DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier "Wir Störenfriede sollten raus aus dem Land"

Manche Oppositionelle wollten unbedingt weg, durften aber nicht. Andere waren entschlossen zu bleiben, um die DDR zu verändern - wie Freya Klier. Die Regisseurin erzählt von Stasi-Spitzeln und ihrer Ausweisung 1988.

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Ein Interview von


Zur Person
    Gehen oder bleiben - diese Frage entzweite die DDR-Opposition in den späten Achtzigerjahren. Ausreisewillige sammelten sich in der "Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht" um den Theaterregisseur Günter Jeschonnek. Auf der anderen Seite vereinigte die "Initiative Frieden und Menschenrechte" (IFM) Bürger, die ausharren und das Land demokratisieren wollten. Zu den führenden Köpfen zählten Bärbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch, die Ehepaare Regina und Wolfgang Templin sowie Ulrike und Gerd Poppe.

  • DPA/Nadja Klier
    Auch Freya Klier, geboren 1950 in Dresden, war zum Bleiben entschlossen. Bereits 1968 musste sie wegen versuchter "Republikflucht" ein Jahr Haft absitzen. Sie studierte Schauspiel und Regie, war Theaterregisseurin und 1980 Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung. 1984 erhielt Klier den DDR-Regiepreis für die Uraufführung von Ulrich Plenzdorfs "Legende vom Glück ohne Ende". 1985 erhielt sie Berufsverbot, wie ihr Lebensgefährte, der Liedermacher Stephan Krawczyk. Gemeinsam traten sie in evangelischen Kirchen auf. Zugleich arbeitete Klier an einem Buch über "Jugend und Erziehungswesen in der DDR" und wurde vom Staat zunehmend drangsaliert. Seit ihrer Ausbürgerung 1988 lebt Freya Klier als Autorin und Dokumentarfilmerin in West-Berlin.

einestages: Frau Klier, am 2. Februar 1988 wurden Sie und Ihr damaliger Ehemann Stephan Krawczyk in die Bundesrepublik abgeschoben. Wie kam es dazu?

Klier: Ein Kleinbus der Stasi brachte uns aus der Untersuchungshaft in Ost-Berlin zur Grenzübergangsstelle Wartha/Herleshausen. Vorausgegangen war der alljährlich von der SED-Führung inszenierte Massenaufmarsch zum Gedenken an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 1919. Diese Demonstration fand 1988 am 17. Januar statt. Daran wollten sich etliche Bürger, die teilweise seit Jahren erfolglos Ausreiseanträge gestellt hatten, mit eigenen Transparenten beteiligen.

einestages: Um den Staat herauszufordern, hatten Sie und Krawczyk Luxemburg-Zitate wie "Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden" ausgesucht. Die Ausreisewilligen wollten auch andere Regimegegner für eine gemeinsame Aktion gewinnen.

Klier: Die meisten Oppositionellen mieden die "Staatsbürgerrechtler" und wollten, wie auch Stephan und ich, in der DDR bleiben und den Staat verändern. Die Initiative Freiheit und Menschenrechte und andere Basisgruppen distanzierten sich vom Demo-Plan der AG Staatsbürgerrecht, stellten ihren Mitgliedern aber frei teilzunehmen.

einestages: Krawczyk und Sie setzten auf Reformen, wie Michail Gorbatschow sie ab 1985 in der Sowjetunion eingeleitet hatte.

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DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier: "Unsere Wohnungen waren ja voll verwanzt"

Klier: Gorbatschows Politik rüttelte die DDR durcheinander. Schon damals wollte uns die SED loswerden. Für die waren wir Störenfriede. Weil wir durch unsere Aufführungen Öffentlichkeit herstellen konnten, sollten wir raus aus dem Land.

einestages: Die Abgrenzung von den Ausreisewilligen lehnten Sie dennoch ab?

Klier: Das Ehepaar Templin, Stephan und ich waren fast die Einzigen, die sagten: Es ist auch ein Menschenrecht, seinen Wohnort selbst bestimmen zu dürfen.

einestages: Sie sind nicht zur Demo gegangen - warum?

Klier: Aus zwei Gründen: Wegen meiner damals 14-jährigen Tochter, für die ich nicht riskieren wollte, dass ihre Eltern beide im Gefängnis sitzen. Und weil die Staatsbürgerrechtler eine ganz andere Dynamik hatten. Die wollten so aggressiv wie möglich sein, weil ihnen das geholfen hat. Sie wollten ins Gefängnis kommen und dann von der Bundesregierung freigekauft werden. Ich habe Günter Jeschonnek, mit dem ich bis heute befreundet bin, gesagt: "Das ist nicht meine Temperatur." Wir versuchten auszubalancieren, um in der DDR weiterarbeiten zu können.

einestages: Und trotzdem wollte Stephan Krawczyk mitmarschieren?

Klier: Ja, er hatte auf ein Bettlaken mit roter Farbe geschrieben: "Gegen Berufsverbot in der DDR". Die Stasi hat Stephan gleich an der nächsten Ecke einkassiert. Andere wurden von vornherein unter Hausarrest gestellt oder verhaftet, als sie beim Abmarschpunkt eintrafen. Unsere Wohnungen waren ja voll verwanzt, die Stasi hat alles mitgehört und unsere Pläne gekannt.

einestages: An diesem Tag nahm die Stasi 105 Menschen fest, davon hatten 84 Ausreiseanträge gestellt. Dagegen blieben Sie zunächst frei, da Sie sich ja an der Demo nicht beteiligten.

