Wasser. Es war die beste Tarnbemalung, die ich je gesehen habe."

Die Royal Navy zeigte sich keinesfalls beunruhigt von diesen Berichten. Denn die eigenartigen Seephantome waren keine Feindschiffe, sie gehörten zu dem vielleicht seltsamsten Experiment, das die britische Marine im Ersten Weltkrieg unternahm: Die Bemalung von Schiffen mit wilden geometrischen Mustern, gezackten Wellenlinien und Zebrastreifen in knallbunten Farben - sogenannte "Dazzle"-Tarnmustern (to dazzle: blenden). Die Verwirrung der Seeleute, die ihnen begegneten, zeigte: Das Experiment schien geglückt.

Gefahr aus den Tiefen des Meeres

Die Idee zu dem Versuch stammte von Norman Wilkinson. Der war weder ranghoher Militär noch Schiffsbauingenieur oder Tarnfarbenexperte - sondern Künstler. Wilkinson hatte im englischen Southsea und in Paris Malerei studiert, und obwohl damals abstrakte, avantgardistische Bewegungen wie Futurismus und Kubismus in Mode waren, konnte er ihnen nichts abgewinnen. Er malte lieber gegenständlich, vor allem Schiffe - und war erfolgreich damit: Als etwa die RMS "Titanic" am 14. April 1912 im Nordatlantik versank, hing im Rauchersalon ihrer ersten Klasse ein Wilkinson-Gemälde des Hafens von Plymouth.

Als Großbritannien am 4. August 1914 in den Ersten Weltkrieg eintrat, wurde Wilkinson von der Marine eingezogen. Seine Einsätze bei Patrouillenfahrten auf der Straße von Gibraltar und in den Dardanellen waren riskant - nicht zuletzt wegen der wachsenden Bedrohung durch U-Boot-Angriffe. Als Wilkinson schließlich im Mai 1917 im Ärmelkanal eingesetzt wurde, hatte er allen Grund zur Sorge: Die Angriffe deutscher U-Boote waren inzwischen so erfolgreich geworden, dass jeden Tag mehrere Schiffe der Royal Navy durch ihre Torpedos versenkt wurden. Es schien, als würde Wilkinsons Künstlerkarriere in einem nassen Grab enden.

Er überlegte, wie er sein Leben und das seiner Kameraden sicherer machen könnte. Als Maler erkannte er die Farbgebung als größtes Problem: Strich man ein Schiff so, dass es bei grauem Himmel unsichtbar wurde, war es bei blauem Himmel gut zu sehen. Strich man es schwarz, so dass es im Dunkeln schlecht zu sehen war, war es im Hellen deutlich sichtbar. Und selbst, wenn man eine perfekte Tarnfärbung hinbekäme, könnte man immer noch den Rauch der Schornsteine sehen. Es war einfach unmöglich, ein Schiff auf offener See zu verstecken. Aber vielleicht war das auch gar nicht nötig.

Schwimmende Riesenzebras

Wenn man sich vor dem Feind nicht tarnen konnte, beschloss Wilkinson, konnte man ihn doch so verwirren, dass er nicht mehr traf: U-Boote mussten damals ihre Ziele noch per Periskop anpeilen und dabei genau Entfernung, Richtung und Geschwindigkeit des Ziels berechnen, damit die Torpedos nicht am Ziel vorbeischossen. Um die Entfernung zu bestimmen, mussten im Periskop zwei Halbbilder des Ziels zur Deckung gebracht werden. Man müsste, überlegte Wilkinson, ein Schiff mit so wilden Mustern bemalen, dass es unmöglich wurde zu sagen, ob die beiden Halbbilder im Sucher aneinander lagen. Wenn es zudem gelänge, durch kontrastreiche Muster zu verschleiern, wo genau Bug und Heck verlaufen, könnte das U-Boot die Fahrtrichtung nicht mehr richtig erkennen. Das so bemalte Schiff würde paradoxerweise zugleich auffälliger und sicherer vor Angriffen.

