DDR-Affront gegen Moskau Farbenlehre à la Honecker

Es gibt nur einen Sozialismus - und der ist international. So hieß es in der DDR. Bis Erich Honecker Ende 1988 plötzlich in einer Rede vom "Sozialismus in den Farben der DDR" sprach. Der Journalist Klaus Taubert war live dabei, als Honecker die gegen Moskau gerichtete Bombe platzen ließ.

AP

Wenn westeuropäische Kommunisten wie Georges Marchais vom "Sozialismus in den Farben Frankreichs" sprachen, empfanden das die Chefpropagandisten im Ostblock stets als blasphemisch und spalterisch. Schließlich gab es nur einen Sozialismus und der war international – so wie die Arbeiterbewegung. In dieser Tradition stand auch der so genannte Schulterschluss der Bruderstaaten. Umso größer war das Erstaunen, als Erich Honecker Ende 1988 zum ersten Mal den "Sozialismus in den Farben der DDR" pries. Ein gewollter Affront gegen die UdSSR? Der Staatschef der DDR ein Spalter?

Honecker hielt nicht viel von der Reformpolitik des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow, die auf einen Umbau des gesamten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems abzielte. So viel war klar. Dass er aber soweit gehen würde, hatte niemand erwartet. In nur sechs Worten brachte er zum Ausdruck, wie tief der Graben zwischen ihm und Gorbatschow mittlerweile geworden war. In historischen Dokumenten und Geschichtsbüchern heißt es, Honecker habe die Formulierung zum ersten Mal anlässlich der siebten Plenartagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1988 benutzt. Das stimmt so aber nicht.

Am 11. November 1988 hatte Honecker nämlich schon einmal vorgefühlt, wie die gewagte Formulierung ankommt. Anlass war die Auszeichnung der DDR-Sportler für ihre herausragenden Leistungen bei den Olympischen Spielen in Seoul, die im Amtssitz des Staatsrats stattfand. In Reih und Glied saßen die Sportler auf rot gepolsterten Stühlen, ganz vorn Starschwimmerin Kristin Otto, die sechsmal Gold gewonnen hatte und als einzige mit der höchsten Auszeichnung der DDR, dem Karl-Marx-Orden, geehrt wurde. Auch Heike Drechsler war dabei und der Boxtrainer Manfred Wolke. Vor ihnen saßen rechts und links die Politbüromitglieder sowie hohe Funktionäre des Sports. Während Honecker seine Rede hielt, die wie so oft furchtbar langatmig war, schliefen einige der alten Herren in gewohnter Manier mit offenen Augen. Was sollte schon großartig passieren?

Brüsk aus dem Halbschlaf gerissen

Ich saß bei dieser Veranstaltung in der letzten Reihe, zwischen Bodyguards und Leibärzten. In der Hand hielt ich Honeckers Rede. Als Journalist der DDR-Nachrichtenagentur war es meine Aufgabe, jede noch so kleine Abweichung vom Skript seismographisch zu registrieren, um anschließend zu entscheiden, ob es sich um einen Versprecher oder eine durchdachte Änderung handelte. Honecker lobte die Athleten über den Klee und hielt sich dabei eins zu eins ans Manuskript: "Mit der herausragenden Schwimmerin Kristin Otto kam die Königin der XXIV. Olympiade aus der Deutschen Demokratischen Republik." Er sprach vom Wunder DDR-Sport, das die ganze Welt beeindrucke.

Was dann folgte, riss einige Politbüromitglieder brüsk aus dem Halbschlaf. Honecker definierte dieses Wunder nämlich wie folgt: "Es heißt Sozialismus, wenn man so will, Sozialismus in den Farben der Deutschen Demokratischen Republik." Ich traute meinen Ohren nicht, fand den Satz nicht in der Rede und schrieb ihn rasch hinein. Auch ich hatte inzwischen beigebracht bekommen, dass es nur einen internationalen Sozialismus gibt. Nichts da mit französischen, italienischen oder spanischen Sonderfarben. Solche Besonderheiten galten auch für mich als untragbar.

Nachdem die Orden verliehen und Kristin Otto namens aller Geehrten artig gedankt hatte, stürzte ich zu Joachim Herrmann, der im Zentralkomitee für Agitation zuständig war. Wenn jemand von einer solch gravierenden Neuorientierung wusste, dann er. "Soll ich das so übernehmen?", fragte ich den SED Agitationschef. Der sah mich an, als hätte ich eigenmächtig das Redemanuskript geändert und dadurch diese abwegige Formulierung provoziert. Mit einer Kopfbewegung in Richtung Honecker blaffte Herrmann mich an: "Was weiß ich. Frag IHN doch."

Lapsus oder gewollter Affront?

Nun war es an mir, den ideologischen Lapsus des Generalsekretärs auszubügeln. Ich schlug mich durch die Menschenmenge zu Honecker durch, der sich anschickte, die Treppe hinunter zu gehen. Vor dem Glasmosaikfenster des Malers Walter Womacka mit den Porträts von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht fing ich ihn ab: "Entschuldigung, Genosse Vorsitzender", so zog ich seine Aufmerksamkeit auf mich, um gleich fort zu fahren: "Ich möchte Ihre Rede zur Veröffentlichung freigeben. Soll ich die Stelle mit dem Sozialismus in den Farben der DDR so übernehmen, wie gesprochen?"

Honecker, der genau auf diese Frage gewartet zu haben schien, blieb stehen und wandte sich in seinem knitterfreien dunkelblauen Anzug zu mir um. Dabei entging ihm offensichtlich nicht die brennende Neugier der hinter mir stehenden Politbüromitglieder, die nun erleben wollten, wie ihr Chef seinen peinlichen Ausrutscher ausbügelte. Freundlich, mit einem leichten Lächeln, sagte Honecker zu mir, so dass es alle Umstehenden vernahmen: "Ja, lass das mal, wie ich es gesagt habe. Das ist mir gerade so eingefallen. Ist doch gut, nicht wahr?" Da ich nichts dagegen einwandte, drehte sich Honecker um und stieg die Treppe weiter hinab. Mit belämmerten Gesichtern folgten die alten Herren ihrem Chef.

Ich erinnerte mich in diesem Moment an eine Szene, die sich 15 Jahre zuvor abgespielt hatte. Leonid Breshnew, Chef der KPdSU, traf anlässlich des 25. DDR-Jubiläums auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld ein. Von der Gangway herab begrüßte er Honecker mit den Worten: "Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, geht der Berg zum Propheten." In den Zeitungen stand damals eine vollkommen neutrale von mir erfundene Begrüßungsfloskel, um die offensichtliche Unstimmigkeit der beiden zu übertünchen. Dieses Mal war es anders. Ich schrieb die Formulierung "Sozialismus in den Farben der DDR" genau so auf.

Die westdeutschen DDR-Beobachter entdeckten die Formulierung erst auf der siebten ZK-Tagung. Offensichtlich hatten sie nicht mitbekommen, dass Honecker schon einmal einen Versuchsballon gestartet hatte. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Bundesrepublik gerade mit einem eigenen Skandal beschäftigt war. Dem Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger war bei der Erinnerung an die antijüdischen Pogrome im Jahr 1938 in Deutschland ein Stück Rede misslungen. Der zweite Mann im Bonner Staat, der unglücklich formuliert hatte, trat zurück. So einfach war das dort. Andere Welten, andere Sitten.



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