Klier: Trotzdem konnte ich nicht abseits bleiben. Anders als die anderen Verhafteten, die in Gruppen organisiert waren und sich so Gehör verschaffen konnten, war Stephan als einzelner Sänger am meisten bedroht und brauchte Öffentlichkeit. Deshalb habe ich an die bundesdeutschen Künstler appelliert, die DDR zu boykottieren, solange Stephan Krawczyk in Haft ist.

Der große Ungehorsam: Stephan Krawczyk über die Pfingstunruhen 1987

Peter Wensierski

einestages: So kam es zu Ihrem Video im Büro des Kirchenmannes Manfred Stolpe?

Klier: Ja, da war das Kreuz über meinem Kopf zu sehen. Stolpe sagte, es wäre zu gefährlich, in einer Privatwohnung zu drehen, aber der Kirche könne die Stasi nichts anhaben. Der ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner brachte das Video in den Westen, die "Tagesthemen" strahlten es am 22. Januar aus. Drei Tage später traf uns Bürgerrechtler eine zweite Verhaftungswelle. Wie Bärbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch und die Templins kam auch ich in die Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen.

einestages: Auf "landesverräterische Verbindungsaufnahme", so der Vorwurf, standen Haftstrafen bis zu zwölf Jahren. Haben Sie im Gefängnis vom Proteststurm im In- und Ausland etwas mitbekommen?

Klier: Nein, nichts. Unser Anwalt Wolfgang Schnur, später als Stasi-Spitzel enttarnt, spielte ein doppeltes Spiel. Er erzählte Stephan von meiner Verhaftung, worauf Stephan in Tränen ausbrach und Schnur mitheulte. Der Anwalt gab sich niedergeschlagen, weil draußen angeblich keiner etwas für unsere Freilassung unternehme. Er verschwieg uns die breite Solidarisierungswelle. Mir sagte er, die anderen seien sauer, weil ich sie mit meinem Appell mit reingezogen hätte. Da fühlte ich mich schuldig und fragte mich, ob ich nicht vielleicht doch zu weit gegangen war.

einestages: Zu Schnur hatten Sie volles Vertrauen?

Klier: Wir waren sogar echt befreundet. Schnur war der Liebling der ganzen Szene. Deshalb hat ihm Stephan auf einem Zettel aufgeschrieben, was die Stasi nicht mithören sollte. Ein Wissenschaftler hatte nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl ausgerechnet, wieviel kontaminierter Regen über der DDR niedergegangen war. Stephan kam nicht mehr dazu, das Papier öffentlich zu machen. Er hatte es in einer "Supertramp"-Schallplattenhülle versteckt. Schnur hat das seinem Führungsoffizier brühwarm erzählt, um Stephan wegen "schweren Landesverrats" drankriegen zu können, wie aus der Stasi-Akte hervorgeht.

einestages: Hatten Sie in der U-Haft über Schnur Kontakt zu Ihrem Mann?

Klier: Schnur erzählte Stephan: "Freya geht es gar nicht gut, vielleicht wäre es besser, wenn ihr aufgebt." Dabei ging es mir gar nicht schlecht, aber Stephan sagte unter diesem Eindruck: "Ich mache alles, was Freya will."

einestages: Und dann haben Sie doch einen Ausreiseantrag gestellt, obwohl Sie immer bleiben wollten?

Klier: Mir wurde zugesagt, die anderen würden in die DDR entlassen, wenn Stephan und ich nachgeben. Nachgeben hieß aber: Es sollte einen Prozess geben, wir werden verurteilt und nach einem Jahr abgeschoben. So erzählte es uns Schnur. Mehr als ein Jahr Haft wollte ich meiner Tochter Nadja nicht zumuten. So war die Stimmung aus meiner Zellenperspektive, deshalb habe ich am 1. Februar den Antrag gestellt.

einestages: Wusste Ihr Mann davon?

Klier: Ich hatte ihm schon am 29. Januar geschrieben, dass ich keine Hoffnung mehr sehe für uns in diesem Land. Und dass ich unbedingt mit ihm sprechen muss.

einestages: Wie reagierte er?

Klier: Stephan schrieb einen Kassiber, ich solle warten, bis wir miteinander darüber gesprochen hätten. Aber diesen Kassiber hat Schnur nicht weitergeleitet. Als ich keine Antwort von Stephan erhielt, sagte ich mir schließlich, dass ich dann halt allein für mich und mein Kind entscheiden muss.

einestages: Und plötzlich ging alles ganz schnell.

Klier: Ja, zwei Stunden später wurde ich ins Stasi-Gefängnis in der Magdalenenstraße gebracht, Stephan wartete dort bereits. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel teilte uns mit, dass unserem Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft stattgegeben werde und wir am nächsten Tag die DDR verlassen dürften. Ich war fassungslos.

einestages: Damit hatte die SED ihr Ziel erreicht.

Klier: Ein Pastor brachte Stephan, Nadja und mich im Kleinbus von der innerdeutschen Grenze nach Bethel bei Bielefeld. Da merkten wir erst, wie wir im Knast geleimt worden waren. Uns kam zum ersten Mal der Verdacht, dass Schnur nicht echt ist. Zunächst glaubten wir noch, er habe uns für die Kirche so belogen. Dass er für die Stasi arbeitet - den Gedanken haben wir verworfen. Bei einer Pressekonferenz in Bethel haben wir unsere sofortige Wiedereinreise in die DDR gefordert. ARD-Journalist Börner wollte Stephan sogar im Kofferraum seines Wagens in die DDR zurückbringen, aber das haben ihm seine Vorgesetzten untersagt.

einestages: Hat sich die Lage in der DDR nach Ihrer Ausreise beruhigt?

Klier: Nein, das war ein Pyrrhussieg für die SED. Der Widerstand wurde immer breiter. Von da an kam keine Ruhe mehr rein.

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