Eilig begann Wilkinson, an kleinen Schiffsmodellen mit geeigneten Tarnbemalungen zu experimentieren, bis er ein Muster gefunden hatte, das nach seinen Vorstellungen funktionierte. Es sah aus wie ein kubistisches Gemälde auf See, ein quietschbuntes, schwimmendes Riesenzebra - und vor allem: wie eine grelle Zielscheibe für deutsche U-Boote. Niemand konnte im Ernst so etwas bauen wollen. Doch Wilkinson ließ sich nicht beirren. Er stellte seinen Plan der britischen Admiralität vor.

Die Kommandobehörde zeigte sich erstaunlich aufgeschlossen: So verzweifelt suchte man damals nach einem Weg, der wachsenden Bedrohung durch deutsche U-Boote Herr zu werden, dass man bereit war, jede noch so verwegene Idee auszuprobieren. Selbst die von Wilkinson. Und so wurde eine Reihe von Testschiffen nach Plänen des Künstlers angestrichen, als wären sie nicht im Krieg, sondern unterwegs zu einer Karnevalsparade. Gespannt wartete man auf eingehende Berichte anderer Schiffe, die den Dazzle-Schiffen auf See begegnen würden.

Maskenball im Dazzle-Tarnmuster

Es dauerte nur Tage, bis die ersten Meldungen verwirrter Kapitäne eingingen: Sie hielten die umgestrichenen Schiffe aus der Entfernung für mehrere Fahrzeuge, verzweifelten daran, ihren Kurs zu bestimmen oder wunderten sich, dass sie rückwärts zu fahren schienen. Begeistert vom Erfolg befahl die Admiralität in der "Defense of the Realm"-Verordnung von 1917, dass sämtliche Handelsschiffe der britischen Marine in Dazzle-Mustern gestrichen werden sollten. Wenig später folgte die Anordnung, auch durch U-Boote besonders gefährdete Kriegsschiffe im grellen Zebra-Look zu streichen.

Wilkinson wurde Leiter einer künstlerischen Sondereinheit. Im Keller der Londoner Royal Academy of Arts arbeitete unter ihm ein Stab von Ingenieuren, Modellbauern und renommierten Künstlern wie dem britischen Avantgarde-Maler Edward Wadsworth. Sie entwarfen neue Dazzle-Tarnmuster für Schiffe, testeten sie am Holzmodell durch ein Periskop und übertrugen sie maßstabsgetreu auf große Schiffe. Dabei verfeinerte Wilkinson die Regeln, nach denen die Muster angelegt wurden: Backbord- und Steuerbordseite wurden immer unterschiedlich gestrichen. Linien sollten nicht parallel mit den tatsächlichen Konturen des Schiffes verlaufen, sondern die Formen des Schiffes verschleiern. So verlief etwa die Grenze zwischen dem Backbord- und dem Steuerbordmuster nie genau am Bug, um die Fahrtrichtung zu verschleiern. Mit Mustern sollte zudem der äußere Umriss des Schiffes in mehrere Einzelformen aufgebrochen werden.

Nachdem sie anfangs misstrauisch beäugt worden waren, erfreuten sich die wilden Schiffstarnungen bald großer Beliebtheit: Bis zum Kriegsende 1918 wurden rund 4400 Schiffe der britischen Marine im Dazzle-Streifenlook bemalt. Britische Medien feierten den gewitzten Tarnanstrich, Marinemaler hielten die imposanten Konvois bunter Schiffe in Öl fest und Zivilisten staunten über die fantasievoll gemusterten Flottenverbände, die in den Häfen lagen. Nach Kriegsende fand 1919 im Londoner Stadtteil Chelsea sogar ein Dazzle-Maskenball statt, dessen Teilnehmer Wilkinsons Erfindung ehrten, indem sie sich selbst vollständig mit seinen eigenwilligen Tarnmustern überzogen.

"Verbesserung der Moral"

Während die Bevölkerung Wilkinsons Werk feierte, wurde der Künstler von der britischen Regierung mit einer stattlichen Belohnung für seine originelle Tarnbemalung bedacht. Trotzdem endete der Krieg für ihn mit einer Hiobsbotschaft. Die britische Admiralität hatte die Zahlen der Schiffsverluste durch U-Boot-Attacken genau geprüft und kam zu einem ernüchternden Schluss, wie Alan Raven 1996 in seinem Aufsatz "The Development of Naval Camouflage 1914-1915" zitiert: Nach sorgfältiger Untersuchung könne "kein Beweis erbracht werden, dass diese Tarnbemalung" im Hinblick auf U-Boot-Angriffe "irgendeinen Vorteil bietet".

Doch gleichzeitig fuhr der Bericht fort, die Statistiken hätten auch nicht gezeigt, dass die Bemalung von Nachteil wäre. Und so kam er zu einem unerwarteten Schluss: "Angesichts der unbezweifelbaren Verbesserung der Moral unter den Schiffsbesatzungen durch diese Bemalung" und angesichts der "geringen Extrakosten pro Schiff" sei es "empfehlenswert, das System beizubehalten". Die Dazzle-Tarnung funktionierte nicht. Doch der Glaube an sie tat es.

Und so fuhren Wilkinsons schwimmende Gemälde noch bis hinein in die vierziger Jahre über die Weltmeere. Bis sie im Zweiten Weltkrieg von der gegnerischen Technik eingeholt wurden: U-Boote verließen sich nun mehr und mehr auf Unterwassermikrofone und Sonar, um Ziele anzupeilen. Nun mussten sie ihren Augen nicht mehr trauen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Michael Elstermann 14.11.2011
Auch im zweiten WK erfolgte die Zielerfassung noch optisch und nicht akustisch. Lediglich der Typ XXI konnte so die Zieldaten ermitteln, kam aber nicht mehr zum scharfen Schuß. Wobei ein Sonar ja auch akustisch funktioniert.
2.
Gregor Kronenberger 14.11.2011
Spannend wäre vielleicht ein Hinweis auf die heutige Nutzung und Forschung im Zusammenhang mit Dazzle Camoflage gewesen: http://www.plosone.org/article/info:doi/10.1371/journal.pone.0020233
3.
Martin Lange 14.11.2011
Grundsätzlich bin ich gegen das nachcolorieren von Originalfotos ? aber hier wäre ein Beispiel mal nett gewesen. Was mir in dem wirklich lesenswerten Bericht auch fehlt, wäre ein Kommentar der deutschen Seite. Es muss doch Kommandantenberichte von U-Booten geben, in denen auf die sonderbare Tarnung eingegangen wird ? waren die amüsiert über die "verrückten Tommys" oder hat es funktioniert und die Kommandanten haben ihre Sorgen damit geschildert? Was den Abschlussbericht betrifft, so möchte ich dazu eine Sache zu bedenken geben ? man weiß natürlich, wie viel Schiffe mehr oder weniger versenkt worden wären, wenn es diese Tarnung nicht gegeben hätte. Schließlich operierten immer Boote in dem Seegebiet und auch die U-Boot Technik wurde in allen bereichen immer besser. Gerade die eingangs in dem Bericht erwähnten Augenzeugenberichte lassen an einer echte Wirkung der Tarnung schließlich kaum einen Zweifel.
4.
Achim Baumgartner 15.11.2011
Interessanter Artikel, ich habe mich jedoch gewundert, weshalb die Tarnanstriche an Deutschen Kriegsschiffen nicht erwähnt werden. Zumindest im 2WK wurden Deutsche Schiffe auch mit verschiedenen Mustern getarnt, und z.B. optisch verkürzt. War das etwas anderes?
5.
Roland Jenni 15.11.2011
Popular Science Apr. 1919 http://books.google.ch/books?id=_CgDAAAAMBAJ&pg=PA18&dq=Dazzle+paint&hl=de&ei=bHnBTuj-N43U8QPlttzMAg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=3&ved=0CEUQ6AEwAg#v=onepage&q=Dazzle%20paint&f=false
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